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Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Florian Krauß

Kraftakt in der Disco

DIE DUNKELHEIT
(Verena Billinger,Sebastian Schulz)

Besuch am
24. Januar 2025
(Premiere)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf

Bevor man den Saal betreten darf, bekommt man im Forum Freies Theater – das ist langge­hegte Tradition – eine Ansage. Betreutes Theater, wenn man so will. Heute Abend erfährt man, dass das Mitnehmen von Getränken untersagt ist. Gern wird neuer­dings auch vor der Aufführung gewarnt. Theater­nebel wird verwendet und mit lauter Musik müsse gerechnet werden. Was nun? Theater­nebel-Aller­giker und Lautstärke- oder Musik­emp­find­liche geben jetzt ihre Karten zurück und kehren unver­rich­teter Dinge wieder heim? Das traut sich keiner. Also noch ein weiterer Hinweis. Auf dem Boden liegt Tanzboden aus. Den bitte nicht betreten. Da es kein Kontroll­per­sonal gibt, zeigt sich die Sinnhaf­tigkeit der Litanei. Fröhlich und selbst­be­wusst latschen etliche Besucher über den Tanzboden, um zu den Stühlen zu kommen, die heute Abend ringförmig um die Bühnen­fläche angeordnet sind. Um es mal salopp zu formu­lieren: Früher hat man nachge­dacht, heute ist man „aufge­wacht“.

Nachge­dacht haben Verena Billinger und Sebastian Schulz, um ihre neue Choreo­grafie Die Dunkelheit zu entwi­ckeln. Heraus­ge­kommen ist dabei ein gewal­tiger theore­ti­scher Überbau. Und der geht so: Schulz tanzt die Dunkelheit. „Ablehnung, düstere Emotionen, unter­drückte Affekte, Trauer, Aggression, Wut, das ‚Böse‘ – aber auch Party, Exzess und Übergang“, bis dahin alles wunderbar, dann aller­dings wird es, nun, sagen wir: schwierig. Schulz setzt sich nicht nur mit sich selbst ausein­ander, sondern auch „mit aktuellen Untiefen abgelehnter und frustrierter Männlichkeit: von der steigenden Anzahl männlicher deaths of despair, Toden aus Verzweiflung haupt­sächlich von Männern, die sich nutz- und wertlos fühlen, über die Epidemie sozial isolierter, psychisch kranker Einzel­täter, die sich als abgehängt und von Frauen zurück­ge­wiesen beschreiben, bis zu dem Zuspruch zu rechten Parteien und natio­na­lis­ti­schem Gedan­kengut“. Das klingt nach schwerer Kost. Dazu bedient sich das Ensemble Nightcore-Songs und Anime. Unter Nightcore versteht man, verein­facht ausge­drückt, Versionen bekannter Musik, in denen der Gesang künstlich zu Pieps­stimmen hinauf­ge­schraubt und die Musik auf 160 bis 180 beats, also um ein Vielfaches beschleunigt wird. Animes sind japanische Zeichen­trick­filme, mit denen die Musik in einschlä­gigen Kreisen oft unterlegt wird. Das alles will Schulz mit Unter­stützung von drei Anime-Mädchen vulgo Tänze­rinnen auf die Bühne bringen.

Foto © Florian Krauß

Die Dunkelheit beginnt mit strahlend hellem Licht. Schulz betritt die Tanzfläche, die bis auf ein paar Utensilien, die in einer Ecke aufge­häuft sind, leer ist. Er trägt auf rotge­färbtem Haar eine Baseball-Kappe, T‑Shirt und eine Jacke darüber, eine blaue, knielange Turnhose, Strümpfe und Turnhose. Immer wieder wechselt er die Position, um vom neuen Platz aus kurze Bewegungs­ab­läufe zu starten. Eindrucksvoll seine Ballett­se­quenzen in Turnschuhen, beängs­tigend bis ärgerlich sein panto­mi­misch gezeigter Umgang mit Schuss­waffen und der immer wieder herun­ter­ge­schlagene Arm, der den Hitler-Gruß zeigen möchte. Zwischen­durch Versuche der Annäherung an das Publikum mit Handrei­chungen. Rund eine halbe Stunde geht das so, bis Jungyun Bae, Magdalena Dzeco und Camilla Fiumara die Tanzfläche erobern.

Fortan wird im nunmehr abgedun­kelten Raum nicht nur weiterhin dröhnende Disco-Musik gespielt, sondern auch das Licht gedrosselt, um eine ungeheure Dynamik zu entfachen. Die Tänze­rinnen zeigen Figuren und Abläufe, die man aus Disco-Tänzen kennt. Man vergisst, einer Aufführung zeitge­nös­si­schen Tanzes beizu­wohnen, fühlt sich als Gast einer Diskothek, nein, die gibt es ja nicht mehr, Club heißt das jetzt, also eines Clubs, der sich die Show der Mädchen auf der Bühne anschaut. Dabei veraus­gaben sich die Tänze­rinnen bis zur totalen Erschöpfung. Schulz gesellt sich nach einigem Zögern dazu. Es gibt plumpe Annähe­rungs­ver­suche, die das Gefühls­de­fizit drama­tisch verdeut­lichen. Ich ziehe dir deine Hose runter oder deine Bluse aus, dann wirst du schon wissen, was ich will. Ich lege mich auf dich, dann muss dir doch klar sein, was ich will. Das Scheitern ist vorpro­gram­miert. Derweil steigert sich der Tanz zu Hebungen, die ans Akroba­tische grenzen.

Auch wenn die Botschaft eher dysto­pisch wirkt, überwiegt der Energie­strom der Tänze­rinnen, der das Publikum erfasst. Und so brandet nach einer guten Stunde der Applaus auf, der mindestens für die tänze­rische Höchst­leistung an diesem Abend mehr als verdient ist.

Michael S. Zerban

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