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AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY
(Kurt Weill)
Besuch am
25. Januar 2025
(Premiere)
Als dramatischer Wendepunkt der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny kann ein Boxkampf im zweiten Akt gesehen werden: Der als Holzfäller in Alaska eigentlich muskelgestählte Joe wird von Dreieinigkeitsmoses, einem kriminellen Mitbegründer der Stadt, glatt totgeschlagen. Dadurch verliert Jim, die männliche Hauptfigur des Stücks, all sein Geld, das er auf den einstigen Kameraden Joe gesetzt hat, und wird wegen anschließender Zechprellerei zum Tode verurteilt.
In der Augsburger Neuinszenierung von Jochen Biganzoli gibt es allerdings keinen Boxkampf zu sehen. Um Bühnenrealismus zu vermeiden, der leicht peinlich werden kann, werden einerseits, wohl mit der Absicht eines Brechtschen Verfremdungseffektes, die Situationen schon zuvor in Richtung eines Oratoriums aufgelöst. Andererseits wirkt die Inszenierung spätestens an dieser Stelle so, als ob sie das Hörvergnügen von Weills und Brechts Oper hervorhebt, ohne wehtun zu wollen – und ausblendet, warum die Leipziger Uraufführung 1930 einen Skandal und nationalsozialistische Störaktionen hervorrief, weil gerade Szenen wie ein Boxkampf auf der Opernbühne eine Provokation darstellten. In Augsburg tritt Avstandil Kaspeli als Joe mit eigentlich passender Statur im Zuschauerraum auf und versichert sich vor dem Orchestergraben seines Rückhalts durch Jim, den Mirko Roschkowski verkörpert. Zum Kampf betritt er die Bühne, auf der sich sein Kontrahent Moses, den Shin Yeo mit nicht minder profundem Bass singt, mit dem Chor vor Notenständern aufgestellt hat. Dazwischen hat auch die im musikalischen Abschnitt konzertierende Instrumentengruppe Platz genommen. Gewalt gibt es an dieser Stelle nur in Form von Videoeinspielungen, für die Jana Schatz verantwortlich zeichnet, und die dahinter projiziert werden. Nach dem gleichen szenischen (Nicht-)Prinzip ist zuvor schon der Tod des ersten Holzfällers Jakob Schmidt, der sich zu Tode frisst, über die Bühne gegangen – wie auch das Anstehen der Bewohner von Mahagonny vor dem Bordell.

Das Regiekonzept stößt in dieser Phase des Abends an selbstgesetzte Grenzen. Recht witzig ist noch, dass zu Beginn des ersten Aktes die Gründung der Stadt Mahagonny bereits als Videoübertragung der Ankunft des Verbrechertrios, von der Augsburger Autobahneinfahrt durchs Foyer bis schließlich ins Auditorium gezeigt wird. Mit dem überschriebenen Ortsschild wird Mahagonny auch klar als ein umbenanntes Augsburg und ein quasi turbokapitalistisches Mekka kurzfristig konsumorientierter und investitionsförderlicher Discount-Preise dargestellt. Die von Wolf Gutjahr gestaltete eigentliche Bühne bleibt allerdings weitestgehend ein ungenutzter Raum, dessen Möglichkeiten in Form eines Klaviers und eines Mikrofons mit Ständer erst von Jim entdeckt werden, als sich bei dem Langeweile breitgemacht hat. Zu den ihrerseits etwas langweiligen, anderswo schon oft gesehenen Theaterbildern zählt, dass Jim sich anschließend selbst zum Clown schminkt, um in dieser Maske mit seinen anarchistischen Ideen Mahagonny in der Untergangsstimmung des nahenden Hurrikans kurzfristig wiederzubeleben. Es wirkt eher wie ein Umweg als zielführend, dass Jim in dieser Maske tänzerisch und pantomimisch, lachend und weinend die bereits beschriebenen Stationen des Fressens, des Liebesaktes und des Boxkampfes vor dem Orchestergraben begleitet. Und ebenso, dass er einige Minuten später nach seiner Hinrichtung wieder aufsteht und zum Schlussensemble an seiner eigenen Beisetzung auf der Bühne teilnimmt.

Stark ist allerdings, wie Roschkowski die szenischen Vorgaben umsetzt und mit der perfekten tenoralen Mischung von operettennaher Textverständlichkeit und heldischen Steigerungen singt. Er kann sich so vom klischeehaften Auftritt der Figur im Holzfällerhemd im Lauf des Abends doch emanzipieren. Dagegen scheint Sally du Randt in der Rolle seiner käuflichen Partnerin Jenny seitens der Regie nicht mehr als eine Abfolge von Posen verordnet worden zu sein, zu denen ihr die Kostümbildnerin Katharina Weißenborn die üblichen Accessoires von der Schiebermütze bis zum Glitzerkleid zusammengestellt hat. Und das ist insofern schade, als die Ausburger Kammersängerin die Partie vom Auftritt mit dem Alabama-Song an locker und intelligent gestaltet. Ohne Forcieren nutzt sie geschickt auch den Mikroport bei leise angesetzten Spitzentönen ihres Soprans, der trotz schwerster Wagner- oder Puccini-Rollen in ihrem Repertoire frisch und flexibel klingt. Kaum auszudenken, was es für ein herausragender Abend wäre, wenn in der Inszenierung etwas mehr Wert auf eine Entwicklung der Beziehung zwischen Jenny und Jim gelegt worden wäre – keineswegs eine romantische, aber eine der Abhängigkeiten.
So bleibt eine, auch über dieses Protagonistenpaar hinaus betrachtet, musikalisch hervorragende Aufführung: Kate Allen singt die kriminelle Drahtzieherin Leokadja Begbick, anders als so manche Rollenvorgängerin mit gesundem dramatischem Mezzosopran, ohne Charakter vermissen zu lassen. Und es spricht nichts dagegen, dass diese Witwe auch etwas jünger sein kann. Neben den bereits erwähnten Bässen aus dem Ensemble singen Jinjian Zhong in einer Doppelrolle als Jakob Schmidt und Tobby Higgins sowie Haozhou Hu als Fatty ihre Charaktertenorpartien präzise und wortdeutlich. Für Jims letzten Freund Bill, der für ihn alles außer zu zahlen bereit ist, hält Wiard Witholt die passende baritonale Farbe bereit.
Am Dirigentenpult ist es Ivan Demidov, der Weills Partitur regelrecht zum Funkeln bringt und sogar beim kurzen Einsatz als stummer Darsteller im Dreieck mit Jenny und Jim eine gute Figur macht. Mit dem Opernchor des Staatstheaters Augsburg und den Augsburger Philharmonikern gelingt es ihm aber vor allem großartig, im Idiom zwischen den Anklängen an die Unterhaltungsmusik der 1920-er Jahre mit ihren US-amerikanischen Einflüssen und den großen klassischen und sakralen Formen zu wechseln. Aufgrund des klaren Punktsieges der musikalischen Umsetzung gegenüber der Regie ist die Augsburger Produktion von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny allemal empfehlenswert.
Sebastian Stauss