O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Jan-Pieter Fuhr

Weill schlägt Brecht nach Punkten

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY
(Kurt Weill)

Besuch am
25. Januar 2025
(Premiere)

 

Staats­theater Augsburg, Martini-Park

Als drama­ti­scher Wende­punkt der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny kann ein Boxkampf im zweiten Akt gesehen werden: Der als Holzfäller in Alaska eigentlich muskel­ge­stählte Joe wird von Dreiei­nig­keits­moses, einem krimi­nellen Mitbe­gründer der Stadt, glatt totge­schlagen. Dadurch verliert Jim, die männliche Haupt­figur des Stücks, all sein Geld, das er auf den einstigen Kameraden Joe gesetzt hat, und wird wegen anschlie­ßender Zechprel­lerei zum Tode verurteilt.

In der Augsburger Neuin­sze­nierung von Jochen Biganzoli gibt es aller­dings keinen Boxkampf zu sehen. Um Bühnen­rea­lismus zu vermeiden, der leicht peinlich werden kann, werden einer­seits, wohl mit der Absicht eines Brecht­schen Verfrem­dungs­ef­fektes, die Situa­tionen schon zuvor in Richtung eines Orato­riums aufgelöst. Anderer­seits wirkt die Insze­nierung spätestens an dieser Stelle so, als ob sie das Hörver­gnügen von Weills und Brechts Oper hervorhebt, ohne wehtun zu wollen – und ausblendet, warum die Leipziger Urauf­führung 1930 einen Skandal und natio­nal­so­zia­lis­tische Störak­tionen hervorrief, weil gerade Szenen wie ein Boxkampf auf der Opern­bühne eine Provo­kation darstellten. In Augsburg tritt Avstandil Kaspeli als Joe mit eigentlich passender Statur im Zuschau­erraum auf und versi­chert sich vor dem Orches­ter­graben seines Rückhalts durch Jim, den Mirko Rosch­kowski verkörpert. Zum Kampf betritt er die Bühne, auf der sich sein Kontrahent Moses, den Shin Yeo mit nicht minder profundem Bass singt, mit dem Chor vor Noten­ständern aufge­stellt hat. Dazwi­schen hat auch die im musika­li­schen Abschnitt konzer­tie­rende Instru­men­ten­gruppe Platz genommen. Gewalt gibt es an dieser Stelle nur in Form von Video­ein­spie­lungen, für die Jana Schatz verant­wortlich zeichnet, und die dahinter proji­ziert werden. Nach dem gleichen szeni­schen (Nicht-)Prinzip ist zuvor schon der Tod des ersten Holzfällers Jakob Schmidt, der sich zu Tode frisst, über die Bühne gegangen – wie auch das Anstehen der Bewohner von Mahagonny vor dem Bordell.

Foto © Jan-Pieter Fuhr

Das Regie­konzept stößt in dieser Phase des Abends an selbst­ge­setzte Grenzen. Recht witzig ist noch, dass zu Beginn des ersten Aktes die Gründung der Stadt Mahagonny bereits als Video­über­tragung der Ankunft des Verbre­cher­trios, von der Augsburger Autobahn­ein­fahrt durchs Foyer bis schließlich ins Auditorium gezeigt wird. Mit dem überschrie­benen Ortsschild wird Mahagonny auch klar als ein umbenanntes Augsburg und ein quasi turbo­ka­pi­ta­lis­ti­sches Mekka kurzfristig konsum­ori­en­tierter und inves­ti­ti­ons­för­der­licher Discount-Preise darge­stellt. Die von Wolf Gutjahr gestaltete eigent­liche Bühne bleibt aller­dings weitest­gehend ein ungenutzter Raum, dessen Möglich­keiten in Form eines Klaviers und eines Mikrofons mit Ständer erst von Jim entdeckt werden, als sich bei dem Lange­weile breit­ge­macht hat. Zu den ihrer­seits etwas langwei­ligen, anderswo schon oft gesehenen Theater­bildern zählt, dass Jim sich anschließend selbst zum Clown schminkt, um in dieser Maske mit seinen anarchis­ti­schen Ideen Mahagonny in der Unter­gangs­stimmung des nahenden Hurrikans kurzfristig wieder­zu­be­leben. Es wirkt eher wie ein Umweg als zielführend, dass Jim in dieser Maske tänze­risch und panto­mi­misch, lachend und weinend die bereits beschrie­benen Stationen des Fressens, des Liebes­aktes und des Boxkampfes vor dem Orches­ter­graben begleitet. Und ebenso, dass er einige Minuten später nach seiner Hinrichtung wieder aufsteht und zum Schluss­ensemble an seiner eigenen Beisetzung auf der Bühne teilnimmt.

Foto © Jan-Pieter Fuhr

Stark ist aller­dings, wie Rosch­kowski die szeni­schen Vorgaben umsetzt und mit der perfekten tenoralen Mischung von operet­ten­naher Textver­ständ­lichkeit und heldi­schen Steige­rungen singt. Er kann sich so vom klischee­haften Auftritt der Figur im Holzfäl­lerhemd im Lauf des Abends doch emanzi­pieren. Dagegen scheint Sally du Randt in der Rolle seiner käuflichen Partnerin Jenny seitens der Regie nicht mehr als eine Abfolge von Posen verordnet worden zu sein, zu denen ihr die Kostüm­bild­nerin Katharina Weißenborn die üblichen Acces­soires von der Schie­ber­mütze bis zum Glitzer­kleid zusam­men­ge­stellt hat. Und das ist insofern schade, als die Ausburger Kammer­sän­gerin die Partie vom Auftritt mit dem Alabama-Song an locker und intel­ligent gestaltet. Ohne Forcieren nutzt sie geschickt auch den Mikroport bei leise angesetzten Spitzen­tönen ihres Soprans, der trotz schwerster Wagner- oder Puccini-Rollen in ihrem Reper­toire frisch und flexibel klingt. Kaum auszu­denken, was es für ein heraus­ra­gender Abend wäre, wenn in der Insze­nierung etwas mehr Wert auf eine Entwicklung der Beziehung zwischen Jenny und Jim gelegt worden wäre – keineswegs eine roman­tische, aber eine der Abhängigkeiten.

So bleibt eine, auch über dieses Protago­nis­tenpaar hinaus betrachtet, musika­lisch hervor­ra­gende Aufführung: Kate Allen singt die krimi­nelle Draht­zie­herin Leokadja Begbick, anders als so manche Rollen­vor­gän­gerin mit gesundem drama­ti­schem Mezzo­sopran, ohne Charakter vermissen zu lassen. Und es spricht nichts dagegen, dass diese Witwe auch etwas jünger sein kann. Neben den bereits erwähnten Bässen aus dem Ensemble singen Jinjian Zhong in einer Doppel­rolle als Jakob Schmidt und Tobby Higgins sowie Haozhou Hu als Fatty ihre Charak­ter­te­nor­partien präzise und wortdeutlich. Für Jims letzten Freund Bill, der für ihn alles außer zu zahlen bereit ist, hält Wiard Witholt die passende baritonale Farbe bereit.

Am Dirigen­tenpult ist es Ivan Demidov, der Weills Partitur regel­recht zum Funkeln bringt und sogar beim kurzen Einsatz als stummer Darsteller im Dreieck mit Jenny und Jim eine gute Figur macht. Mit dem Opernchor des Staats­theaters Augsburg und den Augsburger Philhar­mo­nikern gelingt es ihm aber vor allem großartig, im Idiom zwischen den Anklängen an die Unter­hal­tungs­musik der 1920-er Jahre mit ihren US-ameri­ka­ni­schen Einflüssen und den großen klassi­schen und sakralen Formen zu wechseln. Aufgrund des klaren Punkt­sieges der musika­li­schen Umsetzung gegenüber der Regie ist die Augsburger Produktion von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny allemal empfehlenswert.

Sebastian Stauss

Teilen Sie O-Ton mit anderen: