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Die Uraufführung der Opernkomposition von Missy Mazzoli fand 2022 in Oslo als Auftragswerk der Lyric Opera Chicago, der Philadelphia Opera und der Norwegischen Oper statt. Die deutsche Erstaufführung hat sich das Aalto-Theater in Essen gesichert.
Das Libretto von Royce Vavrek basiert auf einer Erzählung von Jordan Tannahill und spielt im Mittelklassemilieu einer amerikanischen Vorstadt. Die Lehrerin Claire Devon wird von einem geheimnisvollen Brummton geplagt, der ihr zunehmend die Freude am Leben und die Einbettung in ihre Familie zu nehmen scheint. Unverstanden und verzweifelt erkennt sie in ihrem Schüler Kyle einen Leidensgenossen. Gemeinsame Recherchen führen sie zu Howard Bard, einem Guru, der eine Schar Gleichgesinnter um sich versammelt hat, die, von ähnlichen Problemen getrieben, eine sektenähnliche Dynamik zelebrieren. Innerhalb des Zirkels fühlen sich Claire und Kyle herzlich aufgenommen und endlich verstanden. Über die Zeit offenbaren sich die ambivalenten Metastrukturen der Gemeinschaft, die doch nur auf menschlichen Niederungen zu basieren scheinen, deren Jünger manipuliert und ausnutzt. Howard kontrolliert mit einer willfährigen Entourage die Gemeinschaft und vermacht Claire nach seinem eigenen Scheitern die Rolle einer neuen Führerin. Endlich wird sie gesehen und kann das ihr eigene Potenzial frei entfalten.
Die Musik von Mazzoli ist geprägt von amerikanischer Gegenwartsmusik, die anders als oft in Europa den Dialog und die Aussöhnung mit dem Zuhörer sucht. Die beeindruckende, in großen Teilen sehr harmonische Musik ist in der Lage, die großen Bögen der Emotionalität des Beziehungsgeflechts mit all seinen Schattierungen akustisch auszugestalten.

Die New York Times beschrieb Mazzoli im vergangenen Jahr als eine einmalige Magierin des Orchesters. Und von dieser Magie wird man im Zuschauerraum des Aalto-Theaters ergriffen und überwältigt. Ein wenig Schostakowitsch, ein mehr an Britten und sehr viel amerikanische zeitgenössische Musik, wie man sie im Zusammenhang mit dem Auftragswerk Elysium des kanadischen Komponisten Samy Moussa beim Konzert der Wiener Philharmoniker in der Sagrada Familia 2022 erstaunt zur Kenntnis nehmen konnte. Eine fulminante Musik, die sich ihren Weg zwischen lyrischen Passagen und gewaltigen Orchester- und Chorsätzen hindurch bahnt und das Publikum mit äußerst komplexer Instrumentalisierung in seinen Bann schlägt.
Im Gegensatz zur Uraufführungsproduktion hat man sich in Essen gegen eine realistisch verortete Vorstadtkulisse des mittleren Westens zugunsten abstrakter Szenenfolgen entschieden. Regisseurin Anna Sophie Mahler geht in ihrer Inszenierung der Frage nach, kommt die Verzweiflung vom Brummton oder ist der Ton nur Ausdruck der ohnehin vorhandenen Verzweiflung. Die entscheidende Frage ist, wie man den das gesamte Geschehen bestimmenden Brummton akustisch und optisch fassbar und damit dem Zuschauer zugänglich machen kann. Wie lässt sich so ein unerklärliches und unsichtbares Phänomen auf der Bühne visualisieren?
Die Bühnenbildnerin Katrin Connan hat dafür das englische Wort für Wut, Anger, in großen, weißen Buchstaben haushoch auf die Bühne gestellt, in deren Fugen und Schatten sich das Drama während des ersten Aktes entwickelt. Die auf der Aalto-Bühne entstehenden Visualisierungen sind mindestens so gewaltig und intensiv wie die Komposition selbst. Abgesehen von den übergroßen Lettern, die sich farblich entsprechend der jeweiligen Stimmung zart verändern können und auch räumlich variabel sind, wird der Bühnenraum von dynamischen Projektionen beherrscht, die zumeist in stimmungsvollen Horizontlinien aufgehen und deren Wirkung noch durch den Einsatz unterschiedlicher Hubbühnensegmente verstärkt wird.
Die filmischen Sequenzen von Georg Lendorff gewähren Einblicke in die kalifornischen Redwoods, die fast dreidimensional den Bühnenraum beherrschen. Die vertrauten, naturalistischen Szenerien erfahren mit zunehmendem Handlungsverlauf eine Art optischer Defragmentierung. Wie im Film Matrix beginnen sich die Bilder und Strukturen aufzulösen. Der bedrohliche und alle Konventionen in Frage stellende Brummton zerlegt menschliches Miteinander und führt zu einer Neubewertung.
Die Szenerien von Howards Schicksalsgemeinschaft werden auf der Aalto-Bühne optisch von einem transparenten Plexiglas-Pavillon und polarlichtgleichen Lichteffekten bestimmt, die anfangs nur schemenhafte, dann aber zunehmend dominante Spuren im Bühnenfirmament hinterlassen. Panta rhei – alles fließt, alles ist in Bewegung. Die Geschichte wäre keine des 21. Jahrhunderts, wäre sie nicht auch von Brüchen und Zäsuren akustisch und optisch geprägt. Hier sind es beeindruckende Porträtvideos verschiedener Protagonisten, die dem Betrachter einen intensiven Blickkontakt ermöglichen, um so Zeuge der menschlichen Verwerfungen im Beziehungsgeflecht der Sektengemeinschaft zu werden. Inszenatorisch werden vermeintliche Segnungen unserer Gegenwart einbezogen. Vom Handy-Ton über den Chat bis hin zur Realityreportage und gewaltbestimmten Amokfantasien. Vieles ist dabei, dass unser Zusammenleben bestimmt und zu gefährden scheint. Wie im wahren Leben scheint die Welt aus den Angeln gehoben und das Verlässliche einer um sich greifenden Erosion preisgegeben. Sinnbildlich hier die Video-Manifestation einer blutroten Sonne mit gleißenden Protuberanzen als Menetekel des Wandels oder des Untergangs.
Einer dramaturgischen Klammer gleich begleitet die stumme Rolle des Kojoten, dargestellt vom Tänzer und Choreografen Ivan Estegneev, den Wandel der Hauptfigur Claire vom Nichtgesehen werden, über das endlich Gesehen werden bis hin zum Aufstieg als Führungsfigur. Der Kojote, in der amerikanischen Ikonographie Symbol für die duale Natur des Lebens, steht sowohl für positive als auch für negative Eigenschaften. Es bleibt am Ende offen, ob sich Claire, wie zuvor schon Howard von der neuen Rolle korrumpieren lassen oder im Sinne der Menschlichkeit agieren wird. Es bleibt die Hoffnung.
In vertrauter Weise nutzt man in Essen wieder das gesamte Auditorium für die Dramatik und insbesondere die großen Chorauftritte. Diese intensive Hör- und Seherfahrung, ganz unmittelbar in den Szenen einer finalen Polizeirazzia, gerät zum bewegenden Erlebnis.
Die aktuelle Neuinszenierung ist ein großer Wurf. Ein gut durchdachtes, sehr komplexes Regiekonzept geht hier auf. Alle beteiligten Gewerke des Theaterbetriebs wirken optimal zusammen. Die überzeugende Kongruenz holt sowohl den Zuschauer als auch den Zuhörer im Auditorium ab. Auf eine solche Qualität hat man in Essen fast zwei Jahre lang warten müssen, und das Premierenpublikum scheint über die Maßen erleichtert, dass man am Aalto bewegendes und stimmiges Musiktheater noch kann.
Kongenial die musikalische Leistung des Abends. Ein hochkarätig besetztes Sängerensemble garantiert Bestleistungen. In der weiblichen Hauptrolle als Claire brilliert Betsy Horne, die in Essen ab Mai auch als Feldmarschallin im Rosenkavalier zu hören sein wird. Mittlerweile in fast allen Partien ihres Fachs zuhause, trägt sie darstellerisch und gesanglich den gesamten Abend. Ihr schlanker, strahlend klarer Sopran klingt ohne jede Anstrengung und in den Höhen frei. Ganz dicht an ihrer Seite eine phänomenale Deidre Angenent, die am Aalto bereits als Marie in Wozzeck überzeugen konnte. Sie beherrscht die gesamte Klaviatur ihrer Bühnenpräsenz, die selbst einen Handstand nicht ausspart. Ihr warm timbrierter Mezzosopran lässt die Partie der Angela Rose aufblühen und garantiert einen nachhaltigen Wohlklang. Desgleichen der stimmgewaltige Bariton von Heiko Trinsinger, der dem manipulativen Guru seine charismatische Erscheinung verleiht und wie in der vorhergehenden Spielzeit als Wozzeck Maßstäbe setzt. Aljoscha Lennert fügt sich detailverliebt in die Rolle des Schülers Kyle. Seine lyrische Tenorstimme sorgt in den kurzen A‑cappella-Passagen an der Rampe für besondere Momente gepflegter Vokalkunst.

Für den kurzfristig erkrankten Karel Martin Ludvik springt an diesem Abend der in Oslo lebende Johannes Weisser ein, der die Partie des Dillon bereits bei der Osloer Uraufführung verkörperte und versteht, seinen international geschätzten Bariton optimal einzusetzen und kraftvoll wirken zu lassen. Die übrigen Sängerdarsteller der Produktion sind allesamt hervorragend besetzt. Besonders zu erwähnen: Tobias Greenhalgh als Thom, der Publikumsliebling des Theaters Dortmund Mandla Mndebele als Ehemann Paul Devon, Lisa Wittig als Clairs Tochter, die Essener Kammersängerinnen Marie-Helen Joël und Christina Clark.
Der imposant eingesetzte und agierende Chor des Aalto-Theaters leistet einen gewichtigen Beitrag an der stimmigen Gesamtumsetzung. Besonders beeindruckend die Verortung des Chorblocks auf der nach oben fahrenden Hubbühne und, wie bereits erwähnt, aus dem Hintergrund des Zuschauerraums.
Unter der musikalischen Leitung von Andrea Sanguinetti beherrschen die Essener Philharmoniker den opulenten Klangapparat der Partitur mit Brillanz und Hingabe. Die musikalischen Ansprüche sind hoch und weichen oft von vertrauten Hörgewohnheiten ab. Neben dem eruptiven Aufbrausen des Gesamtklangkörpers, sorgen Orffsche Instrumentierungen sowie zarte Klavier- und Violinsoli für ein ausgesprochen differenziertes Klangerlebnis.
Der Applaus des Premierenpublikums im recht gut besuchten Haus bricht sich angesichts der musikalischen und der Leistungen des gesamten Regieteams ungestüm Bahn. Allzu lang hat man eine solche Begeisterung vermisst.
Bernd Lausberg