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Ein Feuerwerk der Sinnlichkeit

THE LISTENERS
(Missy Mazzoli)

Besuch am
25. Januar 2025
(Premiere)

 

Aalto-Theater, Essen

Die Urauf­führung der Opern­kom­po­sition von Missy Mazzoli fand 2022 in Oslo als Auftragswerk der Lyric Opera Chicago, der Philadelphia Opera und der Norwe­gi­schen Oper statt. Die deutsche Erstauf­führung hat sich das Aalto-Theater in Essen gesichert.

Das Libretto von Royce Vavrek basiert auf einer Erzählung von Jordan Tannahill und spielt im Mittel­klas­se­milieu einer ameri­ka­ni­schen Vorstadt. Die Lehrerin Claire Devon wird von einem geheim­nis­vollen Brummton geplagt, der ihr zunehmend die Freude am Leben und die Einbettung in ihre Familie zu nehmen scheint. Unver­standen und verzweifelt erkennt sie in ihrem Schüler Kyle einen Leidens­ge­nossen. Gemeinsame Recherchen führen sie zu Howard Bard, einem Guru, der eine Schar Gleich­ge­sinnter um sich versammelt hat, die, von ähnlichen Problemen getrieben, eine sekten­ähn­liche Dynamik zelebrieren. Innerhalb des Zirkels fühlen sich Claire und Kyle herzlich aufge­nommen und endlich verstanden. Über die Zeit offen­baren sich die ambiva­lenten Metastruk­turen der Gemein­schaft, die doch nur auf mensch­lichen Niede­rungen zu basieren scheinen, deren Jünger manipu­liert und ausnutzt. Howard kontrol­liert mit einer willfäh­rigen Entourage die Gemein­schaft und vermacht Claire nach seinem eigenen Scheitern die Rolle einer neuen Führerin. Endlich wird sie gesehen und kann das ihr eigene Potenzial frei entfalten.

Die Musik von Mazzoli ist geprägt von ameri­ka­ni­scher Gegen­warts­musik, die anders als oft in Europa den Dialog und die Aussöhnung mit dem Zuhörer sucht. Die beein­dru­ckende, in großen Teilen sehr harmo­nische Musik ist in der Lage, die großen Bögen der Emotio­na­lität des Bezie­hungs­ge­flechts mit all seinen Schat­tie­rungen akustisch auszugestalten.

Foto © Alvise Predieri

Die New York Times beschrieb Mazzoli im vergan­genen Jahr als eine einmalige Magierin des Orchesters. Und von dieser Magie wird man im Zuschau­erraum des Aalto-Theaters ergriffen und überwältigt. Ein wenig Schost­a­ko­witsch, ein mehr an Britten und sehr viel ameri­ka­nische zeitge­nös­sische Musik, wie man sie im Zusam­menhang mit dem Auftragswerk Elysium des kanadi­schen Kompo­nisten Samy Moussa beim Konzert der Wiener Philhar­mo­niker in der Sagrada Familia 2022 erstaunt zur Kenntnis nehmen konnte. Eine fulmi­nante Musik, die sich ihren Weg zwischen lyrischen Passagen und gewal­tigen Orchester- und Chorsätzen hindurch bahnt und das Publikum mit äußerst komplexer Instru­men­ta­li­sierung in seinen Bann schlägt.

Im Gegensatz zur Urauf­füh­rungs­pro­duktion hat man sich in Essen gegen eine realis­tisch verortete Vorstadt­ku­lisse des mittleren Westens zugunsten abstrakter Szenen­folgen entschieden. Regis­seurin Anna Sophie Mahler geht in ihrer Insze­nierung der Frage nach, kommt die Verzweiflung vom Brummton oder ist der Ton nur Ausdruck der ohnehin vorhan­denen Verzweiflung. Die entschei­dende Frage ist, wie man den das gesamte Geschehen bestim­menden Brummton akustisch und optisch fassbar und damit dem Zuschauer zugänglich machen kann. Wie lässt sich so ein unerklär­liches und unsicht­bares Phänomen auf der Bühne visualisieren?

Die Bühnen­bild­nerin Katrin Connan hat dafür das englische Wort für Wut, Anger, in großen, weißen Buchstaben haushoch auf die Bühne gestellt, in deren Fugen und Schatten sich das Drama während des ersten Aktes entwi­ckelt. Die auf der Aalto-Bühne entste­henden Visua­li­sie­rungen sind mindestens so gewaltig und intensiv wie die Kompo­sition selbst. Abgesehen von den übergroßen Lettern, die sich farblich entspre­chend der jewei­ligen Stimmung zart verändern können und auch räumlich variabel sind, wird der Bühnenraum von dynami­schen Projek­tionen beherrscht, die zumeist in stimmungs­vollen Horizont­linien aufgehen und deren Wirkung noch durch den Einsatz unter­schied­licher Hubbüh­nen­seg­mente verstärkt wird.

Die filmi­schen Sequenzen von Georg Lendorff gewähren Einblicke in die kalifor­ni­schen Redwoods, die fast dreidi­men­sional den Bühnenraum beherr­schen. Die vertrauten, natura­lis­ti­schen Szenerien erfahren mit zuneh­mendem Handlungs­verlauf eine Art optischer Defrag­men­tierung. Wie im Film Matrix beginnen sich die Bilder und Struk­turen aufzu­lösen. Der bedroh­liche und alle Konven­tionen in Frage stellende Brummton zerlegt mensch­liches Mitein­ander und führt zu einer Neubewertung.

Die Szenerien von Howards Schick­sals­ge­mein­schaft werden auf der Aalto-Bühne optisch von einem trans­pa­renten Plexiglas-Pavillon und polar­licht­gleichen Licht­ef­fekten bestimmt, die anfangs nur schemen­hafte, dann aber zunehmend dominante Spuren im Bühnen­fir­mament hinter­lassen.  Panta rhei – alles fließt, alles ist in Bewegung. Die Geschichte wäre keine des 21. Jahrhun­derts, wäre sie nicht auch von Brüchen und Zäsuren akustisch und optisch geprägt. Hier sind es beein­dru­ckende Porträt­videos verschie­dener Protago­nisten, die dem Betrachter einen inten­siven Blick­kontakt ermög­lichen, um so Zeuge der mensch­lichen Verwer­fungen im Bezie­hungs­ge­flecht der Sekten­ge­mein­schaft zu werden. Insze­na­to­risch werden vermeint­liche Segnungen unserer Gegenwart einbe­zogen. Vom Handy-Ton über den Chat bis hin zur Reali­ty­re­portage und gewalt­be­stimmten Amokfan­tasien. Vieles ist dabei, dass unser Zusam­men­leben bestimmt und zu gefährden scheint. Wie im wahren Leben scheint die Welt aus den Angeln gehoben und das Verläss­liche einer um sich greifenden Erosion preis­ge­geben. Sinnbildlich hier die Video-Manifes­tation einer blutroten Sonne mit gleißenden Protu­ber­anzen als Menetekel des Wandels oder des Untergangs.

Einer drama­tur­gi­schen Klammer gleich begleitet die stumme Rolle des Kojoten, darge­stellt vom Tänzer und Choreo­grafen Ivan Estegneev, den Wandel der Haupt­figur Claire vom Nicht­ge­sehen werden, über das endlich Gesehen werden bis hin zum Aufstieg als Führungs­figur. Der Kojote, in der ameri­ka­ni­schen Ikono­graphie Symbol für die duale Natur des Lebens, steht sowohl für positive als auch für negative Eigen­schaften. Es bleibt am Ende offen, ob sich Claire, wie zuvor schon Howard von der neuen Rolle korrum­pieren lassen oder im Sinne der Mensch­lichkeit agieren wird. Es bleibt die Hoffnung.

In vertrauter Weise nutzt man in Essen wieder das gesamte Auditorium für die Dramatik und insbe­sondere die großen Chorauf­tritte. Diese intensive Hör- und Seherfahrung, ganz unmit­telbar in den Szenen einer finalen Polizei­razzia, gerät zum bewegenden Erlebnis.

Die aktuelle Neuin­sze­nierung ist ein großer Wurf. Ein gut durch­dachtes, sehr komplexes Regie­konzept geht hier auf. Alle betei­ligten Gewerke des Theater­be­triebs wirken optimal zusammen. Die überzeu­gende Kongruenz holt sowohl den Zuschauer als auch den Zuhörer im Auditorium ab. Auf eine solche Qualität hat man in Essen fast zwei Jahre lang warten müssen, und das Premie­ren­pu­blikum scheint über die Maßen erleichtert, dass man am Aalto bewegendes und stimmiges Musik­theater noch kann.

Kongenial die musika­lische Leistung des Abends. Ein hochka­rätig besetztes Sänger­ensemble garan­tiert Bestleis­tungen. In der weiblichen Haupt­rolle als Claire brilliert Betsy Horne, die in Essen ab Mai auch als Feldmar­schallin im Rosen­ka­valier zu hören sein wird. Mittler­weile in fast allen Partien ihres Fachs zuhause, trägt sie darstel­le­risch und gesanglich den gesamten Abend. Ihr schlanker, strahlend klarer Sopran klingt ohne jede Anstrengung und in den Höhen frei. Ganz dicht an ihrer Seite eine phäno­menale Deidre Angenent, die am Aalto bereits als Marie in Wozzeck überzeugen konnte. Sie beherrscht die gesamte Klaviatur ihrer Bühnen­präsenz, die selbst einen Handstand nicht ausspart. Ihr warm timbrierter Mezzo­sopran lässt die Partie der Angela Rose aufblühen und garan­tiert einen nachhal­tigen Wohlklang. Desgleichen der stimm­ge­waltige Bariton von Heiko Trinsinger, der dem manipu­la­tiven Guru seine charis­ma­tische Erscheinung verleiht und wie in der vorher­ge­henden Spielzeit als Wozzeck Maßstäbe setzt. Aljoscha Lennert fügt sich detail­ver­liebt in die Rolle des Schülers Kyle. Seine lyrische Tenor­stimme sorgt in den kurzen A‑cap­pella-Passagen an der Rampe für besondere Momente gepflegter Vokalkunst.

Foto © Alvise Predieri

Für den kurzfristig erkrankten Karel Martin Ludvik springt an diesem Abend der in Oslo lebende Johannes Weisser ein, der die Partie des Dillon bereits bei der Osloer Urauf­führung verkör­perte und versteht, seinen inter­na­tional geschätzten Bariton optimal einzu­setzen und kraftvoll wirken zu lassen. Die übrigen Sänger­dar­steller der Produktion sind allesamt hervor­ragend besetzt. Besonders zu erwähnen: Tobias Green­halgh als Thom, der Publi­kums­liebling des Theaters Dortmund Mandla Mndebele als Ehemann Paul Devon, Lisa Wittig als Clairs Tochter, die Essener Kammer­sän­ge­rinnen Marie-Helen Joël und Christina Clark.

Der imposant einge­setzte und agierende Chor des Aalto-Theaters leistet einen gewich­tigen Beitrag an der stimmigen Gesamt­um­setzung. Besonders beein­dru­ckend die Verortung des Chorblocks auf der nach oben fahrenden Hubbühne und, wie bereits erwähnt, aus dem Hinter­grund des Zuschauerraums.

Unter der musika­li­schen Leitung von Andrea Sangui­netti beherr­schen die Essener Philhar­mo­niker den opulenten Klang­ap­parat der Partitur mit Brillanz und Hingabe. Die musika­li­schen Ansprüche sind hoch und weichen oft von vertrauten Hörge­wohn­heiten ab. Neben dem eruptiven Aufbrausen des Gesamt­klang­körpers, sorgen Orffsche Instru­men­tie­rungen sowie zarte Klavier- und Violinsoli für ein ausge­sprochen diffe­ren­ziertes Klangerlebnis.

Der Applaus des Premie­ren­pu­blikums im recht gut besuchten Haus bricht sich angesichts der musika­li­schen und der Leistungen des gesamten Regie­teams ungestüm Bahn. Allzu lang hat man eine solche Begeis­terung vermisst.

Bernd Lausberg

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