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DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)
Besuch am
29. Januar 2025
(Premiere)
Selten standen einer Aufführung so viele Hindernisse im Weg, bevor sie aus der Taufe gehoben werden konnte. Nach der verheerenden Inszenierung des Rings, die Günther Krämer 2010 dem Pariser Publikum präsentierte, war ein neue Produktion für 2020 vorgesehen, doch das Ausscheiden des General-Direktors Stephane Lissner, der Rücktritt des Musik-Direktors Philippe Jordan, und dann auch seines Nachfolgers Gustavo Dudamel und schließlich die Covid-Krise haben die schon so lange geplante Aufführung lang hinausgezögert. Jetzt ist es soweit. Die show kann beginnen und soll bis 2026 laufen.
Als Regisseur des Opernzyklus Der Ring des Nibelungen wurde diesmal Calixto Bieito bestellt. Seine sehr zeitgenössische Vision des Werkes ist folgende: „Wagners Ring des Nibelungen erzählt eine grausame Geschichte, die von der Gesellschaft und von der Natur des Menschen, von der Manipulation, dem Geiz und dem Egoismus spricht … Eine Geschichte ohne Mitleid. Der Ring ist voll von den Bildern unserer Existenz, unserer absurden Streitigkeiten, unserer eitlen Begierden und von tiefer Verzweiflung über die persönliche, familiale und soziale Vernichtung. Es ist eine brutale und surrealistische Geschichte wie das Leben … Wir beginnen mit dem big data, in der Dunkelheit des Lichts der totalen Information und der totalen Überwachung unseres Privatlebens. Wir machen dann einen Sprung in eine emotionelle Apokalypse, der Krieg auf allen Ebenen, mit der Vergiftung der Urwälder. Und wir schließen mit dem Verlust des Gedächtnisses und der Zukunft. Ein Familiendrama vor dem Hintergrund der beängstigenden Situation unserer Umwelt, unserer brutalen und ungesunden Wirtschaft, die die Menschen und die Natur zerstört. Halluzinationen persönlichen und geteilten Grauens.“ Zur vorliegenden Oper fügt er noch hinzu: „Am Ende des Rheingolds triumphiert die Technologie. Unser Gott existiert nicht mehr, weil sich einige Menschen selbst für Gott halten.“ Kurz gesagt, Bieito rollt die Probleme unserer Zeit in Bausch und Bogen auf und will sie in seine Inszenierung einbringen.

Doch auf der Bühne wird das zumindest am ersten Abend der Tetralogie noch nicht recht offensichtlich. Zwar wirken die Gestalten, die die Bühne bevölkern, in Ingo Krüglers Kostümen recht zeitgemäß. Zuerst der Götter-Clan: Wotan als eleganter, erschöpfter, gelangweilter Plutokrat; Fricka in langem Leopardenfell-Mantel als leicht neurotisches Luxus-Geschöpf; ihre Schwester Freia in gelbem Plastik- Regenmantel mit grünen Plastikstiefeln, die sich durch den brutalen Deal, dem sie zum Opfer gefallen ist, traumatisiert, immer wieder in einen Blech-Kübel übergibt. Froh mit langem Umhang und langem Bart wie ein Hippie-Apostel, Donner in Sport-Outfit als Supersportler und Loge mit dunkler Sonnenbrille als Guru ganz in Schwarz. Ihnen gegenüber als die beiden Riesen, die Walhalla gebaut haben und nun ihren Lohn verlangen: Fasolt in schwarzem Three-piece suit als Big-Business-Man und Fafner mit 10-Gallon-Cowboy-Hut als Texas-Oil-Tycoon. Deren Verhandlungen spielen sich auf und rund um eine Leder-Sitz-Garnitur ab. Das ist alles, was Rebecca Ringst auf die Bühne stellt. Dahinter eine vierzehn Meter lange und elf Meter hohe Stahlwand, die aus einer Vielzahl verschiedener Platten besteht. Soll sie vielleicht die Unerbittlichkeit unserer Lebenssituation darstellen? Die Szenen sind bisher noch nicht überzeugend. Es fehlen die eindrucksvoll wuchtige Kraft eines Patrice Chéreau und das Talent zur Dekadenz eines Luchino Visconti. Aber mit Rheingold hat Calixto Bieito vielleicht noch nicht sein letztes Wort gesagt.
Hingegen hat die dritte Szene mit Alberichs and Mimes Atelier-Laboratorium im Untergeschoss eine gewisse verbotene Atmosphäre von geheimer Macht, Alchemie, schwarzer Magie, künstlicher Intelligenz und erotischen anthropomorphen Robotern. Auch ist der Beginn der Oper mit Sarah Derendingers Video-Lichtmalerei auf einem durchsichtigen Plastik-Vorhang, die die Wassertiefen des Rheins darstellt, in denen die drei Rheintöchter sich spöttisch mit dem in Liebesangelegenheiten unbedarften Alberich vergnügen, ganz reizvoll. Sie winden sich in hellblauen Tauchanzügen und sind mit Sauerstoff-Flaschen ausgerüstet. Hinter dem Vorhang glänzt golden die Stahlwand.

Was Wagners Musik anbelangt, schreibt Hans Renner über die Tetralogie: „Während die Sänger die Dichtung rezitativisch deklamieren – im Ring verwandte Wagner der altgermanischen Versform nachgebildete Stabreime – entwirft das Orchester aus den gegebenen wandelbaren Motiven eine ‚Symphonische Dichtung‘, die sich dem Wort, der darstellerischen Mimik und Gestik verbindet und mit den Schwesterkünsten zum ‚Allkunstwerk‘ verschmilzt.“ In diesem Sinne ist bei dieser Aufführung anzumerken, dass der Dirigent Pablo Heras-Casado sehr wirkungsvoll diese „Symphonische Dichtung“ im Orchester hervorzuheben weiß, in der vor allem die Bläser sehr kraftvoll zur Geltung kommen, um die Handlung und die Stimmungen leitmotivisch zu unterstreichen, während dabei der Sprechgesang der Protagonisten fast auf den zweiten Rang versetzt wird. Überdies beherrscht Ian Paterson, der kurzfristig für Ludovic Tézier als Wotan hat einspringen müssen, stimmlich nicht in dem Maße die Bühne, wie man es erwartet und gehofft hätte. Dagegen ist Eve-Maud Hubeaux als Fricka stimmlich und schauspielerisch neurotisch-bewegt durchaus in ihrem Element. Als der kalte, kapitalistische Fasolt ist Kwangchul Youn wie immer stimmlich, aber auch schauspielerisch eindrucksvoll. Ihm zur Seite als einleuchtender Texaner Fafner bewährt sich Mika Kares. Simon O’Neill mit einer gut zur Rolle passenden, sehr hohen, schneidenden Tenorstimme ist der verschlagene Loge. Letztlich immer wieder betrogen, durchläuft Brian Mulligan als Alberich stimmlich eindringlich alle Stimmungen des Triumphs, der Enttäuschung und der Rache. Neben ihm noch kläglicher Gerhard Siegel als der von ihm unterdrückte Bruder Mime. Alle übrigen Protagonisten machen jeder auf ihre und seine Weise der Aufführung volle Ehre.
Das Publikum spendet lauten Beifall, aber man hat nicht den Eindruck, dass es von der Aufführung völlig überzeugt ist.
Alexander Jordis-Lohausen