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Die große Magie des Verismo

LA BOHÉME
(Giacomo Puccini)

Besuch am
1. Februar 2025
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Sie gehört zum Standard-Reper­toire vieler Häuser und ist eine der weltweit am häufigsten gespielten Opern: Die 1896 urauf­ge­führte und im Paris von 1830 angesie­delte La Bohème von Giacomo Puccini.

Obwohl die Oper auch heute noch zu den Top 3 der Opern­charts gehört, wurde La Bohème in den vergan­genen Jahrzehnten am Musik­theater Gelsen­kirchen nur zweimal auf die Bühne gebracht. 1988 von Karin Mauksch und 2007 von Michael Schulz.

Die aktuelle Inter­pre­tation von Sandra Wissmann verlegt das Leben der Bohème in die goldenen Zwanziger Jahre. Der Zeitsprung ist eine stilis­tische Note und verändert die Dynamiken der Protago­nisten und der sie bedin­genden Verhält­nisse nicht im Geringsten. Wissmann entwi­ckelt mit ihrem Team ein äußerst komplexes, detail­ver­liebtes Drama des Verismo, jener Stilepoche, die das Leben von gewöhn­lichen Menschen in den Mittel­punkt stellt, die harte Realität am Rande der Gesell­schaft zeigt und dabei neu bewertet. Neben Puccini widmeten sich die Kompo­nisten Giordano, Cilea, Mascagni und Leonca­vallos dem beson­deren Genre der italie­ni­schen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Britta Tönne baut für diesen Zweck einen spekta­kulär unspek­ta­ku­lären Einheits­büh­nenraum, der sich auf der großen Drehbühne den jewei­ligen Ort der Handlung über die vier Akte hinweg genau aussucht. Zu sehen ist ein himmel­hohes Dachkon­strukt mit Schrägen und Mansarden, ganz den Szenen und Klischees des Quartier Latin entliehen. Im ersten und vierten Akt wird das mehrstö­ckige Gebälk in der Höhe bespielt, während sich das Leben am frühen Abend und im Morgen­grauen des zweiten und dritten Aktes an dessen Fuß entfaltet.

Foto © Pedro Malinowski

Das Regie­spiel in der Dachkammer ist sensibel und bleibt der drama­tur­gi­schen Vorlage von Henri Murgers Scenes de la Vie de Bohème eng verbunden. Die Oper bietet große Gefühle zwischen Liebe und Leid, sie liefert Einblicke in ein Leben zwischen Dichter­man­sarde und Café Momus in einem übersicht­lichen und nachvoll­zieh­baren Rahmen mit dem Poeten Rodolfo, dem Maler Marcello, dem Philo­sophen Colline, dem Musiker Schaunard, der kapri­ziösen Geliebten Musetta und der Näherin Mimì.

Die großen Massen­szenen sind von der Regie perfekt durch­cho­reo­gra­fiert. Nicht das kleinste Detail bleibt dem Zufall überlassen. Gläser und Flaschen sind mit Flüssig­keiten gefüllt und selbst die wie von echten Kellnern aufge­tra­genen Speisen vermag man im Zuschau­erraum zu riechen. Ein gewal­tiges Treiben, nicht nur auf der Bühne, sondern gefühlt mitten im Publikum. Die Unmit­tel­barkeit ist vielleicht die ganz besondere Stärke des Regiekonzepts.

Einfach fabelhaft in dem Zusam­menhang auch die stilsi­chere Auswahl der Kostüme von Beata Korna­towska, die einen verhalten ausge­wo­genen farblichen Kanon in stimmigen Mustern und Schnitten zeigen. Insgesamt wird bei der Produktion Licht und Farbe äußerst reduziert einge­setzt. Entspre­chend der Verortung in ein nebliges, winter­liches Paris scheint das stimmig und emotional in der Lage, das Elend und die Armut authen­tisch heraus­zu­ar­beiten. Wenn Rudolfo und Mimì sich im ersten Akt über das Entzünden und Verlö­schen der Kerzen näher­kommen, bleibt der Bühnenraum in zartes Licht gehüllt, das sich auch in den Folge­szenen nicht wirklich verändert. Optische Impulse bleiben dem zweiten Akt mit Leucht­re­klame und Schneefall vorbehalten.

Noch selten konnte man an Rhein und Ruhr die Mimì so schön lieben und leiden hören wie an diesem Abend im vollbe­setzten Musik­theater im Revier. Heejin Kim verkörpert die Puccini-Heroine überzeugend und verleiht ihr einen stimm­lichen Ausdruck, der zutiefst berührt.

Ihr lyrischer Sopran umfasst alle Nuancen von zarten Kanti­lenen bis hin zu hochdra­ma­ti­schen Phrasen. Jeder einzelne Ton sitzt perfekt, und der Gesamt­aus­druck ist in ein samtiges, warmes Timbre gehüllt, das für sich einzu­nehmen versteht. Das Premie­ren­pu­blikum ist von ihrer Präsenz wie verzaubert. Das Rollen­debüt als Mimì gelingt der jungen Kim fabelhaft und man darf sehr gespannt sein, wohin ihre Karriere in den nächsten Jahren führen wird.

An ihrer Seite Khanyiso Gwenxana, der seit 2018, aus Dresden kommend, festes Ensem­ble­mit­glied am MiR ist. Seine bislang größte Rolle als Rodolfo meistert er über weite Strecken souverän. Man merkt ihm die Erleich­terung nach dem ersten Szenen­ap­plaus förmlich an, und in der Folge vermag er den Ansprüchen an die Gesamt­partie gerecht zu werden. Seine besondere Stimm­färbung ist wohlig tempe­riert, in einzelnen Passagen aber noch etwas schmal. Umso überraschter ist man von seinem zuweilen kraft­vollen Forte in der Höhe, das insgesamt aber noch weiterer Pflege bedarf.

Der kräftige, sonore Bariton von Simon Stricker als Marcello ist eindrucksvoll und dank seiner enormen Bühnen­präsenz bleibt er einfach nichts schuldig. Ein fantas­ti­scher Sänger­dar­steller mit größtem Potenzial.

Die Quadriga der Bohemiens wird von Yancheng Chen als Schaunard und Philipp Kranjc als Colline komplet­tiert. Kranjc gibt den armen Poeten stimmlich und darstel­le­risch überzeugend.

Foto © Pedro Malinowski

Der lyrische Bariton und Mitglied des Opern­studios NRW Chen liefert eine eindrucks­volle Visiten­karte seines Leistungs­ver­mögens. Ohne an Grenzen zu stoßen, scheint sich die grandiose Stimme gerade erst warmsingen zu wollen, füllt dabei aber schon den akusti­schen Rahmen komplett aus. Es ist immer wieder bemer­kenswert, wie gut das Opern­studio als Talent­schmiede funktio­niert. Margot Genet, vor kurzem ebenfalls aus dem Opern­studio kommend, ist eine stimmlich perfekt intonie­rende Musetta, die spiele­risch alles einzu­setzen versteht, was auf der Bühne groß und wichtig erscheint. Kolora­tur­sicher und mit einer soubrett­en­haften Leich­tigkeit erreicht sie mühelos die höchsten Register ihres Fachs. In der Premiere äußerst prominent besetzt, verkörpert Benedict Nelson die kleine Rolle des Benoît voller Komik und Hingabe. Jin-Chul Jung verleiht dem quirligen Parpignol einen charis­ma­ti­schen Auftritt.

Passend zur perfekten Perso­nen­führung der Massen auch die stimm­liche Perfor­mance der Chöre. Chor und Extrachor des Musik­theaters verschmelzen unter der bewährten Leitung von Alexander Eberle zu homogenem Schön­klang, der im Zusam­men­wirken mit den beiden Kinder­chören zum ganz beson­deren Hörgenuss wird. Mit dem Kinderchor des MiR und der Akademie für Gesang NRW leistet sich das Haus mit beson­derer finan­zi­eller Unter­stützung von Sponsoren eine berei­chernde Facette, die bereits bei der Produktion von Hänsel und Gretel Maßstäbe zu setzen vermochte. Kinder und Jugend­liche auf der Theater­bühne sind Garanten für die Leben­digkeit der Bühnen vor allem in den zu Recht geschmähten TikTok-Zeiten.

Die Neue Philhar­monie Westfalen unter der Leitung von Giuliano Betta versteht Puccinis La Bohème auch musika­lisch in ein perfektes Licht zu rücken. Der größte Klang­körper in NRW stellt sein diffe­ren­ziertes Leistungs­ver­mögen eindrucksvoll unter Beweis.

In Gelsen­kirchen wird zunehmend klar, wie groß und verlässlich die Leistung vom Noch-Inten­danten Michael Schulz ist. Während man sich in nächster Bühnen­nach­bar­schaft über Regie- und Beset­zungs­es­ka­paden nicht nur wundern, sondern besorgt die Demon­tierung tradi­ti­ons­reicher Insti­tu­tionen verfolgen muss, wird am MiR der Erfolgs­serie eine weitere Auflage hinzugefügt.

Das von Musik und Regie gleicher­maßen überzeugte Premie­ren­pu­blikum zeigt lautstarke Begeis­terung und große Anerkennung für eine bemer­kens­werte Gesamt­leistung. Vielleicht sehnt man sich angesichts der Irrungen und Wirrungen dieser Zeiten nach dem menschlich Verbindenden.

Bernd Lausberg

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