O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Stephan Glagla

Die Magie der menschlichen Seele

RUSALKA
(Antonín Dvořák)

Besuch am
4. Februar 2025
(Premiere am 18. Januar 2025)

 

Theater am Domhof, Osnabrück

Rusalka ist die erfolg­reichste und vorletzte Oper von Antonín Dvořák, die nach einem Libretto von Jaroslav Kvapil im Jahr 1901 in Prag urauf­ge­führt wurde. Das Libretto geht auf slawische Volks­mythen über die rusalky – Wasser­geister und Nixen – zurück und schöpft Inhalte auch aus deutschen Erzäh­lungen sowie Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau.

Das lyrische Märchen in drei Akten wird am Theater Osnabrück in der tsche­chi­schen Origi­nal­sprache zur Aufführung gebracht.

Die aktuelle Insze­nierung von Christian von Götz erzählt das roman­tische Märchen ganz tradi­tionell in wirklich märchen­haften Bildern und Kostümen von Lukas Noll und schafft es, das Publikum im vollbe­setzen Haus in seinen Bann zu ziehen. Über drei Stunden wird auf der Bühne eine zutiefst bewegende Geschichte packend, opulent und detail­ver­liebt erzählt, und das Theater­pu­blikum folgt gespannt jeder einzelnen Sequenz. Trotz Erkäl­tungs­welle ist an diesem Abend kaum ein Hüsteln zu vernehmen und die knisternde Spannung im Raum so groß, dass man jedes Umblättern der Noten im Orches­ter­graben wahrnehmen kann. Ohnehin ist die gesamte Präsen­tation außer­ge­wöhnlich unmit­telbar. Gewaltige Stimmen füllen das überschaubar große Haus. Die Handlung vollzieht sich dabei fast ausnahmslos direkt an der Rampe. Die dreige­teilte Drehbühne zeigt ihre Fronten über die gesamte Breite des Bühnen­portals in direkter Nachbar­schaft zum Zuschau­erraum. Es gibt keine Handlung auf der Hinter­bühne und das gesamte Drama spielt sich direkt vor den Augen und den Ohren der Zuschauer ab. So intensiv hat man Oper selten erlebt.

Foto © Stephan Glagla

Das erste Bild scheint einem roman­ti­sie­renden Gründer­zeit­ge­mälde nachemp­funden, in dem Archi­tek­tur­ele­mente und die Natur ideali­siert darge­stellt sind. Im Zentrum ein hoher langge­streckter Torbogen, der den Blick auf eine Wolken­for­ma­tionen freigibt, in deren Mitte phasen­weise ein gleißender Vollmond prangt. Davor ist das Ufer eines nächt­lichen Waldsees mit zahlreichen Felsen und Baumstämmen atmosphä­risch gezeichnet, aus dessen Mitte die Wesen der Wasserwelt, der Wassermann, seine Tochter Rusalka und die Elfen immer wieder auftauchen und verschwinden. Flankiert wird das Bühnen­ar­ran­gement von zwei haushohen Wänden, auf die, Wasser­spie­ge­lungen des Sees gleich, Projek­tionen geworfen werden. Dabei erscheint die gesamte Bühne auf einem dichten Bett aus waberndem Nebel zu ruhen. Alles fließt, alles bewegt sich und formt eine traum­hafte Märchen­ku­lisse, die den surreal erschei­nenden, innigen Wunsch der Wassernixe Rusalka, endlich eine mensch­liche Seele besitzen zu wollen, glaubhaft erscheinen lässt. Besonders eindrucksvoll der Auftritt der Hexe, der durch das langsame Herab­senken einer riesigen, überdi­men­sio­nierten Vogel­kralle einge­leitet wird und in der Traum­deutung als Menetekel für eine Verän­derung zu Ungunsten des Träumenden steht.

Im zweiten Bild ist Rusalka ihr Wunsch von der Zauberin beschieden worden, und sie befindet sich im Schloss des von ihr bedin­gungslos geliebten Prinzen. In Osnabrück zeigt sich das Schloss im Ambiente der böhmi­schen Bäder-Archi­tektur mit einem jugend­stil­or­na­men­tierten Heilbrunnen im Zentrum. Badearzt und Schwestern kümmern sich um die maladen Kurgäste, und die nur halb mensch­ge­wordene Rusalka muss erkennen, dass Liebe und Leiden­schaft zwei Seiten einer Medaille sind. Nicht Fisch und nicht Fleisch steht sie zwischen den Welten und kann weder den mensch­lichen Erwar­tungen entsprechen noch in ihre alte Welt zurück­kehren. Von ihrem ideali­sierten Prinzen wird sie zurück­ge­stoßen, um den irdischen Freuden mit einer fremden Fürstin zu frönen. Sie ist tot unglücklich gestrandet, in einem Schicksal ohne Perspek­tiven gefangen.

Das dritte Bild zeigt Rusalka zwischen den Welten. Dafür nimmt die Drehbühne nun eine Position zwischen den beiden vorhe­rigen Bühnen­bildern ein. Die spitze Kante des Bühnen­aufbaus zeigt in Richtung Zuschau­erraum, und man erkennt auf beiden Seiten die in die Tiefe des Bühnen­raums zurück­lau­fenden Fassaden der vorhe­rigen Spielorte. In diesem Niemandsland zwischen Natur und Zivili­sation sucht die verzwei­felte Rusalka wiederum Rat bei der Zauberin. Der Auffor­derung, den Prinzen zu töten und damit alles Unrecht zu tilgen, möchte Rusalka aller­dings nicht folgen.

Im finalen Bild zeigt sich der geläu­terte Prinz auf der verzwei­felten Suche nach seiner geliebten Rusalka, die ihm letztlich erscheint und seinem innigen Wunsch entspricht, ihn durch einen todbrin­genden letzten Kuss wieder mit dem Leben zu versöhnen. In Osnabrück ähnelt die Charak­ter­zeichnung des Prinzen einem Ludwig II, der wie getrieben auf der rastlosen Suche nach neuen Musen, neuen Idealen in der wahren Welt scheitert.

Es ist eine bewegend traurige Parabel über ungestillte Sehnsucht nach einer alles verei­nenden, alles verspre­chenden, ideali­sierten Liebe, die es aber in diesem Märchen nicht zu geben scheint. Einzig der orches­trale Ausblick in Des-Dur am Ende der Oper, der zumindest ein Gefühl der Zuver­sicht vermittelt. Passend dazu ein Zitat Dvořáks: „Nie ist die Sonne unter­ge­gangen, um nie wieder aufzugehen“.

In Zeiten einer um sich greifenden Digita­li­sierung und Entfremdung scheint die doch sehr analoge Osnabrücker Insze­nierung einen Nerv zu treffen. Tiefe Gefühle in einer ideali­sierten Bebil­derung als komplexer Illusi­onsraum angelegt, der den Zuschauer für einige Stunden aus der irritie­renden Realität zu entführen in der Lage ist.

Getragen wird die reich bebil­derte Illusion von der gefühls­be­tonten Musik Antonín Dvořáks, die mit einem Spannungs­bogen von zarten Harfensoli, über bewegte Crescendo-Passagen bis hin zur eruptiven Klimax für sich einzu­nehmen versteht. Die musika­lische Umsetzung gelingt überragend gut. Das Sänger­ensemble begeistert ohne Ausnahmen und zeigt eine Leistungs­fä­higkeit, die man an einem Haus dieser Größen­ordnung nicht erwartet.

Foto © Stephan Glagla

Tetiana Miyus glänzt in der komplexen Rolle der Rusalka und erreicht mühelos die mörde­ri­schen Höhen der Partie, vermag aber auch den lyrischen Momenten zu entsprechen, die die Rusalka so ungemein zart und zerbrechlich erscheinen lässt. Ihre Inter­pre­tation der Mondarie im ersten Akt ist im wahrsten Sinne des Wortes bezau­bernd. Ein grandioses Rollen­debüt der aus Graz nach Osnabrück gewech­selten Sopranistin.

Für die sehr fordernde Rolle des Prinzen hat Sung Min Song das entspre­chende Stimm­ma­terial. Sein stimm­ge­wal­tiger Tenor lässt den Zuschau­erraum erbeben. Man merkt ihm seine Profes­sio­na­lität an. Er hatte sein Rollen­debüt bereits vor drei Jahren an der Komischen Oper Berlin in einer Produktion von Barrie Kosky.

Grandios der Auftritt von Nana Dzidziguri als Zauberin und Hexe. Der ausdrucks­starke, tiefe Mezzo­sopran der in Georgien ausge­bil­deten Sängerin entfaltet eine ganz besondere Magie, der man sich nicht entziehen kann. Auch ihre Bühnen­präsenz ist ohne Einschränkung stark und intensiv.

Bestens aufgelegt auch Susann Vent-Wunderlich als fremde Fürstin, die die leiden­schaft­liche Verführung stimmlich und darstel­le­risch überzeugend auf die Bühne bringt. Die vornehme Qualität ihrer satten Stimmlage verdient ganz besondere Erwähnung.

Der profunde Bass von Dominic Barberi verleiht der Rolle des Wasser­manns größtes Gewicht. Dass er aus dem inter­na­tio­nalen Opern­studio der Berliner Staatsoper unter Daniel Barenboim entstammt, lässt aufhorchen und unter­streicht den hohen musika­li­schen Anspruch.

Spiele­risch bestens aufgelegt auch Susanna Edelmann in der Doppel­rolle der Kranken­schwester und der ersten Elfe. Ihr jugend­licher Sopran gefällt in beiden Rollen.

Alle weiteren kleinen Rollen sind in Osnabrück wirklich gut besetzt: Jan Friedrich Eggers als Badearzt, Chihiro Meier-Tejima als zweite Elfe sowie Kathrin Bauer als dritte Elfe.

Ein kleiner Wermuts­tropfen im moussie­renden Champagner der Gesamt­pro­duktion ist die Einspielung des Damen­chores vom Band, die sich sehr von der musika­li­schen Unmit­tel­barkeit der so beson­deren, so poeti­schen Opern­dar­bietung abhebt.

Das Philhar­mo­nische Orchester Osnabrück entspricht den Heraus­for­de­rungen der spätro­man­ti­schen Partitur von Dvořáks Meisterwerk vollum­fänglich. Die diffe­ren­zierte Inter­pre­tation unter der musika­li­schen Leitung von Andreas Hotz bringt den Kanon der Klang­farben zum Aufblühen und ist Garant für diese fulmi­nante Produktion der Rusalka am Theater Osnabrück.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: