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Foto © Marco Sommer

Keine bildgewaltige Seelenreise

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
7. Februar 2025
(Premiere am 25. Januar 2025)

 

Landes­theater Coburg

Nach dem ambitio­nierten, aber in vielen Teilen auch geschei­terten Projekt der Aufführung des Ring des Nibelungen steht nun mit einer Neuin­sze­nierung von Der Fliegende Holländer ein  Frühwerk Richard Wagners auf dem Spielplan, das in der Ausweich­spiel­stätte Globe zur Aufführung kommt, da das Landes­theater Coburg auf nicht absehbare Zeit wegen Sanie­rungs­ar­beiten geschlossen bleibt.

„Die Insze­nierung von Intendant Neil Barry Moss verspricht eine bildge­waltige Seelen­reise, die Heimat und Fremde, Realität und Geisterwelt auf beein­dru­ckende Weise mitein­ander verwebt“, heißt es in der Vorankün­digung der Premiere. Das hört sich tatsächlich erstmal nach großem Kino an. Und weiter heißt es in der Presse­mit­teilung des Landes­theaters: „Die Insze­nierung greift Wagners vielschichtige Themen künst­le­risch auf: Das Bühnenbild ist zweige­teilt und verbindet Historie mit Moderne. Zum Einsatz kommt unter anderem ein ca. 150 Jahre altes Bühnenbild aus der Oper La Gioconda, das als ‚Stück im Stück‘ dient. La Gioconda feierte im Jahr 1876 Urauf­führung. Nun fand das histo­rische Bühnenbild von der Mailänder Scala über die Deutsche Oper Berlin zum Globe. Der andere Teil des Fliegenden-Holländer-Bühnen­bilds zeigt die moderne Welt – ein Spannungsfeld, das die univer­selle Gültigkeit von Wagners Werk unterstreicht.“

Damit ist die Erwar­tungs­haltung an das Stück natur­gemäß sehr hoch, und die Enttäu­schung am Ende genauso groß. Was bildge­waltig und stark beginnt, fällt am Ende stark ab und entpuppt sich als niveaulose Komödie ohne Tiefgang und Seelen­reise. Wieder einmal ist ein ambitio­niertes Projekt gescheitert, weil der Regisseur sein Konzept nicht straff durch­zieht und im zweiten Teil in Banalität abgleitet. Eine insgesamt nur mittel­mäßige musika­lische Darstellung kann den Abend dann auch nicht mehr retten.

Angekündigt wurde die Vorstellung als zweite Premiere, da an diesem Abend für die Partien des Daland, der Senta und der Mary die Zweit­be­setzung zu ihrem ersten Einsatz kam. Regisseur Neil Barry Moss, seit dem 1. September 2024 Intendant am Coburger Landes­theater und zuvor schon Opern­di­rektor, begrüßt die gut 500 Zuschauer im Globe persönlich und wünscht eine schöne Vorstellung.

Foto © Marco Sommer

Und die beginnt auch verhei­ßungsvoll mit einer wuchtig und aus dem Orches­ter­graben ertönenden Ouvertüre, mit einigen Unsau­ber­keiten bei den Bläsern. Der Vorhang bleibt zunächst zu, und es wird ein Video eines stürmi­schen Meeres einge­blendet, eine cineas­tische Darstellung der Musik. Als das Steuermann-Motiv erklingt, kommt ein junger Mann in einem blauen Hoody mit der Inschrift „Lost Arts“ auf die Bühne. Sollen die „verlo­renen Künste“ jetzt schon sinnbildlich für die Insze­nierung stehen? Bewaffnet mit einem Headset, Kaffee­kannen, Noten­ma­terial und einem Kaffee­becher im Mund tapert er vor dem Bühnen­vorhang über den Steg, garniert mit kleinen Tanzein­lagen. An einen weißen Plastik­stuhl, der links vor der Bühne auf einem Seitensteg oberhalb des Orches­ter­grabens platziert ist, befestigt er ein Schild mit der Aufschrift „Regie“. Dann entfernt er noch lautstark eine Sicher­heits­kette, die vor dem Bühnen­vorhang aufge­zogen war. Schnell wird klar, in diesem Theater soll wohl der Fliegende Holländer geprobt werden, und der Regie­as­sistent im blauen Hoody ist gleich­zeitig der Steuermann.

Dann öffnet sich der Vorhang, und es erscheint das eingangs beschriebene Bühnenbild von La Gioconda mit einem großen Schiff im Mittel­punkt aus dem Jahre 1876, das in seiner Einfachheit, aber puris­ti­schen Schönheit überwäl­tigend daher kommt, und man fühlt sich tatsächlich mitge­nommen auf eine Theater­zeit­reise in die Vergan­genheit. Der Chor der Seeleute muss in seinem ersten Auftritt noch stark an der Choreo­grafie arbeiten, und der Regisseur dieser Insze­nierung im Theater ist schon verzweifelt, da nützt auch das Megafon nichts. Der Regie­as­sistent alias Steuermann übernimmt den Part der Choreo­grafie, nicht besonders effektiv. Dann gesellt sich der Regisseur, noch in schwarzer Hose und weißem Hemd gekleidet, zu seinen Matrosen auf die Bühne, und entpuppt sich als Daland, dem Kapitän der Norweger.

Der Auftritt des Holländers erinnert tatsächlich an großes Kino zu Beginn der Holly­wood­filme. Ein düsteres, wie ein Schutz­panzer wirkendes Kostüm mit einer irren Sturm­frisur, bleich geschminkt, das ist mal ein Holländer. Die eindrucks­vollen Kostüme stammen von Annika Lu. Die Bühne ist ein tiefes Rot getaucht, und in der Kulisse des alten Bühnen­bildes ist dieser Auftritt schon der Höhepunkt der Insze­nierung, zumal Bass-Bariton Lars Fosser in der Titel­rolle die Auftrittsarie dämonisch markant inter­pre­tiert. Zu diesem Zeitpunkt der Aufführung scheint die Ankün­digung einer bildge­wal­tigen Seelen­reise, die Heimat und Fremde, Realität und Geisterwelt auf beein­dru­ckende Weise mitein­ander verwebt, insze­nierte Realität zu werden.

Hätte Neil Barry Moss in dem Stil weiter­ge­ar­beitet, die Insze­nierung hätte Furore gemacht. Doch er will die Zuschauer in die Realität bringen, und im zweiten Aufzug kippt die Insze­nierung und damit die Stimmung. Die Bühne dreht sich, und auf der Rückwand erscheint eine Stellwand mit Treppen­aufgang, und davor befinden sich jeweils zwei aufein­an­der­ge­sta­pelte große Wasch­ma­schinen. Das Bühnenbild stammt von Juliane Längin. Eine digitale Uhr zeigt die Echtzeit im Theater an, und darüber die Einblendung „Spinne­rinnen“. Nun sind wir also in der Realität des Theaters angekommen, obgleich man an der Stelle nicht mehr diffe­ren­zieren kann, ist das jetzt eine weitere Probe im „Theater im Theater“, oder ist es die eigent­liche Insze­nierung. Letzteres scheint der Fall zu sein, denn weder der „Regisseur“ Daland noch der „Regie­as­sistent“ Steuermann sind hier zu sehen. Statt­dessen der Frauenchor in einheit­lichen Blaukitteln mit Blümchen­blusen, die scheinen eher aus einem Volks­ei­genen Betrieb der DDR entliehen zu sein. Aus dem Chor der Spinne­rinnen wird an diesem Abend ein Chor der Wäsche­rinnen. Mary hantiert die ganze Zeit mit einer Babypuppe herum. Will der Regisseur dem Wagner­un­kun­digen Zuschauer damit verdeut­lichen, dass es sich bei der Figur der Mary um eine Amme handelt? Oder sind wir auf einer Probe, wo eine Akteurin mangels Kinder­be­treuung ihr Baby mitnehmen muss? Beides ergibt wenig Sinn.

Senta ist die einzige, die hier optisch aus der Rolle fällt, denn ihr helles Kleid ähnelt in der Konfi­gu­ration dem Gewand des Holländers, auch sie hat dieselbe „Sturm­frisur“ wie der Holländer. Hier hat die Maske wirklich gute Arbeit geleistet. Und ihre großartig gesungene Ballade begeistert in diesem Moment und überdeckt das wenig anspre­chende Bühnenbild. Grotesk wird es dann mit dem Auftritt Erics, der natürlich nicht als Jäger­bursche, sondern als Hausmeister im blauen Arbeits­overall mit einem riesigen Staub­sauger über die Bühne schlurft. Für den Fall, dass der wagner­un­kundige Zuschauer nicht mehr weiß, in welchem Stück er grade ist, der Hausmeister trägt ein Namens­schild mit der Aufschrift „Erik“. Das Duett Erik und Senta ist mehr als obskur, zumal Gustavo López Manzitti in der Rolle des Erik auch noch sehr deutlich auf einem Kaugummi zu kauen hat, was nicht nur sehr unappe­titlich aussieht, sondern auch negativen Einfluss auf den Gesang hat. Das sollte der echte Regisseur Moss eigentlich wissen, denn er hat selbst auch Gesang studiert. Passend zum Auftritt Eriks geht die digitale Inschrift von „Spinne­rinnen“ in „Drama“ über, und wenn der Holländer das erste Mal auf Senta trifft, gibt es ein „Blind Date.“ Zuvor wird Daland in einem aufblas­baren Pool halbnackt auf die Bühne gefahren, voll mit dem Geld, das er im ersten Aufzug vom Holländer als Preis für die eine Nacht bei ihm erhalten hat. Das ähnelt doch sehr an Walt Disneys Figur Dagobert Duck, der gerne in seinem Geld gebadet hat. Und Daland ist jetzt nur noch in der Bühnen­rolle, die Funktion des „Regis­seurs“ gibt es nicht mehr. Und deshalb geht auch das Konzept von Moss nicht auf, weil er seines längst verlassen hat. Aus dem „Blind Date“ wird dann schnell das „Standesamt“, mittler­weile ist es 21.16 Uhr. Es gibt ein angedeu­tetes Hochzeits­essen, und als Dessert wirft Daland dem Paar noch schnell ein paar Kondome auf den Tisch. Das ist also das Verständnis der Realität von Moss.

Foto © Marco Sommer

Während zum dritten Aufzug der Chor, jetzt in bunten Kostümen, eine Polonäse durch das Parkett des Zuschau­er­raumes dreht, geht Daland durch die Reihen und hält Konver­sation mit dem Publikum. Fragt da der Bühnen­re­gisseur das Publikum um Rat? Der wäre an dieser Stelle sicher nötig gewesen, denn die folgende Choreo­grafie von Martine Reyn ist einfach nur lächerlich. Im Fernsehen wäre das der Wegzapp-Moment gewesen. Natürlich gibt es keine Erlösungs­szene, Senta, oder die Darstel­lerin der Rolle, geht einfach ab, während am Schluss der Chor Plakate hochhält mit Inschriften wie „Kultur lebt“, „Kultur braucht Euch“ und „Kultur braucht Bühnen“, sicher eine gut gemeinte Anspielung auf die aktuelle Diskussion um die finan­zielle Unter­stützung der Kultur im Allge­meinen und um die besondere Situation in Coburg, wo man immer noch nicht weiß, ob das Landes­theater wirklich saniert oder geschlossen wird. Aber es ist ja en vogue, in aktuellen Insze­nie­rungen mit politi­schen State­ments um sich zu werfen. Ob der Appell aus dem Globe nachhallen wird, ist doch eher fraglich.

Sänge­risch hat die Aufführung Licht und Schatten. Lars Fosser gibt einen dämoni­schen, innerlich zerris­senen Holländer mit einer soliden sänge­ri­schen Darbietung, mehr nicht. Bartosz Araszkiewicz als Daland gibt ebenfalls eine grund­solide Vorstellung ab, wobei er mit der Eingangs­rolle als „Regisseur“ doch eher hadert. Hinzu kommt, dass er ein hoher Bass ist, während Fosser fast schon über einen schwarzen Bass-Bariton verfügt, was dazu führt, dass der Daland in seinem Ausdruck höher klingt als der Holländer. Genau umgekehrt müsste es sein. Und Gustavo López Manzitti hat seinen Zenit als Wagners Helden­tenor längst überschritten. Seine Darbietung ist mehr Kraft­meierei als lyrischer Ausdruck, vor allem in seiner Cavatine. Jaeil Kim singt den Steuermann mit schönem lyrischem Tenor und überrascht durch seine sicheren Tanzein­lagen, und auch Emily Lorini als Mary überzeugt mit präsentem Mezzosopran.

Einziger sänge­ri­scher Licht­blick an diesem Abend ist die junge Sopra­nistin Flurina Stucki, die an diesem Abend ein fulmi­nantes Rollen­debüt als Senta hinlegt. Selten hat man die Ballade so intensiv, so drama­tisch und gleich­zeitig schön erlebt. Der einzige Moment an diesem Abend, der Gänse­haut­feeling hat. Für Stucki persönlich sicher eine gelungene General­probe, bevor sie in wenigen Wochen die Partie an ihrem Stammhaus, der Deutschen Oper Berlin, zum Besten geben wird. Die Berliner dürfen sich da freuen!

Der Chor und Extrachor des Landes­theaters Coburg ist von Alice Lapassin Zorzit gut einge­stimmt. Das Philhar­mo­nische Orchester des Landes­theaters Coburg unter der Leitung von Daniel Carter spielt unter den akustisch schwie­rigen Bedin­gungen im Globe einen soliden Holländer, leider oft zu laut und mit wenig Diffe­ren­zierung bei den Motiven. Am Schluss gibt es für das Ensemble nur mäßigen Applaus, der bei Flurina Stucki auch mit etwas Jubel vermischt ist, der aber angesichts ihrer großar­tigen Leistung deutlich kräftiger hätte ausfallen dürfen.

Die so großartig angekün­digte Insze­nierung von Intendant Neil Barry Moss als eine „bildge­waltige Seelen­reise, die Heimat und Fremde, Realität und Geisterwelt auf beein­dru­ckende Weise mitein­ander verwebt“, entpuppt sich am Schluss als ein Sturm im Wasserglas, die in keinster Weise zu überzeugen vermag.

Andreas H. Hölscher

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