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Foto © Stefan Brion

Feministische Apologie der Medea

MEDÉE
(Luigi Cherubini)

Besuch am
12. Februar 2025
(Premiere am 8. Februar 2025)

 

Opéra Comique, Paris

Der tragische Medea-Stoff hat immer wieder Kompo­nisten zur Opern­ver­tonung inspi­riert, von Marc-Antoine Charpentier und Johann Simon Mayr im 17. und 18. Jahrhundert bis Pascal Dusapin 1992 nach Texten von Heiner Müller und Aribert Reimann 2007 nach Grill­parzer. Doch wohl die bekann­teste Medea-Oper ist Luigi Cheru­binis Vertonung geblieben, die sich auch als einzige seiner zahlreichen Opern in den verschie­densten Versionen über 200 Jahre auf den inter­na­tio­nalen Bühnen gehalten hat. Der Floren­tiner Cherubini hatte sich 1787 endgültig in Paris nieder­ge­lassen. Seine Médée entstand zehn Jahre später, hatte aber keinen sonder­lichen Erfolg. Das Werk wurde erst im 19. Jahrhundert von deutschen Bühnen ausgehend in verschie­denen Versionen inter­na­tional bekannt und erlebte Mitte des 20. Jahrhun­derts durch die Inter­pre­tation  von Maria Callas einen neuen Aufschwung. Doch gelangt hier nicht die übliche Version in italie­ni­scher Sprache mit den gesun­genen Rezita­tiven zur Aufführung, sondern die ursprüng­liche franzö­sische Fassung von 1797 mit den gespro­chenen Alexandrinern.

Foto © Stefan Brion

Musika­lisch wechseln sich in der Oper, die Johannes Brahms als das „Höchste in drama­ti­scher Musik“ einstuft, drama­tische, lyrische und gespro­chene Nummern ab, wobei der Chor eine wesent­liche Rolle spielt. Der Form nach ist sie, teils gesungen, teils gesprochen, eine opéra comique, aber lassen sich die Züge der opera seria im Geiste Glucks nicht verleugnen.

Die Handlung folgt dem griechi­schen Mythos. Sie ist erstaunlich aktuell, kommt Medea doch aus fernen Landen in eine hochzi­vi­li­sierte Welt, wo sie den Frieden  und die Ordnung stört. Sie integriert sich nicht, bleibt Außen­sei­terin und wird auch als solche behandelt und soll abgeschoben werden. Doch bis es dazu kommt, verbreitet sie als Rache­engel Tod und Verwüstung um sich herum.

Die Regis­seurin Marie-Eve Signeyrole  verteidigt die Titel­heldin. Sie inter­es­siert haupt­sächlich die Frage: Wenn Medea für uns heute der Inbegriff der Kinder­mör­derin ist, dann sollten wir doch erstmal nachfor­schen, was eine Mutter dazu bringt, ihre Kinder umzubringen? „Und wenn Medea nur das Ergebnis einer rassis­ti­schen und patri­ar­cha­li­schen Gesell­schaft wäre? Eine in die Enge getriebene Mutter, ohne Unter­stützung, gefangen in einem Teufels­kreis der Gewalt, der Manipu­lation und des Missbrauchs? Und wenn Medea kein Ungeheuer, keine Hexe wäre, sondern eine kulti­vierte Frau, die aber auch all das an Misstrauen, Begierde und Rohheit verkörpert, was man mit ‚Ausländern‘ in Zusam­menhang bringt.“ In einem nicht ganz gelun­genen Versuch, diese Fragen zu vertiefen, wird Medea als Gestalt der Oper gespielt und gesungen.  Und gleich­zeitig wird sie verdoppelt durch eine Schau­spie­lerin, die auf der Bühne sitzt und eine wegen Kinder­mordes zu lebens­läng­licher Haftstrafe verur­teilte Mutter darstellt. Sie sagt hin und wieder ein paar Worte über ihre Tat, die sie nicht ungeschehen machen kann. Signey­roles Antwort auf die Frage nach Medeas Schuld ist eindeutig und radikal: Die Männer sind an allem Schuld! Sie sind sex-  und macht­be­sessene Ungeheuer, Jason, Créon und wie sie alle heißen. Der ganze zweite Akt ist daher auch eine schonungslose Illus­tration der Willkür, der Medea am Hofe von Korinth ausge­setzt ist. Créon dringt mit seinen Soldaten bei ihr  und ihren Volks­ge­nossen ein – der Ort ist auf der Bühne als eine Art Obdach­losen-Lager plus Lumpen-Markt darge­stellt, wo sich nun in pausen­loser Abfolge Ernied­ri­gungen, Misshand­lungen, Raub und Verge­wal­ti­gungen abspielen. Die Insze­nierung ist bei guter Perso­nen­regie durchaus folge­richtig, wenn auch die Vielfalt der Bilder, Videos und Ideen, die die Regis­seurin zum Einsatz bringt,  bisweilen für dem Zuschauer etwas verwirrend wirken.

Foto © Stefan Brion

Die  zum Teil präch­tigen Kostüme und das spärliche Dekor auf der Bühne sowie die Videos fallen fast ausschließlich  in unsere Zeit, tun aber dem Ablauf der Handlung keinen Abbruch.

Laut Ansage vor Beginn der Aufführung seien die Sänger wetter­be­dingt etwas indis­po­niert, aber hätten sich entschlossen, dennoch aufzu­treten. Offen­sichtlich trifft das bei Joyce El-Khoury nicht zu. Ihre Inter­pre­tation der Médée ist gewaltig und eindrucksvoll. Ihre Stimme sowohl in den hohen wie in den tieferen Lagen voll und sinnlich, um nicht zu sagen unheimlich. Noch relativ verhalten zu Beginn der Oper steigert sie ihre Dramatik langsam bis hin zum Furien-Ausbruch in dritten Akt Eh quoi? Je suis Médée … O Tisiphone, impla­cable déesse.  Julien Behr hingegen ist wohl etwas indis­po­niert oder hält sich zurück, denn sein schöner Helden­tenor setzt sich, vor allem in den Ensem­ble­szenen, nicht immer zu voller Geltung durch. Dennoch strahlt er in seiner lyrischen Arie Eloigné pour jamais im ersten Akt. Mit seinem gedie­genen, warm timbrierten, vollen Bass ist Edwin Crossley-Mercer hervor­ragend als würdiger und dann wieder unerbitt­licher Créon. Sehr feierlich in Dieux et déesses titulaires. Mögli­cher­weise indis­po­niert ist  Lila Dufy als die unschludige Dircé. Ihre Stimme ist nicht von der reinen Klarheit, die man erhofft hätte. Hingegen ist Marie-Andrée Bouchard-Lesieurs stimmlich  sowie schau­spie­le­risch sehr menschlich und bewegend als Médées Leidens­ge­nossin Néris, wie in der Arie Ah! nos peines sont communes. 

Die Solisten, der kraft­volle Chor Accentus, sowie das besonders in den Bläsern glänzende Insula Orchestra stehen unter der bewährten Leitung von Laurence Equilibey.

Das Publikum scheint angetan.

Alexander Jordis-Lohausen

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