O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Michael Zerban

Dem Tod so nah

MATTHIAS CLAUDIUS
(Matthias Claudius, Felix Mendelssohn Bartholdy)

Besuch am
19. Februar 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Klassik aber frisch im Alten Küsterhaus, Meerbusch

Zum Konzert­ka­lender von Klassik aber frisch im Alten Küsterhaus im Meerbu­scher Stadtteil Büderich zählen regel­mäßig auch Lesungen mit musika­li­scher Begleitung. Dazu bietet sich die Galerie von Isabelle von Rundstedt förmlich an: Die intime Atmosphäre lädt zum Zuhören ein, und die Akustik erübrigt die Verwendung von Mikro­fonen. Da geht man gern auch mal mitten in der Woche hin, um für eine gute Stunde, länger dauern die Auffüh­rungen selten, den Alltag zu vergessen.

Heute steht Matthias Claudius auf dem Programm. Das klingt erst mal museal, und so darf man gespannt sein, was es von dem Dichter, dessen bekann­testes Gedicht sicher Der Mond ist aufge­gangen ist, für die Gegenwart zu sagen gibt. Die Aufgabe übernimmt Stefan Heckel-Reusser, der aus Esslingen angereist ist. Von 1981 bis 1985 studierte der am Konser­va­torium für Musik und Theater in Bern Schau­spiel. Einer seiner wichtigsten Lehrer war Hans Gaugler, der sich bevorzugt um die Inter­pre­tation von Gedichten kümmerte. Anschließend arbeitete Heckel-Reusser fast zehn Jahre lang an der Württem­ber­gi­schen Landes­bühne Esslingen am Neckar, ehe er in einen anderen Beruf wechselte. Die Leiden­schaft blieb, und so tritt der Schau­spieler in den vergan­genen Jahren immer wieder als Rezitator auf. Den Matthias-Claudius-Abend hat er bereits zwei Mal an Kirchen im Stutt­garter Raum gegeben, ist also bestens vorbereitet.

Stefan Heckel-Reusser – Foto © Michael Zerban

Matthias Claudius, 1740 in Reinfeld geboren, wurde stolze 75 Jahre alt. Schon früh wurde er mit dem Tod konfron­tiert, als drei Geschwister im Zeitraum von wenigen Monaten starben. Er gab dem Tod den Namen Freund Hain und widmete ihm später gar seine Bücher. Als er zusammen mit einem etwas älteren Bruder ein Theolo­gie­studium in Jena beginnt, stirbt dieser nach kurzer Zeit. Er bricht später das Theolo­gie­studium ab, studiert Rechts­wis­sen­schaft, findet danach aber keine entspre­chende Stelle, schlägt sich einige Jahre mit Gelegen­heits­ar­beiten durch. Mit 28 Jahren wird er Redakteur eines unbedeu­tenden Nachrich­ten­blattes. Mit 31 Jahren erfolgt dann die entschei­dende Wende: Claudius wird Redakteur des neu gegrün­deten Wands­becker Boten – Wandsbeck ist zu der Zeit ein Dorf im Norden von Hamburg, heute der Stadtteil Wandsbek – und ist dort für das aus einer Seite bestehende Feuil­leton zuständig. Er gewinnt nun die litera­rische Elite der Zeit als Autoren, so Klopstock, Herder, Lessing. Mit vielen entstehen lebens­lange Freund­schaften. Selbst Goethe konnte er einmal gewinnen, doch sie blieben sich fremd. Für Goethe war Claudius ein einfäl­tiger, letzt­endlich unbedeu­tender Dichter, und Claudius hat ihn wiederum durch eine launige Rezension der Leiden des jungen Werther vergrätzt. Mit 32 Jahren heiratet er die 17 Jahre alte Schreiner- und Gastwirts­tochter Rebecca. Sie haben zusammen zwölf Kinder, das erste stirbt direkt nach der Geburt, mittendrin noch mal eines mit zwei Jahren, und – für ihn ungeheuer schmerzhaft – mit 21 Jahren seine Tochter Chris­tiane. Ehe und Familie werden von allen Freunden als sehr liebevoll und innig beschrieben, verbunden mit einer ganz außer­ge­wöhn­lichen Gastfreund­schaft. Das Haus war – trotz ständiger finan­zi­eller Sorgen – ein Ort der Feste und der Gesel­ligkeit. Der Wands­becker Bote geht als Zeitschrift nach fünf Jahren ein, aber Claudius bleibt als Person der Wands­becker Bote.

Themen, die ihn beschäf­tigen, sind der Verlust der Bindung zu Gott als Urgrund des Lebens. Er sieht in diesem Sinne die Aufklärung, in deren Zeitalter er lebt, als durchaus zwiespältig. Er feiert das Wunder des Lebens und schafft immer wieder neue Blick­winkel auf unsere Endlichkeit, den Tod, den er als Freund zu begreifen sucht, ohne ihm seinen Schrecken zu nehmen. Nachdem Heckel-Reusser diesen Einblick in das Leben des Dichters und Journa­listen gegeben hat, kann der eigent­liche Vortrag beginnen. Aufrecht und entspannt steht Heckel-Reusser neben einem Notenpult, auf dem er seine Unter­lagen bereithält.

Im ersten Teil hat er Gedichte und Texte in eher familiärem Zusam­menhang ausge­wählt. Die Gedichte Frau Rebecca mit den Kindern an einem Mai-Morgen, Frau Rebecca und Wiegenlied bei Mondschein zu singen trägt er auswendig vor. Ganz wunderbar verzichtet er auf Dekla­mation, sondern erzählt vergnügt aus dem Famili­en­leben. Das Publikum ist von der heutigen Inter­pre­tation so faszi­niert, dass es glatt den Applaus vergisst. Da klingt so gar nichts nach einem Dichter der Vergan­genheit, und auch die Texte wirken eher wie die Nacher­zählung der letzten Sommer­frische. Mit einem Brief an sein litera­ri­sches Alter ego Andres über die Astro­logie vervoll­ständigt er den ersten Abschnitt.

Ekaterina Porizko – Foto © Michael Zerban

Ekaterina Porizko, die es sich als künst­le­rische Leiterin von Klassik aber frisch nicht nehmen lässt, den musika­li­schen Teil am Klavier zu übernehmen, hat dafür drei Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy ausge­wählt. Mit dessen Musik setzt sie sich ohnehin gerade intensiv ausein­ander. Sie bereitet zwei Auffüh­rungen von Elias vor. Jetzt aber erst mal ein Lied ohne Worte, ehe Heckel-Reusser zum nächsten Abschnitt schreitet, in dem es allmählich ernster wird. Zuvör­derst das unver­gessene wie köstliche Gedicht Die Mutter bei der Wiege, in dem es um die Ähnlichkeit des Sohnes mit seinem Vater geht. Es ist die Geschichte mit der Nase. Nach Motetto, als der erste Zahn durch war und Phidile geht es zur Erinnerung an Tochter Chris­tiane – und Heckel-Reusser gönnt sich den Spaß, aus der Rezension Claudius‘ zu den Leiden des jungen Werthers vorzu­lesen.

Nach einem weiteren Lied ohne Worte, das in seiner Leich­tigkeit die entspannte Atmosphäre des Abends unter­streicht, wird es ernster. Der Tod und das Mädchen, Der Mensch, Täglich zu singen und das Kriegslied werden im auswen­digen Vortrag von der Lesung Von meinem akade­mi­schen Leben und Wandel gebrochen, um nach einer letzten Lesung Über einige Sprüche des Prediger Salomo noch einmal vier Gedichte – Motet, Der Tod, Stern­se­herin Lise und Abendlied – zu inter­pre­tieren. Nach der Leich­tigkeit, mit der das Abendlied gesprochen erklingt, darf man die Besucher auch mal einladen, wenigstens die erste Strophe gemeinsam zu singen. So endet der Abend in bester Laune mit rauschendem Beifall.

Und wie geht es weiter mit Stefan Heckel-Reusser und seinem formi­dablen Matthias-Claudius-Abend? Der Schau­spieler hat da einen ganz beson­deren Wunsch. Er möchte das balsa­mische Gefühl, das wohl in jedem nach diesem Abend zurück­bleibt, auch gern in Hospizen und Pallia­tiv­sta­tionen verbreiten. Ein großar­tiger Einfall, dem wohl jeder Leiter einer solchen Einrichtung unbedingt folgen sollte.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: