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LADY MACBETH VON MZENSK
(Dimitri Schostakowitsch)
Besuch am
22. Februar 2025
(Premiere)
Viele Jahrzehnte hat es in Düsseldorf gebraucht, um nach der deutschen Erstaufführung von Bohuslav Herlischka 1959 passend zum 75. Todestag von Dimitri Schostakowitsch eine Neuinszenierung zu wagen. Das ist umso erstaunlicher, als die 1934 entstandene zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk seit langem im Repertoire zahlreicher Häuser zu finden ist. Zuletzt entstanden in der Region erfolgreiche Produktionen am Theater Hagen und am Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen. Ganz abgesehen von der fulminanten Neuinszenierung der Oper Leipzig im vergangenen Jahr.
Die ebenso erfahrene wie engagierte Opernregisseurin Elisabeth Stöppler entreißt die Oper ihrer klassischen Verortung und modernisiert sie radikal. Kein Raum für Lokalkolorit oder folkloristische Szenerien. Die Geschichte wird vom Gutshof in der russischen Provinz in unsere Gegenwart transponiert. Eine dreigeteilte Drehbühne eröffnet den Blick auf schicke, moderne minimalistische Räume einer Stadtwohnung mit allem, was das Leben für die, die es sich leisten können, bereitzuhalten scheint. Die gesamte Bühnendekoration von Annika Haller ist geometrisch und in strengem Schwarzweiß gehalten. Über dem gesamten Konstrukt hängt ein riesiges, lichtkonturiertes Quadrat, einem Baldachin gleich, unter dem sich die menschlichen Niederungen zunehmend Bahn zu brechen beginnen. Der gesamte Bühnenraum wird von einem seelenlosen Interieur mit allerlei Nuancierungen in grau bestimmt. Die aufwendige Lichtregie von Volker Weinhart sorgt für mannigfache Effekte und führt zu einem komplexen Schattenballett. Auch die Kostüme verweilen im Duktus einer farbfernen Versachlichung.
Einzig das glutrote Kleid der Katerina Ismailowa bricht optisch aus der gleichermaßen bedrohlich wie faszinierenden Unterkühlung hervor. Unter der strengen, hochglänzenden Oberflächenästhetik der Bühnenarchitektur und der sie bedingenden soziologischen Strukturen brodelt, lodert und schmerzt es gewaltig. Hinter den Kulissen verbirgt sich ein perfides System von menschlicher, hier tatsächlicher männlicher Unterdrückung und Unterwerfung, dessen Konturen immer sichtbarer werden und gegen die sich die Protagonistin Katerina Ismailowa aufzulehnen verzehrt. Im Mittelpunkt der Oper Schostakowitschs steht eine inhaltsleere, ungeliebte, Normen und Pflichten unterworfene junge Frau voller Sehnsucht nach Erfüllung. Dominiert wird ihr Leben von einem konturlosen, zeugungsunfähigen und gewalttätigen Ehemann, seinem patriarchalen Vater Boris und einer Gesellschaft, die sie auf Schritt und Tritt mit ihren Blicken zu verfolgen und zu kontrollieren trachtet. Da kommt ihr der neue Landarbeiter Sergej gerade recht und gerät zur Projektionsfläche für alles, was sie zu vermissen scheint. Die Irritationen um das Thema Liebe, Gewalt und Leidenschaft nehmen ihren verhängnisvollen Verlauf. Katerina lügt, hintergeht, betrügt und mordet, und doch wird sie zur Sympathieträgerin des nihilistischen Dramas. Mit jedem vordergründigen Befreiungsschritt erreicht sie das Gegenteil. Scheinen ihre Fesseln gelöst, wird sie von der einmal entfesselten Dynamik der Handlung wieder eingeholt. Stück für Stück brechen die Strukturen um sie herum zusammen. Eigentlich nur auf der Suche nach ein wenig Liebe, entfesselt sich ein gnadenloser Sog aus Bespitzelung, Betrug und Brutalität, der alles und jeden zu verschlingen scheint. Das menschlichste Verlangen wird ins Unmenschlichste verwandelt.

Das Regieteam um Stöppler legt den Hauptfokus auf die schonungslose Darstellung der handelnden Personen und das sie bedingende System. Es ließe sich annehmen, dass auf solche Weise Psychogramme sichtbar, verstehbar und interpretierbar gemacht werden. Allerdings bleibt es bei einer oberflächlichen Dekonstruktion des doch so komplexen Inhalts eines Meisterwerks des 20. Jahrhunderts. Und wäre da nicht die geniale, bedingungslose Musik, wäre alles nichts.
Es ist an diesem Abend die Musik, die den Zuschauer mit auf die Reise in die Hölle nimmt. Es gibt kein Entrinnen aus den gewaltigen, teilweise monströsen Klängen, die den Zuhörer in ihren Bann schlagen. Die Inszenierung in Düsseldorf braucht über drei Stunden, um den Niedergang alles Menschlichen zu bebildern und zu vertonen. Trotz grassierender Grippewelle ist es im voll besetzten Zuschauerraum auffällig still: kein Hüsteln, kein Niesen, kein Ächzen der Stühle. Das Premierenpublikum verfolgt das eruptive Bühnendrama hochkonzentriert und lässt sich von der Musik Schostakowitschs bis an die Schmerzgrenzen führen. Dreimal manifestiert sich das orchestrale Blech in direkter Nähe zum Zuschauerraum. Mit Posaunen und Trompeten von der Vorderbühne und dem dritten Balkon bricht die Wucht der Partitur über die Zuschauer herein. Die Dezibelzahlen im Parkett sind mit Sicherheit grenzwertig. Viele Besucher fassen sich an die Ohren und dennoch bleibt eine Intensität, wie man sie selten erleben kann. Was für ein Luxus, sich angesichts des menschlichen Niedergangs, all seiner Entbehrungen und Qualen über Ohrenschmerzen beklagen zu wollen.
Der Abend ist elementar, archaisch, eigentlich zutiefst verstörend und dennoch transportiert die Musik Schostakowitschs die Gefühlswelten zwischen höchstem Glück und tiefsten Abgründen so fesselnd und so emotional. Der opulente Orchesterklang der Partitur vermag mit allem aufzuwarten, was in der Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Eindruck gemacht hat. Einem Füllhorn gleich bedient sich der Komponist unterschiedlicher Musikstile: von Walzer und Polka, über Operette und Passacaglia, Zirkus- und Stummfilmmusik bis hin zu verschiedensten Referenzen an Kompositionen Richard Wagners, Richard Strauss‘ und Alban Bergs, um nur einige zu nennen. So zart, verträumt und romantisch die Musik auf der einen Seite erscheint, so vehement und fordernd ist sie in den Momenten des entfesselten Zusammenspiels aller beteiligten Instrumente im so reich ausgestatteten Repertoire des Orchestergrabens.
Schließt man die Augen und gibt sich nur der Musik hin, hat man alle Bilder dieser musikalischen Tragödie vor Augen. Intensiver als die Musik vermag eine Bebilderung kaum zu sein.
Und so kommt die aktuelle Inszenierung in Düsseldorf doch einigermaßen blutleer daher. Der gestylte, reduzierte Bühnenraum bleibt leere Hülle für all das, was Leben ausmacht und ausmachen kann. Dabei stört sie nicht wirklich, ist reich an sich ständig verändernden Ein- und Durchblicken auf die langsam vor sich hin rotierende Bühne. Im dritten Akt nach der Pause erfährt das Bühnengeschehen mit den von Su Sigmund entworfenen Kostümen für Katerina und Sergej noch einmal eine erfrischende Dynamik. Beide mit Attrappen üppiger Attribute Ihrer Geschlechtlichkeit ausgestattet, vereinen sie für einen Moment auch die optische Aufmerksamkeit. Die Erscheinung Katerinas in den architektonischen Fluchten der Hochzeitsszene, anstelle eines Brautkleids nur mit einem Reifrock bekleidet, fasziniert. Einer Offenbachschen Olympia gleich bewegt sie sich mechanisch und zusehends entmenschlicht. Die Entmenschlichung kulminiert in den Szenen des Gefangenenmarsches in den Gulag. Hier wird final noch einmal deutlich, wie menschliche Verrohung alles in Frage stellt, was innerhalb unseres sicher geglaubten Koordinatensystems bislang verlässlich und wichtig erschien. Aktueller könnte die Produktion der Lady Macbeth von Mzensk gar nicht sein. Und es ist nicht das ambitionierte Regiekonzept, sondern das aktuelle Zeitgeschehen selbst, das deutlich macht, wie tief verwundbar die Menschheit im Individuellen wie im Kollektiven ist.
Es ist genau diese Erkenntnis, die die Premierenerfahrung so knisternd und unmittelbar geraten lässt. Da stören auch einige wenige, aufgesetzt erscheinende Regieeinfälle nicht, wie der weiße Steppmantel des Popen im Stil des KI-generierten Franziskusfotos oder der Waschmaschinenblock mit gefüllten und rotierenden Trommeln, vor denen Gutsherr Boris sitzt und sich wie Mogli im Dschungelbuch von der Schlange Kaa hypnotisieren lässt.
Den für die Handlung und dessen Verständnis so entscheidenden sexuellen Szenen wird natürlich viel Raum geschenkt. Was wäre die Lady Macbeth von Mzensk auch ohne lodernde Leidenschaft und ultimativer Obsession. Aber auch hier bleibt das, was auf der Bühne drastisch anschaulich gemacht wird, weit hinter dem zurück, was die Musik Schostakowitschs in der Lage ist auszudrücken. Wurde er doch als „ranghöchster Komponist pornografischer Musik in der Geschichte der Kunst“ bezeichnet.
Das endzeitliche Finale ist in der Opern-Rezeption durchaus variabel. Das auf der Erzählung von Nikolay Leskow beruhende Libretto sieht den selbstbestimmten Freitod Katerinas vor, bei dem sie ihre Nebenbuhlerin Sonjetka mit in den Tod reißt. In der stimmigen Interpretation von Michael Schulz in der Koproduktion des Musiktheaters im Revier und dem Staatstheater Kassel erdrosselt Katarina sie mit einem Strumpf und wird daraufhin vom Polizeichef erschossen. In Düsseldorf scheint die Wiedererweckung einer geläuterten Katarina im Mittelpunkt zu stehen. Die totgeglaubten Rivalinnen stehen wieder auf und reihen sich ein in die Phalanx der Choristen, die unisono das glutrote Kleid der noch unschuldigen Katarina tragen. Wohl ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht, dass scheinbar unausweichliche Konsequenzen doch Alternativen in sich bergen. Angesichts der so radikal realistischen Auseinandersetzung mit dem Thema eine ganz erstaunliche Perspektive. Aber die Hoffnung stirbt wohl zuletzt.
Und so möchte das Premierenpublikum an diesem Abend das engagiert erarbeitete Regiekonzept nicht goutieren. Neben zahlreichen, teils heftigen Buhs für das Regieteam nicht mehr als höflicher Beifall.
Ganz anders hingegen die musikalische Seite des Abends: Überragend das Protagonisten-Terzett Izabela Matula als Katerina Ismailowa, Sergey Polyakov als Sergej und Andreas Bauer Kanabas als Boris Ismailow.

Nach Tosca und Micaëla debütiert Matula an der Rheinoper als Lady Macbeth von Mzensk und begeistert. Die Rolle verlangt nach einem breiten Spektrum stimmlicher Ausdruckskraft. Die Höhenunterschiede sind enorm. Die Variationen von zartem Schmelz bis hin zu hochdramatischem Forte groß und außerordentlich anspruchsvoll. Stimmlich und auch darstellerisch bleibt sie ihrer Rolle nichts schuldig. Kongenial an ihrer Seite Polyakov als draufgängerischer, gewissenloser Schürzenjäger. Seit seinem Rollendebüt 2015 an der Deutschen Oper Berlin konnte er seine Tenorstimme konsequent weiterentwickeln und ist mittlerweile eine glänzende Besetzung für die Rolle. Auch als Bühnenpersönlichkeit außerordentlich spielfreudig und glaubhaft. Dazu trägt auch bei, dass es sich um den einzigen Muttersprachler handelt, was angesichts der russischen Gesangsphonetik nicht unwesentlich ist. Ungeachtet der kleinen Mätzchen beim Schlussvorhang eine absolute Bereicherung. Getragen wird der Abend stimmlich neben Matula vor allem von Kanabas, der das Premierenpublikum mit seinem sonoren, äußerst kultivierten Bass elektrisiert. Die authentische Darstellung des Patriarchen Boris Ismailow ist einfach grandios.
Neben diesen drei internationalen Gästen sind die zahlreichen Nebenrollen aus dem Ensemble der Rheinoper besetzt. Allen voran Tenor Jussi Myllys, der Katarinas Ehemann eine glaubhafte Hülle verleiht. Seit über 20 Jahren singt er in Düsseldorf zahlreiche Rollen zunehmend mit Bravour. Anke Krabbe als Aksinja und Maria Polanska als Sonjetka setzen jeweils eigene Akzente und verleihen ihren Rollen stimmlichen Ausdruck und darstellerisches Charisma. Etwas blass hingegen Sergej Khomov als der Schäbige. Es ist stets eine große Herausforderung, die Balance zwischen Orchester und Gesangsolisten zu halten. Die Lady Macbeth von Mzensk ist da auch besonders tückisch. An diesem Abend kann Khomov sein Material nicht in der erforderlichen Weise vermitteln. Ambivalent auch die Leistung von Torben Jürgens als Hausknecht und alter Zwangsarbeiter. Während er in der ersten Rolle noch angemessen agieren kann, stößt er in der sehr viel komplexeren Partie des Zwangsarbeiters gelegentlich an seine Grenzen. Darstellerisch überzeugt er vollumfänglich. Besonders zu erwähnen ist die Besetzung des Popen von Beniamin Pop. Sein geschmeidiger Bariton behauptet sich ganz wunderbar im akustischen Wettstreit und vermag für sich einzunehmen. Valentin Ruckebier als Verwalter und Thorsten Grümbel als Polizeichef sind adäquat besetzt und vor allem der Letztgenannte beeindruckt mit schauspielerischem Können.
Der Chor der Rheinoper ist erwartungsgemäß überragender Bestandteil der Gesamtproduktion. Lediglich in der Hochzeitsszene gibt es einige wenige Koordinierungsprobleme, die aber letztlich wohl dem großen physischen Einsatz geschuldet sind.
Zusammengehalten wird der Abend durch die hervorragend disponierten Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Vitali Alekseenok. Im Zusammenspiel von Orchester, Chor und Solisten entfaltet er einen akustischen Klangteppich voller variationsfreudiger Opulenz, von zartester Sinnlichkeit bis hin zu schier berstender Intensität. Es ist eine Meisterleistung, den großen Apparat durch die so anspruchsvolle und facettenreiche Partitur zu führen.
Frenetischer Applaus für die musikalische Seite des Abends, die die finstere Parabel Schostakowitschs auf beeindruckende Weise umgesetzt und für das Publikum zugänglich gemacht hat. Es scheint, als habe man sehr wohl die eindringliche akustische Warnung an die Menschheit wahrgenommen.
Bernd Lausberg