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Foto © Michael Zerban

Hoffnungsschimmer in Krisenzeiten

MIT 88 TASTEN UM DIE WELT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
22. Februar 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Palais Wittgen­stein, Düsseldorf

Einmal im Jahr lädt der Verein Flücht­linge willkommen in Düsseldorf zu einem Benefiz­konzert ein, um Geld für die eigene Arbeit einzu­sammeln. Dazu stellt ihm die Stadt Düsseldorf den Konzertsaal im Palais Wittgen­stein zur Verfügung. Das hat seit vielen Jahren Tradition, erfreut sich beim Publikum größter Beliebtheit und so ist der Saal auch heute Abend wieder bis auf den letzten Platz besucht. Und das trotz eines Programms, von dem man sich ausrechnen kann, dass unter drei Stunden kein Ende abzusehen ist. Für die Programm­ge­staltung zeichnet Jeremias Mameghani verant­wortlich. Der Rechts­anwalt und Pianist darf dabei auf einen Kreis an Künstlern rechnen, die teils seit vielen Jahren dabei sind, aber eben auch immer wieder neu dazustoßen.

Seit dem ersten Konzert 2015 hat sich das Klima für die Flücht­linge deutlich verschärft. Willkom­mens­kultur gilt inzwi­schen als Unwort, und Rechts­po­pu­listen dürfen mittler­weile krimi­nelle Aktionen von auslän­di­schen Einzel­tätern im Bundestag dazu nutzen, zur Missachtung des geltenden Asylrechts aufzu­rufen. Hielt der Oberbür­ger­meister der Stadt vor zwei Jahren noch ein Grußwort für angebracht, lässt er sich heute Abend lieber bei einer karne­va­lis­ti­schen Prunk­sitzung blicken, anstatt erneut die Weltof­fenheit der Landes­haupt­stadt zu behaupten. Also ist es an Mameghani, in einer Mahnrede seiner Wut darüber Ausdruck zu verleihen, dass die Anwalts­kanzlei inzwi­schen von Menschen überrannt werde, die um ihren Aufenthalt in Deutschland fürchten, obwohl sie längst hier ihre neue Heimat gefunden zu haben glaubten. Einmal mehr wird deutlich: Nicht die Flücht­linge sind das Problem der Deutschen, sondern Politiker, die sie für ihre Machtgier missbrauchen. Und so sind auch an diesem Konzert­abend Optimismus und Unbeschwertheit einer bleiernen Schwere gewichen. Die Künstler haben also eine schwere Aufgabe vor sich, wenn sie erreichen wollen, dass die Menschen zumindest leich­teren Herzens den Heimweg antreten sollen. Robert Hotstegs moderiert den Abend.

Foto © Michael Zerban

Ievgenia Iermachkova eröffnet den musika­li­schen Teil mit Richard Wagners Tristans Liebestod in der Klavier­fassung von Franz Liszt. Die Pianistin wurde auf der Krim geboren, studierte an der Ukrai­ni­schen Natio­nalen Musik­aka­demie und absol­vierte ihren Master an der Hochschule Essen/​Duisburg. Heute lehrt sie an der Rubin­stein-Akademie in Düsseldorf, dem Beethoven-Konser­va­torium in Tegel und der Folkwang-Univer­sität in Essen. Corinna Hentschel-Stavi ist in Neuss geboren, studierte Violine in Rostock und London. Sie tritt weltweit in unter­schied­lichen Forma­tionen auf und lebt in Stuttgart. Mit Jeremias Mameghani verbindet sie eine jahre­lange Freund­schaft, und so treten die beiden häufig gemeinsam mitein­ander auf. Heute präsen­tieren sie zunächst Johann Sebastian Bachs Schafe können sicher weiden, Paul Ben-Haims Berceuse sfaradite und begeistern das Publikum mit John Williams Schindlers Liste.

Ebenfalls zu den langjäh­rigen Gästen gehören der Bariton Martin Lucaß und die Sopra­nistin Dinah Berowska, die zur Klavier­be­gleitung von Hajime Umetani Eri tu che macchiavi aus Giuseppe Verdis Un ballo in maschera und die Arie Vissi d’arte aus Giacomo Puccinis Oper Tosca inter­pre­tieren. Der Monolog „Ich lebte für die Kunst“ ist bis heute eng mit Maria Callas verbunden. Der Abend lebt durchaus von seinen Gegen­sätzen. Und so kommen die Besucher nach dem Ausflug ins Opernfach in den Genuss vierhän­digen Klavier­spiels. Anna Pashkovska stammt aus der Ukraine, wo sie Klavier studierte. Seit 2022 arbeitet sie als Klavier­leh­rerin in einem Kinder­garten und an der Musik­schule Benrath, einem Stadtteil von Düsseldorf. Auch Rem Tabach­nikov stammt aus Kiew. Nach dem Abschluss seines Klavier­stu­diums an der Ukrai­ni­schen Natio­nalen Musik­aka­demie kam er nach Deutschland und arbeitet ebenfalls an der Musik­schule Benrath. Gemeinsam inter­pre­tieren sie zunächst das ukrai­nische Volkslied Komm nicht zu mir, um anschließend mit Brahms in Salsa für großartige Stimmung zu sorgen. Ohne etwas gegen Musik­schulen zu haben, wirken die beiden deutlich überqualifiziert.

Foto © Michael Zerban

Nach der Pause ist ein „Überra­schungs­auf­tritt“ vorge­sehen. Der iranische Flüchtling Milad Torfi hat sich das Klavier­spiel selbst beigebracht. Er bringt eine fünfmi­nütige Impro­vi­sation zu Gehör, die Staunen macht. À la bonne heure. Anschließend zeigt Tabach­nikov seine Fähig­keiten als Klavier­be­gleiter. Maia Chkhaidze stammt aus Georgien, hat dort Gesang studiert und arbeitet heute ebenfalls an einer Musik­schule in Düsseldorf. Sie überzeugt das Publikum mit vier Stücken. Aus Mozarts Don Giovanni erklingt Vedrei carino, von Robert Schumann gibt es Erstes Grün, Johannes Brahms‘ Mädchenlied und Khuri Ugde Sakart­velos des georgi­schen Kompo­nisten Rewas Laghidse beschließen den Vortrag. Die jüngsten Nachwuchs­ta­lente des Abends sind Sofiia Tretiak und Veronika Ittermann. Die beiden haben sich bei ihrem Studium an der Robert-Schumann-Hochschule kennen­ge­lernt. Die 21-jährige Ittermann ist für Musik­päd­agogik einge­schrieben, die 19-jährige Tretiak studiert Geige. Sie kommt aus Kiew, und ihre Fähig­keiten, die sie im ersten Satz der Violin­sonate Nr. 1 in d‑Moll von Camille Saint-Saëns und dem Frühlings­morgen von Lili Boulanger zeigt, lassen aufhorchen.

Einen weiteren gesang­lichen Höhepunkt setzen Berkovska und Lucaß mit dem Duett Wie aus der Ferne aus Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Klavier­be­gleitung von Umetani. Und für den Ausklang des Abends hat sich Mameghani den Auftritt zweier weiterer begna­deter Musiker vorbe­halten. Ani Ter-Marti­rosyan muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Die armenische Pianistin legt zurecht eine glänzende Karriere hin. Heute tritt sie gemeinsam mit Joachim Birman auf. Der ist in Nordamerika als Sohn franzö­si­scher Eltern geboren. Seine musika­lische Ausbildung begann er in Marseille mit Gesang und Solfège, studierte Kontrabass und Kompo­sition. Seine Leiden­schaft für den Gesang, so erzählt er, veran­lasste ihn schließlich, Cello zu studieren. Eine gute Entscheidung, würden die Besucher heute Abend sagen. Die beiden beginnen mit dem Impromptu von Alexander Arutjunjan, einem armeni­schen Kompo­nisten, um dann mit der Cello­sonate in D‑Dur von Ludwig van Beethoven zu brillieren.

Nach mehr als drei Stunden geht das diesjährige Benefiz­konzert zugunsten des Vereins Flücht­linge willkommen in Düsseldorf zu Ende. Nicht alle Besucher haben bis zum Ende durch­ge­halten. Aber die Botschaft des Abends werden auch die mitge­nommen haben, die nach anderthalb Stunden gegangen sind. Ohne die Menschen, die nach Deutschland kommen, um hier eine neue Heimat zu finden, hätte der heutige Abend nicht statt­finden können. Wer deutsche Grenzen schließen will, will den Deutschen die kultu­relle Vielfalt der Welt vorenthalten.

Michael S. Zerban

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