O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
MIT 88 TASTEN UM DIE WELT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
22. Februar 2025
(Einmalige Aufführung)
Einmal im Jahr lädt der Verein Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf zu einem Benefizkonzert ein, um Geld für die eigene Arbeit einzusammeln. Dazu stellt ihm die Stadt Düsseldorf den Konzertsaal im Palais Wittgenstein zur Verfügung. Das hat seit vielen Jahren Tradition, erfreut sich beim Publikum größter Beliebtheit und so ist der Saal auch heute Abend wieder bis auf den letzten Platz besucht. Und das trotz eines Programms, von dem man sich ausrechnen kann, dass unter drei Stunden kein Ende abzusehen ist. Für die Programmgestaltung zeichnet Jeremias Mameghani verantwortlich. Der Rechtsanwalt und Pianist darf dabei auf einen Kreis an Künstlern rechnen, die teils seit vielen Jahren dabei sind, aber eben auch immer wieder neu dazustoßen.
Seit dem ersten Konzert 2015 hat sich das Klima für die Flüchtlinge deutlich verschärft. Willkommenskultur gilt inzwischen als Unwort, und Rechtspopulisten dürfen mittlerweile kriminelle Aktionen von ausländischen Einzeltätern im Bundestag dazu nutzen, zur Missachtung des geltenden Asylrechts aufzurufen. Hielt der Oberbürgermeister der Stadt vor zwei Jahren noch ein Grußwort für angebracht, lässt er sich heute Abend lieber bei einer karnevalistischen Prunksitzung blicken, anstatt erneut die Weltoffenheit der Landeshauptstadt zu behaupten. Also ist es an Mameghani, in einer Mahnrede seiner Wut darüber Ausdruck zu verleihen, dass die Anwaltskanzlei inzwischen von Menschen überrannt werde, die um ihren Aufenthalt in Deutschland fürchten, obwohl sie längst hier ihre neue Heimat gefunden zu haben glaubten. Einmal mehr wird deutlich: Nicht die Flüchtlinge sind das Problem der Deutschen, sondern Politiker, die sie für ihre Machtgier missbrauchen. Und so sind auch an diesem Konzertabend Optimismus und Unbeschwertheit einer bleiernen Schwere gewichen. Die Künstler haben also eine schwere Aufgabe vor sich, wenn sie erreichen wollen, dass die Menschen zumindest leichteren Herzens den Heimweg antreten sollen. Robert Hotstegs moderiert den Abend.

Ievgenia Iermachkova eröffnet den musikalischen Teil mit Richard Wagners Tristans Liebestod in der Klavierfassung von Franz Liszt. Die Pianistin wurde auf der Krim geboren, studierte an der Ukrainischen Nationalen Musikakademie und absolvierte ihren Master an der Hochschule Essen/Duisburg. Heute lehrt sie an der Rubinstein-Akademie in Düsseldorf, dem Beethoven-Konservatorium in Tegel und der Folkwang-Universität in Essen. Corinna Hentschel-Stavi ist in Neuss geboren, studierte Violine in Rostock und London. Sie tritt weltweit in unterschiedlichen Formationen auf und lebt in Stuttgart. Mit Jeremias Mameghani verbindet sie eine jahrelange Freundschaft, und so treten die beiden häufig gemeinsam miteinander auf. Heute präsentieren sie zunächst Johann Sebastian Bachs Schafe können sicher weiden, Paul Ben-Haims Berceuse sfaradite und begeistern das Publikum mit John Williams Schindlers Liste.
Ebenfalls zu den langjährigen Gästen gehören der Bariton Martin Lucaß und die Sopranistin Dinah Berowska, die zur Klavierbegleitung von Hajime Umetani Eri tu che macchiavi aus Giuseppe Verdis Un ballo in maschera und die Arie Vissi d’arte aus Giacomo Puccinis Oper Tosca interpretieren. Der Monolog „Ich lebte für die Kunst“ ist bis heute eng mit Maria Callas verbunden. Der Abend lebt durchaus von seinen Gegensätzen. Und so kommen die Besucher nach dem Ausflug ins Opernfach in den Genuss vierhändigen Klavierspiels. Anna Pashkovska stammt aus der Ukraine, wo sie Klavier studierte. Seit 2022 arbeitet sie als Klavierlehrerin in einem Kindergarten und an der Musikschule Benrath, einem Stadtteil von Düsseldorf. Auch Rem Tabachnikov stammt aus Kiew. Nach dem Abschluss seines Klavierstudiums an der Ukrainischen Nationalen Musikakademie kam er nach Deutschland und arbeitet ebenfalls an der Musikschule Benrath. Gemeinsam interpretieren sie zunächst das ukrainische Volkslied Komm nicht zu mir, um anschließend mit Brahms in Salsa für großartige Stimmung zu sorgen. Ohne etwas gegen Musikschulen zu haben, wirken die beiden deutlich überqualifiziert.

Nach der Pause ist ein „Überraschungsauftritt“ vorgesehen. Der iranische Flüchtling Milad Torfi hat sich das Klavierspiel selbst beigebracht. Er bringt eine fünfminütige Improvisation zu Gehör, die Staunen macht. À la bonne heure. Anschließend zeigt Tabachnikov seine Fähigkeiten als Klavierbegleiter. Maia Chkhaidze stammt aus Georgien, hat dort Gesang studiert und arbeitet heute ebenfalls an einer Musikschule in Düsseldorf. Sie überzeugt das Publikum mit vier Stücken. Aus Mozarts Don Giovanni erklingt Vedrei carino, von Robert Schumann gibt es Erstes Grün, Johannes Brahms‘ Mädchenlied und Khuri Ugde Sakartvelos des georgischen Komponisten Rewas Laghidse beschließen den Vortrag. Die jüngsten Nachwuchstalente des Abends sind Sofiia Tretiak und Veronika Ittermann. Die beiden haben sich bei ihrem Studium an der Robert-Schumann-Hochschule kennengelernt. Die 21-jährige Ittermann ist für Musikpädagogik eingeschrieben, die 19-jährige Tretiak studiert Geige. Sie kommt aus Kiew, und ihre Fähigkeiten, die sie im ersten Satz der Violinsonate Nr. 1 in d‑Moll von Camille Saint-Saëns und dem Frühlingsmorgen von Lili Boulanger zeigt, lassen aufhorchen.
Einen weiteren gesanglichen Höhepunkt setzen Berkovska und Lucaß mit dem Duett Wie aus der Ferne aus Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Klavierbegleitung von Umetani. Und für den Ausklang des Abends hat sich Mameghani den Auftritt zweier weiterer begnadeter Musiker vorbehalten. Ani Ter-Martirosyan muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Die armenische Pianistin legt zurecht eine glänzende Karriere hin. Heute tritt sie gemeinsam mit Joachim Birman auf. Der ist in Nordamerika als Sohn französischer Eltern geboren. Seine musikalische Ausbildung begann er in Marseille mit Gesang und Solfège, studierte Kontrabass und Komposition. Seine Leidenschaft für den Gesang, so erzählt er, veranlasste ihn schließlich, Cello zu studieren. Eine gute Entscheidung, würden die Besucher heute Abend sagen. Die beiden beginnen mit dem Impromptu von Alexander Arutjunjan, einem armenischen Komponisten, um dann mit der Cellosonate in D‑Dur von Ludwig van Beethoven zu brillieren.
Nach mehr als drei Stunden geht das diesjährige Benefizkonzert zugunsten des Vereins Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf zu Ende. Nicht alle Besucher haben bis zum Ende durchgehalten. Aber die Botschaft des Abends werden auch die mitgenommen haben, die nach anderthalb Stunden gegangen sind. Ohne die Menschen, die nach Deutschland kommen, um hier eine neue Heimat zu finden, hätte der heutige Abend nicht stattfinden können. Wer deutsche Grenzen schließen will, will den Deutschen die kulturelle Vielfalt der Welt vorenthalten.
Michael S. Zerban