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Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Thomas Jauk

Narzisstische Objektbeziehungen

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
20. Februar 2025
(Premiere am 7. Mai 2017)

 

Deutsche Oper Berlin

Christian Spuck, 2023 als Intendant des Staats­bal­letts Berlin erfolg­reich mit Madame Bovary gestartet, bleibt mit seiner 2017 noch als Zürcher Ballett­di­rektor insze­nierten Oper Der Fliegende Holländer in einer genre­über­grei­fenden Erfolgsspur.

Richard Wagners Oper, von Heinrich Heines düster roman­ti­scher Schau­er­ge­schichte Aus den Memoiren des Herren von Schna­bele­wopski inspi­riert, gehört für viele Opern­bühnen zum Standard­re­per­toire. Jetzt wieder an der Deutschen Oper Berlin mit der 18. Aufführung von Spuck. Nichts Neues, oder? Er wider­steht mit seiner Insze­nierung nicht nur der Versu­chung, sturm­ge­peitschte Gespens­ter­schiffe mit blähenden Segeln auf die Bühne zu hieven. Er fokus­siert Erik in seiner Perspektive „als der einzig wahre und real Liebende“ im Unter­schied zu den „narziss­ti­schen Spiege­lungen und Projek­tionen von Senta und dem Holländer“. In Spucks psycho­ana­ly­ti­scher Lesart eine proble­ma­tische, „narziss­tische Objekt­be­ziehung“.

Das im Holländer erstmals aufschei­nende Wagnersche Ur-Thema von der Sehnsucht nach Heimat, Liebe und Erlösung, das im Parsifal und im Ring seine künst­le­rische Vollendung findet, theatra­li­siert Spuck jenseits jedweder Seefah­rer­ro­mantik. Er folgt Wagners Idee von einem anderen Musik­theater als der bis dahin gängigen Nummernoper. Was sich Wagner program­ma­tisch auf die Fahne geschrieben hat, nämlich Beethovens Sinfonik auf eine Szenenoper zu übertragen und mit ihr innere Vorgänge musika­lisch darzu­stellen, dem fühlt sich Spuck mit seiner Insze­nierung verpflichtet.

Inspi­riert von seiner Zürcher künst­le­ri­schen Umgebung zur damaligen Zeit assoziiert er mit dem Bühnenbild von Rufus Didwiszus offen­sichtlich Arbeiten der Schwei­ze­ri­schen skulp­tural arbei­tenden Perfor­mance-Künst­lerin Heidi Buche, die 1993 verstarb. Ihre bildkünst­le­rische Idee, von mit Folie-Stoff abgehängten Wänden Erinne­rungs­fetzen als so genannte Abhäu­tungen aufzu­fangen, übersetzt DidwiszusBühne mit aus montierten Segeln gebauten Raumstruk­turen. Anker­punkte der Erinnerung von Erik, den nach Spuck einzig sensibel empfin­denden Menschen in der von Wagner so formu­lierten roman­ti­schen Oper.

Im Nebel zu Beginn ist ein rätsel­hafter Seemannsgarn-Haufen zu sehen. Hinter riesig dimen­sio­nierten Türen einer maroden Villa öffnet sich ein nebulöses Nichts. Vom undichten Dach tropft Regen unauf­hörlich auf den Boden. Eine riesige Pfütze bildet eine Barriere. Alle Protago­nisten müssen da durch. Erik, emotional teilnehmend ununter­brochen auf der Bühne bis weit in den zweiten Akt hinein, ohne als Sänger aktiv zu werden, versucht vergeblich, die Türen zu öffnen. Wasser­spritzer im Gesicht und auf dem Körper perlen wie Tränen auf seine nassen Füße. Seine Gefühlswelt krümmt sich in ihm zu einem nassen Bündel des Leidens.

Die Segel­tuch­plane hebt sich. Unter ihr verborgen Nähma­schinen, der Produk­ti­ons­platz der wartenden Frauen. Die unter­schied­lichen Ansprüche, wie Leben gelingen könnte oder schon Lebens­praxis ist, werden zwischen den Seefahrern respektive den zufrie­denen Angestellten und ihren Frauen sowie Senta frühzeitig deutlich. Alle scheinen mit dem Gang der Dinge, so wie sie schon immer verlässlich liefen, zufrieden zu sein. Allein Senta ahnt, dass ihr das nicht genügen könne. Sie ist mit dem Bild und der damit verbun­denen Erzählung vom leidenden Holländer, von einer roman­ti­schen Sehnsucht nach dem Anderen, nach einem Leben jenseits einer durch und durch materia­lis­ti­schen, auf Profit­ma­xi­mierung ausge­rich­teten Welt ergriffen.

Foto © Thomas Jauk

John Fiore, zuletzt am Haus der Deutschen Oper als Einspringer vielfach gelobt, kann sich seiner eigenen Aussage nach auf den Wagner-Klang als Teil der DNA des Orchesters der Deutschen Oper Berlin verlassen. Energisch zupackend, akzen­tu­ierte Pausen setzend, mobili­siert sein die Kontraste betonendes Dirigat das Orchester zu einer klang­dif­fe­ren­zie­renden Inter­pre­tation. Ein Wagner-Klang-Kosmos entfaltet sich, bei dem nicht unbedingt wichtig ist, wo sich die Insze­nierung gerade befindet. Ein Triumph der Musik mit eindrucks­vollem Blech und farbigen Strei­chern sowie fein abgestimmten Holzbläsern sorgt für einen orchestral überzeu­genden Klang.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin von Jeremy Bines mit klang­mäch­tiger, choreo­gra­fisch organi­sierter Furore trainiert, singt und spielt klang­farbig szenen­ge­recht. Der Männerchor der Seeleute setzt mannhaft zugespitzte Akzente. Für Momente droht die Bühnen­kon­struktion unter dem gewal­tigen Aufdröhnen zu schwanken. Der Frauenchor in der Spinn­stube lässt die Nähma­schinen in saumse­liger Träumerei leise rattern.

Das Solis­ten­en­semble brilliert mit sprech­deut­licher Inter­pre­tation. Derek Weltons Bassba­riton als Holländer fehlt die Deutlichkeit zwar, aber seine kulti­viert dunkle Färbung, gepaart mit überwäl­ti­gender Bühnen­präsenz, zeichnet einen Holländer von Schrot und Korn, ohne Wenn und Aber. Schmerz­verzagt ob seiner endlosen Irrfahrten einer­seits, ohnmächtig sein Schicksal auf sich nehmend, und anderer­seits auf die rettende Liebe eines Engels wie Senta hoffend, ist der Bassba­riton in jeder Situation empathisch authentisch.

Welton, mit einer Statur von eindring­licher Präsenz, singt zusammen mit Gabriela Scherer in den Duett-Passagen des zweiten Aktes – Er steht vor mir mit leiden­vollen Zügen – als würden sie um ihr Leben und sich gleichsam die Seele aus ihrem Körper singen. Scherer charak­te­ri­siert mit omniprä­senter Weiblichkeit die Sentawie immer wieder zu hören die erste Exzen­tri­kerin der Oper – selbst­gewiss davon überzeugt, ihren Weg so und nicht anders gehen zu müssen. Ihr drama­tisch wie frisch strah­lender Sopran zeichnet noch in der letzten Todes­kon­se­quenz eine selbst­be­wusste Frau. Glocken­artige Fanfa­rentöne in der Eröffnung der Ballade und die Wärme für das Erlösungs­motiv mitein­ander verbindend. Eine Senta mit ihrem ganzen Herzblut, ihr Sopran auch in den Spitzen präzis und klar.

Kieran Carrel als Erik in einem langen Warte­stand, mögli­cher­weise vertreten durch ein Double, ausharrend, charak­te­ri­siert den in Liebe verzwei­felten Charakter mit einem leuch­tenden Tenor klang­farbig diffe­ren­zierend. Tobias Kehrer entwi­ckelt die Figur des Daland in einer Melange aus Naivität und Geldgier. Kehrer, ein verlässlich artiku­lie­render Daland in seiner ganzen Zwiespältigkeit.

Aufge­hoben und getragen von einem geradezu tänze­risch beweg­lichen Orchester, zaubert Fiore einen teilweise übersinn­lichen, orgias­tisch anmutenden Wagner-Klang.

Langan­hal­tender Beifall nach 140 Minuten Dauer­spannung für das Ohr und die Gesäßmuskeln.

Peter E. Rytz

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