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NOCTURNE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
1. März 2025
(Einmalige Aufführung)
Vittoria Quartararo hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass sie zu den hervorragenden Ausnahmeerscheinungen in der Klavier-Welt gehört. Sie zieht musiktheatralische Aufführungen und genreübergreifende Formate den Auftritten auf den Bühnen der herkömmlichen Konzertbühnen vor, wartet immer wieder mit außergewöhnlichen Programmen an Spielstätten auf, die eigentlich nicht als solche gedacht sind. Musiktheater in leerstehenden Fabrikhallen, Konzerte in Verbindung mit bildender Kunst in Museen sind nur zwei Beispiele ihrer sprühenden Fantasie. Nach der letzten Konzertreihe Vogel und Feder Ende 2022 ist es um die Verfechterin neuer Musik in Deutschland still geworden. Aus gutem Grund, wie sie selbst im persönlichen Gespräch erzählt. Inzwischen ist sie in Frankreich, insbesondere in Paris, beruflich so erfolgreich, dass ihr schlicht kaum noch Zeit für Auftritte in der Heimat bleibt.
Jetzt hat das Theater an der Ruhr sie zum Festival Geheimnis 2 eingeladen, das vom 7. Februar bis zum 15. März stattfindet. Ein Konzert im Foyer des Theaters soll es werden, gleich im Anschluss an eine Theateraufführung. Das Foyer ist kaum wiederzuerkennen. Die Bar in der Ecke ist genauso verschwunden wie die Bühne. Neben ein paar Tischen, an denen früher die Gäste Platz genommen haben, um vor einer Vorstellung etwas zu trinken, sind jetzt zahlreiche Sitzreihen aufgestellt. Im Zentrum stehen zwei Tische mit Lampen und ein Tisch mit Computerzubehör, ein Stutzflügel, an der Längswand davor ist eine Leinwand für Projektionen aufgehängt.

Beglückend aus Quartararos Sicht ist, dass sie die beiden Künstlerinnen Katharina Huber und Anna Lytton erneut für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. Huber arbeitet nach ihrem Studium in Köln und London als Malerin und Filmemacherin, Lytton studierte Grafikdesign in den Niederlanden und Medienkunst in Köln, arbeitet heute als visuelle Künstlerin ebenfalls in Köln. Die beiden waren bereits beim Vogel-und-Feder-Programm dabei. Heute Abend verwenden sie dieselbe Technik. Unter den beiden Glastischen, an denen die Künstlerinnen kurz vor Beginn der Aufführung Platz nehmen, sind Kameras aufgebaut, die das Geschehen auf der Glasplatte einfangen. Mittels eines Steuergeräts kann Lytton entscheiden, ob sie das Live-Geschehen, bereits vorhandenes Material oder beides in verschiedenen Ebenen auf der Leinwand zeigt. Huber und Lytton malen heute, anders als bei Vogel und Feder, ausschließlich mit schwarzer Aquarellfarbe. Während sich Huber auf filigrane Striche beschränkt, ist Lytton für den flächigen Auftrag zuständig. Noch vor Ende des Konzerts werden so viele Bilder entstanden sein, dass sie für eine eigene Ausstellung ausreichten. Wenn Quartararo über einen Zauberer sprechen wird, werden die beiden von ihren abstrakten Malereien ablassen und mit Worten spielen, um die kurze Rede der Pianistin nachhallen zu lassen.
Zunächst aber heißt es erst mal für die Besucher, die aus der vorhergehenden Aufführung im Theatersaal strömen, im Foyer Platz zu nehmen. Derweil erklingt aus den vier Lautsprechern, die für einen wunderbar räumlichen Klang sorgen, The Sun Can’t Compare, Disco-House-Musik, die Quartararo selbst eingespielt und mit Improvisationen auf dem Cristal Baschet angereichert hat. Das Cristal Baschet ist ein Instrument, das auf dem Euphon von 1789 basiert. 1952 haben es die Brüder Bernard und François Baschet wiederentdeckt und neu gebaut. Beim Gebrauch reiben feuchte Finger über Glasstäbe, die die entstehenden Schwingungen an Metall übertragen. Quartararo hat sich damit und mit anderen Instrumenten der Brüder Baschet viel in Paris beschäftigt und ist von deren Möglichkeiten bis heute begeistert. Wenn die Pianistin mit eigenen Improvisationen allmählich die ausblendenden Klänge von der Festplatte ablöst, kann die eigentliche Aufführung von Musik und Malerei unter dem Titel Nocturne beginnen.

Unter einem Nocturne oder Notturno, zu Deutsch Nachtstück, versteht man eine Musikform, die in ihrer Besetzung und Satzstruktur nicht festgelegt ist. Bezog sich in der Klassik der Name eher auf den abendlichen Aufführungsrahmen, wurde daraus in der Romantik ein Charakterstück, meist für das Klavier bestimmt. Berühmt wurden die 21 Nocturnes von Frédéric Chopin. Die drei Künstlerinnen in Mülheim wollen den Begriff erweitern, die Besucher in eine Zwischenwelt der Dunkelheit entführen. Und dazu erscheint der Ausflug zu Leoš Janáček mehr als passend. Der hatte im Frühjahr 1912 seinen vierteiligen Klavierzyklus Im Nebel als sein letztes größeres Klavierwerk geschaffen. Aus dem ersten Teil Auf verwachsenem Pfade trägt Quartararo unter anderem vier Titel vor: Naše večery, Frýdecká panna Maria, Dobrou noc! und Sýček ještě neodletěl! Gleichsam düsterer und mystischer noch erklingen die nächsten Stücke von Henri Dutilleux. Der französische Komponist wurde 97 Jahre alt. Bis ins hohe Alter komponierte er, unter anderem auch Klavier-Solo-Werke, die Quartararo 2021 komplett einspielte. Heute Abend wählt sie daraus die Trois Préludes, die sie zu ihren Lieblingsstücken erklärt hat: D’ombre et de silence, Sur un même accord und Le jeu de contraires. Beim Vortrag weiß man oft gar nicht, wohin man eigentlich lieber schaut. Auf die Aktivitäten auf der Leinwand, auf der immer wieder die Umrisse von Händen aufscheinen, die neue Gemälde formen. Oder auf das Spiel der Pianistin. Heute Abend wirkt sie vollkommen durchgeistigt. Hände und Arme wirken nicht mehr von der Muskulatur bewegt, sondern ausschließlich von Gedankenströmen. Und so klingt dann auch die Musik von Béla Bartók, die als nächstes folgt, ein bisschen wie aus einer anderen Welt. Ausgewählt hat Quartararo Werke aus dem pädagogischen Klavierzyklus Mikrokosmos, der in der Zeit von 1926 bis 1937 entstand und schlussendlich 153 Stücke umfasste. Unter anderem sind zu hören Nocturne, Melodie im Nebel oder auch Ausschnitte aus Bagatelle und Im freien Lento.
Für das Finale hat sich Quartararo noch etwas Besonderes ausgedacht. Es geht zurück in den Barock. Von Domenico Scarlatti spielt die Pianistin die Arie aus der Kantate Pur nel sonno als Klavierstück. Unvermittelt taucht „aus der Ferne“ ihr Gesang auf, kommt näher. Eine letzte, höhere Dimension, die den Abend nach einer guten Stunde überwältigend beschließt. Aus deutscher Sicht gibt es nur einen Wermutstropfen. Vittoria Quartararo wird bereits am nächsten Morgen wieder nach Paris abreisen.
Michael S. Zerban