O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
VON THALIA GEKÜSST
(Diverse Komponisten)
Besuch am
1. März 2025
(Premiere am 17. Januar 2025)
Die erste eigene Regiearbeit der neuen Intendantin Rebekah Rota in Wuppertal mit dem Titel Von Thalia geküsst widmet sich der Geschichte des Elberfelder Thalia-Theaters, das von 1906 bis 1967 als größtes Operetten- und Revuetheater im Westen Deutschlands galt.
Neben dem Barmer Stadttheater und dem Stadttheater am Brausengarten in Elberfeld unterstrich das dritte große Theater in Wuppertal den damaligen Anspruch an Kunst und Kultur. Die verheerenden Kriegszerstörungen der Bombennächte von 1943 haben vieles zerstört, aber sowohl das Barmer Theater als auch das Thalia-Theater wurden in den 50-er Jahren wiederaufgebaut. Das stark beschädigte Theater am Brausengarten hingegen fiel der neuen Verkehrsführung der B7 zum Opfer. Insgesamt muss man festhalten, dass die Nachkriegszerstörungen noch größer waren als die Zerstörungen im Krieg. Das, was in den zwei Jahrzehnten nach Kriegsende wieder aufgebaut wurde, verschlang vielerorts der neue Zeitgeist ab Mitte der 60-er Jahre, so auch das Thalia-Theater in Wuppertal, auf dessen Gelände sich heute ein Sparkassenturm erhebt. Das in nächster Nähe gelegene Juwel Historische Stadthalle ist nur deshalb noch vorhanden, weil man einen funktionsfähigen Saalbau brauchte und die kunstvolle Gründerzeit-Innenausstattung hinter Schalplatten versteckt in großen Teilen erhalten blieb.
Im Jahre 1929 wurde das seit der Eröffnung 1906 heruntergekommene Thalia-Theater vom jüdischen Schauspieler und Impresario Robert Riemer mit eigenen finanziellen Mitteln nach nur zehnwöchiger Renovierung wiedereröffnet. Der sich einstellende große Erfolg vermochte nicht über die angespannte wirtschaftliche Lage hinwegzutäuschen, und in Folge entwickelte Riemer ein innovatives Unterhaltungskonzept, das über die Operette hinaus eine Kombination von Varieté und Film in den Mittelpunkt stellte. Das für 2000 Besucher ausgelegte Theater spielte zweimal am Tag, sieben Tage die Woche und verbuchte trotz Zeiten der Wirtschaftskrise außerordentliche Einspielergebnisse. 1933 wurde Direktor Riemer nach Denunziationen von den Nationalsozialisten zwangsentschädigt und aus dem Amt gejagt, konnte ins amerikanische Exil entkommen und sah Wuppertal nie wieder. Sein Thalia-Theater aber versank in der Bedeutungslosigkeit.
Zu Beginn der aktuellen Inszenierung sieht man die prachtvollen Fotos aus vergangenen Zeiten und es stellt sich angesichts des Verlustes eine gewisse Wehmut ein. Dramaturgin Laura Knoll hat vor diesem Hintergrund eine bezaubernde Geschichte entwickelt, die dem Zuschauer einen authentischen Einblick in entscheidende vier Jahre Geschichte des einstigen Elberfelder Musentempels zwischen 1929 und 1933 gewährt.
Regisseurin Rota gelingt mit ihrer Inszenierung ein ganz großer Wurf. Indem sie die Geschichte des verlorenen Thalia-Theaters aufzeigt, wird klar, welchen Wert die bestehende Oper in Wuppertal für die Stadtgesellschaft hat, und der Funke scheint an diesem Abend überzuspringen.

Geschickt wird ein bunter, revuehafter Fächer auseinandergeschoben, wie ihn Wuppertal schon lange nicht mehr erleben durfte. Gerade beim Thema Stadttheater und Operette wird oft die Frage gestellt, inwieweit Form und Inhalt die Gegenwart noch erreichen können. Da vermag zum einen die Qualität einer Produktion zu überzeugen, wie es am benachbarten Theater Hagen über viele Jahre erfolgreich gelungen ist, oder man versucht, Operette ganz neu zu denken, wie es Barry Kosky mit der überragenden Koproduktion von Orpheus in der Unterwelt durch die Salzburger Festspiele, der Deutschen Oper am Rhein und der Komischen Oper Berlin eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Mit der aktuellen Inszenierung Von Thalia geküsst nutzt man in Wuppertal die Gelegenheit, musikalische Inhalte und historische Zusammenhänge authentisch mit der eigenen Stadtgeschichte zu verknüpfen und damit ein Wir-Gefühl bei den Theaterbesuchern zu erzeugen.
Die Zuschauer im gut gefüllten Barmer Opernhaus wähnen sich für pausenlose 100 Minuten im alten Thalia-Theater und schauen auf ein von Sabine Lindner geschaffenes Bühnenbild, das tatsächlich in den späten 20-er Jahren angesiedelt zu sein scheint und von der faszinierenden Opulenz jener Zeit erzählt. Ausgedehnte, variable Freitreppen mit effektvoller Beleuchtung, großzügige Personenstaffagen und kurzweilige Regieeinfälle, darunter ein hin und herfahrendes Miniaturmodell der Schwebebahn, vermitteln ein Gefühl der Unmittelbarkeit. Gesprochene Dialoge der Sängerdarsteller vom Logenrang aus lassen die Besucher eintauchen in die einerseits vergangene und gleichsam doch real existierende Theaterwelt. Die wunderbaren Kostüme von Elisabeth von Blumenthal und Petra Leidner sind eine wahre Augenweide. Von den detaillierten historischen Kostümen des Bettelstudenten der Zeit August des Starken entlehnt hin zu den ganz neuen Tendenzen freier Mode der 20-er Jahre bekommt man viel zu sehen.
Intelligent und geschickt in Szene gesetzt entspinnt sich auf der Bühne ein quirliges, dynamisches Theater, das eine Welt der Operetten-Seligkeit den Gefahren und Abgründen gesellschaftlicher Verwerfungen mit einem berührenden Ensemble, einem großen Chor und stilisierender Tanzstatisterie gegenüberstellt.
Man hört bekannte und weniger bekannte Melodien aus Operette und der Unterhaltungsmusik der 20-er und 30-er Jahre. Im Barock nannte man diese Methode Pasticcio, die deutsche Romantik spricht eher abwertend von Flickoper. In Wuppertal gibt es ein stimmiges Potpourri – klangschön und gehaltvoll zugleich.
Von der Ouvertüre der Schönen Galathée von Franz von Suppe, Carl Millöckers Bettelstudent und der Lustigen Witwe von Franz Lehar bis hin zu Arrangements von Ralph Benatzky, Eduard Künneke und Paul Lincke ist alles dabei, was den Spielplan des Thalia-Theaters einst beseelt hat. Inwieweit Zarah Leanders Lied Ich steh im Regen des Ufa-Films Zu neuen Ufern aus dem Jahr 1937 da zulässig ist, mag dahingestellt sein. Sicherlich hätte man auch die Zäsur durch den Nationalsozialismus eindringlicher darstellen können, wobei sich das legendäre Musical Cabaret von Masteroff, Kander und Ebb genau dieser Thematik bereits unübertroffen gewidmet hat.
Musikalisch kann das junge Ensemble der Oper Wuppertal ein weiteres Mal überzeugen. Edith Grossmann als Muse Thalia rahmt das dem Zuschauer gewährte Zeitfenster mit großer stimmlicher und darstellerischer Hingabe, während sie als Theater-Muse unter anderem vom Bühnenhimmel herabschwebt oder mit einer kleinen Steppeinlage die Roaring Twenties zitiert.
Oliver Weidinger und Vera Egorova sorgen mit ihren Charakterauftritten und der emotionalen Tiefe ihrer Vokalvorträge für die gehaltvolle Einbettung in den dunklen historischen Gesamtzusammenhang.
Merlin Wagner zeigt den umtriebigen Lokalreporter Peter Herzenbruch mit großer Spielfreude und stimmlicher Präsenz. An seiner Seite kongenial

Elia Cohen-Weissert als Luise Funke mit schmeichelnd lyrischem Sopran. Zachary Wilson beindruckt als Felix Funke ein weiteres Mal mit baritonaler Ausdruckskraft und schauspielerischem Vermögen. Hinzu kommt die für die teils langen Dialoge erforderliche gute Diktion. Das gilt besonders auch für Sangmin Jeon, der den bekannten Tenor Walter Zierau verkörpert. Zusammen mit der überragenden Margaux de Valensart als Operndiva Vera Schwarz gelingt der Lehársche Operettenwohlklang süffig und stimmungsvoll.
Der Chor vermag an diesem Abend homogen, synchron und klangschön zu überzeugen. Choristen und Tanzstatisterie werden dabei von einer ausgeklügelten Personenregie über die Bühne und durch das reich bebilderte Geschehen geführt.
Unter der musikalischen Leitung von Jan Michael Horstmann stellen sich die Mitglieder des Wuppertaler Symphonieorchesters engagiert der Aufgabe, die Klangwelten der leichten Muse mit viel Schwung und Enthusiasmus herauszuarbeiten.
Das ergriffene und begeisterte Publikum stimmt final rythmisch-klatschend in das Schwebebahnlied Mädel, fahr mit mir Schwebebahn aus dem Jahre 1925 ein.
Große Zustimmung für diesen ganz besonders authentischen und unterhaltsamen Abend im Opernhaus Wuppertal. So kann große Unterhaltung auch mit einem begrenzten Budget funktionieren.
Angesichts der zahlreichen Veränderungen innerhalb der Theaterlandschaft der Region darf man zunehmend optisch sein, dass der eingeschlagene Weg an der Oper Wuppertal zielführend ist. In Gelsenkirchen, Hagen, Essen und Düsseldorf wird es in naher Zukunft neue Intendanzen geben. In Wuppertal selbst scheint sich die Szene angesichts des Vertragsendes von Boris Charmatz beim Tanztheater zu bereinigen. Umso wichtiger, dass die Zukunft der Oper sichergestellt wird. An der beeindruckenden Leistung des Teams um Rebekah Rota jedenfalls sollte es nicht scheitern.
Bernd Lausberg