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Foto © Ingo Höhn

Loys Husarenstück

TURANDOT
(Giacomo Puccini)

Besuch am
2. März 2025
(Premiere)

 

Theater Basel

Der Dreiakter Turandot von Giacomo Puccini ist seine letzte und knapp unvoll­endete Oper. Hier lassen sich Regis­seure immer wieder hinreißen, am Schluss herum­zu­basteln. 2001 verstieg sich der italie­nische Komponist Luciano Berio sogar dazu, ein sehr eigen­wil­liges Finale zu kompo­nieren. Die Variante von Puccini-Zeitge­nosse Franco Alfano, die nach Skizzen des Maestros fertig­ge­stellt wurde, gibt es aber auch nicht zu hören im Basel. Regisseur Christof Loy vollendet den dritten Akt mit dem vierten Akt aus Puccinis Frühwerk Manon Lescaut.

Opern­kenner mögen sich gewundert haben, dass sie zu Beginn des Opus, das norma­ler­weise mit einem Pauken­schlag beginnt, Giacomo Puccinis Strei­cher­or­chester Crisantemi zu hören bekommen. Das und der Schlussakt aus Manon Lescaut sollen die Klammern bilden zum verän­derten Einstieg und Ausgang der Oper, die zwei Jahre nach Puccinis Tod 1926 an der Mailänder Skala urauf­ge­führt wurde.

Fans haben mit Turandot schon alles erlebt: Einmal endet die Oper abrupt mit Puccinis letztem Feder­strich und dem Tod der Protago­nistin Liù oder mit den konge­nialen und von Arturo Toscanini zurecht­ge­stutzten Tönen seines Kollegen Franco Alfano. Stardi­rigent Antonio Pappano nahm 2023 mit den Opern­stars Jonas Kaufmann und Sondra Radva­novsky erstmals die ungekürzte Fassung von Alfano auf und dieses Ende macht musika­lisch wie inhaltlich eindeutig am meisten Sinn.

Foto © Ingo Höhn

Zurück zum Anfang des fast dreistün­digen Spektakels. Turandot ist noch ein kleines Mädchen und sie köpft mit Leiden­schaft ihre Puppen. Schuld an den Rache­ge­lüsten ist eine überlie­ferte Geschichte von einer Prinzessin, die einst von Tartaren entführt und ermordet wurde. Das Trauma nimmt sie mit in ihr Erwachsenenleben.

Mit der Bühne und den detail­ver­liebten Kostümen von Herbert Murauer entführt Christof Loy die Zuschauer in ein China um 1900, das von westlichen Mächten und auch von Japan beein­flusst war. Während das Volk von Peking in histo­risch stili­sierten Kostümen auftritt und einen filmi­schen Charakter zelebriert, erinnern die Protago­nisten in ihrer gutbür­ger­lichen Couture an Besatzer, die die Macht im einstigen Kaiser­reich an sich gerissen haben und gnadenlos auskosten.

Puccinis Oper mit dem Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni wirkt bei Loy nicht nur aus einer vergan­genen Zeit, die ausge­sprochen ästhe­tische Lesart mit Elementen aus der Belle Époque hat auch etwas Märchen­haftes. Im Grunde liest sich das Drama wie eine Fabel der Gebrüder Grimm. Mit der männer­mor­denden Turandot, die ihre Anwärter köpfen lässt, wenn sie die drei Rätsel nicht lösen, bietet sie einen ähnlich brutalen Stoff. Besonders tragisch wirkt der persische Prinz, der zu Beginn gefoltert und dann dem Richter vorge­führt wird.

Loy nutzt die große Bühne in Basel souverän und überlässt auch bei den großen Aufzügen mit Chor und Solisten nichts dem Zufall. Hier hat jeder seinen festen Platz im Gefüge. Als einge­zogene Ebene schwebt über allem eine zusätz­liche Spiel­fläche, die sich aber mit ihrer in Weiß gehal­tenen Kargheit vom mehrheitlich bunten Geschehen im palast­ähn­lichen Salon deutlich abhebt.

Es ist die Ebene der Eindring­linge, dem unbekannten Prinz Calàf mit seinem Vater und der Dienerin Liù. Calàf wird der Letzte sein, der die eiskalte Prinzessin heraus­fordert und jeder, der die Puccini-Hymne Nessun dorma mit seinem „Vincerò“ im hohen B kennt, weiß, dass der Held erfolg­reich sein wird.

Die Umklam­merung mit Crisantemi und Manon Lescaut ist dann aber doch ein Bruch, auch wenn die Textzeilen aus dem Sterbeakt der frühen Puccini-Oper von 1893 erstaunlich gut passen. Dazu wird nach Liùs Tod und Puccinis letzter Note die zweite Bühne herun­ter­ge­fahren, um die verän­derte Spiel- und Musik­weise auch bildlich zu verdeut­lichen. Die satten Farben weichen nüchternem schwarzweiß.

Klar hört man Puccini, aber man hört nicht mehr Turandot. Die Drama­turgie von Meret Kündig kann zudem nicht schlüssig aufzeigen, warum Turandot kurz nach Liù auch ihr eigenes Leben lässt und Calàf zuerst seine Dienerin und dann die Angebetete beweint. Im ungekürzten Schluss von Franco Alfano kämme all das zum Tragen und die Oper würde mit einem donnernden „Vincerò“ vom Chor beendet.

Foto © Ingo Höhn

Für die Titel­partie wollte Loy eine Sopra­nistin, die weniger schroff als üblich klingt. Die Wahl fällt für die Premiere auf Miren Urbieta-Vega, eine lyrische Sängerin, die schon über genug drama­tische Inten­sität verfügt, um eine so anspruchs­volle Rolle zu stemmen. Ihre Stimme hat eine geschmeidige, warme Klang­farbe mit einem fast schon Mezzo­sopran-artigen Timbre, das ausge­sprochen reich und samtig klingt.

Rodrigo Porras Garula ist Calàf und als dieser bringt er das erfor­der­liche Volumen unbedingt mit. Seine Stimme ist kraftvoll und trägt mühelos über das Orchester. Dafür wirkt sein Tenor im Forte manchmal etwas hart und kantig, stellen­weise auch spröde. Der Gipfel­stürmer Nessun dorma gelingt Garula solide, aber mit wenig geschmei­diger Linien­führung, was der Arie die eleganten Bögen nimmt.

Sopra­nistin Mané Galoyan als Liù nimmt das Publikum von Anfang an für sich ein, auch mit ihrer packenden Darstellung einer Frau, die sich aus purer Liebe opfert. Ihre Stimme hat ein äußerst zartes Piano, emotionale Tiefe und genug vokale Kraft, einem Orches­ter­tutti problemlos Paroli zu bieten.

In Basel sind auch die Neben­rollen bestens besetzt, allen voran die drei „Confé­ren­ciers“ Ping, Pang und Pong mit Bariton David Oller und den Tenören Ronan Chaillet sowie Lucas von Lierop. Bassba­riton Andrew Murphy brummt sonor als Mandarin, Sam Carl als Calàfs Vater Timur zieht in der gleichen Stimmlage mit, Rolf Romei als Kaiser Altoum hat einen flexiblen, warm fließenden Tenor. Der Chor unter Michael Clark ist großes Kino und geht direkt unter die Haut.

José Miguel Pérez-Sierra am Pult des Sinfo­nie­or­chesters Basel bringt Puccinis starke Kontraste zwischen fast schon aggres­siven, disso­nanten Klang­massen und den lyrisch-leiden­schaft­lichen Melodien zum Leuchten. Der Dirigent beherrscht den flinken Wechsel zwischen neuro­man­ti­schen, disso­nanten Akkorden und den harten, block­ar­tigen Harmonien mit leichter Hand. Pérez-Sierra gelingt eine beindru­ckende Synthese, die mit ihrer spätro­man­ti­schen Harmonik, den impres­sio­nis­ti­schen Klang­farben und ihren exoti­schen Elementen das Publikum nach 100 Jahren nach wie vor begeistert.

Das Premie­ren­pu­blikum honoriert die Gesamt­leistung mit standing ovations, es scheint fast so, als wären die Besucher vom Theater Basel etwas ausge­hungert. Intendant Benedikt von Peter ist bekannt für seine experi­men­tellen Ansätze und eine sehr unkon­ven­tio­nelle Auswahl der Stücke und deren Insze­nie­rungen, was eine Auslastung um die 65 Prozent in der Sparte Oper zur Folge hat. Das sorgt für Polari­sierung und wird in Basel auch politisch diskutiert.

Peter Wäch

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