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DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
9. März 2025
(Premiere am 23. September 2018)
Am 23. September 2018 fand im Stadttheater Krefeld die Premiere der Zauberflöte statt. Kobie van Rensburg war für die Inszenierung, Video, Kostüme und Teile des Bühnenbildes verantwortlich. Nach sieben Jahren wird die Produktion am Theater Krefeld Mönchengladbach nun wieder in den Spielplan genommen.
Vor der Kulisse des ausverkauften Hauses ist das gemischte Publikum gelöst und voller Vorfreude. Viele der Besucher haben die Inszenierung wohl schon gesehen. Durch die Flure des Foyers sieht man Starship-Trooper patrouillieren. Einige Besucher tragen spacige Kostüme oder Ohren des Vulkaniers Spock.
Bei der Produktion der Zauberflöte scheint keines der tradierten Konzepte einer Zauberflöten-Rezeption erwartet werden zu können. Zur Ouvertüre erfolgt dann auch gleich die Auflösung: In einem cineastisch fließenden Vorspann in gelben Lettern entnehmen die Zuschauer die zeitliche Einordnung. Nach dem Tode des Königs ist das Universum aus dem Gleichgewicht geraten. Seitdem kämpfen die Königin der Nacht und Sarastro, der Oberpriester der alten Bruderschaft, um die Macht. Es entspinnt sich der klassische Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Hell und Dunkel, der immerwährend von Anbeginn der menschlichen Kulturwerdung das Schicksal mitbestimmt hat und führt die Zuschauer diesmal ins 23. Jahrhundert. Van Rensburg hat die metaphysische Geschichte von Emanuel Schikaneder in einen neuen thematischen Zusammenhang gestellt, der die Protagonisten im Gewand von Star Wars und Star Trek zeigt. Die den allermeisten Besuchern vertrauten Schöpfungen von Georg Lucas und Gene Roddenberry finden sich für die nächsten drei Stunden auf der Opernbühne und vermögen, die Musik Mozarts spannend und stimmig zu bebildern.

Der siebenfache Sonnenkreis, der der eigentlichen Handlung zugrunde liegt, legt die Umdeutung in ein interstellares Märchen bereits nahe.
Es gibt kaum eine zweite Oper, die mit ihrer Brückenfunktion so viele heranwachsende Menschen in die Theater geholt und mit der ganz besonderen Kunstform Oper vertraut gemacht hat. Seit der Wiener Uraufführung im Jahre 1791 wurde die Zauberflöte so oft gespielt wie kaum eine andere Oper. Über die zweihundertfünfzigjährige Rezeptionsgeschichte hindurch hat es verschiedenste Bebilderungen und Regieansätze gegeben. Statuarischer Übervater ist in dem Zusammenhang das Schinkelsche Bühnenbild für den Auftritt der Königin der Nacht. Das mit Mythen und Rätseln überfrachtete Libretto der Zauberflöte hat vielerlei Blüten getrieben, die mal mehr, mal weniger überzeugend waren. Es ist schon verwunderlich, dass bislang niemand auf die enge inhaltliche Verwandtschaft der Zauberflöte gerade mit der Star-Wars-Trilogie gekommen ist. Kobie van Rensburg sei Dank für die außerordentlich gelungene Adaption des operngeschichtlichen Heiligtums.
Immer wieder gibt es Bühnen-Versuche, den zeitlosen Inhalt und die immerwährende Botschaft der Zauberflöte mit einer aktuellen Gegenwart zu verbinden und damit die berechtigte Frage zu beantworten, was die Geschichte uns im Hier und Jetzt noch zu sagen hat.
Am Aalto-Theater in Essen gerät die Antwort auf diese Frage zu einer Gesellschaftskritik des 20. Jahrhunderts, einem Standardwerk der kritischen Soziologie. Regisseurin Magdalene Fuchsberger arbeitet sich daran ab und lässt in Folge keinen Stein auf dem anderen.
Barrie Kosky hingegen modernisiert die Zauberflöte an der Deutschen Oper am Rhein, indem er intelligente Videos und Überblendungen einsetzt, um in Zeichentrick-Manier für spritzige Kurzweile zu sorgen. Dabei handelt es sich um einen von der Kritik gelobten, sehr gelungenen Versuch, die Zauberflöte im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen.
Die aktuelle Verquickung von Ikonen der Science-fiction-Rezeption mit dem traditionellen Stoff der Zauberflöte gelingt am Gemeinschaftstheater bestens. Im Handlungsverlauf gibt es kaum Brüche, wenige Unstimmigkeiten, dafür aber ein wahres Füllhorn an Zitaten, Chiffren, Attributen, die durchweg Staunen machen, dass die eingefangene Sci-Fi-Virtualität so viele Parallelen zum literarischen Kosmos Schikaneders aufzuweisen vermag. Einmal mehr bleibt grundsätzlich festzustellen, wie aktuell und gegenwärtig alte Klassiker immer wieder sind. Geschichten über Menschen von Menschen erzählt – weder die Menschen noch deren Geschichten scheinen sich über die Jahrhunderte wesentlich verändert zu haben.
Als ganz besonders förderlich erweist sich bei der Produktion der Zauberflöte in Krefeld die raffinierte technische Umsetzung. Über viele Bilder hinweg besticht die Bluescreen-Technik, von der man im Zusammenhang mit großen Filmproduktionen in Babelsberg oder jüngst im bayerischen Penzing zusammen mit Nicole Kidman gehört hat. Dabei handelt es sich um riesige, fast leere Filmstudios, die lediglich mit blauen Screens gefüllt sind, um die Schauspieler virtuell in opulente Interieurs oder in atemberaubende Landschaftskulissen versetzen zu können. Nichts ist real – alles Fiktion – und das auf der Bühne einmal mitverfolgen zu können, ist alleine schon außerordentlich faszinierend. Die Bühne in Krefeld ist aus diesem Grund horizontal gegliedert. Unten stehen die Protagonisten singend und sprechend vor Standkameras im quasi leeren Raum. Darüber hängt eine große Videowand, auf der sie durch computergenerierte Ambiente und Handlungsverläufe zu einem komplexen Spiel verwoben werden. Die Handlungsinhalte werden auf diese Weise gar im doppelten Sinne zur Projektionsfläche. Optisch faszinierend und dramaturgisch geschickt. Sind doch die Lösungen für die Darstellung von Paminas Bildnis oder der Riesenschlange, von Feuer und Wasser in den Prüfungen immer eine Herausforderung, in der die Regie überzeugen kann oder eben nicht. An diesem Abend gelingt all das spielerisch einfach und nachhaltig sinnstiftend. Das Bildnis der Pamina wird als Hologramm vom Androiden R2D2 in den Raum projiziert. Sehr gelungen auch die mittels Projektion evozierten Bühnenräume für die größeren Zusammenhänge mit Chorszenen im Tempel von Isis und Osiris. Metaphysische Symbolik und sphärische Chiffren von Raum und Zeit bieten eine atmosphärische Verortung, die für sich einnimmt und zu überzeugen vermag. Mit Licht, Video und Kostümdesign kreiert das Team um van Rensburg glaubhafte Illusionsräume, in denen man gerne für die Zeit der Aufführung und vielleicht auch darüber hinaus verweilt. Handelt es sich trotz aller neuen Gewänder doch um die Zauberflöte, die kompromisslos zuversichtlich, immer wieder das Gute in der Welt obsiegen lässt. Mit jedem Schritt aus dem Theater heraus wird die schöne Gewissheit mit Zweifeln überhäuft und mehr und mehr in Frage gestellt.

Musikalisch gelingt dem Ensemble eine Arbeit, die grundsätzlich überzeugen kann.
Matthias Wippich als Sarastro verfügt über hinreißenden baritonalen Schmelz, der seine sonore Stimme über weite Strecken ausmacht. Den wirklich tiefen Passagen seiner Rolle kann er in Teilen nicht ganz entsprechen. Der lyrische Tenor Woongyi Lee gestaltet die Rolle des Tamino mit viel Hingabe und darstellerischem Einsatz. In der Höhe ein wenig metallisch entspricht er den stimmlichen Anforderungen an die Partie. Allerdings ist er als Nichtmuttersprachler in den gesprochenen Dialogen, die ja ein wesentlicher dramaturgischer Motor sind, nicht optimal zu verstehen. Vielleicht sollte man trotz des deutschen Librettos Übertitel verwenden, die ja auch den Operndebütanten und Besuchern mit anderen Hintergründen die Handlung noch besser erschließen könnten.
Sophie Witte als Pamina, sowohl schauspielerisch als auch stimmlich zuweilen überragend. Ihr lyrischer Sopran vermag das gesamte Spektrum ihrer Partie zu umfassen. Von den zarten, lyrischen Momenten bis zum Aufblühen in der Höhe. Rollenkonform besonders spielfreudig, aber auch stimmlich bestens disponiert, präsentiert sich Rafael Bruck als Papageno, der insbesondere in den kamerabedingten Nahaufnahmen für eine beeindruckende Intensität sorgt. Stimmlich gut aufgelegt und technisch souverän schmeichelt seine Stimme in bester Buffo-Manier. Die Königin der Nacht wird von Sophia Theodorides sängerisch und darstellerisch angemessen auf die Bühne gebracht. Sie gestaltet die Arie der Königin der Nacht mit einem reinen und in den Höhen klaren Sopran. Die anspruchsvollen Koloraturen der Partie werden technisch versiert umgesetzt, der emotionale Ausdruck bietet noch Raum nach oben.
Sowohl die drei Damen, verkörpert von Antonia Busse, Susanne Seefing und Bettina Schaeffer als auch die drei Knaben von Marie Lina Hanke, Jana-Sophia Gebhardt und Luzia Ostermann bilden wunderbar wohlklingende Terzette, die das hohe Gesangsniveau der Produktion unterstreichen. Der Monostatos von Markus Heinrich bereichert vor allem durch eine intensive diabolische Personen- und Stimmführung. Gereon Grundmann als Sprecher, Gabriela Kuhn als Papagena, Arthur Meunier und Nils Miegel als Priester runden das Gesangsensemble stimmig ab.
Brillant der starke Chor des Theaters, der sich statuarisch erhöht auf eine äußerst homogene vokale Ausgestaltung konzentrieren kann.
Unter der musikalischen Leitung von Giovanni Conti blüht der äußerst differenzierte Klangkörper der Niederrheinischen Sinfoniker auf.
Die Produktion ist Kult und man sollte darüber nachdenken, dem guten Beispiel der Zauberflöte zu folgen und ähnlich gute Produktion aus der Vergangenheit dem Publikum wieder zugänglich zu machen. Ausverkaufte Häuser sind in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn man etwas zu bieten hat, sollte man es auch einsetzen. Ganz im Sinne des ikonischen Grußes der Jedi: Möge die Macht mit Dir sein!
Bernd Lausberg