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HEINRICH HEINES LE GRAND
(Jörg U. Lensing)
Besuch am
13. März 2025
(Uraufführung)
Es könnte so schön sein. Ein unterdrücktes Volk erhebt sich gegen die Machthaber und vertreibt sie. Anschließend kommt ein Heilsbringer, der nicht nur dem eigenen Land Frieden bringen, sondern gleich ganz Europa in ein Paradies verwandeln will – natürlich unter seiner Führung. Aber dann kommt alles anders, und ganz Europa steht in Flammen. Und man muss schon froh sein, wenn es nur Europa ist. Wir wissen inzwischen aus der Geschichte, dass es so nicht funktioniert. Es gibt den Heilsbringer nicht. Weder einen kleinen Korsen, der sich selbst die Kaiserkrone aufs Haupt drückt, noch einen österreichischen Gefreiten, der davon träumt, sich die Welt untertan zu machen. Wenn es trotzdem immer noch Menschen gibt, die daran glauben, dann zeigt das in erster Linie eines: Dass die Schulbildung versagt. Also ist es die Aufgabe zum Beispiel von Theatern, auf die immer wiederkehrenden Mechanismen hinzuweisen.

Jetzt hat sich das Theater der Klänge der Aufgabe gestellt. Jörg U. Lensing, Inhaber des Theaters, hat sich dazu eine hübsche Geschichte ausgedacht. Heinrich Heine trifft Armand Le Grand, seines Zeichens Tambour, also Trommler, in der Armee der Grande Nation, der nicht nur die Französische Revolution, sondern auch Napoleon Bonaparte erlebt. Zwar sprechen die beiden nicht die gleiche Sprache, aber die Sprache der Musik überwindet alle Grenzen. Und so erfährt Heine von den Geschehnissen in Frankreich. Darüber berichtet er seinem Publikum ebenso wie über die Auswirkungen für Düsseldorf. Lensing hat dazu eigene mit Heineschen Texten verwoben, und zwar so geschickt, dass man beim Besuch einer Aufführung nicht unterscheiden kann, welche Texte von wem stammen. Ist im Grunde auch uninteressant, wesentlich ist, dass eine schlüssige Geschichte entsteht, die von zwei Schauspielern erzählt und von zwei Musikern untermalt werden kann. Die beiden Darsteller steckt Caterina Di Fiore in wunderbare Kostüme, die für verschiedene Situationen immer wieder leicht abgewandelt werden können. Es ist die zweite Produktion, die das Theater der Klänge im Dä Düsseldorfer Salon zeigt, einem historischen Veranstaltungssaal, den viele Düsseldorfer noch als Templum kennen. Trotzdem muss das Bühnenbild so angelegt sein, dass es nicht nur in das großartige Ambiente des Saals passt. Schließlich will das Theater günstigenfalls noch touren. Dementsprechend kommt die Bühne mit wenigen Elementen aus. Drei Holzkisten und eine Etagere, die als Bastille, Sprecherpodium, Munitionskiste, Schrein und so weiter dienen können. Das Ganze durchdacht und schlüssig, sprich, für den Zuschauer auch ohne große Erklärungen nachvollziehbar. Die Gegenstände werden ebenerdig zum Einsatz gebracht, während auf der eigentlichen Bühne die zahlreichen Instrumente aufgebaut sind, die an dem Abend zum Einsatz kommen. Zusätzliche Instrumente sind an der rechten Seite des Zuschauerbereichs aufgestellt. Ein paar Requisiten vervollständigen die Ausstattung. Videoprojektionen, die zum einen Schauplätze benennen, zum anderen verschwommene Bilder von Truppenbewegungen und Aufmärschen zeigen, wurden vom Kooperationslabor im Dortmunder U perfekt erstellt und runden das Gesamtbild ab. Das wird von Markus Schramme gekonnt ausgeleuchtet.

Lensing, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, verlangt den Darstellern wie den Musikern – er selbst übernimmt eine unterstützende Funktion an den seitlich aufgestellten Instrumenten wahr – eine Menge ab. Neben einem beeindruckenden Textvolumen, das in den nahezu zweieinhalb Stunden mit Pause anfällt, bekommen Francesco Russo als Heinrich Heine und Matthias Weiland als Armand Le Grand eine Menge Zusatzaufgaben. Aber auch die Zuschauer, die zur Uraufführung zahlreich erschienen sind, werden mehr als nur mit angenehmer Unterhaltung gefordert. Zwar müssen sie das Französisch des Tambours nicht verstehen, weil Heine die Inhalte anschließend auf Deutsch noch einmal erzählt, zusammenfasst, interpretiert und weiterführt, aber genau diesen Mechanismus muss man als des Französischen Unkundiger erst mal verstehen. Das gelingt längst nicht allen. Allerdings ist der vehemente Auftritt Weilands, der neben der französischen Erzählung auch noch zu pfeifen und vor allem in allen Lebenslagen zu trommeln hat, so beeindruckend, dass es die wenigsten Besucher stört. Auch Russo muss neben sorgfältig intoniertem Text zusätzlich singen. Bis auf ein paar vernachlässigbare Hänger, die sich in den Folgevorstellungen verlieren werden, leisten beide Schauspieler überdurchschnittliche Arbeit, fesseln das Publikum über den gesamten Zeitraum. Während Weiland mit militärisch-zackigem Auftritt und dramatischem Französisch begeistert, weiß Russo mit ausgeklügelter Rhetorik, Ironie und Humor einen überzeugenden Heine abzugeben.
Jean-Jacques Lemètre, 40 Jahre lang für die musikalischen Geschicke im Pariser Théâtre du Soleil verantwortlich, hat gemeinsam mit Lensing die Musik gestaltet. Und sich selbst dabei die eine oder andere Hürde auferlegt, wenn er auf Gesten genau – obwohl vom erhöhten Standpunkt aus kaum erkennbar – die Einsätze von Laute, Flöten, Streichinstrumenten, Klarinette und vor allem einer Vielzahl von Trommeln punktgenau treffen muss. Lensing unterstützt tatkräftig von der Seite mit Trommeln und Schellenbaum.
Das Theater der Klänge legt erneut eine überdurchschnittliche Produktion vor, die zeigt, wie Theater ideologiefrei und ohne erhobenen Zeigefinger funktioniert, gleichzeitig unterhält und den Zuschauer trotzdem gedankenvoll entlässt. Dass Lensing und sein Team außerdem modernes Musiktheater quasi en passant präsentieren, kann nur noch das Sahnebonbon des Abends sein. Oder sagen wir, eines der beiden Sahnebonbons. Denn was auf der Bühne oben passiert, wenn die Zuschauer sich von ihren Plätzen erheben, um nachhaltig zu applaudieren, muss man wirklich selbst erleben.
Eine der folgenden sechs Aufführungen sollte man sich mindestens als Düsseldorfer jedenfalls nicht entgehen lassen.
Michael S. Zerban