Paukenschlag für die Freiheit

HEINRICH HEINES LE GRAND
(Jörg U. Lensing)

Besuch am
13. März 2025
(Urauf­führung)

 

Theater der Klänge in Dä Düssel­dorfer Salon, Düsseldorf

Es könnte so schön sein. Ein unter­drücktes Volk erhebt sich gegen die Macht­haber und vertreibt sie. Anschließend kommt ein Heils­bringer, der nicht nur dem eigenen Land Frieden bringen, sondern gleich ganz Europa in ein Paradies verwandeln will – natürlich unter seiner Führung. Aber dann kommt alles anders, und ganz Europa steht in Flammen. Und man muss schon froh sein, wenn es nur Europa ist. Wir wissen inzwi­schen aus der Geschichte, dass es so nicht funktio­niert. Es gibt den Heils­bringer nicht. Weder einen kleinen Korsen, der sich selbst die Kaiser­krone aufs Haupt drückt, noch einen öster­rei­chi­schen Gefreiten, der davon träumt, sich die Welt untertan zu machen. Wenn es trotzdem immer noch Menschen gibt, die daran glauben, dann zeigt das in erster Linie eines: Dass die Schul­bildung versagt. Also ist es die Aufgabe zum Beispiel von Theatern, auf die immer wieder­keh­renden Mecha­nismen hinzuweisen.

Foto © Michael Zerban

Jetzt hat sich das Theater der Klänge der Aufgabe gestellt. Jörg U. Lensing, Inhaber des Theaters, hat sich dazu eine hübsche Geschichte ausge­dacht. Heinrich Heine trifft Armand Le Grand, seines Zeichens Tambour, also Trommler, in der Armee der Grande Nation, der nicht nur die Franzö­sische Revolution, sondern auch Napoleon Bonaparte erlebt. Zwar sprechen die beiden nicht die gleiche Sprache, aber die Sprache der Musik überwindet alle Grenzen. Und so erfährt Heine von den Gescheh­nissen in Frank­reich. Darüber berichtet er seinem Publikum ebenso wie über die Auswir­kungen für Düsseldorf. Lensing hat dazu eigene mit Heine­schen Texten verwoben, und zwar so geschickt, dass man beim Besuch einer Aufführung nicht unter­scheiden kann, welche Texte von wem stammen. Ist im Grunde auch uninter­essant, wesentlich ist, dass eine schlüssige Geschichte entsteht, die von zwei Schau­spielern erzählt und von zwei Musikern untermalt werden kann. Die beiden Darsteller steckt Caterina Di Fiore in wunderbare Kostüme, die für verschiedene Situa­tionen immer wieder leicht abgewandelt werden können. Es ist die zweite Produktion, die das Theater der Klänge im Dä Düssel­dorfer Salon zeigt, einem histo­ri­schen Veran­stal­tungssaal, den viele Düssel­dorfer noch als Templum kennen. Trotzdem muss das Bühnenbild so angelegt sein, dass es nicht nur in das großartige Ambiente des Saals passt. Schließlich will das Theater günsti­gen­falls noch touren. Dementspre­chend kommt die Bühne mit wenigen Elementen aus. Drei Holzkisten und eine Etagere, die als Bastille, Sprecher­podium, Muniti­ons­kiste, Schrein und so weiter dienen können. Das Ganze durch­dacht und schlüssig, sprich, für den Zuschauer auch ohne große Erklä­rungen nachvoll­ziehbar. Die Gegen­stände werden ebenerdig zum Einsatz gebracht, während auf der eigent­lichen Bühne die zahlreichen Instru­mente aufgebaut sind, die an dem Abend zum Einsatz kommen. Zusätz­liche Instru­mente sind an der rechten Seite des Zuschau­er­be­reichs aufge­stellt. Ein paar Requi­siten vervoll­stän­digen die Ausstattung. Video­pro­jek­tionen, die zum einen Schau­plätze benennen, zum anderen verschwommene Bilder von Truppen­be­we­gungen und Aufmär­schen zeigen, wurden vom Koope­ra­ti­ons­labor im Dortmunder U perfekt erstellt und runden das Gesamtbild ab. Das wird von Markus Schramme gekonnt ausgeleuchtet.

Foto © Michael Zerban

Lensing, der auch für die Regie verant­wortlich zeichnet, verlangt den Darstellern wie den Musikern – er selbst übernimmt eine unter­stüt­zende Funktion an den seitlich aufge­stellten Instru­menten wahr – eine Menge ab. Neben einem beein­dru­ckenden Textvo­lumen, das in den nahezu zweieinhalb Stunden mit Pause anfällt, bekommen Francesco Russo als Heinrich Heine und Matthias Weiland als Armand Le Grand eine Menge Zusatz­auf­gaben. Aber auch die Zuschauer, die zur Urauf­führung zahlreich erschienen sind, werden mehr als nur mit angenehmer Unter­haltung gefordert. Zwar müssen sie das Franzö­sisch des Tambours nicht verstehen, weil Heine die Inhalte anschließend auf Deutsch noch einmal erzählt, zusam­men­fasst, inter­pre­tiert und weiter­führt, aber genau diesen Mecha­nismus muss man als des Franzö­si­schen Unkun­diger erst mal verstehen. Das gelingt längst nicht allen. Aller­dings ist der vehemente Auftritt Weilands, der neben der franzö­si­schen Erzählung auch noch zu pfeifen und vor allem in allen Lebens­lagen zu trommeln hat, so beein­dru­ckend, dass es die wenigsten Besucher stört. Auch Russo muss neben sorgfältig intoniertem Text zusätzlich singen. Bis auf ein paar vernach­läs­sigbare Hänger, die sich in den Folge­vor­stel­lungen verlieren werden, leisten beide Schau­spieler überdurch­schnitt­liche Arbeit, fesseln das Publikum über den gesamten Zeitraum. Während Weiland mit militä­risch-zackigem Auftritt und drama­ti­schem Franzö­sisch begeistert, weiß Russo mit ausge­klü­gelter Rhetorik, Ironie und Humor einen überzeu­genden Heine abzugeben.

Jean-Jacques Lemètre, 40 Jahre lang für die musika­li­schen Geschicke im Pariser Théâtre du Soleil verant­wortlich, hat gemeinsam mit Lensing die Musik gestaltet. Und sich selbst dabei die eine oder andere Hürde auferlegt, wenn er auf Gesten genau – obwohl vom erhöhten Stand­punkt aus kaum erkennbar – die Einsätze von Laute, Flöten, Streich­in­stru­menten, Klari­nette und vor allem einer Vielzahl von Trommeln punkt­genau treffen muss. Lensing unter­stützt tatkräftig von der Seite mit Trommeln und Schellenbaum.

Das Theater der Klänge legt erneut eine überdurch­schnitt­liche Produktion vor, die zeigt, wie Theater ideolo­giefrei und ohne erhobenen Zeige­finger funktio­niert, gleich­zeitig unterhält und den Zuschauer trotzdem gedan­kenvoll entlässt. Dass Lensing und sein Team außerdem modernes Musik­theater quasi en passant präsen­tieren, kann nur noch das Sahne­bonbon des Abends sein. Oder sagen wir, eines der beiden Sahne­bonbons. Denn was auf der Bühne oben passiert, wenn die Zuschauer sich von ihren Plätzen erheben, um nachhaltig zu applau­dieren, muss man wirklich selbst erleben.

Eine der folgenden sechs Auffüh­rungen sollte man sich mindestens als Düssel­dorfer jeden­falls nicht entgehen lassen.

Michael S. Zerban

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