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Foto © Matthias Stutte

„Rufet lauter!“

ELIAS
(Felix Mendelssohn Bartholdy)

Besuch am
14. März 2025
(Premiere am 25. Januar 2025)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Krefeld

In der Mitte des 19. Jahrhun­derts gilt Felix Mendelssohn Bartholdy in der Gattung Oratorium als legitimer Nachfolger von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach. Nach über zehnjäh­riger Beschäf­tigung entsteht das Oratorium Elias nur ein Jahr vor Mendels­sohns Tod. 1846 wird der biblische Stoff schließlich in seiner Vertonung urauf­ge­führt, begeistert aufge­nommen und ist bis heute eines der belieb­testen Werke Mendelssohns.

Zentrale Figur in dem Oratorium ist der alttes­ta­ment­liche Prophet Elias.

In zwei Teilen erzählt Mendelssohn dessen Wirken. Das Libretto wird um Psalm­zitate und Auszüge aus dem Neuen Testament ergänzt. Im ersten Teil kämpft Elias vehement gegen die Vielgöt­terei der Königin, die unter anderem auch dem Baalskult anhängt. Elias versucht diese Entwicklung mit alttes­ta­men­ta­ri­schen Mitteln, also vor allem mit Gewalt, zu stoppen.

Mendelssohn setzt den Konflikt eindrucksvoll in Musik um, beispiels­weise beim Gesang der Baals-Propheten, die ihren Götzen anrufen. Elias feuert sie geradezu hämisch dazu an – „Rufet lauter!“ – um so zu beweisen, dass Jahwe der einzige und wahre Gott ist.

Soviel zum Original des Orato­riums Elias.

Am Theater Krefeld Mönchen­gladbach wagt Kobie van Rensburg nun eine szenische Aufführung und reißt das Publikum am Nieder­rhein zu Begeis­te­rungs­stürmen hin.

Foto © Matthias Stutte

Elias ist seine achte Produktion am Gemein­schafts­theater, in der er nicht nur für die Insze­nierung, sondern auch für Bühne, Video, Licht und Kostüme verant­wortlich ist. Beson­deres Marken­zeichen des Allrounders van Rensburg ist die Einbe­ziehung modernster Video- und Projek­ti­ons­tech­niken, die das Niveau seiner Regie­ar­beiten bestimmen und perfekte Illusi­ons­räume zur Folge haben. Das gesamte Bühnenbild entsteht in all seinen abwechs­lungs­reichen Facetten einzig virtuell. Dabei bedient sich van Rensburg einer beson­deren 3D-Model­lie­rungs­software, die die Bühnen­welten dreidi­men­sional nachzeichnen. Besonders illusio­nis­tisch geraten die Bilder durch eine zusätz­liche KI-Maschine, die kleinste realis­tische Details sorgsam einar­beitet und zu einer lebens­nahen Patina geriert. Zusammen mit der Weich­zeichnung durch eine trans­pa­rente Gazemembran, die das gesamte Bühnen­portal umfasst, entsteht eine beein­dru­ckend geschlossene Theaterwelt, die das Publikum im ausver­kauften Krefelder Haus einlädt, dem Schicksal des Propheten Elias zu folgen. Dabei führt die Reise nicht in vorbi­blische Zeiten, sondern ist im ameri­ka­ni­schen Mittleren Westen der 1930-er Jahre verortet. Van Rensburg aktua­li­siert den alttes­ta­men­ta­ri­schen Stoff geschickt mit Verwer­fungen und Heraus­for­de­rungen der Gegenwart.

Der Handlungs­bogen am Theater Krefeld Mönchen­gladbach beschreibt die Jahrhun­dert­dürre in Teilen Nordame­rikas, die unter dem Namen Dust-Bowl ganze Landstriche unfruchtbar und unbewohnbar machte und den Ort der Handlung in die fiktive Stadt Zion verlegt. Litera­risch ist die menschen­ge­machte Klima­ka­ta­strophe im Roman Früchte des Zorns verar­beitet, in der John Steinbeck schon 1939 die Migration der Farmer nach Kalifornien erzählt.

Wie in der origi­nalen Vorlage des Orato­riums steht der Überle­bens­kampf um die knappe Ressource Wasser im Mittel­punkt, und es entspinnt sich ein bewegendes Drama um Religion und Gewalt, Wahrheit und Lüge, um Infor­mation und Desin­for­mation, Wissen und Glauben, um Realität und Wahrnehmung. Dabei werden diesseitige Aktua­li­sie­rungen wie Fake News, Radika­li­sierung und Terro­rismus nicht ausge­spart und finden in projek­tierten Zitaten didak­tische Anmer­kungen. Der Rolle des Knaben kommt in der modernen und kriti­schen Inter­pre­tation des Orato­ri­en­stoffes noch eine größere Bedeutung zu, indem er zum Regulativ stili­siert wird, der ungehemmten Gewalt Einhalt zu gebieten. Einfach nur mit dem Satz: Aufhören, warum muss es immer so viel Gewalt geben?

Es bleibt nichts dem Zufall überlassen, alles speist sich aus dem einen erzäh­le­ri­schen Duktus, der in van Rensburgs Bildsprache steckt. Ob Bühnenbild oder Kostüm­ge­staltung, alles greift gekonnt und stilsicher inein­ander. Von wenigen starken, ganz bewusst einge­setzten Farbak­zenten abgesehen, malt sich der Bühnen­kosmos in einem nuancierten Spiel aus Grautönen, in dessen Mitte sich die verhalten farbigen Perso­nen­staf­fagen konturieren.

Die komplexe, teils detail­ver­liebte virtuelle Darstellung wird immer dann am dichtesten, wenn auf der Bühne große, abstra­hierte Bilder entstehen, wie sie im Zusam­menhang mit den Elementen das Oratorium bestimmen: Feuer, Wasser und Wind werden dabei auf ganz beein­dru­ckende Weise in Szene gesetzt und geraten optisch und drama­tur­gisch zu Höhepunkten der Insze­nierung. Beispielhaft sei hier auf die Darstellung des Elements Wasser verwiesen, die in einer atembe­rau­benden Wucht und Fülle den Illusi­onsraum bestimmt und eine wunderbare Referenz an die Video­kunst des ameri­ka­ni­schen Künstlers Bill Viola darstellt. An anderer Stelle führt die technische Raffi­nesse auch schonmal zu Überzeich­nungen, unter denen die drama­tur­gische Glaub­wür­digkeit ein wenig leidet. Beispielhaft sei hier die Projektion eines Wirbel­sturms genannt, in dessen Sog neben allerlei Gerümpel auch zwei Autos im Dauer-Loop karus­sellhaft rotieren. Auch die schwe­benden Seraphim können sich in ihrer Erschei­nungsform vom X‑Men-Vorbild nicht gänzlich emanzipieren.

Insgesamt genügt die virtuelle Präsen­tation aber aller­höchsten Ansprüchen und darf als äußerst bemer­kens­werte szenische Rezeption des Orato­riums Elias gelten.

Szenische Opulenz erfährt die Aufführung darüber hinaus durch die Chorszenen, die das Oratorium musika­lisch prägen und von van Rensburg mit ausge­klü­gelter Perso­nen­regie umgesetzt werden. Es nimmt nicht wunder, dass die überra­gende Leistung der betei­ligten Chöre unter der Gesamt­leitung von Chordi­rektor Michael Preiser im Zentrum der Aufmerk­samkeit stehen. Die Krefelder Produktion zeichnet sich in ganz beson­derer Weise durch die Einbe­ziehung mehrerer Laien­chöre aus, die nicht nur akustisch, sondern auch halbsze­nisch begeistern. Zusammen mit dem Chor und Extrachor des Theaters bieten der Nieder­rhei­nische Konzertchor und der Crescendo-Chor Krefeld einen gewal­tigen Bild- und Resonanzraum.

Dabei agieren die über 70 Mitglieder der Laien­chöre aus den vorderen Seiten des Zuschau­er­raumes heraus und sorgen mit ihren orange-roten Schals in der Baal-Szene für eine drastische und zutiefst berüh­rende Unmit­tel­barkeit. Selten durfte man die Aktion von Amateur­dar­stellern so intensiv und hautnah erleben.

Zusammen mit der Statis­terie und dem Sänger­ensemble entstehen immer wieder neue Forma­tionen und Tableaus. Sowohl die Massen­cho­reo­grafien als auch die indivi­duelle Feinzeichnung der einzelnen Charaktere gelingen ausge­sprochen gut.

Es nimmt nicht wunder, dass die überra­gende Leistung der betei­ligten Chöre im Zentrum der Aufmerk­samkeit steht. Ein großes Lob an Regisseur, Opern­di­rektor und musika­li­schen Leiter, sich der großen Heraus­for­derung gestellt und überzeugt zu haben. Das Ausgreifen in die Stadt­ge­sell­schaft ist ein erklärtes Ziel kommu­naler Theater­macher. Da gibt es die verschie­densten Ansätze mit unter­schied­lichsten Resul­taten. In Krefeld Mönchen­gladbach geht das Experiment auf und stärkt dabei den Rückhalt für die so oft kriti­sierte, hochsub­ven­tio­nierte Theaterarbeit.

Dem musika­li­schen Leiter Giovanni Conti gelingt es, aus vier verschie­denen Chören mit über hundert Sängern ein homogenes Vokal­ensemble zu formen, das diffe­ren­ziert, präzise und vor allem klang­schön überzeugen kann. Gleich­zeitig für einen wohltem­pe­rierten, teils volumi­nösen Orches­ter­klang der Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­niker und den genauen Einsatz der Solisten, der Doppel­quar­tette und Terzette zu sorgen, darf als orches­trales Logistik-Meisterwerk bezeichnet werden.

In der Titel­rolle des Propheten Elias überzeugt Rafael Bruck stimmlich und darstel­le­risch. Sein in vielen Partien erprobter kraft­voller und facet­ten­reicher Bariton erfüllt alle Erwartungen.

Krank­heits­be­dingt kann an diesem Abend Sofia Poulopoulou die Partie der Witwe nur spielen. Dankba­rer­weise übernimmt Antonia Busse, die ein Gesangs­sti­pendium für die Rolle erhielt, von der Seite. Im Kontext der Gesamt­in­sze­nierung gelingt das auch sehr gut und Busse, die auch noch ihre Rolle der Heils­ar­mee­schwester II innehat, überzeugt mit kraft­voller Sopran­stimme und inten­siver Darstellung.

Foto © Matthias Stutte

Überragend Bettina Schaeffer aus dem Opern­studio Nieder­rhein in der Rolle der Heils­ar­mee­schwester I. Ihr wunderbar weicher und warmer Mezzo­sopran verwöhnt an diesem Abend und sorgt für verdient großen Publikumszuspruch.

Der Tenor Woongyi Lee meistert die Rolle des Obadjah vorbildlich und hinter­lässt keinerlei Zweifel an seiner stimm­lichen Präsenz und seiner darstel­le­ri­schen Überzeu­gungs­kraft. Die Überti­telungs­anlage trägt hier wirklich dazu bei, dass seine Auftritte inhaltlich verständlich und damit noch authen­ti­scher werden.

Eva Maria Günschmann gibt die Königin Isibel kämpfe­risch und leiden­schaftlich. Das ihrer Mezzo-Stimme zu eigene Brust­re­gister hat eine ganz indivi­duelle, charis­ma­tische Note.

An ihrer Seite überzeugt der junge Tenor Arthur Meunier als König. Zusammen mit dem Bariton Reconiah Retulla verleiht er der kleinen Rolle des Diakons seine Stimme. Beide sind Mitglieder im Opern­studio Nieder­rhein, dessen Nachwuchs­för­derung sich ein weiteres Mal eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Die für die Handlung wesent­liche Rolle des Knaben hat an diesem Abend der achtjährige Cornelius Begrich, der mit seiner zarten Knaben­stimme für beein­dru­ckende Akzente sorgt, zudem auch schau­spie­le­risch überzeugen kann und für sich einnimmt.

Ausdrücklich zu erwähnen ist die Leistung der Doppel­quar­tette von Ursula Hennig, Birgitta Henze, Katharina Ihlefeld, Yoonsoo Kil bei den Damen und Jae Sung An, Gereon Grundmann, Sun-Myung Kim und Nils Miegel bei den Herren.

Die szenische Aufführung von Elias am Theater Krefeld Mönchen­gladbach ist ein gigan­ti­scher Kraftakt, der eindrucksvoll unter Beweis zu stellen vermag, was Stadt­theater im Zusam­men­spiel mit der Stadt­ge­sell­schaft zu bewirken in der Lage ist. Auch wenn bei der gelie­ferten Fülle an Bildern und Gedanken nicht jede Sequenz diskus­sions- und wider­spruchslos hinzu­nehmen ist, so steht doch das große Engagement im Vorder­grund, auf der einen Seite komplexe Illusi­ons­räume zu schaffen, in denen man sich auch ein Stück weit verlieren kann, um auf der anderen Seite Diskus­sionen anzustoßen und Zusam­men­hänge kritisch aufzuzeigen.

Die grenzenlose Begeis­terung beim stehenden Publikum unter­streicht, wie wichtig der gesell­schaft­liche Diskurs im Theater sein kann, wenn er überzeugend, stimmig und stimm­ge­waltig daher­kommt – Rufet lauter!

Bernd Lausberg

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