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WEISSE ROSE
(Udo Zimmermann)
Besuch am
16. März 2025
(Premiere)
Am 16. März 1945 ist die alte Stadt Würzburg im Feuersturm des Bombenhagels nahezu völlig zerstört worden, brutale Folge des durch die Nazis angezettelten Kriegs. Als Erinnerung daran und gleichzeitig als dringende Warnung vor jeder Art von Diktatur und Auslöschung der Freiheit war die Premiere von Udo Zimmermanns Oper Weisse Rose im Kleinen Haus des Mainfrankentheaters Würzburg auf den 80. Jahrestag terminiert. Der Komponist, 1943 in Dresden geboren, hatte schon 1966⁄67 zusammen mit seinem Bruder in einer Zeit des revolutionären Aufbegehrens eine Oper über die Geschichte der Geschwister Scholl geschrieben; fast 20 Jahre später aber komponierte er über sie nach dem Libretto von Wolfgang Willaschek ein gänzlich neues Werk, nun reduziert unter einem neuen Blickwinkel ohne die Historie auf die letzten Stunden vor der Hinrichtung der beiden Widerstandskämpfer; alles ist konzentriert auf die beiden Geschwister, ihre Gedanken, die schmerzhafte Bewusstwerdung ihrer selbst, in 15 Szenen für ein kleines Orchester mit 15 Instrumentalisten und zwei Sänger-Solisten. In diesem intimen Rahmen läuft ein Gedankendrama ab. Es zeigt nach der Verhaftung wegen der Flugblätter gegen Hitler bei Sophie und Hans Scholl Momente der Angst vor dem Tod, Rückerinnerungen, warum sie trotz der Gefahr die Widerstandsgruppe der Weißen Rose gegründet hatten, nämlich als Verpflichtung für die Wahrheit, geleitet vom eigenen Gewissen, und als Aufruf an die Bevölkerung, dem unmenschlichen Treiben der Nazis Einhalt zu gebieten Heute ist das Werk eine der meist gespielten zeitgenössischen Opern.
Zimmermanns Oper lebt nicht von einer Handlung, sondern ist eigentlich inneres Theater. Das meiste, diese innere Dramatik, spielt sich in der Musik ab. Die ist manchmal rasend schnell, dann wieder äußerst langsam, auch fein leise im Streichquintett, dann wieder disharmonisch, chaotisch; sie zitiert auch Melodisches, etwa Barockes verfremdet, dann ist sie hämmernd, begleitet so die innere Zerrissenheit der Geschwister, ihre Ängste, und am Schluss, zum lärmigen Zitat eines Nazi-Marsches, erklingt dann wie von ferne, vom Band, das Glockengeläut, das Jahr für Jahr an die Vernichtung der Stadt und die vielen Tausend Todesopfer erinnert, alles unterfüttert von Sprachfetzen, Rufen, Schreien. Die Aufführung lebt von der exzellenten Leistung des kleinen Orchesters, mit Bläsern, Schlagzeug, Harfe, Streichern, unter der Leitung von Ulrich Cornelius Maier.

Regisseurin Nina Kupczyk lässt neben den Sänger-Darstellern für Sophie und Hans Scholl auch stumme Doppelgänger auftreten, Sophia Hung und Maximilian Liemann, die äußerlich, in Kleidung und Aussehen in etwa den historischen Personen entsprechen, oft hinter ihnen stehen, sich aber auch manchmal unabhängig von ihnen bewegen. Außerdem erinnert Ausstatterin Aylin Kaip durch bildliche Elemente an die zugrundeliegende Handlung; so stehen die Protagonisten oft auf runden Plattformen, sehr vergrößerten Tasten der Schreibmaschine, auf der Fläche vor dem Orchester. Damit wird auf die Entstehung der Flugblätter, die auf einer Reiseschreibmaschine getippt wurden, hingewiesen, aber auch auf die Bedeutung des Wortes im Widerstand. Von der Decke in der Mitte hängt symbolisch eine große, stilisierte weiße Rose, aus der auch einmal Flugblätter herabfallen, und aus ihrer Mitte lässt sich eine Art Pendel mit weißer Kugel herab, eigentlich ein Hinweis auf die unverrückbare Macht des Gewissens, das im Schwingen das schwarze Hakenkreuz am Boden, durch einen martialischen Gestapo-Mann aus Vernichtungs-Resten auf den Boden gestreut, wieder verwischt.
Einige der Erinnerungen der beiden Geschwister an die Zeit vor ihrer Hinrichtung, etwa an die Transporte der Juden in die Vernichtungslager, werden per Video auf die weiße Rose in der Mitte projiziert. Auf einige allzu reale Bilder, etwa eine Puppe beim Gedanken an die Kinderverschickung, hätte man aber verzichten können, ebenso wohl auf die schwarzen Leichensäcke, die den Doppelgängern der beiden Scholls von einem unerbittlichen Gestapo-Mann, Reinhold Stauder, übergestülpt werden beim Sieg der Täter nach dem Todesurteil. Ein biederer Hausmeister, eine blasse Existenz, Jochen Ruoff, hat durch seine Anzeige wegen des Abwurfs der Flugblätter den Prozess gegen die beiden Scholls verursacht. Wichtig aber sind in dieser Inszenierung die beiden Gesangssolisten. Milena Arsovska als Sophie Scholl imponiert mit ihrem kraftvollen, hellen Sopran, der die heftigen Sprünge ihrer Partie mühelos bewältigt, ohne Überanstrengung auch das Klagende, Empörte, die Schreie nach Hilfe ausdrücken kann. Allerdings bewegt sie sich kaum. Leo Hyunho Kim als ihr mehr in sich ruhender Bruder Hans kann die Aussagen des Verurteilten mit seinem kräftigen, vollen Bariton meist gut unterstreichen, den Text auch stark betonen; seine Vokale dürften aber noch etwas offener klingen.
Das Publikum im nahezu ausverkauften Haus ist ergriffen und spendet nach einer gewissen Pause langen, begeisterten Beifall, der vor allem dem Orchester gilt.
Renate Freyeisen