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Sex, öffentliche Beichte und Video

KÁŤA KABANOVÁ
(Leoš Janáček)

Besuch am
17. März 2025
(Premiere)

 

Bayerische Staatsoper, Münchner Nationaltheater

Dass der polnische Regisseur Krzysztof Warli­kowski im Oktober 2007 mit Eugen Onegin von Tschai­kowski ein kontro­verses Debüt an der Bayeri­schen Staatsoper gegeben hat, ist bald 18 Jahre her. Während damals Teile des Publikums kindisch aufge­bracht darauf reagierten, wie Warli­kowski einem homoero­ti­schen Subtext nachging, stellt sich angesichts seiner aktuellen Münchner Insze­nierung einer Oper mit russi­scher Textvorlage die Frage, inwieweit sein Regiestil seither gereift ist.

Auf jeden Fall ist die Erzähl­weise, die Warli­kowski für Káťa Kabanová wählt, von Anfang bis Ende gerad­linig. Im holzver­tä­felten Einheits­büh­nenbild von Małgorzata Szczęśniak, die auch für die Kostüme verant­wortlich zeichnet, ist nach wenigen Minuten klar: In der Münchner Neuin­sze­nierung wird keine bildliche Entspre­chung zur Relation von Innen und Außen herge­stellt, wie sie in der Dramen­vorlage, Das Gewitter von Alexander Ostrowski, angelegt und vom Kompo­nisten Leoš Janáček mehr als ein halbes Jahrhundert später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs aufge­griffen wurde. Der rückte die Sehnsucht der Titel­figur ins Zentrum, aus dem beengten Klein­stadt­leben ausbrechen, ja, fliegen zu können. Statt­dessen wird in München angedeutet, dass mehrere Räume, wie die Toilette im Bühnen­hin­ter­grund und das Schau­fenster mit Manne­quins am rechten Bühnenrand, anein­an­der­grenzen und wie Gefäng­nis­zellen besten­falls Konsum, aber kein Entkommen zulassen. Die Protago­nistin Káťa stürmt denn auch gleich während des Orches­ter­vor­spiels in die mit Spiel­au­tomat und Jukebox ausge­stattete hintere Ecke, um sich zu den Schel­len­klängen des Schlit­ten­motivs, das in der Partitur vor allem als Klang­chiffre für die Geschäfts­reise von Káťas Ehemann Tichon dient, rhyth­misch wie in der Diskothek zu bewegen – oder vielmehr zu schütteln.

Foto © Geoffroy Schied

Dazu, dass dieses Verhalten Káťas auch simultan als Video­groß­pro­jektion auf der Bühnen­rückwand zu sehen ist, lässt sich die von jungen Frauen sozial selbst errichtete Fassade bezie­hungs­weise ihr Image bis hinein in die heutigen sozialen Medien assozi­ieren. Und so wird von Warli­kowski auch konse­quent aufgebaut und weiter­ver­folgt, dass die Opern­fi­guren und ihre anschlie­ßenden Entwick­lungen eigentlich austauschbar sind, egal ob in einer postso­zia­lis­ti­schen Traban­ten­stadt an der Wolga, an der Themse oder an der Seine. Die Handlung könnte überall spielen, wo Frauen, die zu früh und zu jung gehei­ratet haben, im kurzen Kleid und auf Vermittlung der besten Freundin schließlich ihren Liebhaber mit Sturm­frisur und gelbem Anzug nach Feier­abend in einer Karao­kebar treffen und an der folgenden Affäre sinnlos zugrunde gehen. Welche nicht unbedingt subtilen textlichen Verschie­bungen Warli­kowski dabei vornimmt, ist auch ohne nähere Libret­to­kenntnis dank der Überti­tel­tafel schnell nachvoll­ziehbar. Wenn Káťa in der ersten Szene des letzten der drei, ohne Pause gespielten Akte öffentlich beichtet, sich nach dem ersten Stell­dichein mit Boris im Garten zehn Nächte lang „herum­ge­trieben“ zu haben, ist sie in Warli­kowskis Insze­nierung kurz vorher offen­sichtlich vom Koitus auf der Toilette mit ihm zurück­ge­kommen und zunächst in Unter­wäsche am Boden liegengeblieben.

Es ist mit geübtem Blick fürs Regie­theater klar, dass Warli­kowski an Stellen wie diesen weniger realis­tisch als symbo­lisch die Figuren­per­spektive, vor allem die der sich zunehmend wertlos fühlenden Protago­nistin und ihres religiös fehlge­lei­teten Schuld­emp­findens, hervor­kehren will. Aber mit solchen Zuspit­zungen geht ein Abflachen und Aushöhlen der vom Sympa­thie­faktor her zumindest gemischten Charaktere des Stückes einher. So tritt der eigentlich unbedachte, aber nicht unauf­richtige Boris im Schlussakt nur noch mit weißer Vollge­sichts­maske auf, hinter der dem zurecht in vielen Tenor­rollen von Janáček bewährten Pavel Černoch der mimische Ausdruck für den Abschied von Káťa regel­recht verweigert wird. Das nicht komische, aber pragma­tische zweite Liebespaar Varvara und Kudrjáš bildet, trotz der angenehmen stimm­lichen Leich­tigkeit des Mezzo­so­prans von Emily Sierra und des Tenors von James Ley, auch keinen unbeschwerten Kontrast zu Káťa und Boris. Es nimmt eher Züge einer Revue an, dass Kudrjáš im ersten Bild die Wolga im Taucher­anzug beforscht haben will und er später, zwischen Turnier­tanz­paaren stehend, wie dann auch Varvara die für Janáček charak­te­ris­ti­schen, volks­lied­haften Gesänge am Mikrofon anstimmt.

Foto © Geoffroy Schied

Routi­niert gezeichnet und besetzt sind die bereits im Libretto und in der Partitur typenhaft gezeich­neten Figuren. Grässlich blondiert besitzt Violeta Urmana, nach Jahrzehnten im drama­ti­schen Mezzo- und zwischen­zeitlich auch Sopranfach, für die selbst­ge­fällig morali­sie­rende und befeh­lende Kabanicha die passende stimm­liche und darstel­le­rische Autorität. Als ihr zum Aufbe­gehren zu schwacher Sohn und Káťas unver­stän­diger Ehemann Tichon macht John Daszak, bebrillt und mit der Perücke eines schüt­teren Seiten­scheitels versehen, mit seinem heldi­schen Charak­ter­tenor einen fast unter­for­derten Eindruck. Demge­genüber wirkt Milan Siljanov in der Rolle des Kaufmanns Dikoj optisch noch ein bisschen jung, um als Onkel von Boris durch­zu­gehen, singt aber mit passend timbriertem Bassba­riton ebenfalls überzeugend. Beim Liebes­spiel zwischen Kabanicha und Dikoj, das von eroti­schem Spiel­film­pro­gramm am Flach­bild­fern­seher flankiert wird, erfolgt der Szenen­wechsel gerade rechtzeitig.

Im richtigen Moment hat auch Corinne Winters als kürzlich preis­ge­krönte Sopra­nistin ihr Debüt an der Bayeri­schen Staatsoper gegeben. Mit der Titel­rolle von Káťa Kabanová hat sie vor allem bei den Salzburger Festspielen 2022 schon einen großen Erfolg verbucht. In München ist sie am Ende ebenfalls umjubelt, zumal sie die Kindfrau des Regie­kon­zeptes perfekt verkörpert und ihre Gesichtszüge fast wie eine Filmschau­spie­lerin zu kontrol­lieren versteht – und zwar von den erwähnten ersten bis zu den letzten von Kamil Polak einge­rich­teten Video­se­quenzen, in denen sie auf Boris‘ Schoß sitzend und singend in eine Wildblu­men­wiese hinein­pro­ji­ziert wird. Ihre Stimme blüht am Premie­ren­abend aller­dings hier erst voll auf, nachdem sie im Timbre und in der Phrasierung zuvor etwas sparsam und in der Höhe nicht immer frei geklungen hat. Das mag auch am Dirigat von Marc Albrecht liegen, der das Bayerische Staats­or­chester auf ein kompaktes und scharf­kan­tiges Klangbild einge­stellt zu haben scheint. Stärker als spätro­man­tische Rückbe­zie­hungen tritt so Janáčeks Zeitge­nos­sen­schaft mit seinen jüngeren Kollegen Franz Schreker und Alban Berg hervor.

Insgesamt mutet die Neupro­duktion also wie ein recht kühl kalku­lierter Erfolg mit einer in Fachkreisen schon im Vorfeld hochge­han­delten Protago­nistin an. Für hitzige Erregung, wie sie der eingangs erwähnte Münchner Einstand von Warli­kowski mit Tschai­kowski über viele Vorstel­lungen ausgelöst hat, mangelt es diesmal bei aller Qualität an Überra­schungen und Reibungspunkten.

Sebastian Stauss

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