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Im richtigen Ton

WERTHER
(Jules Massenet)

Besuch am
22. März 2025
(Premiere)

 

Théâtre des Champs-Élysées, Paris

Goethes Das Leiden des jungen Werther erscheint 1774 in Leipzig. „Das Werk zündete ein Feuer an … wie kein deutsches Buch bisher und keines nachher … und das nicht nur für ein Jahr, sondern auf Jahrzehnte hinaus, in Deutschland, in England, Frank­reich, Holland, Skandi­navien“, schreibt Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biografie. Es ist daher nicht erstaunlich, dass Jules Massenet noch mehr als ein Jahrhundert später auf der Höhe seines Ruhms den Roman zum Gegen­stand seiner meister­haften, sicherlich seiner persön­lichsten Oper macht. Das Textbuch weicht von Original insofern ab, als es eine junge Sophie dazu erfindet und indem Werther hier nicht allein, sondern im Beisein aller Haupt­dar­steller stirbt. Im Aufbau der Oper folgt Massenet dem schon erfolg­reich erprobten Modell seiner Oper Manon: Vorstellung der Personen im ersten Akt, drama­tische Entwicklung in zweiten, Heraus­ar­beitung der Charaktere im dritten und schließlich tragi­scher Ausgang im vierten Akt. Dieser Ablauf wird hier noch unter­strichen durch die Jahres­zeiten, beginnend mit dem Festball im Sommer, gefolgt von der goldenen Hochzeit im Herbst und dann dem Weihnachtsfest im Winter in den beiden letzten Akten.

Durch das Zögern des Direktors der Opéra Comique in Paris angesichts dieser „tristen Geschichte“, ist es der Wiener Hofoper vergönnt, das Werk 1892 mit großem Erfolg zum ersten Mal auf die Bühne zu bringen, und zwar in deutscher Sprache. Erst ein Jahr später folgt die Erstauf­führung des franzö­si­schen Originals in Paris.

Foto © Vincent Pontet

In der Kopro­duktion mit dem Teatro de la Scala in Mailand hat Regisseur Christof Loy in einer sehr genauen Perso­nen­regie recht erfolg­reich die psycho­lo­gi­schen und emotio­nellen Regungen der Protago­nisten heraus­ge­ar­beitet, wobei durch die im Textbuch  neu hinzu­ge­fügte jüngere Schwester Sophie, die in Werther verliebt ist, nicht wie bei Goethes Werther eine Dreiecks-Beziehung besteht, sondern, wie Loy selbst bemerkt, eine Vierecks-Beziehung wie in Goethes Wahlver­wandt­schaften. Und man merkt, dass er in dem Drama vornehmlich die Tragödie eher als die Romantik sieht. Es gelingt ihm durch eine Vielzahl von geschickten Einfällen und Neben­hand­lungen, die vorherr­schende Statik weitgehend in Bewegung zu verwandeln. Sein Bühnen­bildner Johannes Leiacker lässt die Handlung vor einer einzigen Kulisse abspielen, in einem großen bürger­lichen Bieder­meier-Raum im Hause von Charlottes Vater, mit einer Doppel­flügel-Glastür im Hinter­grund, die den Blick auf einen Winter­garten und dahinter einen Garten mit Baum freigibt, der die Jahres­zeiten anzeigt. Er verzichtet fast ganz auf Mobiliar. Dobby Duivemans hübsche Kostüme sind eher der Mitte des vorigen Jahrhun­derts zuzuordnen und illus­trieren anschaulich die Handlung.

Werther ist eine bekannt schwierige Rolle für einen Tenor, aber Bernard Bernheim bewältigt sie meisterhaft und mit großer Inten­sität. Mühelos und gut kontrol­liert in den drama­ti­schen Spitzen­tönen, zart-timbriert in den lyrischen Momenten, in denen das Mezzo-Voce manchmal  mühelos in die Kopfstimme übergleitet. Er erntet tosenden Szenen­ap­plaus für das Ossian-Lied Pourquoi me reveiller im dritten Akt. Marina Viotti singt und spielt mit reicher, sinnlicher, vibra­to­ge­la­dener Stimme die zwischen Pflicht und Liebe hin und her gerissene Charlotte. Noch ganz in jugend­lichem Überschwang im Duett mit Werther Ah! Pourvu que je voie ces yeux toujours ouverts am Ende des ersten Akts. Dann aber voller ausweg­loser Verzweiflung in der Brief-Arie Qui m’aurait dit zu Beginn des dritten Akts. Sandra Hamaoui singt und spielt sehr reizvoll die jüngere Schwester Sophie. Nur hätte man sich in der ohnehin schon von tragi­scher Dramatik überla­denen Atmosphäre für das kaum der Kindheit entwachsene Mädchen eine etwas leichtere Stimme gewünscht. Mit gedie­genem, schön timbriertem Bariton und würdiger Haltung – zwischen Großmut, Empörung und Indif­ferenz – verkörpert Jean-Sébastien Brou den geehrten, aber ungeliebten Ehemann Albert. Die ältere Generation, den Bürger­meister, Charlottes Vater, und seine Freunde Schmidt und Johann hat Loy hier als weinselige Gestalten des deutschen Klein­bür­gertums des 19. Jahrhun­derts à la Wilhelm Busch darge­stellt. Sie sind das einzige komische Element der Oper, spielen und singen gekonnt und mit sicht­lichem Vergnügen. Heiter und erfreulich sind auch die Kinder, alles Solisten des Kinder­chors der Maîtrise des Hauts-de-Seine. Marc Leroy-Calatuyad dirigiert mit Brio die Solisten, den Kinderchor und das Orchester Les Siècles durch die wild bewegte Partitur.

Das Publikum ist berechtigt begeistert über die besonders gut gelungene Aufführung. Nur einige Buhrufe kreiden die Insze­nierung an. Vielleicht weil sie nicht hässlich ist?

Alexander Jordis-Lohausen

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