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LIGHTTRAVELER
(Pascal Touzeau)
Besuch am
27. März 2025
(Uraufführung)
Selten haben ein Spielort und eine Aufführung so gut zusammengepasst, wie die heutige Uraufführung im ES 365. Das ES 365 wurde von einem Autohändler genutzt. Seitdem hier keine italienischen Luxuskarossen mehr feilgeboten werden, werden die Hallen und Räume in der Erkrather Straße in Düsseldorf als Ateliers an bildende Künstler vermietet. Auch die Compagnie von Pascal Touzeau hat hier ihre Residenz. Wenn sie am Abend zur Aufführung einlädt, liegen die teils offenen Ateliers leer und verlassen. Ein morbider Geruch von Verfall und Farbe liegt in der Luft des ungeheizten Gebäudes. Hier und da huscht noch ein Künstler in Richtung Ausgang. Die Fantasie beflügelt das Gefühl, ein anderes Universum zu betreten, fern der eigenen Wirklichkeit, kalt, unwirtlich.

Wenn es eine Kontinuität in der Arbeit Touzeaus gibt, ist es der Wechsel seiner Partner. Auch die neue Produktion findet in bislang nicht gekannter Kooperation statt. Desislava Staykova-Learn ist in Bulgarien geboren, hat in Frankreich und den Niederlanden gelebt, wo sie in Interdisziplinären Künsten graduierte. Heute lebt sie in Düsseldorf und arbeitet als Beraterin, Fotografin und Künstlerin. Licht ist eines ihrer wichtigsten Arbeitsmittel. Das inspirierte sie auch zur Zusammenarbeit mit Touzeaus Compagnie. Ihre Idee: Licht, bewegte Lichter als Schattenspiel, Raumatmosphäre, Raumgestaltung. Licht als Körper und Objekt. Aber auch die Beziehung zwischen dem bewegten Körper und Licht. Kein ganz neuer Gedanke. Die Neuigkeit liegt in der Umsetzung.
Die Besucher müssen dieses Mal nicht vor verschlossenen Türen warten, sondern dürfen gleich nach Ankunft die ehemalige Wagenhalle betreten. Mittig auf der Querseite sind ein paar Stuhlreihen in der Breite der Tanzfläche aufgestellt, dazwischen ein Tisch, auf dem die Technik für Touzeau aufgebaut ist. Unmittelbar davor sind ein paar Scheinwerfer aufgereiht, vor der gegenüberliegenden Wand ist etwas aufgestellt, das aus der Ferne aussieht wie ein Strandkorb. Theaternebel durchzieht die Halle in dichten Schwären, um das Licht vernünftig zu transportieren. Inzwischen weiß man, dass die Halle nicht geheizt wird, legt die dicke Winterjacke gar nicht erst ab – und bemitleidet einmal mehr die Tänzerinnen, denn auch Bewegung hilft hier auf Dauer eher wenig gegen die Kälte.

Eine Viertelstunde nach offiziellem Aufführungsbeginn betritt der Lichtreisende, nach dem die Produktion mit Lighttraveler betitelt ist, den Raum und schreitet in Richtung des Strandkorbs, während die beiden metallenen Wanderstäbe ihren unbarmherzigen Takt auf den Betonboden schlagen. Thomas Huy, seines Zeichens Bassbariton, verkörpert den ewigen Wanderer in der Einsamkeit perfekt. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt eine transparente Brille, auf dem Rücken eine Stablampe. Als er seine Position eingenommen hat, kommen Alice Hunter, Caroline Powell und Valeria di Mauro, die sich vor die Lampen gesetzt haben, in Bewegung, bilden eine Linie zwischen Zuschauern und Rückwand. Der Tanz kann beginnen.
Bekleidet mit hautfarbener Unterwäsche und Strumpfhosen erinnern die Tänzerinnen an Insekten, die zwischen den Lichtern und dem Reisenden umherschwirren. Derweil erklingt Musik aus dem Lautsprecher. Von Alva Noto gibt es Hybr:ID III, von Arvo Pärt Credo. Und eine Überraschung, als Susanne Diesners Stimme Improvisationen singt. Überraschung deshalb, weil man Diesner eher als eine der bedeutenden Kulturfotografen in Düsseldorf kennt. Ihre Stimme gesellt sich zu der Huys, Staykova-Learn hat mit Diesner für die richtige Tonmischung gesorgt. Und dann singt Huy live. Auch hierbei improvisiert er. Das klingt alles großartig und unterstreicht die mystische Atmosphäre des Abends.
Das Finale der halbstündigen Aufführung gestaltet Luisa Stehmann mit einem Solo, das sie mit drei Stablampen tanzt. Schließlich setzt der Lighttraveler seine Reise mit langsamen, schweren Schritten in Richtung Ausgang und damit in eine Unendlichkeit fort, gefolgt von Stehmann. Die Assoziationen reichen an diesem Abend von Märchen aus längst vergangenen Zeiten bis zu unendlich traurigen Science-Fiction-Abenteuern. Das Ende ist so ungewiss wie groß. Das sieht das Publikum genauso und applaudiert überschwänglich. Der Zauber wirkt fort, wie angeklebt bleiben die Besucher sitzen, bis Touzeau das Hallenlicht einschaltet und sich noch einmal verabschiedet. Das erlebt man auch nicht so oft.
Weitere fünf Aufführungen sind am folgenden Wochenende und Ende April vorgesehen. Unbedingt empfehlenswert für alle, die sich warm genug anziehen.
Michael S. Zerban