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DER MANN VON LA MANCHA
(Mitch Leigh)
Besuch am
29. März 2025
(Premiere)
Das Musical von Dale Wasserman und Mitch Leigh ist das dritterfolgreichste Musical nach Anatevka und Hello, Dolly! der 1960-er Jahre und spielt in einem Verlies der spanischen Inquisition. Cervantes und sein Diener sind angeklagt und warten unter Räubern, Mördern und Prostituierten auf ihr Verfahren. Der Anführer der Insassen nimmt ihnen alle Habe weg, darunter ein Manuskript. Cervantes wird zur Figur des Don Quijote und spielt unter Zuhilfenahme seiner Mithäftlinge seine Erzählung vor. Die Realitäten verschieben sich, das Gefängnis wird zur Kneipe, die Wirtshausmagd und Prostituierte Aldonza wird zur göttlichen Dulcinea, der verschwägerte Dr. Carrasco zum Spiegelritter, der immer wieder bemüht ist, Don Quijote von seinen sinnlosen Kämpfen gegen imaginäre Feinde abzuhalten um ihm final den Spiegel vorzuhalten, in dem er erkennen muss, dass er nicht der hehre Ritter ist, für den er sich hält, sondern ein ärmlicher, alter Mann. Nur Aldonza, die einzig von Don Quijote als Dame behandelt wurde, fleht ihn an, den „unmöglichen Traum“ fortzusetzen. Don Quijote stirbt in ihren Armen. Das Spiel ist aus und Cervantes wird vor das wirkliche Tribunal gerufen.

Soweit zur Geschichte des Musicals, das 1965 in den USA uraufgeführt und 1968 in der deutschen Fassung erstmals am Theater an der Wien gezeigt wurde. Wenn auch die Geschichte auf den ersten Blick etwas verstaubt und aus der Mode gekommen zu sein scheint, ist die Musik nach wie vor großartig und emotional mitreißend. Werden die Klänge immer noch ein Stück weit von den Gedanken der Emanzipation und Befreiung beflügelt, so wie es die Entstehungszeit suggeriert, auch als Fanal der Bürgerrechtsbewegung eines Martin Luther King. Da gibt es auch und gerade in diesen Zeiten so viele Anlehnungspunkte, die Szenen in einem Gefängnis vor dem Hintergrund einer geistigen Inquisition stimmig und mit Nachdruck auf die Bühne zu bringen. Die Quintessenz des Musicals, das Undenkbare zu denken und das Unmögliche träumen zu können, bietet eigentlich sehr viel Potenzial für eine ergreifende Bühnenadaption. Insgesamt wünscht man sich in Gelsenkirchen optisch etwas mehr Guantanamo-Orange und inhaltlich etwas mehr differenzierte Substanz.
Der Mann von La Mancha wird von Carsten Kirchmeier als blasses Kammerspiel inszeniert. Ein kleines Sängerensemble, verstärkt durch eine Statistenschar, versucht, die mit hohen Gittern und wenigen Requisiten ausgestattete, weite Bühne zu beleben. Das Einheitsbühnenbild von Katrin Hieronimus bietet über die pausenlos gespielten 110 Minuten hinweg bis auf einen überdimensionierten, beweglichen Duschvorhang keine Überraschungen. Ein wenig Theaternebel und noch weniger Lichteffekte versuchen, die optische Tristesse aufzubrechen. Bühne, Requisiten und auch die von Katharina Beth zusammengesuchten beige-braunen Overalls kreieren Szenerien müder Dramatik. Im Gegensatz zu anderen Inszenierungen der jüngeren Vergangenheit verzichtet man am Musiktheater im Revier zum einen auf alle Nuancen der Folklore und zum anderen auf eine opulente und effektvolle Ausgestaltung so wie man sie zum Beispiel 2019 am Staatstheater Meiningen eindrucksvoll erleben durfte und auch den Bühnengewerken des Musiktheaters und selbst Carsten Kirchmeier nicht fremd sind.
Vielleicht wäre es der perfekte Ort für ein pures, intensives Bühnenspiel ohne Schnörkel und falschem Pathos. Bedauerlicherweise erfüllt sich die Erwartung nicht, die eigentlich so faszinierende Geschichte vom Theater im Theater glaubhaft in Szene zu setzen. Die Berührung und Vermischung verschiedener Metaebenen, die den ganz besonderen Reiz dieses Musicals ausmacht, will einfach nicht gelingen. Zu uninspiriert sind die wenigen Regieeinfälle und zu hölzern die Personenregie. Es hat den Anschein, als würden die dreizehn Sängerdarsteller auf der Bühne gelangweilt und bewegungsarm auf das Ende der Vorstellung warten. Auch das, was von Tenald Zace choreografisch für Akzente und Kurzweile sorgen könnte, bleibt rudimentär und statisch. Regisseur Kirchmeier bemüht eine Handvoll Statisten, als Wachpersonal verkleidet, brutal und scheinbar willkürlich auf die Gefangenen einzuprügeln und kratzt dabei gerade mal an der Oberfläche einer bedrohlichen Gefängnisrealität, die die Geschichte des Titelhelden und seiner Zeit bestimmt und die Inszenierung mit allerlei aktuellen Bezügen würzen könnte. Kampfszenen in Zeitlupensequenz, eine angedeutete Vergewaltigung auf einem Tisch hat man in vielen anderen Zusammenhängen wahrlich überzeugender oder beklemmender erleben können. Die vielen Facetten von menschlicher Größe und menschlichen Abgründen geraten im wahrsten Sinne des Wortes zu einer groben Schwarzweiß- Skizze; eine kunstfertige Vermischung zu einem pastosen Gemälde gelingt dem Regieteam nicht.

Auch musikalisch ist die Neuproduktion recht durchwachsen. Größte Anerkennung verdient Phillip Kranjc für seine Darstellung des Titelhelden. Trotz einer Rippenverletzung ermöglicht er an diesem Abend die Premiere im fast ausverkauften Großen Haus des Musiktheaters. Da hat man Verständnis für sein zurückgenommenes Agieren gerade im Hinblick auf die physischen Gemengelagen der Inszenierung. Es war der ausdrückliche Wunsch von Kranjc, einmal diese Rolle verkörpern zu dürfen. Trotz aller Einschränkungen gelingt ihm das ganz wunderbar. Stimmlich ist Kranjc absolut präsent und verwöhnt mit seinem sonoren Bassbariton, der darüber hinaus über eine bestechend klare Diktion verfügt. Ein großes Kompliment für seinen Einsatz.
An seiner Seite der ungemein spielfreudige und spielkönnende Benjamin Lee als Schildknappe Sancho Panza. Eine wahre Freude, dem Sängerdarsteller zuzusehen und ihm zuzuhören. Seine Tenorstimme überzeugt mit samtigem Schmelz.
Eine krasse Fehlbesetzung hingegen ist Elisabeth Hübert als Aldonza. Ihre fiepsige, schrille Stimmfärbung widerspricht diametral dem Charakter der Mezzorolle. Micky Mouse soll hier die „Schlampe vom Wirtshaus“ verkörpern, wie Aldonza es ausdrückt. Darstellerisch ist daran nichts auszusetzen, stimmlich hingegen fehlt es aber an allem, was die Rolle der Aldonza an Vielschichtigkeit und Variationsreichtum so anspruchsvoll und mesmerisierend macht. Für die facettenreichen Zwischentöne, Charakternoten und den gesamten Bewusstseinswandel der Bühnenfigur reicht es hinten und vorne nicht.
Sebastian Seitz als Herzog und Adam Temple-Smith als Padre wirken souverän stimmgewaltig und stimmschön. Anke Sieloff als Gouverneur der Gefängniswelt ist gewohnt verlässlich und ausdrucksstark. Desgleichen Urban Malmberg als Wirt, der schauspielerisch nochmal einen Extragang einlegt. Klangschön die Antonia von Marie Ploner. Die Gruppe der Maultiertreiber wird darstellerisch und stimmlich von Nikko Forteza dominiert. Die metallische Stimme des Hauptmanns wird aus dem Off eindringlich abgerufen von Maximilian Teschemacher.
Unter der musikalischen Leitung des Zweiten Kapellmeisters, Mateo Penaloza Cecconi, gewährt die Neue Philharmonie Westfalen einen angemessenen orchestralen Rahmen für den Abend. Bezaubernd die charakteristische spanische Klangwelt mit Kastagnetten und Gitarren. Ein Stück weit unverständlich bleibt, warum man sich in Gelsenkirchen nicht für das englische Original entschieden hat. Bei der fulminanten Inszenierung von Hello, Dolly! an gleicher Stelle war das selbstverständlich. Die ikonischen Songtexte wären noch intensiver und geschmeidiger als die deutsche Übersetzung. Dennoch gelingt das Schlusstableau aus allen Kehlen durchaus berührend. Das sieht das über die Maßen begeisterte Publikum wohl genauso. Langanhaltender Applaus für alle Beteiligten.
Bernd Lausberg