O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Philharmonie Köln - Foto © Patrick Hahn

Konzertfrühling

PLI SELON PLI/​JAGDEN UND FORMEN
(Pierre Boulez, Wolfgang Rihm)

Besuch am
9. März 2025 in Köln
29. März 2025 in Düsseldorf
(Einmalige Aufführungen)

 

Philhar­monie Köln, Tonhalle, Düsseldorf

Der rheinische Musik­freund mit dem offenen Herzen für das Neue in der Musik zehrt im angebro­chenen Konzert­frühling von zwei Auffüh­rungs­wundern. Deren Wirkung, in beiden Fällen, eine außer­ordent­liche. Wie von Zauberhand findet man sich heraus­ge­hoben aus den Niede­rungen, in die einen die Moden, die Belang­lo­sig­keiten, die kleinen und großen Hochstape­leien der Neuen-Musik-Szenen hinunter­zuziehen trachten. Die eine Begebenheit datiert vor Wochen­frist in der Kölner Philhar­monie, als ein WDR-Sinfo­nie­or­chester unter Jonathan Nott mit der Solistin Magali Simard-Galdès ein kompo­si­to­ri­sches Vermächtnis exeku­tieren: Pli selon pli (Portrait de Mallarmé) für Sopran und Orchester, womit der 2016 verstorbene Pierre Boulez buchstäblich sein halbes Komponisten­leben gerungen hatte. Die andere nicht weniger wichtige Begebenheit jetzt in der Tonhalle Düsseldorf, wo das Notabu-Ensemble unter seinem Gründungs­dirigenten Mark-Andreas Schlin­gen­siepen sich ebenfalls einem künst­le­ri­schen Vermächtnis widmet: Jagden und Formen für Orchester, das ab 1995 bis 2008, nach diversen Umbauten, Erwei­te­rungs­maß­nahmen, entstandene Hauptwerk von Wolfgang Rihm, dem Feuerkopf unter den Kompo­nisten, der nun, leider Gottes, für viele überra­schend, im letzten Jahr verstarb.

Mark-Andreas Schlin­gen­siepen – Foto © Susanne Diesner

Beide Künstler operieren auf Augenhöhe. Beide Werke sind mit ihrer jeweils einstün­digen Auffüh­rungs­dauer wahre Monumente der Neuen Musik. Und beide, das der entschei­dende Punkt, sind nach ihrer Intention wie nach der Art, das Orchester anzufassen, es zum Leben zu erwecken, vergleichbar, was zunächst einmal ganz einfach damit zu tun hat, dass der Jüngere an der Arbeit des älteren Kollegen, davon kann man sich im Auffüh­rungs­ver­gleich hinrei­chend überzeugen, ganz offen­sichtlich Maß genommen hat. Das geht bis in die Äußer­lich­keiten. Etwa, wenn Rihm sein Orchester damit startet, dass er es auf den Punkt in die Hände klatschen lässt, was in Pli selon pli dem eröff­nenden Orches­ter­tutti entspricht. Hier wie dort Wimpernschlag­kürze. Hier wie dort ein Aufplatzen des Kollektivs in Vielheit. Der Urknall, sagt Boulez in Pli selon pli, ist passiert. Was danach passiert, und darin pflichtet ihm Rihm unbedingt bei, sind Inter­ak­tionen von Bestand­teilen des aufge­split­teten Universums in kammermusika­lische Inseln. Und zwar in einer Geschwin­digkeit, die einem den Atem stocken lässt. Rechts Bläser, links Streicher, in der Mitte, keilförmig forma­tiert, fünf Harfen. An den Rändern positio­niert Boulez eine Armada von Schlagwerk. Neun Perkus­sio­nisten haben unentwegt zu tun. Marimba­fone, die auf Harfen antworten, das Material den Röhren­glocken zuspielen. Alles durchweg vor und nach den Schlag­zeiten. Und wenn die große Trommel dann doch einmal auf der Eins kommt, wirkt das geradezu frappierend.

Spielen in, spielen mit den Forma­tionen auch bei Rihm, wenn er aus dem Tutti-Klatscher zu Beginn einen Balztanz beider Violinen hervor­treten lässt, bald die feier­liche Linie des Kontra­basses darun­ter­setzt, ihn laut werden, Sprünge absol­vieren lässt, stets in Gestalt der vom Kompo­nisten so geliebten Sechzehntel-Triolen, was natürlich aufs Tempo drückt. Nach und nach werden andere Leucht­farben, Leucht­punkte einge­führt. Bratsche, Cello, Flöten, Klari­netten, erst nach einer gefühlten Ewigkeit Schlagwerk und Blech. So schwillt der Korpus an. Die Streicher mit repeti­tiven Pizzicati, ein verbissen sich aufsprei­zendes Englischhorn, dazu das Gehäm­merte aus anderen Ecken des Orchesters, das mal in akzen­tu­ierten, dann in vermur­melten Enden mündet, was über weite Strecken erkennbare Lustge­fühle im Orchester auslöst. So haben wir ja noch nie gespielt! 

Tonhalle – Foto © Susanne Diesner

Rihms Orches­tersatz ist wie der von Boulez ein rhyth­mi­sierter Orches­tersatz, der keine Themen mehr kennt, die irgendwie verar­beitet würden, werden müssten, der ebenso ­wenig irgend­welchen Motiven hinter­her­he­chelt, um sie durch die Orchester­gruppen wandern zu lassen. Wie überhaupt das Orchester, bei Boulez wie bei Rihm, einer vollkommen neuen Idee unter­worfen ist. Es gibt, vor allem bei Rihm, die herkömm­lichen Gruppen, das Überein­an­der­schichten nicht mehr, was für sich natürlich keine Neuerung darstellt, nur, dass Rihm und Boulez bei aller losge­las­senen Vielheit, dank subtiler Redun­danzen, dank eines raffi­nierten Spiels mit Symme­trien und Asymme­trien, subkutane Formen kreieren, ohne dass die wiederum statua­rische Gestalt annähmen. Nichts wird fixiert im Sinne von: So, liebe Leute, das ist jetzt das Ergebnis! Was es gibt, ist einzig perma­nentes Werden. Mit unsicht­barer Tinte steht über dem Bauplan: Keine falschen Versöh­nungen, ohne Regres­sionen auskommen, aus dem Herzen sprechen. Es macht die Faszi­nation von Pli selon pli wie von Jagden und Formen.

Im solis­ti­schen Orchester spiegelt sich die Musik unserer Zeit. Maximal zweifache Besetzung gestattet Rihm den Bläsern. Alles andere bleibt solis­tisch. Drei tiefe Streicher, Fagott und Kontra­fagott, Basstuba und, auf der gegen­über­lie­genden Seite platziert, die Quellen für die aparten Farben eines perkussiv einge­setzten Klaviers, einer mal akkor­disch, mal punktuell agierenden Harfe und einer Gitarre, die mit E‑Bass wechselt, was schöne, an die Rockmusik erinnernde, ploppig-pochende Sound­ef­fekte hervorruft. Nur der ist ein Mensch, heißt es bei Schiller, der spielt, und zwar mit der Schönheit. So gehen sie vor. Boulez, wenn er die Silben des Mallarmé-Gesangs­textes ornamen­tiert, bis die Worte aus dem Sinn­verstehen austreten und sich der Imagi­nation öffnen. Und nichts anderes macht Rihm, wenn er das Orchester nach seinem Plan, nach seiner Intuition sich dehnen, strecken lässt, es nach krachenden Spitzen in die Stille zurück­führt, aus der an einer wirklich berückenden Stelle nur ein hoher Geigenton herausragt, die Spannung hält. Alles hängt jetzt am seidenen Faden. Die Tür bleibt offen. – Mark-Andreas Schlin­gen­siepen hat mit seinem erwei­terten Notabu-Ensemble ein Zeichen gesetzt. War die eine Stunde, die da so furios, so fasslich im Mendelssohn-Saal musiziert wurde zu lang? I wo. Genau richtig. Kurzweilig war’s.

Georg Beck

Teilen Sie O-Ton mit anderen: