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Zum Abschluss seiner Intendanz am Stadttheater Hagen inszeniert Hausherr Francis Hüsers Don Carlos von Guiseppe Verdi und entscheidet sich für die fünfaktige Version in französischer Sprache. Diese 1867 in Paris uraufgeführte große französische Oper ist mit gut vier Stunden länger und komplexer als die zumeist gespielte italienische Version, die in Hagen zuletzt 2012 auf dem Spielplan stand. Nun sind es gar fünf Stunden, in denen das Publikum aufgefordert wird, in die machtpolitischen Abgründe des spanisches Hofes und seiner Intrigen zu schauen. Als tragische Figur steht der Infant Don Carlos im Fokus der Opernhandlung, die auf Schillers Drama basiert. Für Hüsers scheint es wichtig, die fünfaktige Version zu zeigen, da sie mit dem Fontainebleau-Akt die Grundlage für die Zerrissenheit der Protagonisten, allen voran des Don Carlos setzt. Für jedes Haus ist die lange französische Version eine große Herausforderung, die alle Bereiche des Theaters über die Maßen fordert. Gleichzeitig ist es in Hagen der Schlusspunkt der Serie großer Sonntagsnachmittagsopern, die in den vorangegangenen Spielzeiten Wagner gewidmet war. Alle beteiligten Gewerke des Theaters demonstrieren hier ihr Leistungsvermögen, und es ist außerordentlich beachtlich, dass sich das auch finanziell geforderte Hagener Theater diesem hohen Anspruch stellt.
In Hagen geht an diesem Nachmittag die Rechnung der Leistungsschau auf. Das Regieteam um Hüsers inszeniert ein Spiel der Könige und macht die Handlung des Don Carlos zu einem großangelegten Schachspiel. Schon zur Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein atemberaubendes Tableau, das aus Schachfiguren auf einem stark angeschrägten, überdimensionierten Schachbrett besteht. Der schwarzweiß marmorierte Spielgrund ist diagonal platziert und reicht vom Orchestergraben bis zum Bühnenhintergrund, der das Spielfeld mit hohen schwarzen Wänden umsäumt. Die haushohe Architektur des Bühnenhintergrunds ist mit einem Band hoher, doppeltüriger Lammellenfenster versehen, die zugleich als Tore den Zugang von der Hinterbühne ermöglichen. Theaternebel steht im Raum, und das Spiel beginnt.

Chor und Sängerdarsteller stehen sich als Schachfiguren verkleidet auf dem Brett streng in Schwarz und Weiß geteilt gegenüber. Die brillanten Kostüme von Katharina Weissenborn zeigen abstrahierte Figurinen des Schachs. Die hohen Kopfbedeckungen verweisen mit ihren Symbolen auf Bauern, Läufer, Springer, Türme, Pferde, Königinnen und Könige. Die intelligent konstruierten Kostüme bestehen aus einem chiffonartigen, transparenten Überwurf. Die Silhouetten der Figuren scheinen statisch konstruiert, erlauben aber dennoch ein hohes Maß an Beweglichkeit. Dem Gefolge des weißen Königs um Phillip II. und Elisabeth von Valois stehen ein schwarzer König in der Person des Großinquisitors und Prinzessin Eboli als schwarze Königin gegenüber. In dem atemberaubenden Bühnensetting von Mathis Neidhardt bleiben alle Bilder und Szenen der Oper verortet. Durch eine ausgeklügelte Lichtregie gelingen so Momente beeindruckender Machtgröße und intimer Privatsphäre. Die Motivik des Schachspiels bestimmt das Geflecht um Liebe, Macht, Einfluss und Vernichtung. Sich formal und inhaltlich den Regeln des Schachspiels zu bedienen, erlaubt Regisseur Hüsers, den eigentlichen Gegensatz zwischen spanischer Krone und der heiligen Inquisition in den Mittelpunkt seines Regiekonzepts zu stellen. Der tatsächliche Gegenspieler im Kampf um Macht ist nicht der Rebell Marquis von Posa, sondern der Großinquisitor als Repräsentant der übermächtigen Heiligen Inquisition. Diese Machtinstitution ist auch vom König nicht zu schlagen und das Beste, was er erhoffen kann, ist ein Remis.
Posa, der beste Freund und Vertraute von Don Carlos wird geschickt vom König vereinnahmt und für seine Zwecke missbraucht. Symbolisch erhält Posa in diesem Zusammenhang einen weißen Überwurf für sein schwarzes Beinkleid. Die Inszenierung lebt von vielen feinsinnigen Details, die dem ungeschulten Betrachter manchmal nicht wirklich zugänglich sind. So werden die Rollen von Großinquisitor und Mönch etwas gewagt zusammengelegt. Es entstehen aber auch ganz wunderbare Bilder, die Persönlichkeiten komplex zu zeichnen vermögen. So sieht man Phillip II., zu Beginn des vierten Aktes auf dem Rand des großen Schachbretts sitzend, in ein tatsächliches Schachspiel vertieft, während er beklagt, niemals von Elisabeth geliebt worden zu sein. Ein ganz berührender Moment vom Schachspiel im Schachspiel. Eine wunderbare Versinnbildlichung des ganz Privaten im Gefüge der großen Macht. Die Gesamtinszenierung bleibt konsequent dem Schwarzweiß-Duktus des Schachspiels treu. Einer der wenigen Farbakzente zeigt sich am Ende des zweiten Aktes, als Phillip II. zur Strafe die Lieblingshofdame Elisabeths von spanischen Hofe verbannt. Während dieses bewegenden Moments werden von gesamten Bühnenpersonal rote Chiffonschals über die Schultern der Gräfin von Aremberg gelegt. Etwas mehr Rot könnte man sich hingegen bei der Autodafé-Szene vorstellen. Hier bleibt die optische Umsetzung etwas hinter den Erwartungen zurück. Gleichwohl anzumerken ist, dass es sich bei der öffentlichen Hinrichtung nicht immer um Verbrennungen gehandelt hat.
Das der ohnehin sehr komplexen Oper einer Parenthese gleich hinzugefügte Ballett der Königin ist als Regieeinfall eher zu vernachlässigen. Der ansonsten überzeugenden und für sich einnehmenden Inszenierung schadet es nachhaltig nicht.
Die Hagener Produktion ist von einer erlesenen Eleganz geprägt, die für sich genommen schon fasziniert. Eine solch atmosphärisch stimmige Bebilderung und facettenreiche Nuancierung erlebt man selten.
Die optische Opulenz der Produktion wird allerdings von der musikalischen Grandezza noch übertroffen. Es ist einfach nur erstaunlich, welches Sängerensemble man für diesen Don Carlos in Hagen verpflichten konnte. Für ein Haus, das großen Sparzwängen unterworfen ist und um sein Überleben kämpft, eine wahre Offenbarung.
Hier zeigt sich die kluge Führung des Hauses durch den scheidenden Intendanten. Das Konzept, das feste Ensemble einerseits mit äußerst talentierten Rollendebütanten und erfahrenen Gästen anderseits zu kombinieren, geht in Hagen auf.
An diesem Abend sind es vier überragende Sängerinterpreten, die den Weg nach Hagen gefunden haben und brillieren.
Allen voran Kazuki Yoshida als Don Carlos und Caterina Meldolesi als Elisabeth. Beide haben ihre Parts vorher bereits in der italienischen Version gesungen. Dennoch ist die französische Fassung ein Debüt, dass beide mit Bravour meistern. Yoshida gibt den Titelhelden scheinbar mühelos. Seine stimmliche Präsenz ist allgegenwärtig, und er verfügt über eine äußerst kluge Rollengestaltung, sodass er die Strahlkraft in der Höhe nie verliert und allen musikalischen Ansprüchen gerecht werden kann. Darstellerisch auch ein absolut überzeugender Infant von Spanien. An seiner Seite eine stimmgewaltige Elisabeth, die vom feinsten Piano bis hin zum strahlenden Forte alle Facetten bedient, mit der der Komponist die Rolle versehen hat. Bemerkenswert das Aufblühen ihrer Stimme in der Höhe, das einen schier aus den Sitzen zieht. Beide geben eine äußerst eindrucksvolle Visitenkarte für ihre zukünftige Karriere ab.
Almerija Delic ist an diesem Abend die Idealbesetzung für die Prinzessin Eboli. Der halsbrecherischen Partie bleibt die junge Mezzosopranistin nichts schuldig. Mit ihrer warm timbrierten Stimmlage nimmt sie für sich ein. Die Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfton gelingen stets, und es ist eine wahre Freude, dem Stimmfeuerwerk lauschen zu dürfen. Ihr stimmliches Vermögen wird durch ihre darstellerische Überzeugungskraft noch einmal verstärkt.
Renatus Mészár ist ein überragender Phillip II. und singt und agiert einfach meisterlich. Als ausgewiesener Wagner-Interpret bringt er das erforderliche Material mit, ein umfassendes Rollenporträt abzuliefern. Die gewaltige stimmliche Präsenz auf der einen Seite und eine enorme Palette an Zwischentönen auf der anderen Seite machen seine Interpretationen ungewöhnlich rund. Seine ausgewogene, dunkle Baritonstimme mit Wärme und Noblesse nimmt für sich ein.

Rodrigo Posa wird vom hinreißend flinken, hauseigenen Bariton Insu Hwang bestens in Szene gesetzt. Eine bessere Verkörperung für den Verrat könnte man sich kaum vorstellen. Äußerst spielfreudig meistert er stimmlich und darstellerisch die Herausforderungen der Partie. In Hagen schon seit Jahren Garant für authentische Bühnenpräsenz und stimmliche Verve.
Desgleichen Dong-Won Seo, der sowohl die Rolle des Großinquisitors als auch des Mönchs verkörpert. Sein verlässlich tiefer Bass trägt rollenkonform die Abgründe der Heiligen Inquisition in sich und vermag in beiden Rollen stimmlich und darstellerisch zu überzeugen.
Die Hosenrolle des Thibault wird von Ofeliya Pogosyan stimmschön und darstellerisch formvollendet interpretiert. Die lyrische Tenorstimme von Anton Kuzenok verleiht dem Grafen von Lerma und dem Herold eine glaubwürdige Verkörperung, die von der angenehm timbrierten Stimme stets getragen wird. Ausgesprochen beeindruckend das Quartett der vier flandrischen Deputierten von Hagen Goar Bornmann, Ramon Karolan, Maximilian Schwarzacher und SoJin Yang. Kisum Kim verleiht der Stimme aus der Höhe die der Rolle gebotene sphärische Aura. Sebastian Joest als Anführer der Arbeiter rundet das grandiose Sängerensemble ab.
Chor und Extrachor des Theaters Hagen verschmelzen zu einem ausbalancierten Klangkörper, der optisch und akustisch einen vortrefflichen Rahmen für die Handlung bildet. Er sorgt für belebende, aber völlig unaufgeregte Bewegung.
Ganz besonders zu erwähnen ist das Philharmonische Orchester Hagen, dass unter der musikalischen Leitung von Joseph Trafton am Premierenabend über sich hinauszuwachsen scheint. Der anspruchsvollen Partitur wird man hier vollumfänglich gerecht. Die Partitur Verdis wird mit nicht nachlassender Intensität und großer Spannung sehr nuanciert mit farbreichem Klang nachgezeichnet. Mit vorsichtig zurückgenommenen Streichern klingt das Orchester schlank und transparent. Das Blech agiert umsichtig und präzise. Auch der Weggang des Generalmusikdirektors Trafton wird eine große Lücke hinterlassen. Großes Lob gebührt auch der Sologeige von Shotaro Kageyama.
Nach einem sehr langen Opernspektakel der befreiende Applaus im nicht ganz ausverkauften Haus. Stehende Ovationen und begeisterte Zustimmung für alle Beteiligten. Die wenigen Buhs für das Regieteam riechen nach Claque.
An der herausragenden Qualität der Inszenierung und dem umfassend gelungenen Klangerlebnis gibt es keinerlei Zweifel.
Bernd Lausberg