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Foto © Evangelos Rodoulis

Vom Broadway nach Wuppertal und zurück

DIE SIEBEN TODSÜNDEN
(Pina Bausch)

Besuch am
21. April 2025
(Premiere im Juni 1976)

 

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch im Opernhaus, Wuppertal

Seit 1973 prägt Pina Bausch mit ihren experi­men­tellen Choreo­grafien das Tanztheater Wuppertal bis in die Gegenwart. Insgesamt hat sie für die Wupper­taler Bühnen 46 Stücke geschaffen, die in Wuppertal und auf weltweiten Tourneen bis heute gezeigt werden. Das Tanztheater Pina Bausch ist seit vielen Jahren Deutsch­lands Kultur­ex­port­schlager Nr. 1. Der damalige Wupper­taler Intendant Arno Wüsten­hofer hat der jungen Choreo­grafin und ihrer Kompanie die Chance gegeben, etwas komplett Neues aus der Ballett­sparte des Stadt­theaters zu machen. In den frühen Jahren entstanden Stücke, die auch heute noch origi­nal­getreu aufge­führt werden und inzwi­schen zu Ikonen des Tanztheaters geworden sind. Die ersten 10 bis 15 Jahre waren geprägt von komplexen, avant­gar­dis­ti­schen und hochwer­tigen Tanzkrea­tionen. Auf der Seite der Rezeption von komplettem Unver­ständnis, Ablehnung und gar offener Feind­schaft begleitet. Nach heutigen Maßstäben ist kaum vorstellbar, wie die Theater­leitung ihre schüt­zende Hand über das Tanztheater gegen alle Wider­stände in Wuppertal halten und wie die über die Jahre zusam­men­ge­wachsene, inter­kul­tu­relle Kompanie einem solchen Druck stand­halten konnte. Erst ab Mitte der 1980-er Jahre änderte sich das Bewusstsein vieler auch überre­gional anrei­sender Theater­be­sucher, sodass seit Ende der 80-er ausver­kaufte Vorstel­lungen die Regel sind.

Das einzig­artige künst­le­rische Profil der Choreo­grafin Pina Bausch wird auch nach ihrem Tod im Jahr 2013 weiterhin bewahrt. Darum kümmert sich die Pina-Bausch-Stiftung. Über die Frage Erneuerung versus Bewahren gibt es seitdem immer wieder Konflikte, die jüngst erst mit der Kündigung von Boris Charmatz einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Künst­le­risch ist Charmatz eigene Wege gegangen, die mit der Ästhetik Pina Bauschs nicht viel zu tun haben. Bewegungs­ak­tionen für eine Mittanz-Öffent­lichkeit und die Chuzpe Liberté Cathé­drale im Mariendom Neviges schienen weder angemessen noch dem großen Vermächtnis künst­le­risch nahe. Was nicht zusam­men­passt, soll auch nicht zusammenbleiben.

Wie groß das Erbe der Bausch ist, zeigt die Wieder­auf­nahme der Sieben Todsünden, einer Produktion von 1976. Thema­tisch so gegen­wärtig, so bedrü­ckend, entlarvend und ehrlich. Das Stück hat in den letzten 50 Jahren keinen Staub angesetzt und nichts von seiner verstö­renden Aktua­lität verloren.

Auf der Grundlage der künst­le­ri­schen Zusam­men­arbeit von Bertolt Brecht und Kurt Weill bilden zwei Stücke den Rahmen der zweiein­halb­stün­digen Abend­vor­stellung: Bertolt Brechts einziges Ballett­li­bretto Die sieben Todsünden und Fürchtet Euch nicht unter Verwendung von Songs aus der Dreigro­schenoper, Kleine Dreigro­schen­musik, Happy End, Das Berliner Requiem und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny.

Foto © Sylvain Guillot

Unter der musika­li­schen Leitung vom Jan Michael Horstmann trifft das Wupper­taler Sympho­nie­or­chester aus dem Bühnen­hin­ter­grund den richtigen Ton für den außer­ge­wöhnlich dynami­schen Brecht-Weill-Abend, der im dunklen, minima­lis­ti­schen Design von Rolf Borzik einen verlässlich passenden Bühnenraum findet.

Die Tänzer tragen in beacht­licher Zahl dazu bei, den so eigenen und origi­nären Charakter des Wupper­taler Tanztheaters immer wieder so mit Inhalt zu füllen, als wäre die Zeit stehen­ge­blieben. Über einen Zeitraum von 50 Jahren kommt es auf ganz natür­liche Weise zu einem Wechsel des Personals. Dennoch ist es erstaunlich, über wie viele Jahre die Mitglieder der Kompanie verbunden bleiben und mit ihrer Präsenz die so unendlich wichtigen Bühnen­cha­raktere zeigen, die das Tanztheater von Pina Bausch über viele Jahrzehnte unver­wech­selbar gemacht hat. An diesem Abend steht bei den Damen Julie Anne Stanzak in vorderster Reihe, sprechend, singend, agierend, tanzend. Sie ist seit 1986 Mitglied der Kompanie und eine der letzten großen Charak­ter­dar­stel­le­rinnen. Bei der voran­ge­gan­genen Wieder­auf­nahme im Jahr 2018 hat mit Jo Ann Endicott noch eine Tänzerin aus dem Cast der Urauf­führung mitge­tanzt. Ohne die aurati­schen Mitglieder, zu denen auch Julie Shanahan seit 1988, Andrey Berezin seit 1994, Aida Vanieri seit 1990, Barbara Kaufmann seit 1987, und Daphnis Kokkinos seit 1993 gehören, wäre die Kompanie eine andere. Das Urgestein des Tanztheaters macht die Perfor­mances so unglaublich authen­tisch und besonders.

Inter­na­tionale Gäste wie Ute Lemper, Melissa Madden Grey, Erika Skrotzki und Steffen Laube garan­tieren ein hohes musika­li­sches Niveau.

Der erste Teil – Die sieben Todsünden, also Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid – ist die Darstellung einer Reise zweier Schwestern aus den Südstaaten, die auf einer Tournee durch sieben Städte für sich und ihre Familie das Geld für ein kleines Haus in Louisiana verdienen wollen.

Anna I, darge­stellt von Lemper, die den passenden Ton für eine gute Brecht-Weill-Verkör­perung trifft, und Anna II, darge­stellt von Stephanie Troyak, die ihr tänze­ri­sches Spektrum zwischen Zerbrech­lichkeit und Anmut sowie Wut und Wucht glaubhaft ausschöpft.

Der zweite Teil des Abends – Fürchtet Euch nicht – verbindet in loser Folge insgesamt 25 Gesangs­nummern – ist weniger archaisch gezeichnet und skizziert die unerfüllte Sehnsucht von Frauen nach Liebe und Zärtlichkeit.

In diesem Tanzabend wird die Unter­drü­ckung der Frauen auf drastische Weise zur Schau gestellt. Aller­dings ist Pina Bausch nicht so eindi­men­sional und macht nur die Männer dafür verant­wortlich. Es ist ein Wechsel­spiel der Geschlechter, und die Grenzen verschwimmen zusehends. Unter solchen Vorzeichen treten auch die männlichen Tänzer am Ende in Frauen­kos­tümen auf, und auch der fremd­be­stimmte Mann wird tanzend zur Ware.

Die aus New York City angereiste Ute Lemper als Anna 1 ist eine überra­gende Bühnen­per­sön­lichkeit und als Spezia­listin für Brecht und Weill eine Ideal­be­setzung. Im zweiten Teil des Abends intoniert sie die ikoni­schen Songs aus der Feder von Kurt Weill. Lemper fügt sich in diesem beson­deren Rollen­profil im Ensemble ein. Zusammen mit der Tanzkom­panie bildet sie je nach Anfor­derung eine überzeugend geschlossene Einheit oder den drama­ti­schen Widerpart mit Diva-Qualitäten.

Atembe­raubend der Auftritt von Melissa Madden Gray, die den Song vom Surabaya-Johnny so glaub­würdig und intensiv vorträgt, wie selten zuvor gehört. Eine wahrhaftige Stern­stunde im Brecht-Weill-Universum. Einfach atembe­raubend auch ihr ausgie­biger Lachanfall, der ganz nach Brecht­scher Manier alles andere als zum Mitlachen ist – das Lachen bleibt einem bei pulsie­render Schlagader im Halse stecken.

Foto © Oliver Look

Das Herren­quartett mit Sergio Augusto, Mark Bowman-Hester, Sebastian Campione und Simon Stricker als leises Zitat der Comedian Harmo­nists erscheint als einziger musika­li­scher Schwach­punkt. Im Zusam­men­spiel fehlt es an der nötigen Balance und auch der wunderbare Tenor von Mark Bowman-Hester ist eigen­artig unstet, wobei die Entfernung zum Orchester auf der Hinter­bühne musika­lisch auch durchaus eine Heraus­for­derung darstellt.

Die Schau­spie­lerin und Diseuse Erika Skrotzki gibt den legen­dären Matro­sen­tango, den Kurt Weill für Lotte Lenya kompo­niert hat, eindringlich. Zu einem besonders lyrischen Moment gerät das Tableau mit lebenden Puppen und Schau­kel­pferd, das unter Zuhil­fe­nahme der Tänze­rinnen betörend behutsam von Skrotzki einge­richtet wird – ein stiller, magischer Moment.

Steffen Laube versucht sich in der zuerst noch sanften Verführung junger Frauen. Angesichts des zuneh­menden Schei­terns seiner Verfüh­rungs­kunst, nimmt er sich mit Gewalt, was er freiwillig nicht bekommt. Der Anblick der gewalt­be­la­denen Szene, die sich über Minuten im Hinter­grund abspielt, während im Vorder­grund ausge­lassen getanzt wird, ist auch nach 50 Jahren nur schwer zu ertragen.

Brecht ist keine Frage des Geschmacks; sondern eine Frage des Niveaus. Genau das steht über diesem grandiosen Abend zwischen Lachen und Weinen. Ein Abend, der zutiefst bewegt und die Musik Kurt Weills anlässlich seines 125. Geburts­tages mit Nachdruck in den Fokus der Aufmerk­samkeit zurückholt – mitreißend und berührend. Ein zeitloses Bühnen­spiel für alle Sinne!

Das Publikum im ausver­kauften Wupper­taler Opernhaus rast am Ende der Vorstellung. Ein ohren­be­täu­bender, nicht enden wollender Jubel ergießt sich über alle Protago­nisten des Abends. Bei den Solovor­hängen für Ute Lemper und Melissa Madden Gray bebt die Erde.

Welttheater in Bestform – anspruchsvoll, engagiert, künst­le­risch überragend präsentiert.

Bernd Lausberg

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