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Franz Schreker war in den zwanziger Jahren neben Richard Wagner einer der meistgespielten und beliebtesten Komponisten im deutschsprachigen Raum. Insgesamt komponierte er bis zu seiner Verunglimpfung durch die Nationalsozialisten neun Opern, für die er zum allergrößten Teil auch das Libretto schrieb. Mit seiner zweiten Oper, Der Ferne Klang, die autobiografische Züge trägt, war er fast zehn Jahre lang beschäftigt. Der sich gleich nach der Uraufführung an der Frankfurter Oper im Jahre 1912 einstellende große Erfolg weicht allerdings vom Schicksal des in der Oper beschriebenen unglücklich suchenden Komponisten Fritz ab. Auch Schreker war zwar Zeit seines Lebens rastlos auf der Suche nach der künstlerischen Inspiration, damit aber sehr erfolgreich.
Schrekers spätromantische Opern, die neben ihrer Klangopulenz zahlreiche moderne Facetten und Instrumentierungen aufweisen, verschwanden nach 1933 im Dunkel der 1000-jährigen Nacht. Erst ab Mitte der achtziger Jahre gab es erste Versuche, sich der vielen, so genannten entarteten Komponisten zu erinnern. Ganz besonders aktiv war die Oper Bielefeld unter ihrem damaligen Oberspielleiter John Dew, der nicht nur Schrekers, sondern auch Werke Erich Wolfgang Korngolds, Rudi Stephans, Karol Rathaus‘, Ernst Kreneks und anderer der Vergessenheit entriss und einer überraschten Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Weitere Häuser folgten dem Beispiel und so wurden mittlerweile alle Opern Schrekers wiederaufgeführt, von Kiel bis Ulm, von Berlin bis Frankfurt. Das Theater Hagen gehörte in der Spielzeit 1988⁄89 zu den ersten, die den Fernen Klang wieder auf die Bühne brachten. Eine spezielle Aufführungsserie Fokus 33 der Oper Bonn widmet sich den Ursachen vom Verschwinden und Verbleiben seit Jahren konsequent und fördert viel unbegreiflich Vergessenes zutage. Unermesslich scheint die Tragweite des Aderlasses der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts – immer noch nicht gänzlich aufgeklärt oder gar wiedergutgemacht.
Am Theater Osnabrück trägt man mit der Neuinszenierung von Schrekers Fernem Klang nun ein weiteres Mal dazu bei, Gutes der Vergessenheit zu entreißen, nachdem man hier bereits vor vier Jahren Karol Rathaus‘ verfemte Oper Fremde Erde mit großem Erfolg inszeniert hat.
Jakob Peters-Messer führte sowohl damals als auch in der aktuellen Produktion Regie. Vor allem die kongeniale Zusammenarbeit mit dem Lichtbildner Guido Petzold sorgt für hohe Erwartungen, setzen doch die bildgewaltigen Kooperationen seit der legendären Produktion des Fliegenden Holländers an der Oper Wuppertal 2011 Maßstäbe.

Getrieben von einer Vision, der Sehnsucht nach dem „Fernen Klang“, macht sich das Alter Ego Schrekers, der Komponist Fritz, auf in die Welt und verlässt dafür seine große Liebe Grete. Erst am Ende des Lebens findet Fritz zu ihr zurück und erkennt viel zu spät, dass er den fernen Klang, die Projektion aller Sehnsüchte, nur bei ihr findet. Weder Schrekers Libretto noch seine Partitur sind ohne den Naturalismus, die Psychologie sowie die Künste des Fin de Siècle und des frühen 20. Jahrhunderts vorstellbar.
Die Handlung der Oper über drei Akte hinweg ist stringent, erscheint durch die Zeitsprünge und Ortswechsel aber durchaus komplex. Dazu tragen auch die vielen Rollen bei, die neben dem einen zentralen Paar Fritz und Grete das Gesamtpanorama der Oper beleben. Peters-Messer spricht in dem Zusammenhang von einem Wimmelbild, das es zu organisieren gilt.
Zu diesem Zweck hat Petzold ein Bühnenbild entworfen, das mit ganz wenigen Requisiten auskommt. Abgesehen von Tisch und Stuhl bezieht die Inszenierung ihre Atmosphäre nur aus einem Lichtdesign. Petzold ist über die Jahre zum Lichtkünstler avanciert und entsprechend geartet ist die Ästhetik des Bühnenraums auch bei der aktuellen Produktion. In einem weißkonturierten Bühnenportal entblättert sich während des Vorspiels ein geometrischer Bühnenraum, einem durchlässigen Schaukasten ähnlich, auf dessen Rückseite zentral ein weißes Quadrat prangt, dessen Leuchtkraft variiert. Dieser geometrische Leuchtkörper ist umfangen von einem weichen Teppich aus feinnuancierten Grautönen, die sich an seinen Rändern diffus auflösen. Hier erscheint das Design wie eine Lichtinstallation von James Turrell, dem Großmeister der internationalen Lichtkunst. Über den ersten Akt hinweg bleibt die subtile Wirkung des wolkigen Graus der bestimmende optische Faktor und weiß für sich einzunehmen. Im zweiten und dritten Akt weichen die alles bestimmenden Nuancen von Grau einer spiegelnden, amorphen Rückwand, die je nach Befindlichkeit der Protagonisten reflektierende Farbakzente in grün und rot zu setzen vermag, um sich am Ende der Erzählung in eine gleißende Lichtquelle zu verwandeln, deren Strahlen in den Zuschauerraum übergreifen.
Das Bühnenpersonal findet sich im ersten Akt handverlesen und präzise gesetzt in den stimmungsvoll abstrahierten Kontext ein. Drei nornenhaft erscheinende Greise begleiten dabei die Handlung stumm. Die Personenregie für die Protagonisten und den großen Bewegungschor unterstreicht den hohen ästhetischen Anspruch an das reduzierte Gesamtbild.
Der zweite Akt ist optisch weniger von sachlicher Zurückhaltung als vielmehr von einer überbordenden Opulenz geprägt. Die in sich geschlossen erscheinenden Personenstaffagen im Zuschnitt einer Landbevölkerung der Jahrhundertwende des ersten Aktes, wandeln sich in Kostümen von Angela Schütt im Stil der goldenen Zwanziger zu einer ausgelassenen, die Konventionen sprengende, halbseidene Gesellschaft, in der die bodenständige Grete zur lüsternen Kurtisane Greta wird. Das Sujet erinnert stark an Offenbachs Giulietta-Akt, der ebenso im venezianischen Kontext verortet ist.
Das Bühnenbild des dritten Aktes dämpft mit roten, zerrissenen Stoffbahnen die zuvor beherrschende süffig-schwelgerische Stimmung hin zu einem desillusionierten Schlusspunkt, in dem Grete und Fritz sich zwar erneut begegnen, aber auch final nicht mehr zueinanderfinden können.
Der optische Rahmen der Inszenierung ist dem Regieteam ein besonderes Anliegen, geht es doch darum, die Idee des fernen Klangs, die Idee einer nicht enden wollenden Suche und einer nicht zu stillenden Sehnsucht zu visualisieren. Dabei kommt dem weißen, lichtgesäumten Quadrat mit seiner stimmungsvoll umspielten Farb-Aura eine zentrale Rolle zu. Insgesamt eine attraktive und stimmige Idee. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, die komplexen Tableaus der Handlungsverläufe mit dem Feuerwerk der Schrekerschen Kompositionen dramaturgisch überzeugend zu verbinden.
In dem Zusammenhang erscheinen die vielen orchestralen Vor- und Zwischenspiele der Oper wie willkommene, reinigende Meditationen im vielstimmigen, fulminanten Kosmos der suggestiven Klangsprache des österreichischen Komponisten.
Die opulenten Klangteppiche des Spätromantikers Schreker in all seinen Facetten und Variationen zu modulieren, ist an diesem Abend die Aufgabe des musikalischen Leiters Andreas Hotz, der den Gesamtapparat des Osnabrücker Symphonieorchesters und des singenden Bühnenpersonals zusammenzuhalten bemüht ist. Das gelingt ausgesprochen überzeugend, ist doch die Versuchung, sich der Klangopulenz unkontrolliert hinzugeben, sehr groß. Beeindruckend die Balance zwischen den gewaltigen Crescendi und den immer wieder auftauchenden, zarten Einzelinstrumentierungen von Harfen und Glockenspielen.
Bei den Solisten des Abends steht eine überragende Susann Vent-Wunderlich im Mittelpunkt. Ihre Verkörperung der Grete ist außerordentlich authentisch, glaubwürdig und zu dem klangschön. Es ist ein komplexes Rollenporträt, das über drei Akte hinweg hohe Anforderungen stellt und dem die Sopranistin ohne jegliche Abstriche entsprechen kann. Sie führt die Riege der Sängerdarsteller mit Abstand an. An ihrer Seite Heiko Börner als Komponist Fritz. Eine insgesamt mörderische Tenorpartie, der er leider nur in Teilen zu entsprechen vermag. Seine äußerst kraftvolle, markante Stimme kommt im Forte mit den Höhen beeindruckend gut zurecht, scheint aber in den zurückgenommenen Passagen zu wenig flexibel und differenziert. Es fehlt an der ausgewogenen Gesamtbalance, die die stimmlichen Nuancen der Rolle nicht vollends zur Geltung bringt.
Dominic Barberi überzeugt in seiner Mehrfachrolle als Wirt, Baron und Rudolf mit sonorem, ungemein wohlklingendem Bass. Jan Friedrich Eggers wirkt als Schmierenschauspieler und Hans Gröning unter anderem als Dr. Vigilius und Graf hinreißend komödiantisch und stimmlich ansprechend. Amira Elmadfa glänzt in ihren drei Rollen als Alte, als Spanierin und Kellnerin mit wohltimbrierten Mezzo und überzeugender Darstellung. Die zahlreichen kleineren Rollen werden vom Osnabrücker Ensemble und wenigen Gästen hervorragend besetzt. Chor und Extrachor agieren in den vielfältigen Herausforderungen der Produktion sowohl musikalisch als auch szenisch. Für die zentrale Klangvision Schrekers, bestehend aus rauschhaftem Orchesterklang, fein abgestimmten Instrumentalfarben und teils polytonaler Harmonik werden die Chöre auf verschiedenen Ebenen stark beansprucht.
Dem Klangkünstler, Klangfantasten, Klangzauberer und Klangästheten Franz Schreker wird mit der Osnabrücker Produktion ein weiterer Meilenstein seiner Rezeptions-Renaissance hinzugefügt. Das Premierenpublikum im ausverkauften Theater am Domhof bedankt sich tief beeindruckt mit langanhaltendem Applaus bei allen Beteiligten. Susann Vent-Wunderlich wird ebenso wie der musikalische Leiter Andreas Hotz zu Recht stürmisch gefeiert.
Bernd Lausberg