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Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Alles, was Odem hat

SCHICKSALSLIED/​PSALM 42/​LOBGESANG
(Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy)

Besuch am
3. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Konzertchor Ratingen in der Stadt­halle Ratingen

Gewiss, die Grenzen sind fließend, aber eigentlich besucht man ja auch ganz gern mal eine Aufführung eines Konzert­chores, um eben nicht nur vertonte Psalmen oder die Leidens­ge­schichte Jesu anzuhören. Da sinkt die Motivation zu einem solchen Besuch schon ziemlich, wenn das Programm zu mehr als zwei Dritteln aus vertonten Psalmen besteht. Anderer­seits: deswegen eine Aufführung des Konzert­chors Ratingen verpassen? So weit geht der Unmut dann doch nicht. Also hinein ins Getümmel, denn die Ratinger Stadt­halle ist sehr gut besucht.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

1799 veröf­fent­lichte Friedrich Hölderlin den zweiten Band seines Brief­romans Hyperion oder Der Eremit in Griechenland. Darin enthalten Hyperions Schick­salslied, ein dreistro­phiges Gedicht, in dem der Dichter die Seligkeit der Götter dem Elend der Menschheit gegen­über­stellt. Die Sprache würde sich heute niemand mehr trauen, dabei ist sie reine Poesie. „Ihr wandelt droben im Licht auf weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götter­lüfte rühren euch leicht wie die Finger der Künst­lerin heilige Saiten“, heißt es in der ersten Strophe. Kann man solche Sprache in Musik umwandeln, oder ist sie nicht selbst schon Musik? Johannes Brahms entschied sich 1871 für ersteres, verfasste ein Werk für Chor und Orchester und erzielte damit einigen Erfolg. Thomas Gabrisch, künst­le­ri­scher Leiter des Ratinger Konzert­chors, ist von der musika­li­schen Umsetzung begeistert. Und das mag aus Sicht des Musikers auch durchaus zutreffen. Aus Sicht des Sprach­lieb­habers ist die Enttäu­schung eher herb. Der Chorgesang wirkt sprach­me­lo­disch entstellend, anstatt der Sprache nachzu­spüren oder gar die Poesie der Worte zu erfassen. Wer so etwas konnte, war in seiner Jugend Konstantin Wecker, und der brauchte dazu nicht mehr als ein Klavier. Man ist mit der Meinung, was die Vertonung angeht, übrigens gar nicht so weit von Brahms entfernt. Der wollte die Worte ursprünglich durch „Brumm­stimmen“ ersetzen. Was nichts daran ändert, dass Chor und Sinfo­nietta die Brahmssche Vertonung kongenial umsetzen. Eine gelungene Eröffnung des Konzerts.

Ein Kompliment geht an dieser Stelle an die Ausfüh­rungen Gabrischs im Programmheft. Ohne Fachwissen voraus­zu­setzen, gelingt es ihm, für die Musik Begeis­terung zu entwi­ckeln, die man im Konzert nachvoll­ziehen kann. „Allein der erste Satz im langsamen 6/​4‑Takt sucht seines­gleichen mit seinen expres­siven Akkord­folgen, über die sich langge­streckte, innige Melodie­bögen ausbreiten“, schreibt der Dirigent beispiels­weise. Das kann auch der Laie hören, wenn „Wie der Hirsch schreit“ opus 42, eine Vertonung des 42. Psalms, von Felix Mendelssohn Bartholdy erklingt. Ein Werk, das in den letzten Jahren häufiger zu hören ist, vermutlich, weil die Anfor­de­rungen – Orchester, Chor und eine Sopra­nistin – überschaubar sind. Robert Schumann war übrigens der Auffassung, Mendelssohn habe mit diesem Werk die höchste Stufe seiner Meister­schaft erreicht. Darüber kann man disku­tieren. Aber erst, wenn man hier die exzel­lente Umsetzung erlebt hat, zu der nun auch Sabine Schneider als Solistin beiträgt.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Mit der Lobpreisung Gottes so richtig los geht es dann nach der Pause. 1839 erhielt Mendelssohn Bartholdy den Auftrag der Stadt Leipzig, anlässlich der Vierhun­dert­jahr­feier zur Erfindung des Buchdrucks ein Werk zu kompo­nieren. Er entschied sich schließlich für eine Sinfo­nie­kantate, also einem zweitei­ligen Stück, das im ersten Teil mit einer dreisät­zigen Sinfonie beginnt und anschließend als Kantate fortge­setzt wird. Der Lobgesang wurde 1840 urauf­ge­führt und wurde zu einem der meist­auf­ge­führten Werke Mendels­sohns zu seinen Lebzeiten. Feierlich gerät auch in Ratingen die Eröffnung der Blech­bläser, die alsbald in einem Dialog mit den Strei­chern mündet. Das Motiv wird später in der Kantate wieder­kehren und so auch die musika­lische Brücke schlagen. Nach etwa einer halben Stunde ist auch der Chor gefordert und kann mit Stimm­gewalt glänzen. An mancher Stelle fühlt man sich an Wagnersche Dimen­sionen erinnert, so auch, wenn Sabine Schneider als erster Sopran „Die Nacht ist vergangen!“ als Schlüs­sel­stelle intoniert und damit dem Tenor zuarbeitet. Andreas Post, ohnehin in der Kirchen­musik zuhause, singt, als sei die Rolle eigens für ihn geschrieben. Wortver­ständlich lässt er auch im Stimm­vo­lumen keinen Zweifel am Sendungs­be­wusstsein, wenn er die Menschen auffordert, den Herrn, der sie aus der Not errettet hat, zu rühmen.

Eine kleinere Aufgabe fällt Verena Kronbichler zu. Die gebürtige Südti­ro­lerin studierte Gesang und Gesangs­päd­agogik in Wien und Konzert­gesang in München. Seit 2022 ist sie Mitglied des Opern­studios der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Heute Abend kann sie im Duett mit Schneider begeistern.

„Majes­tä­tisch“ soll der Chor klingen, wenn ihm das letzte Wort gebührt. Ob das der richtige Begriff ist, sei dahin­ge­stellt, in der Stadt­halle klingt er im positiven Sinne eher nach einem sprühenden Feuerwerk, das ein gelun­genes Fest beendet. Dementspre­chend stürmisch und lang fällt der Applaus aus.

Wenn, wie Chorvor­sit­zender Karl-Heinz Köster erzählt, ursprünglich in diesem Jahr mal Benjamin Brittens War Requiem vorge­sehen war, mit dem der Chor gar nach St. Petersburg reisen wollte, so ist den Choristen wie dem Publikum zu wünschen, dass zumindest eine Aufführung in Ratingen nachgeholt wird. Im Oktober geht es mit dem heute vorge­stellten Programm jeden­falls erst mal nach Portugal.

Michael S. Zerban

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