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Von grausam bis gruselig

EPITAPH
(Dominik Hertrich, Yasmin Münter)

Besuch am
4. Mai 2025
(Premiere am 3. Mai 2025)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Am 14. Oktober 2023 feierte das Stück Am Tag danach von Dominik Hertrich seine Urauf­führung im Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz in Essen. So lernte das Publikum die Schau­spie­lerin Yasmin Münter kennen. Das Urteil über ihre Leistung war einhellig: Die möchte man gern im Rabbit-Hole-Theater wieder­sehen. Münter ist in Erlangen geboren, studierte Schau­spiel an der Alanus-Hochschule in Alfter und arbeitet heute als freie Schau­spie­lerin, Synchron­schau­spie­lerin und Tänzerin. Für ihre Rückkehr nach Essen erwei­terte sie ihr Spektrum und wirkte als Co-Autorin an dem neuen Stück von Hertrich mit, in dem sie auch die Haupt­rolle spielt. Eine großartige Entscheidung, wie sich zeigen wird.

Foto © Michael Zerban

Ein Epitaph ist eine Grabin­schrift oder eine Gedenk­tafel mit Inschrift für einen Verstor­benen an einer Kirchenwand oder einem Pfeiler. Und es ist der Titel des etwa einstün­digen Stücks, das Hertrich und Münter geschrieben haben. Es war einmal in Amerika … Muss das sein? Ja. Denn die Vorstellung, dass so etwas in Deutschland passieren könnte, ist zumindest bis heute glück­li­cher­weise doch zu verwegen. Hertrich verant­wortet Regie und Bühnenbild. Auf den ersten Blick mutet die Bühne wie eine Gefäng­nis­zelle an. Er taucht sie in gleißendes, unbarm­her­ziges Licht. Eine Pritsche, ein Tisch, ein Stuhl. Etwas irritierend eine Kamera, die auf die Situation gerichtet ist. Darin Lucy in einem Kostüm, das ganz entfernt an die Bekleidung eines Häftlings erinnern könnte. Im Verlauf ihres Monologs, teilweise in ein Diktier­gerät gesprochen, stellt sich heraus, dass ihr Sohn auf dem Parkplatz eines Super­marktes erschossen wurde und der Täter entkam. Lucy ist von dem Gedanken an Rache besessen. Ein erster Versuch schlug fehl, als Lucy ihn fand. Und wie jetzt weiter? Sie kann dem Raum, in dem sie unter unwür­digen Bedin­gungen festsitzt, offenbar nicht entfliehen. In ihrer Verzweiflung kritzelt sie mit Kreide an die schwarzen Wände.

Die Heraus­for­de­rungen, die Münter sich selbst auferlegt hat, sind beein­dru­ckend. Neben einer satten Textmenge gibt es wütende Schat­ten­kämpfe, Tanzein­lagen oder Sit-ups mit Text. Keine Anstrengung scheint ihr zu viel, um ihrer Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Die einzige, die Zugang zum Raum zu haben scheint, ist überra­schend Rebecca, Lucys Mutter. Sie versorgt ihre Tochter mit Essen, bringt anlässlich des Geburtstags ihres Sohnes Kuchen vorbei. Dass Marion Schüller, die die Mutter verkörpert, dabei auf Sicher­heits­maß­nahmen Wert legt, erscheint sinnvoll. So muss sich Lucy beispiels­weise Handschellen anlegen, um mit Rebecca gemeinsam den Kuchen zu essen.

Foto © Michael Zerban

Eine Rolle spielt auch Hulk. Die Titel­figur der legen­dären Marvel-Comics aus den 1960-er Jahren steht für den Nukle­ar­phy­siker Dr. Bruce Banner, der nach einem Unfall mit dem Prototyp einer Gamma-Bombe großen Mengen an Gamma­strahlung ausge­setzt wurde und sich fortan bei jedem Anflug von Wut in das rasende, grüne Monster verwandelt, dessen Name im Deutschen Koloss oder Klotz bedeutet. Er steht stell­ver­tretend für die Super­helden, die die Fantasie des Sohnes Jona beflü­gelten. Zu denen zählen auch Spiderman und Batman. Ein ganz normaler ameri­ka­ni­scher Junge, der vom Fliegen und von Super­kräften träumt und sterben muss, weil er den Einkaufs­wagen zurück­bringen will, wie es sich für einen wohlerzo­genen Jungen gehört, anstatt einfach in das Auto einzu­steigen. Geblieben ist von dem Vorfall die Plastik­puppe des Hulk, die Lucy hilft, die Erinnerung an seinen Todestag wachzu­halten und das Feuer ihrer Wut weiter lodern zu lassen. Nur grün wird sie nicht.

Am Ende kann Lucy, die ihren Namen, der auf die Wand geschrieben ist, mit Epitaph ersetzt, dem zellen­ähn­lichen Raum verlassen. Sie ist nicht länger die schmerz­er­füllte Mutter, die über den Verlust des Kindes nicht hinweg­kommt. Sie ist die Inschrift auf dem Grab ihres Kindes. Das ist kein gutes Ende, denn sie zieht los, um Rache zu üben. Da mag dem einen oder anderen Besucher im vollbe­setzten Theater ein Schauder den Rücken hinun­ter­laufen. Wenn die Kinder vor den Eltern aus dem Leben scheiden, stirbt die Zukunft. Ein Thema, das gern tabui­siert wird, weil weder Psycho­logen noch Seelsorger die Hölle zu Lebzeiten aus der Welt schaffen können.

Münter gelingt die überzeu­gende Darstellung des Psycho­gramms, das Hertrich und sie gezeichnet haben. Eine Meister­leistung, die von den Zuschauern gebührend gefeiert wird.

Eine weitere Gelegenheit, sich das fantas­tische Stück anzuschauen, gibt es am 26. Juni und am 4. Juli, jeweils um 20 Uhr. So lange sollte man mit einem Besuch des Rabbit-Hole-Theaters aber nicht warten. Am 15. Mai bringt Jens Dornheim Der Nachbar nach einem Roman von Amélie Nothomb auf die Bühne. Und am 1. Juni zeigt Christian Freund Schutt von Dennis Kelly.

Michael S. Zerban

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