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GRIMMS REISEN
(Wubkje Kuindersma, Dominique Dumais)
Besuch am
4. Mai 2025
(Premiere)
Bunte Bilder vor düsterem Hintergrund, bekannte Figuren aus Grimms Märchen – und doch ist die neue Choreografie von Wubkje Kuindersma und Dominique Dumais keine getanzte Nacherzählung der Handlung. Deshalb wohl heißt auch der Ballettabend in der Blauen Halle des Mainfrankentheaters Würzburg Grimms Reisen. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm aber reisten kaum; beide Juristen, waren sie philologisch ausgerichtet; sie widmeten sich der Sammlung deutscher Volksmärchen und der Erforschung der deutschen Sprache, was im heute noch gültigen Deutschen Wörterbuch mündete.
Der Tanzabend ist eher eine Reise durch die berühmten Motive von sechs Märchen. In lockerer Art und Weise wird aus dem vielen vertrauten Schatz zitiert, allerdings ohne tiefenpsychologischen Hintergrund, ohne grausame patriarchalische Zwänge allzu sehr hervorzuheben. Doch die Kombination der Stoffe, einhergehend mit der Reduktion auf einige wesentliche Handlungszüge, könnte ein kindliches Publikum eher verwirren; eigentlich wendet sich das Ganze an Erwachsene durch einen Wiedererkennungseffekt.

Alles beginnt im Wald – sehr deutsch in einem unheimlichen Märchenwald! – mit dem Auftreten der zwei Gebrüder Grimm in schwarzen Mänteln, die einen magischen Kreis mit schwarzem Zentrum umrunden; begleitet wird der Anfang von einer verstörenden Geräuschkulisse, erzeugt vom Sounddesign von Davidson Jaconello. Der Kreislauf der Märchenerzählungen dauert lange, bis endlich das Rotkäppchen, Alba Valenciano López, vorsichtig und neugierig die Szene umschleicht und die Orchestermusik beginnt. Dann ist der böse, schwarze Wolf nicht weit, mit furchterregender Kopfmaske, dargestellt von Yester Mulens Garcia; er greift das Mädchen im roten Kapuzenmantel an, ringt mit ihm, schnappt sich schließlich die Großmutter, schleppt sie weg. Aus einem putzigen Wolfsrudel werden bald nette, harmlose sieben Geißlein, die in ihrer Kleidung irgendwie an freundliche Internatsschüler erinnern. Doch bevor da wirklich Schlimmes passieren kann, ist auch schon die böse Königin am Zuge, Chiara Bergamini ganz elegant tanzend in Schwarz, und befragt das Spieglein in der Mitte, wer die Schönste im ganzen Land sei. Aus dem Spiegelbild aber tritt Maria Girard als Schneewittchen heraus, unschuldig in Weiß, mit langem, schwarzem Haar, und im spannenden Konkurrenzkampf siegt zunächst die Königin; doch die sieben Zwerge, mit den Kopfmasken wie seltsam witzige Gnome wirkend und mit den bunten Trikots und Schweißbändern an eine junge Sportmannschaft erinnernd, kümmern sich, bringen das leblose Schneewittchen wieder ins Leben zurück, und so kann der Prinz in Weiß ihr seine Liebe in einem schönen Pas de deux gestehen. Und einem Happyend mit Rotkäppchen und den Brüdern Grimm steht nichts im Wege. Alles in Bühne und Kostüm ist ausgestattet von Tatyana van Walsum; dieser erste Tanz-Teil von Wubkje Kuindersma wird getanzt zur Musik von Arvo Pärt, sehr konzentriert gespielt vom Philharmonischen Orchester Würzburg unter der Leitung von Ulrich Maier.

Der zweite Teil des Ballettabends aber, choreografiert von Dominique Dumais, die auch die Idee zum Ganzen hatte, enthält äußerst anspruchsvolle, sehr verschiedene Orchesterstücke von Prokofieff über Britten, Stravinsky, John Adams, Ravel, Fauré und Carl Nielsen, und das nun voll besetzte Philharmonische Orchester bewältigt die Herausforderung bravourös. In diesem Teil vermischen sich die Märchen wesentlich stärker als im ersten. Es beginnen wieder die Gebrüder Grimm, und schon wird das Aschenputtel, sehr anrührend getanzt von Chiara Bergamini, gequält und schikaniert mit dem Besen von seiner bösen Stiefmutter, umwerfend unsympathisch, elegant und eingebildet dargestellt von Yester Mulens Garcia, sowie verhöhnt von seinen tütteligen Steifschwestern, Maria Girard und Maya Tenzer. Alle Figuren tragen hier Blau, vom Schwarzblau für die Mutter über glänzend für ihre Töchter bis zu sanftem Hellblau für Aschenputtel. Grotesk und komisch zugleich ist der Tanz der drei Bösen, witzig die Szene, in der sie sich in die Füße hacken. Doch die zwei Raben, vorher als Brüder Grimm agierend, Mirko Ingrao und Blai López Sánchez, helfen dem guten Mädchen, dass es seinen Prinzen bekommt. Schon aber sind wir wieder im Wald, in den die Eltern Hänsel und Gretel schicken. Dort werden sie von der bösen Hexe, Tyrel Larson, die mit vielen Drehungen und mit dem Schwingen ihres schwarzen, rot gefütterten Mantels beeindruckt, in ihr Häuschen gelockt. Doch dank Gretel und Hänsel verbrennt sie schnell darin. Eine weitere Märchengestalt, Rapunzel, Debora Di Biagi, in hellgrünem Kleid, verfügt über ein Mittel, mit dem sie sich von der Zauberin, Matisse Maitland, in dunklerem grünem Gewand, auf Dauer befreien kann, nämlich über einen langen, dicken Zopf, den sie auch im Tanz ständig schwingen muss; die Zauberin kann sie damit fesseln, aber ein Prinz, der sich vorher mit einem anderen Prinzen gestritten hat, klettert an dem Zopf wie an einer Strickleiter hinauf in Rapunzels Kammer, holt sie herunter, und nach längerem Gezerre um den Zopf mit der Zauberin kann sich Rapunzel endlich befreien, und es kommt zu einem Happyend. Dabei vereinen sich alle übrigen Märchenfiguren samt ihren zwei Schöpfern, den Grimms, zu einem harmonischen Finale.
Nach diesen zweieinviertel Stunden vor dem nicht ganz voll besetzten Haus bei der Premiere werden alle Mitwirkenden mit langem Beifall und einigen wenigen Buhrufen bedacht, vor allem aber das Orchester wird gefeiert.
Renate Freyeisen