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DIE DREIGROSCHENOPER
(Kurt Weill)
Besuch am
4. Mai 2025
(Premiere am 26. April 2025)
Die Dreigroschenoper, 1928 uraufgeführt, ist eines der bekanntesten Werke von Bertolt Brecht und ein Meilenstein des epischen Theaters. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Kurt Weill schuf Brecht eine sozialkritische Bühnenfassung nach der Vorlage von John Gays Beggar’s Opera aus dem Jahr 1728. Die Handlung spielt im Londoner Unterweltmilieu und thematisiert auf satirische Weise die Verstrickung von Kriminalität, Kapitalismus und bürgerlicher Moral. Mit seinem unverwechselbaren Stil aus Verfremdungseffekten, Songs und direkter Publikumsansprache, stellt die Dreigroschenoper nicht nur ein Theaterstück dar, sondern auch ein politisches Statement zur Gesellschaft der Weimarer Republik und weit darüber hinaus.
Die Dreigroschenoper ist keine durchkomponierte Oper im engeren Sinn, sondern ein politisch engagiertes Theaterstück mit 22 abgeschlossenen Gesangsnummern, für die normalerweise keine Opernsänger benötigt werden, sondern singende Schauspieler. Kurt Weill vermischte in seiner Musik zur Dreigroschenoper Elemente aus Jazz und Tango, Blues und Jahrmarkts-Musik sowie Garnituren aus Oper und Operette. Sie wurde zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik.
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, lauten die berühmten Zeilen der Dreigroschenoper, die das menschliche Miteinander mit all seinen verlogenen Abgründen zum Thema macht. Auch Brecht selbst nahm es mit der Moral nicht so genau. Stammen Idee und Inhalt des Erfolgswerkes doch von seiner Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, die aber wie so viele Frauen der Wissenschaft und der Kunst im Verborgenen wirkten und zeitlebens im Schatten ihrer männlichen Vorgesetzten und Partner standen. Insofern ist die Dreigroschenoper ein durch und durch authentisches Werk über menschliche Korrumpiertheiten, die in der jüngsten Geschichte wieder so gegenwärtig erscheinen wie lange nicht. Die Programmgestaltung des Musiktheaters im Revier könnte aktueller kaum sein.
In einer Gemeinschaftsproduktion von Musiktheater und Puppentheater kommt die Dreigroschenoper nun auf die große Bühne und überzeugt durch eine komplexe Subtilität.
Das Orchester ist auf dem hochgefahrenen hinteren Segment der riesigen Hubbühne platziert. Die Spielfläche auf der Vorderbühne wird optisch von einer Art Boxring bestimmt, dessen Dimensionen überschaubar sind und ein intimes Kammerspiel erwarten lässt. Die Akteure gelangen von den im Dunkeln liegenden Seiten und durch verschiedene Bodenklappen auf die Holzkonstruktion, die von vier großen Scheinwerfermasten gerahmt ist. Für das reduzierte Bühnenbild ist Robert Schweer verantwortlich.

Das reguläre Bühnenpersonal ist in dieser Produktion gedoppelt, denn jeder Protagonist besteht aus einer Klappmaulpuppe und einem Puppenspieler, der die Puppe nicht nur führt, sondern auch sprechen und singen lässt. Schnell wird klar, dass die klassische Ebene des Puppentheaters in dieser Produktion überwunden wird. Puppe und Puppenspieler verschmelzen zu einer komplexen Einheit, zu einer ausgesprochen symbiotischen Verflechtung, zu einer Chimäre Mensch-Puppe. Dabei allerdings werden die Muster immer wieder aufgebrochen und variiert. Auch der Puppenspieler bekommt ein Eigenleben, kommentiert und erklärt den Charakter der Puppe und umgekehrt. Die Paarungen von Mensch und Puppe werden aufgelöst und neu eingegangen. Je nach Spielfluss und dramatischen Erfordernissen werden mehrere Puppen von einem Puppenspieler geführt, oder es formen sich ganze Gruppen unterschiedlichster Verquickungen. So entsteht ein komplexes Schauspiel, das dem Zuschauer höchste Aufmerksamkeit abverlangt und es dauert eine Weile, bis die Paarungen Puppe und Puppenspieler ihr gemeinsames Profil entwickeln können. Hilfreich dabei sind die von Justina Klimczyk entworfenen, identischen Kostüme der jeweiligen Charakterdopplungen.
Die von Peter Lutz geschaffenen Puppen sind phänomenal und leisten den entscheidenden Beitrag für die gelungene, ganz außergewöhnliche Inszenierung. Den fast lebensgroßen Puppen ist so viel Charakter eingehaucht, dass sie als eigenständige Protagonisten die Bühne selbst dann zu füllen scheinen, wenn sie einfach nur auf dem Boden hocken oder auf Stühlen sitzen, gänzlich führerlos, ohne jedwede Regung verharrend. Daraus ergeben sich immer wieder ganz magische Momente, die das komplexe Miteinander außerordentlich subtil erscheinen lassen. Die Grenzen zwischen menschgemachter Bewegung und antizipierter Eigendynamik der Puppen werden immer fließender. Puppenbestimmte Szenen einer Vergewaltigung oder eines Kampfes erhalten in der Inszenierung von Markus Bothe eine unbeschreibliche Intensität und Glaubwürdigkeit. Selten hat man Puppen so menschlich gesehen.
Das faszinierende Mit- und Nebeneinander von Mensch und Puppe eröffnet auf der Bühne des Musiktheaters im Revier ganz neue Möglichkeiten intensiven Bühnenspiels.
Das gesamte Ensemble der Neuinszenierung vermag ohne Abstriche zu überzeugen.
Einfach überragend agiert an diesem Abend in der Rolle des Mackie Messer Gloria Iberl-Thieme. Als Leiterin des MiR-Puppentheaters versteht sie sich natürlich bestens auf professionelles Puppenspiel, beeindruckt aber noch mehr mit ihrer Stimme und ihrem schauspielerischen Vermögen. Die Brechtadaption scheint ihr auf den Leib geschnitten. Allein ihr Auftritt macht die Neuinszenierung zu einem Erlebnis.
Klaus Brömmelmeier als Peachum steht ihr in nichts nach und ist der verlässliche Dreh- und Angelpunkt des dreiaktigen Bühnengeschehens. Seine gesprochenen Dialoge, Rezitative und sein Gesang setzen immer wieder souverän den Rahmen der Handlung und bestimmen das Tempo.

Martin Homrich als Celia Peachum ist wunderbar komödiantisch und voller stimmlicher Wandlungsfähigkeit. Sänger und Puppe zeigen sich in einem pinkfarbenen, Coco Chanel nachempfundenen Kostüm. Bele Kumberger überzeugt vor allem durch ihre Darstellung der Spelunken-Jenny. Ihr wohltimbrierter Mezzo wäre für diese Rolle eigentlich zu schön, wäre sie nicht in der Lage, auch ihrer Stimme die für Brecht/Weil ‑Interpretationen notwendige Derbheit zu verleihen. In den gesprochenen Passagen ihrer Partie besticht sie immer wieder durch eindrucksvolle Nuancen. Fayola Schönrock gibt die Polly Peachum voller darstellerischer Hingabe und stimmlichem Einfühlungsvermögen. Auch ihre Rolle verlangt nach einem Feuerwerk verschiedenster Rollenfacetten, denen sie durchweg gerecht werden kann. Sebastian Schiller entwickelt ein überzeugendes Profil des Polizeichefs Tiger Brown. Darstellung, Diktion und der Gesang sprechen für sich.
Daniel Jeroma und Maximilian Teschemacher schlüpfen in verschiedene Rollen und beherrschen als Mitglieder des MiR-Puppentheaters die gesamte Klaviatur des Puppenspiels. Jeroma beeindruckt vor allem als schwangere Lucy Brown und Teschemacher als korrupter Polizist Smith mit vollem Spieleinsatz und stimmlicher Präsenz.
Die Gesamtleistung der Protagonisten geht weit über das Maß hinaus, das an der Stelle zu erwarten wäre. Allein die sensible Koordination bei der Puppenführung verlangt sehr viel mehr als schauspielerisches Talent oder stimmliche Präzision. Es ist ein Gesamtkunstwerk, das in der Lage ist, verschiedenste Facetten aufzuzeigen, teilweise so komplex, dass es dem Besucher sehr viel abverlangt. Belohnt werden diejenigen, die sich darauf einlassen und dem faszinierenden Zusammenspiel von Puppentheater, Musiktheater und Schauspiel zu folgen in der Lage sind. Das Brecht eine Frage des Niveaus ist, bewahrheitet sich an diesem Abend mit Nachdruck.
Der kurze aber prägnante Auftritt des Opernchores passt sich in das Gesamtgefüge der Inszenierung ganz wunderbar ein. Unter der musikalischen Leitung von Lutz Rademacher vermag die Neue Philharmonie Westfalen die passende Stimmung für diesen besonderen Brecht/Weill-Abend zu schaffen.
Das Publikum im vollbesetzten Musiktheater im Revier dankt allen Beteiligten mit großem Applaus für die ungewohnt eindringliche und so ungemein aktuelle Neuinszenierung.
Bernd Lausberg