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Allmählich wird es peinlich für die Intendanten der großen Schauspielhäuser, dass sie einen wie Jens Dornheim immer noch nicht für ihre Bühnen entdeckt haben. Spätestens, seitdem das Gerichtsdrama Die Ermittlung in der Inszenierung von Dornheim von Gericht zu Gericht in Nordrhein-Westfalen herumgereicht wird, hätte einer der hochbezahlten Führungskräfte mal seine Nase aus der Blase herausstrecken und auf den Künstler, Schauspieler, Bühnenautor und Regisseur aufmerksam werden müssen. Das gilt auch für das Stück, das heute Abend im Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz in Essen Premiere feiert. „Ausverkauft“ steht auf der Tafel, die vor dem Theater aufgestellt ist.
1996 erschien Le Professeur von Amélie Nothomb in französischer Sprache, ein Jahr später wurde es auf Deutsch veröffentlicht. „Die alten Eheleute Hazel sehnen sich nach einem friedlichen Lebensabend auf dem Land. Als sie ihr kleines Traumhaus beziehen, dürfte ihrem Glück eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Doch dann lernen sie ihren Nachbarn kennen“, beschreibt Diogenes die Handlung. Dornheim hat den Roman der belgisch-französischen Autorin für die Bühne unter dem Titel Der Nachbar adaptiert und sich dabei alle Freiheiten genommen, um ein großartiges Stück zu inszenieren, das die Zuschauer über mehr als zwei Stunden fesselt.

In seiner Fassung haben Literaturprofessor Emil Hausner und seine Frau Adele, die seit Kindheitstagen ein Paar sind, sich einen langgehegten Wunschtraum erfüllt. Sie ziehen sich aus der Großstadt auf das Land zurück, wo sie das Haus gefunden haben, das es in ihren Herzen immer schon so gab. Einsamkeit ist das höchste Ideal, das das Paar anstrebt. Und so ist ein Glücksfall, dass es nur einen einzigen Nachbarn in Sichtweite gibt. Der Kardiologe Bernhard Seneca, der in der Einöde als Hausarzt arbeitet, lebt hier mit seiner Frau Bernhardine. Schon, als der Arzt seinen Antrittsbesuch absolviert, fällt er mit Wortkargheit und ungehobeltem Auftritt auf. Bis dahin ist alles gut. Aber dann taucht der Nachbar an jedem Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr auf und sorgt so beim Ehepaar Hausner für zunehmenden psychologischen Druck. Man braucht es nicht zu betonen: Die Sache kann nicht gut ausgehen.
Martina Flößer hat eine Bühne entworfen, auf der nahezu jeder Millimeter zählt, nachdem Mirco Heinen sie gebaut hat. In vorderster Linie, schon extrem nah an der ersten Zuschauerreihe, ist ein Lehnsessel aufgebaut, dem zwei Hocker zur Seite gestellt sind. Dahinter befinden sich Treppenstufen, die andeuten, dass man, um in das Schlafzimmer ein Stockwerk höher zu kommen, darübersteigen muss. Ein Bett stellt das Schlafzimmer dar, ein Fenster an der rechten Seite ist ebenso wie der Weihnachtsbaum und alle übrigen Möbelstücke in Weiß gehalten und mit schwarzen Linien verziert. Die Idee ist nicht neu, aber hier überzeugend umgesetzt. Anke Stemberg ist erstmals für die Kostüme zuständig und hat das vorzüglich gelöst. Der Landarzt tritt so auf, wie man ihn sich vorstellt: In warmer, kurzer Jacke, unter der sich Pullover und beigefarbene Hose verbergen. Die Gesundheitsschuhe unterstreichen den Typus. Adele im eleganten, aber unauffälligen grauen Kleid, Emil in graukarierter Weste und Hose mit weißem Hemd. Eine Mischung aus Stereotypie und Eleganz, die sich im Schlafzimmer mit hellgrauen Frottee-Bademänteln und Puschen fortsetzt. Für das Licht sorgt Dornheim selbst sehr detailfreudig. Er beschränkt sich auf weißes Licht in unterschiedlichen Wärmegraden, das die Darsteller überwiegend vorteilhaft in Szene setzt. Einige zusätzliche Hell-Dunkel-Effekte sorgen für die später notwendig werdende Zeitverkürzung.

Wenn bei Dornheim nichts mehr geht, kann er sich auf jeden Fall als Berater für Besetzungen bewerben. Damit glänzte er schon bei der Ermittlung, und auch jetzt passt es auf den Punkt. Christoph Landwehr spielt den Professor mit eindrucksvollem Textaufwand. In der Intonation natürlich, kommt er mit wenigen Holperern aus, die er souverän überspielt. In Verbindung mit der Darstellung vollbringt er Höchst- und Glanzleistung. Frank Tengler kommt als Seneca mit deutlich weniger Text aus, ist aber in der Darstellung bis in die Haarspitzen gefordert. Da muss jede Lippen- oder Augenbewegung exakt sitzen, sonst funktioniert die Rolle nicht. Und Tengler meistert das großartig. Inga Stück gibt eine durchgängig überzeugende Adele, die ihren Emil mit kritischem Blick liebt und sich mehr und mehr als Philanthropin zu erkennen gibt, während sie sich gleichzeitig mit Krankheitssymptomen auseinandersetzen muss. Selbst, wenn sie gedankenverloren in der Bibel liest, nimmt man ihr das noch ab. Besondere Erwähnung verdient Claudia Fidorra in ihrer Rolle als Bernhardine Seneca. Man darf den Auftritt zweifelsohne als monströs gut bezeichnen. Das Grauen schließlich kommt auf leisen Sohlen, wenn im Vordergrund die empathische Versorgungsidylle das Aushauchen jeglicher Landarzt-Hoffnung auf ein besseres Leben im Hintergrund konterkariert.
Komponist Danny-Tristan Bombosch, der selbst den Ton steuert, sorgt in der ersten Hälfte verstärkt für die richtigen Klänge, wenn er etwa Passagen mit subtilen Klaviermelodien unterlegt und Klopfgeräusche wie Generatorlärm räumlich richtig anordnet. In der zweiten Hälfte zitiert er gekonnt Edvard Grieg und Dmitri Schostakowitsch, ehe er auf persönlichen Wunsch des Regisseurs im Stilbruch The Brian Jonestown Massacres Who dreams of cats? einspielt.
Während auf den institutionellen Bühnen des Landes bevorzugt die „politische Korrektheit“ Einzug findet und Ideologie statt Theater gezeigt wird, darf man sich in Essen am Viehofer Platz über einen packenden Stoff mit großartigen Darstellern freuen, nach dem man auf dem Nachhauseweg noch einmal lange über sein persönliches Verhältnis zu den Nachbarn daheim nachdenkt. Zuvor allerdings muss das Team, das für einen außergewöhnlichen Abend gesorgt hat, ausgiebig gefeiert werden. Und genau das geschieht auch.
Wer’s verpasst, ist selbst schuld. Am 16. Mai sowie am 28. und 29. Juni sind weitere Aufführungen geplant, deren Besuch hier ausdrücklich empfohlen wird.
Michael S. Zerban