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Grauen auf leisen Sohlen

DER NACHBAR
(Jens Dornheim)

Besuch am
15. Mai 2025
(Premiere)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Allmählich wird es peinlich für die Inten­danten der großen Schau­spiel­häuser, dass sie einen wie Jens Dornheim immer noch nicht für ihre Bühnen entdeckt haben. Spätestens, seitdem das Gerichts­drama Die Ermittlung in der Insze­nierung von Dornheim von Gericht zu Gericht in Nordrhein-Westfalen herum­ge­reicht wird, hätte einer der hochbe­zahlten Führungs­kräfte mal seine Nase aus der Blase heraus­strecken und auf den Künstler, Schau­spieler, Bühnen­autor und Regisseur aufmerksam werden müssen. Das gilt auch für das Stück, das heute Abend im Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz in Essen Premiere feiert. „Ausver­kauft“ steht auf der Tafel, die vor dem Theater aufge­stellt ist.

1996 erschien Le Professeur von Amélie Nothomb in franzö­si­scher Sprache, ein Jahr später wurde es auf Deutsch veröf­fent­licht. „Die alten Eheleute Hazel sehnen sich nach einem fried­lichen Lebens­abend auf dem Land. Als sie ihr kleines Traumhaus beziehen, dürfte ihrem Glück eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Doch dann lernen sie ihren Nachbarn kennen“, beschreibt Diogenes die Handlung. Dornheim hat den Roman der belgisch-franzö­si­schen Autorin für die Bühne unter dem Titel Der Nachbar adaptiert und sich dabei alle Freiheiten genommen, um ein großar­tiges Stück zu insze­nieren, das die Zuschauer über mehr als zwei Stunden fesselt.

Foto © Michael Zerban

In seiner Fassung haben Litera­tur­pro­fessor Emil Hausner und seine Frau Adele, die seit Kindheits­tagen ein Paar sind, sich einen langge­hegten Wunsch­traum erfüllt. Sie ziehen sich aus der Großstadt auf das Land zurück, wo sie das Haus gefunden haben, das es in ihren Herzen immer schon so gab.   Einsamkeit ist das höchste Ideal, das das Paar anstrebt. Und so ist ein Glücksfall, dass es nur einen einzigen Nachbarn in Sicht­weite gibt. Der Kardiologe Bernhard Seneca, der in der Einöde als Hausarzt arbeitet, lebt hier mit seiner Frau Bernhardine. Schon, als der Arzt seinen Antritts­besuch absol­viert, fällt er mit Wortkargheit und ungeho­beltem Auftritt auf. Bis dahin ist alles gut. Aber dann taucht der Nachbar an jedem Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr auf und sorgt so beim Ehepaar Hausner für zuneh­menden psycho­lo­gi­schen Druck. Man braucht es nicht zu betonen: Die Sache kann nicht gut ausgehen.

Martina Flößer hat eine Bühne entworfen, auf der nahezu jeder Milli­meter zählt, nachdem Mirco Heinen sie gebaut hat. In vorderster Linie, schon extrem nah an der ersten Zuschau­er­reihe, ist ein Lehnsessel aufgebaut, dem zwei Hocker zur Seite gestellt sind. Dahinter befinden sich Treppen­stufen, die andeuten, dass man, um in das Schlaf­zimmer ein Stockwerk höher zu kommen, darüber­steigen muss. Ein Bett stellt das Schlaf­zimmer dar, ein Fenster an der rechten Seite ist ebenso wie der Weihnachtsbaum und alle übrigen Möbel­stücke in Weiß gehalten und mit schwarzen Linien verziert. Die Idee ist nicht neu, aber hier überzeugend umgesetzt. Anke Stemberg ist erstmals für die Kostüme zuständig und hat das vorzüglich gelöst. Der Landarzt tritt so auf, wie man ihn sich vorstellt: In warmer, kurzer Jacke, unter der sich Pullover und beige­farbene Hose verbergen. Die Gesund­heits­schuhe unter­streichen den Typus. Adele im eleganten, aber unauf­fäl­ligen grauen Kleid, Emil in grauka­rierter Weste und Hose mit weißem Hemd. Eine Mischung aus Stereo­typie und Eleganz, die sich im Schlaf­zimmer mit hellgrauen Frottee-Bademänteln und Puschen fortsetzt. Für das Licht sorgt Dornheim selbst sehr detail­freudig. Er beschränkt sich auf weißes Licht in unter­schied­lichen Wärme­graden, das die Darsteller überwiegend vorteilhaft in Szene setzt. Einige zusätz­liche Hell-Dunkel-Effekte sorgen für die später notwendig werdende Zeitverkürzung.

Foto © Michael Zerban

Wenn bei Dornheim nichts mehr geht, kann er sich auf jeden Fall als Berater für Beset­zungen bewerben. Damit glänzte er schon bei der Ermittlung, und auch jetzt passt es auf den Punkt. Christoph Landwehr spielt den Professor mit eindrucks­vollem Textaufwand. In der Intonation natürlich, kommt er mit wenigen Holperern aus, die er souverän überspielt. In Verbindung mit der Darstellung vollbringt er Höchst- und Glanz­leistung. Frank Tengler kommt als Seneca mit deutlich weniger Text aus, ist aber in der Darstellung bis in die Haarspitzen gefordert. Da muss jede Lippen- oder Augen­be­wegung exakt sitzen, sonst funktio­niert die Rolle nicht. Und Tengler meistert das großartig. Inga Stück gibt eine durch­gängig überzeu­gende Adele, die ihren Emil mit kriti­schem Blick liebt und sich mehr und mehr als Philan­thropin zu erkennen gibt, während sie sich gleich­zeitig mit Krank­heits­sym­ptomen ausein­an­der­setzen muss. Selbst, wenn sie gedan­ken­ver­loren in der Bibel liest, nimmt man ihr das noch ab. Besondere Erwähnung verdient Claudia Fidorra in ihrer Rolle als Bernhardine Seneca. Man darf den Auftritt zweifelsohne als monströs gut bezeichnen. Das Grauen schließlich kommt auf leisen Sohlen, wenn im Vorder­grund die empathische Versor­gungs­idylle das Aushauchen jeglicher Landarzt-Hoffnung auf ein besseres Leben im Hinter­grund konterkariert.

Komponist Danny-Tristan Bombosch, der selbst den Ton steuert, sorgt in der ersten Hälfte verstärkt für die richtigen Klänge, wenn er etwa Passagen mit subtilen Klavier­me­lodien unterlegt und Klopf­ge­räusche wie Genera­torlärm räumlich richtig anordnet. In der zweiten Hälfte zitiert er gekonnt Edvard Grieg und Dmitri Schost­a­ko­witsch, ehe er auf persön­lichen Wunsch des Regis­seurs im Stilbruch The Brian Jonestown Massacres Who dreams of cats? einspielt.

Während auf den insti­tu­tio­nellen Bühnen des Landes bevorzugt die „politische Korrektheit“ Einzug findet und Ideologie statt Theater gezeigt wird, darf man sich in Essen am Viehofer Platz über einen packenden Stoff mit großar­tigen Darstellern freuen, nach dem man auf dem Nachhau­seweg noch einmal lange über sein persön­liches Verhältnis zu den Nachbarn daheim nachdenkt. Zuvor aller­dings muss das Team, das für einen außer­ge­wöhn­lichen Abend gesorgt hat, ausgiebig gefeiert werden. Und genau das geschieht auch.

Wer’s verpasst, ist selbst schuld. Am 16. Mai sowie am 28. und 29. Juni sind weitere Auffüh­rungen geplant, deren Besuch hier ausdrücklich empfohlen wird.

Michael S. Zerban

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