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Foto © Alciro Theodoro da Silva

Weisheit: ein seltenes Gut

SOLOMON
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
16. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Inter­na­tionale Händel-Festspiele Göttingen, Stadt­halle Göttingen

Händels Solomon ist eine der zentralen Produk­tionen der diesjäh­rigen Göttinger Händel-Festspiele. Nach einer Premiere in der Hamburger Elbphil­har­monie eröffnet sie unter der Leitung von George Petrou am Pult des Festspiel­or­chesters Göttingen mit dem NDR-Vokal­ensemble die diesjäh­rigen Festspiele. Salomon gilt als Ideal weiser und harmo­ni­scher Herrschaft. Petrou und Festspiel-Intendant Jochen Schäfs­meier schaffen es mit einer raffi­nierten Besetzung, die alten Ideale einer guten Herrschaft auch in einer Zeit wieder zum Leben zu erwecken, in der sie weltweit in weiter Ferne gerückt zu sein scheinen. So wird es zu einem emotional mitrei­ßenden Abend. Die lebhafte Instru­men­tal­passage im dritten Akt für zwei Oboen und Streicher, die man als Die Ankunft der Königin von Saba feiert, kennen nicht nur Barockfans als musika­lische Unter­malung der Eröff­nungs­ze­re­monie der Olympi­schen Spiele 2012 in London.

Schon als Händel 1749 mit seinem Oratorium begann, war ihm klar, dass er bei dessen Urauf­führung aus dem Vollen schöpfen konnte, was zu einer großen Besetzung an Bläsern, Strei­chern und einem macht­vollen Chor führte. Opulent eröffnen Freuden­chöre zum Bau des Tempels, die Arien sind anrührend und gehen sofort ins Ohr, und am Ende disku­tieren Salomon und die Königin von Saba über den Frieden und die Macht – und zwar die Macht der Musik. Davon sind wir heute weit entfernt.

Foto © Alciro Theodoro da Silva

Das Festspiel­or­chester Göttingen ist erfahren in der Inter­pre­tation der Werke Händels. Es setzt sich seit 2006 alljährlich aus Musikern aus aller Welt zusammen. Auch George Petrou kennt sich mit Händel gut aus. Erinnert sei an sein Pasticcio Sarrasine im vergan­genen Jahr, das er aus anderen Händel-Werken kreierte. Den Salomon dirigiert er von Beginn an ruhig und gleich­mäßig und lässt Händels opulente Orches­trierung mit Blech und Strei­chern klar und eindrücklich erklingen. Jeder der drei Sätze dauert rund eine Stunde, und Händel baut darin jeweils sehr gekonnt Spannung und Emotionen der Akteure auf. Das Oratorium ist ein Sammelwerk von großer Musik des Meisters aus Halle und ist eine Schau emotio­naler Präsen­tation der theatra­li­schen Details.

Die Titel­rolle des Salomon übernimmt die am Staats­theater Darmstadt engagierte Lena Sutor-Wernich, der es gelingt, klanglich ein Gleich­ge­wicht zwischen Herrscher-Attitüde und vom Herzen kommender mensch­licher Wärme zu vermitteln. Ihre reife, sonore Stimme klingt sehr fokus­siert und kann gut Salomons Weisheit und Selbst­be­herr­schung umsetzen. Eine stimm­liche Reife und Einfühl­samkeit, die dem weisen Herrscher die nötige Glaub­wür­digkeit verleiht, wenn es darum geht, den Thron zu besteigen, sein Urteil im Prozess zu fällen und der Königin von Saba das Bild zu vermitteln, dass sie von einem guten und weisen Herrscher hat. Besonders in der Szene des zweiten Aktes, in der er die Reaktion der beiden um das Kleinkind strei­tenden Frauen auf sein anfangs irritie­rendes Urteil aufnimmt, das Kind mit dem Schwert zu teilen, zeigt sie beein­dru­ckend die gelungene Kombi­nation von Stärke und Mitgefühl.

Bei der anderen wichtigen weiblichen Partie muss Francesca Lombardi Mazzulli gleich in drei Figuren schlüpfen: als Gattin Salomons und Königin Israels im ersten Akt, als zweite Hure im zweiten Akt und als Königin von Saba im letzten Akt. Dabei zeigt sie eine beein­dru­ckende Bandbreite an Emotionen. Während sie sich als Tochter des Pharaos und Gattin Salomons feierlich und liebevoll mit ihrem Gatten austauscht und dessen Weisheit lobt, muss sie im zweiten Akt die undankbare Rolle der zweiten Hure übernehmen, die zu Unrecht um das Kind streitet und auch dessen Zweiteilung und Tötung billigt. In dieser Rolle wirkt sie rau, flehend und voller Dring­lichkeit, während sie ihrer Rolle als Nicaule, der Königin von Saba, volle drama­tische Tiefe verleiht, mit der sie ihre Bewun­derung für den großen König preist.

Foto © Alciro Theodoro da Silva

Bei den Männer­rollen begleitet der Tenor James Way in der Rolle des Hohepriesters Zadok seinen König durch dessen Herrschaft. Er liefert dabei eine Art drama­ti­schen Counterpart zu dem sehr zurück­haltend agierenden Salomon. Mit hellem und geschmei­digem Gesang vermittelt er die Begeis­terung des Volks und der sie anlei­tenden Priester für den weisen Herrscher, ohne dass es irgendwann aufge­setzt klingt. Hier wird auch die Wichtigkeit der Beherr­schung der engli­schen Sprache deutlich, denn Way schafft es mit klarer und leben­diger Intonation, die Zuhörer bei den Zeremonien und dem Lob des Herrschers der Stange zu halten, was die Nicht-Mutter­sprachler meist nicht im selben Maße vermögen.

Gut gefällt auch Carlotta Colombo in der wichtigen Rolle der Ersten Hure, die im deutlichen Kontrast zu der von Mazzulli darge­stellten zweiten Frau steht. Mit hellem und eindrucks­vollem Sopran verwehrt sie sich gegen das in den Raum gestellte Urteil Salomons, das Kind zweizu­teilen und akzep­tierte lieber dessen Abgabe an die Zweite Hure. In den weiteren Neben­partien singt Isaak Lee den Palast­diener, der den Streit der beiden Frauen klar und ohne Pathos an Salomon vermittelt, während der Bariton Armin Kolarczyk der Rolle des für den Tempel­dienst zustän­digen Leviten in den beiden rahmenden Akten voller Schwere und Bedeutung verleiht.

Das Oratorium zeigt deutlich, wie weit wir in heutigen Zeiten davon entfernt sind, von zugleich menschlich empathi­schen wie durch­set­zungs­starken Herrschern regiert zu werden. Der Blick über den großen Teich lässt viele Betrachter immer wieder erschauern, und auch an vielen anderen Orten der Welt sind die aktuellen Herrscher meilenweit entfernt von weiser, kunst­sin­niger und mitfüh­lender Führung. Insofern mag sich auch mancher der Besucher die Frage stellen, ob es denn nicht doch möglich ist, Macht gerecht zu verwalten und – statt Eigennutz – Gerech­tigkeit für alle walten zu lassen. Im Oratorium Händels gelingt das gut. Die einzelnen Charaktere harmo­nieren stimmlich und melodisch mitein­ander – ohne dass sich Pathos breit­macht, und auch der Aufführung in Göttingen gelingt es, die Harmonie zeitlos zu verkörpern.

Michael Ritter

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