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BRUCE LIU
(Diverse Komponisten)
Besuch am
15. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Am 10. Mai ist das Klavier-Festival Ruhr gestartet. Wie gehabt geben sich bis zum 16. Juli in diesem Rahmen im Ruhrgebiet und Nachbarorten Pianisten von Weltruf wie talentierte Nachwuchsmusiker aus aller Welt die Klinke in die Hand. Auch Wuppertal ist mit vier Veranstaltungen in der Historischen Stadthalle vertreten. Zum ersten Konzert sind Pianist Bruce Liu und das WDR-Sinfonieorchester in den nicht ganz ausverkauften Großen Saal gekommen, um mit einem rein französischen Programm für einen ausgezeichneten Abend zu sorgen.
Liu, der 28 Jahre alte Kanadier und Sohn chinesischer Eltern, nahm erfolgreich an mehreren internationalen Wettbewerben teil und hat bereits mit renommierten Orchestern wie dem Cleveland Orchestra, dem Israel Philharmonic Orchestra oder dem Orchestre symphonique de Montreal zusammengearbeitet. Er hat ein Werk mitgebracht, das ohne große musikalische Tiefe auskommt: Maurice Ravels Klavierkonzert in G‑Dur aus dem Jahr 1931. Der Komponist bemerkte dazu: „Es war ein interessantes Experiment, die beiden Konzerte – Anmerkung: Er meint damit das besagte und sein Zweites Klavierkonzert in D‑Dur – gleichzeitig zu konzipieren und zu verwirklichen. Das erste, bei dem ich in Erscheinung treten werde, ist ein Konzert im strengsten Sinn des Wortes und im Geist der Konzerte von Mozart und Saint-Saëns geschrieben. Ich bin wirklich er Meinung, dass die Musik eines Konzerts heiter und brillant sein kann. Sie braucht keinen Anspruch auf Tiefgründigkeit zu erheben oder nach dramatischen Effekten zu trachten.“ Etliche Jazzelemente wie Harmonik und Rhythmik hat Ravel darin verarbeitet. Vieles gemahnt an Werke wie die Rhapsody in Blue des US-amerikanischen Komponisten, Pianisten und Dirigenten George Gershwin, den er 1928 auf einer Amerikareise kennenlernte. Hochvirtuose Spieltechniken hat er dem Tasteninstrument in den Ecksätzen zuerkannt. Als seien sie nur kleine Fingerübungen, wird Liu den hohen Anforderungen in allen Belangen voll gerecht, spielt perlend wieselflinke Läufe, glasklare Tonrepetitionen oder kultiviert volltönende Akkordkaskaden. Das weit ausschwingende Thema des langsamen Binnensatzes gestaltet er mit einer großen inneren Ruhe außerordentlich liedhaft-melodisch. Musikalische kann er noch viel mehr, wovon seine beiden Zugaben als Dank für den enthusiastischen Beifall zeugen. Erstklassige barocke, trockene Klänge entlockt er dem Konzertflügel bei Jean Philippe Rameaus Les Sauvages in g‑Moll. Dieses Stück ist der sechste Satz einer achtteiligen Suite aus dem dreibändigen Opus Pièces de Clavecin. Und das erste von sechs Klavierstücken, die Erik Satie auf den Namen Gnossienne taufte, kommt äußerst beseelt von der Bühne. Das ihm innewohnende exotische Tonmaterial, dabei die poetischen Vortragsbezeichnungen wie Du bout de la pensée – übersetzt: Vom Ende des Gedankens – zu Herzen nehmend, vermittelt er hochmusikalisch tief ausgelotet.

Beim Klavierkonzert ist das WDR-Sinfonieorchester unter Axel Kobers Leitung Liu ein aufmerksamer und dynamisch sensibler Partner, das Klavierklang jederzeit in den Vordergrund stellt. Auch die beiden anderen Werke werden wie aus einem Guss präsentiert. Gabriel Faurés Pelléas et Mélisande läutet den Abend ein. Die vierteilige Suite, der das gleichnamige Schauspiel von Maurice Maeterlinck zugrunde liegt, erklingt ausgesprochen nuanciert, wobei jede Struktur und die mannigfaltigen Klangbilder leicht nachvollziehbar zu Gehör kommen. Mélisandes introvertierte Persönlichkeit, ihre Darstellung am Spinnrad, ihr glücklicher Moment mit Pelléas oder ihr tragischer Tod werden musikalisch mustergültig vermittelt. Dabei glänzen die Kölner Sinfoniker mit eleganten Dynamiken, etwa einer traumhaft schönen warm-singenden Tongebung im Piano.
César Francks Sinfonie in d‑Moll rundet das exzellente Konzert ab. Es ist nach der Première grande symphonie aus dem Jahr 1840 sein zweites und letztes Werk dieser Gattung. Sie stieß nach der Uraufführung im Februar 1889 auf Kritik. Etwa meinte sein Zeitgenosse, der französische Komponist Ambroise Thomas: „Was ist das für eine d‑Moll-Sinfonie, bei der das erste Thema im neunten Takt nach des, im zehnten nach ces, im einundzwanzigsten nach fis, im fünfundzwanzigsten nach c, im neununddreißigsten nach es, im neunundvierzigsten nach f moduliert?“ Heute dagegen gilt die Komposition als Meisterwerk der französischen Musik. Auch hier ist Kober ein versierter Dirigent, der die Musiker sicher, zuverlässig, mit präzisen Anweisungen und großer musikalischer Ausstrahlung durch die teils vertrackte Partitur lotst. So ist die glasklare Darstellung der großen Fülle an leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, der Vielfalt an Konflikten und des leidenschaftlichen Strebens nach deren Lösung, die in dem aussagekräftigen Opus musikalisch teilweise komplex verarbeitet sind, ungemein differenziert mit großen Spannungsbögen und festem Zugriff ein wahrer Hörgenuss.
Folglich zeigt sich das gebannt zuhörende Publikum begeistert und spendet nicht enden wollenden frenetischen Beifall.
Hartmut Sassenhausen