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Foto © Sonja Werner

Befreite Vielfalt

LE SACRE DE MON TEMPS
(Christina C. Messner)

Besuch am
22. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Zamus in St. Gertrud, Köln

Einfühlsame Licht­regie hüllt den spitz und eckig aufschie­ßenden Kirchenbau in ein stimmungs­volles Dunkel, dämpft Böhmschen Beton-Bruitismus denkbar augen­freundlich. Überhaupt entfaltet, wer hätte das gedacht, ein „inter­dis­zi­pli­näres Musik-Theater-Labor­format zur Thematik des Opferns“, spürbaren Charme. Ein Ton der Sanftheit über allen Aktionen. Das Gehen kein Gehen, eher ein Gleiten, ein Schweben. Das Sprechen weniger Sprechen als Flüstern. Und was Sang und Klang ist an einem Sacre de mon temps, hat mit seinem Urbild Le Sacre du printemps, von dem es sich listig den Namen geborgt hat, nichts zu tun. Was die nicht wenigen Besucher, die den Weg nach St. Gertrud gefunden haben, überhaupt nicht tangiert. Im Gegenteil ist man eher neugierig, wie ein alter­na­tiver Sacre mit den Erwar­tungen umgeht, die sich beim Eintritt aufbauen, wie er das Spiel angehen möchte unterhalb der Großschwellen Strawinsky, Konzert, Religion, Messe und was da sonst noch dranhängt.

Denn selbst wenn St. Gertrud längst den kölnka­tho­li­schen Hauptweg verlassen hat, um den Nebenweg „kultur+kirche“ auszu­pro­bieren – wer hier und jetzt ins ansäku­la­ri­sierte Gotteshaus kommt, kommt eben auch mit seinen Kirchen-Erfah­rungen, seiner Kirchen-Sozia­li­sation und, ja, mit seiner Kirchen-Abwendung. In jedem Fall bringt man sie mit, die alten Bilder, die Erinnerung an die verlas­senen Rituale, die vom stummen Zwang, Liturgie genannt, dirigierten Gemein­schafts­­übungen. Stehen, Beten, Singen, Sitzen, Predigten Anhören. Ein Regie­konzept, von dem die Papst­kirche, so lang sie das ist und sein will, nur um den Preis der Selbst­aufgabe lassen kann. Vorn das Zentrum, vorn die Choreo­grafen, Priester, Pastoren genannt, die Chefs, die dem Kirchen­volke, und wenn es noch so ausge­dünnt ist, die Bewegungs- und Denkformen vorgeben.

Foto © Sonja Werner

Le sacre de mon temps wirft das über den Haufen. Aus einem Zentrum werden viele. Als das allmählich klar wird, kommt sichtlich Bewegung ins Kultur­kirchen-Publikum. Man erhebt sich, geht hierhin, geht dahin, fängt an, zu prome­nieren, folgt den Akteu­rinnen, die sich sanften Schrittes immer neue Aktionsorte suchen. Ein Ventil wird geöffnet, Wasser tropft. Eine Uhr? Ganz sicher eine Uhr! denkt man. Aufge­stellte Gläser, denen mit Geigen­bögen ein Summen entlockt wird. Die Saiten einer Geige, die angestrichen werden. Vokalisen, die angestimmt werden, erst allein, dann zu zweit. Oder dort! Was machen die denn, die da auf zwei Stühlen hocken? – Eine spricht, sagt einen Satz, die andere sagt, von wem der ist. Viel versteht man nicht. Nur wer ganz nah ist, erhascht etwas. Bedeu­tendes? Eher nicht. Aber so was ist natürlich Geschmacks­sache. Anderer­seits, die Frage legt sich dann doch auf die Lippen: Wie nur haben es Mutter Teresa‑, Angela Merkel‑, Ricarda Lang-Zitate in einen zur begeh­baren Perfor­mance umfunk­tio­nierten Andachtsraum geschafft? Sicher, alles dreht sich, irgendwie, ums „Opfer“, was man hergibt, herzu­geben bereit ist, wovon die Sacre-Perfor­mance ihre ganz eigene Auffassung hat, insofern die Größen aus Politik und Zeitgeist für sie die Propheten von heute zu sein scheinen. Ist unbemerkt geblieben, dass die Perfor­mance übers Opfern das Überlie­fe­rungs-Wort mitge­opfert hat? Veran­stal­tungs­zwang beseitigt um den Preis der Banalität?

Le sacre de mon temps ist eine Gemein­schafts­kon­zeption der Kölner Kompo­nistin Christina C. Messner und der Kölner Schau­pie­lerin, Tänzerin und Regis­seurin Anna Magdalena Beetz. Beide bringen sie viel Erfahrung mit ins Projekt, sind, zumal in Köln, keine Unbekannte. Und beide wirken sie authen­tisch bis in die kleinste Bewegung, Geste. Mit ihrer ersten gemeinsam verant­wor­teten Kreation in St. Gertrud führen sie ihre Quali­täten als ausfüh­rende Kompo­nistin wie ausfüh­rende Regis­seurin zusammen. Es liegt darin ein beglü­ckendes, erwar­tung­we­ckendes Moment. Fürs Musizieren der von Messner bearbei­teten Gesänge von Hildegard von Bingen, einem Agnus Dei aus einer Messe des 13. Jahrhun­derts sowie einer spätbronzezeit­lichen Musik­schrift aus einer Stadt namens Ugarit – für all das formieren sie sich zum Gesangs-Duo. Nicht weniger präsent, einfühlsam, konzen­triert die Mit-Perfor­me­rinnen Ela Schu, Jennifer von Buch, Leonie Pohlmann. Und, nicht zu vergessen, zu den fünf Herzdamen tritt mit Claude Messner ein bescheiden sich am Rand aufhal­tender Performer. Es entbehrte nicht einer feinen Ironie, wie die Sacre-Regie den promo­vierten Sozial­psy­cho­logen, der auch allerhand zu erzählen hat, ausge­rechnet aus dem Beicht­stuhl auf die Spiel­fläche treten lässt. Ist das die Zukunft?

Georg Beck

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