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DIE RUNDKÖPFE UND DIE SPITZKÖPFE
(Bertolt Brecht)
Besuch am
25. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Ein Greuelmärchen“ nannte Bertolt Brecht die Parabel, die er 1932⁄33 und in einer zweiten Fassung 1938 erarbeitete. 1936 wurde Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und reich gesellt sich gern in der Regie von Per Knutzon im Riddersalen Kopenhagen uraufgeführt, in Deutschland kam es zum ersten Mal in einer Inszenierung von Günther Fleckenstein am 21. Oktober 1962 am Landestheater Hannover auf die Bühne. Gemeinhin wird es dem Theater zugeordnet, allerdings ist es mit Musik und Liedern von Hanns Eisler versehen, so dass eigentlich der Begriff des Musiktheaters angebrachter wäre. Brecht dachte Bühne groß, und so ist das Werk ursprünglich für 9 Damen und 25 Herren vorgesehen, immerhin waren Doppelbesetzungen möglich. In der Gegenwart sind das Zahlen, die dafür sorgen, dass Theater gern von einer Aufführung absehen. Kikki Géron nahm die Anforderungen sportlich und wählte das Stück als neueste Produktion ihres 2016 gegründeten Brecht-Trios aus. Die niederländische Schauspielerin und Sängerin beauftragte den Dramaturgen Joep Hupperetz, eine Fassung für drei Akteure mit Eislers Musik und in einem überschaubaren Zeitrahmen zu schreiben, ohne die Grundidee des Werks zu verändern. Der Akkordeonist Leo van Lierop übernahm die Aufgabe, die musikalischen Arrangements zu schreiben.

Die Theater- und Filmregisseurin Kirsten Burger hat sich auf das neue Musiktheater, das absurde Theater und den zeitgenössischen Zirkus kapriziert. In diesem Umfeld beschäftigt sie sich mit den Fragen nach Machtverhältnissen und Sehgewohnheiten und scheint damit prädestiniert, die neue Fassung in Szene zu setzen. Die Herausforderung, mit nur drei Personen Brechts Erzählung schlüssig und verständlich auf die Bühne zu bringen, nahm sie gerne an. Dabei ist die Geschichte durchaus komplex. Der Staat Jahoo ist bankrott und völlig zerrüttet. Überproduktion hat zu Konflikten zwischen Pächtern und Pachtherren geführt. Der Vizekönig ist von der Situation überfordert und beauftragt Angelo Iberin, die Krise zu lösen. Iberin hält sich nicht damit auf, über soziale Ungleichheit vulgo eine auseinanderklaffende Schere zwischen reich und arm nachzudenken, sondern ändert radikal das Narrativ. Künftig wird die Bevölkerung nach physiognomischen Gegebenheiten in rundköpfige Tschuchen und spitzköpfige Tschichen unterteilt, wobei die Spitzköpfe diejenigen sind, die für das Übel verantwortlich zeichnen und dementsprechend zu verfolgen sind. Kleinbürgertum und Großkapital sind begeistert und stellen sich hinter den Machthaber. Unglücklicherweise gerät Pachtherr Guzman, der die 17-jährige Nanna verführt hat, in die Falle der neuen Ideologie und wird von Iberin eigenhändig zum Tod durch Hängen verurteilt, nachdem der die Gerichtsbarkeit auch gleich in seine Hände genommen hat. Die Pächter, die sich unter der Fahne der Sichel widerständisch versammeln, laufen mit ihren Forderungen in der neuen Ideologie ins Leere. Ihrer Sache ist damit kein Erfolg beschieden, und nur wenige entkommen den Schergen Iberins. In der Nebenhandlung zeigt sich die Kirche unverhohlen als kapitalistischer Verein, dem allerdings trotz aller gelebten Habgier wenig Glück beschieden ist. Wen bis hierher noch nicht das Grauen gepackt hat, auch weil man nur allzu leicht Parallelen zur Gegenwart herstellen kann, wird spätestens zum Ende des Stücks mit kaltem Schaudern feststellen, dass die alten Machtverhältnisse wiederhergestellt sind, wenn auch mit deutlichen Verlusten für die Pächter. Am Ende weiß man nicht, ob man das Stück als dystopisch oder fatalistisch bezeichnen möchte, gute Laune bleibt jedenfalls nicht zurück.
Mit Hilfe von Lobke Houkes, die Bühne und Kostüme entworfen hat, gelingt es Burger, das Stück so zu inszenieren, dass es nicht nur verständlich ist, sondern auch in vielen Bühnenformaten gezeigt werden kann. So war es bereits im Amsterdamer Muziekgebouw aan’t Ij, beim Kurt-Weill-Fest in Dessau und am Vorabend in der Alten Feuerwache Köln zu erleben. Dabei ist das Lokal Harmonie als Spielstätte im Duisburger Stadtteil Ruhrort als vermutlich kleinster Aufführungsort noch einmal eine besondere Herausforderung.

Im Lokal hat man dafür groß umgebaut. Die Zuschauer sitzen jetzt auf einer rückwärtig aufgebauten Tribüne und schauen auf die Vorderfront, die fast zur Gänze Bühnenraum bietet. In der rechten hinteren Ecke ist das Klavier aufgebaut, daneben sitzt der Akkordeonist. Davor sind über die ganze Breite bis zur Bar Stühle aufgestellt, vor denen Namensschilder die Rollen identifizieren und Jacken aufgehängt sind, die die einzelnen Personen charakterisieren. In der linken hinteren Ecke ist noch Platz für ein kleines Podest, von dem Iberin neue Entwicklungen und Urteile verkünden kann. Einspielungen von der Festplatte sorgen dafür, dass die Stimme des Volkes, Radionachrichten oder kleine Spielszenen ertönen können. Das Licht, in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eher spartanisch, aber vollkommen ausreichend eingerichtet, wird von Wolfgang van Ackeren, dem Leiter der Spielstätte, von seinem Regieraum oberhalb der Bar gesteuert.
Mitunter mangelnde Wortverständlichkeit ist wohl der Akustik wie auch der aus niederländischer Sicht schwierigen deutschen Grammatik geschuldet, was aber eher charmant als störend wirkt und dem Verständnis der Aufführung nichts abträgt. Géron tritt als Erzählerin, Schauspielerin und Sängerin auf. Scheinbar beiläufig schlüpft sie in die verschiedensten Rollen, verleiht jeder einzelnen eine individuelle Prägung und sorgt für so manchen Schmunzler. Van Lierop sitzt am Akkordeon, wenn er nicht einen Pächter spielt oder einmal zeigt, dass ihm auch das Klavier nicht fremd ist. Dorrit Bauerecker, bekannte Multiinstrumentalistin mit Schwerpunkt Akkordeon und Toy Piano, begeistert heute Abend, indem sie Eisler-typischen Klang am Klavier produziert, am Akkordeon schon mal im Duo mit van Lierop musiziert, als Sängerin oder Schauspielerin auftritt.
Die einzigartige Atmosphäre im Lokal Harmonie, Ideen zu Regie und Bühne wie auch die eindrucksvolle Leistung der Akteure halten die Zuschauer über eindreiviertel Stunden in Atem. Am Ende des Abends denkt man neu darüber nach, was eigentlich die Hetze von Medien und Politik gegen die ordentlich gewählte zweitstärkste Fraktion im Bundestag wohl zu bedeuten hat, während von mangelndem Wohnraum, katastrophaler Infrastruktur oder der stetig weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen reich und arm im Deutschland der Gegenwart kaum mehr die Rede ist. Da kriecht so manch einem Zuschauer die Kälte den Rücken herunter, während der Applaus verdientermaßen kaum enden will.
In Duisburg bleibt es bei dem einen Ereignis. Allerdings, erzählt Bauerecker, ist eine weitere Aufführung in Bonn in Planung – und im Juni sind konzertante Veranstaltungen in Bremen, Hamburg und Schwerin vorgesehen. Es lohnt sich nicht nur für Brecht-Anhänger, die Netzseite des Brecht-Trios im Auge zu behalten.
Michael S. Zerban