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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
24. Mai 2025
(Premiere)
Trotz aller Genialität befand sich Mozart zeit seines Lebens im Krisenmodus. Die finanzielle Situation, seine Gesundheit und seine Beziehungen sorgten immer wieder für Stress. So konnte der finanzielle Bankrott nur durch den großen Erfolg der 1781 aufgeführten ersten Da-Ponte-Oper Die Hochzeit des Figaro verhindert werden, die ihm außerordentlich viel Ruhm und kurzfristigen Wohlstand einbrachte. Mit Don Giovanni versuchte er sechs Jahre später an den Erfolg anzuknüpfen, indem wiederum der erfahrene Librettist Da Ponte verpflichtet wurde. Die Oper aller Opern basiert auf dem vielfach interpretierten Don-Juan-Thema, das seit dem Aufsehen erregenden Schauspiel von Tirso de Molina im Jahre 1624 zahlreiche Schriftsteller, darunter Molière und Goldoni, immer wieder zu inspirieren vermochte. Unter dem Eindruck einer direkten Freundschaft Da Pontes zu Giacomo Casanova entstand eine der meistgespielten Opern der Theaterlandschaft des 20. Jahrhunderts. In Wuppertal gab es in den letzten 30 Jahren drei Produktionen, die letzte unter der ambivalenten Intendanz Kamioka im Jahre 2014.
Heuer steht nun die vierte Neuinszenierung auf dem Spielplan des Barmener Opernhauses. Regie führt diesmal Claudia Isabel Martin und versetzt die Handlung der über die Jahrhunderte weiterentwickelten Geschichte um den erotisch anziehenden, aber rücksichtslos jagenden Verführer Don Giovanni in die 1970-er Jahre. Gesellschaftspolitisch ist die Zeit von Themen wie Gleichberechtigung, Frauenpower und freier Liebe geprägt. Bühnenbildnerin Polina Liefers entwickelt vor diesem Hintergrund ein großbürgerliches Interieur mit kassettenstrukturierten Wandverkleidungen, die von vier großen Flügeltüren unterbrochen wird.
Schon zur Ouvertüre wird die Musik Mozarts bebildert, in dem eine einzelne schwarzgekleidete Figur mephistophelisch aus der Dunkelheit ins Licht tritt. Es ist der Hausherr der Architektur des Einheitsbühnenbilds, in dessen Wänden Don Giovanni symbolisch gefangen ist. Der Ausdruckstänzer Ruben Reniers führt als eine Art Verkörperung der Verführung pantomimisch in den ersten Akt ein. Die Protagonisten des ersten Tableaus werden stumm vorgestellt und wie nicht anders zu erwarten, macht sich die nun personifizierte Verführung frisch ans Werk. Don Giovanni stellt Donna Anna nach und geht dabei nicht zimperlich mit ihr um. Der Akt roher Gewalt bleibt jedoch einer der wenigen Momente, in denen die Inszenierung über das normale Maß an Deftigkeiten des Opernstoffes hinausgeht. Frivolitäten, die die Oper seit Jahrhunderten zu würzen vermögen, gibt es kaum zu erkennen. In den Kostümen der Festgesellschaft gegen Ende des ersten Aktes manifestiert sich ein bunter Reigen mit allerlei geschlechterübergreifenden Facetten, die in ihrer Gesamtheit aber weniger frivol als vielmehr bemüht erscheinen. Final krabbelt noch ein Paar unter dem Tisch hervor, das im Schutze des Tischtuchs wohl zu erotischen Höhepunkten gefunden zu haben scheint. Damit aber hat die immer mitschwingende schwülstige Erotik des Opernstoffes schon ihren Zenit überschritten. Knisternd wird es lediglich zwischen den Zeilen der deutschen Übertitelung. Beim Mitlesen der flotten Übersetzung des Librettos passiert das, was auf der Bühne kaum stattfindet. Gedanklich ist man da schon bei Donald Trumps berüchtigtem Satz „Grab ’em by the Pussy“, aber nichts davon wird auf der Bühne auch nur angedeutet. Die aktuelle Gegenwart zeigt sich voller Skandale erniedrigender Entblößungen. Von Trump über Depardieu, Puff Daddy und Gisèl Pelicot. Zu einer gegenwartsorientierten Bebilderung sexueller Derbheiten und Abhängigkeiten kommt es an diesem Abend nicht. Der Leitsatz des Don Giovanni Viva la libertà, der dem Publikum die Röte ins Gesicht treiben und für leidenschaftliche Empörung sorgen könnte, findet keinen Nachklang. Von der Regie wird nicht hinterfragt, was Verführung heute bedeutet und wie man mit Grenzüberschreitungen umgeht, obwohl genau das der Ansatz ihrer Interpretation ist.
So entspricht das Konstrukt der Inszenierung tatsächlich den siebziger Jahren, in denen sich die tradierten Verkrustungen erst langsam aufbrechen lassen, während es unter der Oberfläche schon brodelt. Aber den Aspekt aufzuzeigen, würde einer noch konsequenteren Bebilderung bedürfen.
Dennoch ist die Gesamtinszenierung optisch rund, und der Betrachter lässt sich gerne auf lange drei Stunden ein, die in keinem Moment langweilig werden. Martins Personenführung ist sehr komplex und detailverliebt, nimmt für sich ein und bietet großartige Unterhaltung. Besonders zuträglich sind dabei die wunderbaren Kostüme von Veronika Kaleja, die einen bunten Farbkanon zeigen und in ihrer abgerundeten Vielfalt begeistern. Zu sehen sind Flowerpower-Kostüme im Stil der 70-er Jahre, aber in den Szenen des Maskenballs auch Rokoko-Anleihen. Auch das statische Einheitsbühnenbild von Polina Liefers weitet sich im weiteren Verlauf der Handlung. Zuerst weicht die rechte Rückwand des großbürgerlichen Ambientes, und der Blick richtet sich auf eine graumelierte Schlucht zur Hinterbühne. An deren Ende wechseln sich die Erscheinungen des Komturs und der Verführung ab. In der finalen Szene weicht auch noch die linke Rückwand und die Architektur der Hinterbühne wird mit viel Nebel und einem farbig-intensiven Abendrot zum Höllenschlund für Don Giovanni. Sehr effektvoll auch das langsame Vorbeigleiten einer eingedeckten Endlostafel aus zahllosen Tischen, während der Rechenschaft fordernde Komtur von Don Giovanni zum Speisen eingeladen wird.

In der aktuellen Inszenierung wird dem vielköpfigen Bühnenpersonal noch die Figur der Verführung hinzugefügt. Der Kerninhalt von Mozarts Oper Don Giovanni wird personalisiert. Immer dann, wenn es um Weichenstellungen in der laufenden Handlung geht, greift die personalisierte Verführung in die Geschehnisse ein, triggert sozusagen die Entscheidungen, reicht die Waffen, führt die Bewegungen der Protagonisten aus und verschwindet nach vollzogener Tat wieder. Reniers gestaltet die Rolle tänzerisch durchaus überzeugend. An einem so tanzbedeutenden Ort wie dem Wuppertaler Opernhaus ist das wirklich ein Kompliment. Aber die berechtigte Frage bleibt: Braucht es die Hülle der Verführung in Menschengestalt, wenn der Inhalt der Oper bereits die Verführung selbst ist? Optisch ist die Platzierung dieser enigmatischen Figur, meist im Halbdunkel angesiedelt, vielleicht reizvoll, inhaltlich bleibt sie fragwürdig.
Nichtsdestotrotz gelingt dem Regieteam ein spannender, unterhaltsamer Diskurs, der mit frischer Farbe optische Akzente zu setzen vermag und den titelgebenden Übeltäter zur Rechenschaft zieht. Die Neuinszenierung ist szenisch hübsch, aber handzahm.
Das hauseigene, junge Solistenensemble zeigt sich an diesem Abend besonders gut aufgestellt. Allen voran Zachary Wilson als der Lebemann, der Charmeur, der Womanizer, der Galan und notorische Verführer Don Giovanni. Das Rollendebüt des jungen lyrischen Baritons ist ein großartiger Erfolg und auch Resultat konsequenter Ensemblearbeit der neuen Intendanz unter Rebeka Rota. Den umfassenden Ansprüchen an die Rolle des großen Verführers entspricht er in Gänze. Stimmlich und darstellerisch eine erstklassige Besetzung. Edith Grossman als Donna Elvira brilliert an diesem Abend in verschiedenen Varianten des immergleichen stechend grünen Outfits. Auch ihr gelingt ein eindrucksvolles Rollendebüt. Ihr schmiegsamer, warmer Mezzosopran fühlt sich authentisch in die Zerrissenheit von aufkeimender Hoffnung und bodenloser Enttäuschung ein. Lediglich in den Höhen der Rezitative gerät ihre Stimme ab und an ein wenig scharf. Insgesamt aber bleibt sie eine starke Bühnenpersönlichkeit, mit großem schauspielerischem Talent und einer wohltuend timbrierten Verwöhnstimme. Auch der Leporello von Oliver Weidinger lebt von der Darstellung und seinen ausgewiesenen Schauspielkünsten. Als Abziehbild des wenig couragierten, aber witzigen und schlagfertigen Dieners weiß der Bassbariton mit nuancierter stimmlicher Leistung zu überzeugen. Die glückliche Besetzung des Don Giovanni und Leporellos ist Rückgrat einer jeden Aufführung. An diesem Abend ist auf das Tandem absolut Verlass.
Wie auf einem Silbertablett präsentiert sich Margaux des Valensart durch die umwerfende Kostümierung. Dabei gibt sie die Donna Anna mit mesmerisierender Sopranstimme absolut überzeugend und bleibt der Rolle um Schuld und Rache nichts schuldig. Die Darstellung des Don Ottavio von Sangmin Jeon ist stimmlich rollenadäquat, schauspielerisch doch recht blass. Es fehlt ihm einfach an der funkelnden Bühnenpräsenz. Zudem kommt, dass er die blassesten Kostüme tragen muss. Man darf auf die Zweitbesetzung von Jongyoung Kim hoffen, der als Mitglied des Opernstudios NRW bereits eine eindrucksvolle Visitenkarte abgegeben hat. Ebenfalls aus dem Opernstudio NRW stammt Natalia Labourdette, die eine hinreißende Zerlina gibt, die sich mit viel Legato ins Ohr schmeichelt. Ihre so junge, aber schon so begehrte Sopranstimme ist eine wahre Luxusbesetzung. Erik Rousi als Kontur und Agostino Subacchi als Masetto runden das Solistenensemble ab. Der musikalische Gesamteindruck an diesem Abend ist weit überdurchschnittlich. Auch der zwischenzeitlich wieder zu einem profunden Klangkörper erstarkte Chor der Oper Wuppertal, kann sich stimmlich, aber auch mit immenser Spielfreude einbringen.
Als erstes Don-Giovanni-Dirigat verantwortet Patrick Hahn die Neuproduktion musikalisch und garantiert, wie nicht anders zu erwarten, eine gelungene Gesamtleistung. Das Wuppertaler Sinfonieorchester entfaltet unter seiner Leitung einen fein gewebten Klangteppich, der die Zuhörer mit Beginn der Ouvertüre in seinen Bann schlägt. Mit dem anspruchsvollen Wechsel der Tempi und der erforderlichen Balance steuert Hahn durch die komplex phrasierte Partitur des Kompositionsgenies.
Der Zuspruch für die Gesamtleistung im bestens gefüllten Wuppertaler Opernhaus ist enorm. Zachary Wilson, Edith Grossman und Natalia Labourdette werden für ihre Leistung besonders gefeiert. Stehende Ovationen schließen alle Beteiligten und auch das Regieteam ein.
Bernd Lausberg