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Foto © Thomas Jauk

Milde Apokalypse

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
25. Mai 2025
(Premiere am 18. Mai 2025)

 

Theater Dortmund, Opernhaus

Zurück vom Ring! Ein letztes Mal sucht Hagen, sich in den Besitz der Macht zu bringen. Doch die Rhein­töchter ziehen ihn in die Tiefe des Stroms. Floßhilde hält jubelnd den wieder gewon­nenen Ring in die Höhe. Mit der Apoka­lypse, dem Untergang des Alten, wird die Geburt des Neuen, einer besseren Welt, zur konkreten Möglichkeit. Im Schluss der Dortmunder Götter­däm­merung werden weder Brünn­hildes Ritt auf ihrem Ross Grane in den brennenden Schei­ter­haufen noch das Ende Hagens alias des Bösen zum Bild. Auf einem hellen Vorhang, hinter dem allmählich die Halle der Gibichungen verschwindet, wird das Finale mit schwarzen Lettern aus den Regie­an­wei­sungen von Richard Wagners berichtet, ehe das Weltepos in einem verklärten Des-Dur unter letzt­ma­liger Anspielung von Motiven aus der Tetra­logie verklingt.

Die Art, wie Regisseur Peter Konwit­schny im Stil von breaking news den Zusam­men­bruch erzählt, gehört zu den Merkwür­dig­keiten des Dortmunder Ring-Projekts, das sich über einen Zeitraum von vier Jahren erstreckt. Nicht allein, was auf der Bühne passiert, erscheint ein Stück weit wunderlich. Die Auffüh­rungs­ge­schichte selbst ist höchst ungewöhnlich. Zum Glück lässt sie sich entwirren. Dabei folgt die Logik, wie die einzelnen Teile der Tetra­logie – Rheingold nach Walküre und Siegfried, lediglich originär Götter­däm­merung zum Schluss – auf die Dortmunder Bühne gelangt sind, mehr dem Regisseur, weniger Wagner oder dem Publikum.

Verständ­li­cher­weise gönnt die Intendanz dem 80-jährigen Konwit­schny das Momentum, einmal einen kompletten Ring des Nibelungen zu insze­nieren. 2000 ist es ihm nicht vergönnt, als seine Insze­nierung der Götter­däm­merung lediglich das Finale des Stutt­garter Rings markiert, dessen Einzel­teile in den Händen jeweils eines anderen Regis­seurs liegen. Dass nun mit der Übernahme eben dieser Stutt­garter Produktion eine Götter­däm­merung inklusive Bühnenbild und Kostüme, die von dem inzwi­schen verstor­benen Bert Neumann stammen, ein Viertel­jahr­hundert nach der Erstausgabe erlebbar wird, ist zumindest nicht ganz problemlos. Erwartet doch das Publikum mit jeder Neudar­stellung von Wagners Geschichte unserer Zivili­sation eine Sicht­weise, vielleicht auch Deutung, die sich mit der Gegenwart ausein­an­der­setzt. Die jedoch ist Konwit­schnys Sache eben nicht.

Ob – ein wesent­licher weiterer Punkt – das Spiel mit der Reihen­folge der Ring-Teile publi­kums­freundlich genannt werden kann, insbe­sondere aus der Sicht eines Neube­su­chers, mag dahin­ge­stellt bleiben. Der Regisseur, einer der letzten Märchen­er­zähler des deutschen Musik­theaters, erklärt seine Idee, die Zyklus-Einzel­stücke in anderer Reihung spielen zu lassen, mit der Intention, den autonomen Charakter jedes einzelnen Teils hervor­zu­heben und erfahrbar zu machen. Was damit bewiesen wird, dürfte letztlich nur jeder Besucher für sich beant­worten können. Perspek­ti­visch spricht alles für ein künftiges Dortmunder Ring-Projekt in der klassi­schen Bayreuther Drama­turgie, sollte es überhaupt in abseh­barer Zeit zu einer Neuauflage des Mammut-Projekts kommen.

In seiner Regie­arbeit vereint Konwit­schny den Sinn für akribische Perso­nen­führung mit Elementen der Ironie, des Sarkasmus, der kindlichen Freude an skurrilen und schrillen Effekten sowie des Humors. Der lässt uns Heutigen, wie er ausführt, die Nähe zu unserem eigenen Desaster eher ertragen. Zur Geltung kommt sein Faible für überra­schende Bilder bereits zu Beginn mit einer Reprise aus seiner Rheingold-Insze­nierung. Drei aus der Kinder­schar von Erda dort, die sich mit dem Sammeln von Müll beschäf­tigen, agieren nun als Nornen, die mit Plastik­tüten und Bettel­pappen auf der Straße leben.

Ist vom Bären die Rede, der in der Götter­däm­merung und speziell als Symbol für Hagens grausamen Charakter eine große Rolle spielt, tollt ein Statist im Kostüm des Zottel­tiers vor und mit den Rhein­töchtern, was freilich eher belus­ti­gende als schaurige Effekte hervorruft. Konwit­schny liebt es überhaupt zu irritieren. Die ergrei­fende Szene des Sterbens und Todes Siegfrieds mündet vor Wie Sonne lauter strahlt mir sein Licht, Brünn­hildes Apotheose der über alles Irdische trium­phie­renden Liebe, in ein Aufer­stehen des jungen Helden. Er erhebt sich und verlässt seitlich die Bühne. Schläfst Du Hagen mein Sohn? – Die Szene Alberichs mit Hagen, in der er ihn auf die Weltherr­schaft einschwört, endet mit dem Versinken Alberichs, der von Hagen in ein weißes Tuch gehüllt wird, im Bühnenboden.

Hagen ist für Konwit­schny zwar der Dämon, der Zerstörer, aber nicht der Dominator. Er wirkt in einigen Szenen verstört und nervös, hastet durch das Domizil der Gibichungen, hält sich immer wieder im Hinter­grund, auch einmal hinter dem Chor versteckt. Bis zu seinem „mit furcht­barem Trotze“ ausge­sto­ßenem Ich, Hagen, schlug ihn zu tot durch­läuft er jedoch eine Entwicklung hin zu maximaler Entschlusskraft.

Narrative Kraft verrät das Bühnenbild, das mit einfachen Mitteln plakative Wirksamkeit auslöst. Brünn­hil­den­felsen, Palast der Gibichungen und die Waldland­schaft am Rhein werden durch einen riesigen drehbaren Kasten aus Holz gebildet. Darauf ist die Halle der Gibich-Sippe instal­liert, wobei schwarze Planen schmale Fenster­luken freilassen, die varian­ten­reiche Ein- und Ausblicke ermög­lichen. Eine Treppe, ausklappbar wie der Ausgang aus einem Flugzeug, erlaubt das Hinab­steigen zum Bühnen­boden. Das schmale Stein­gemach, in dem Siegfried und Brünn­hilde den neuen Tag ihres Mitein­anders bei Sonnen­aufgang angehen, entsteht durch Teilung des Einheits­raumes mittels einer Leinwand. Der hintere Prospekt zeigt wie eine Kitsch­post­karte ein Alpen­pan­orama. Bevor sich Siegfried mit Fellen an Rumpf und Beinen, Brust­har­nisch und Walkü­renhelm auf zu neuen Abenteuern macht, revan­chiert sich Brünn­hilde mit einem Stecken­pferd, das Grane, ihr bestes Pferd, symbo­li­sieren soll, für den Ring, den Siegfried ihr ahnungslos zum Geschenk macht. Eine Anspielung auf den Stil tradi­tio­neller Ring-Insze­nie­rungen, die spätestens dann nur noch Geschichte sind, als Siegfried sich unter den Gibichungen im schwarzen Büroanzug bewegt.

Foto © Thomas Jauk

Gabriel Feltz, der schei­dende Dortmunder GMD, zaubert aus dem Graben beacht­liche Wagner-Kompetenz. Der Dirigent wählt mit den Dortmunder Philhar­mo­nikern achtsam fließende Tempi, die das Geflecht der vielfäl­tigen Stimmungen, Natur­bilder und mensch­lichen Verstri­ckungen voll zum Blühen bringen. Das Blech generiert die größten Effekte, die vom mächtigen Stirnhorn noch gesteigert werden. Die aus Walküre und Siegfried bekannten sechs Harfen, jeweils drei links und rechts am Bühnenrand platziert und von goldigem Licht umflort, sind erneut aufge­boten. Zusammen mit einem Projekt-Extrachor beein­druckt der Opernchor Theater Dortmund, einstu­diert von Fabio Mancini, in den Massen­szenen. In diesem Klang­rausch stört dann auch nicht weiter, dass die Sänger, bei Wagner die Mannen, Straßen­anzüge tragen und von der Jagd im Wald künden.

Feltz weiß ein exzel­lentes Sänger­ensemble an seiner Seite, das – auch dank einiger Gäste – Format entwi­ckelt. Das tragische Paar, das zur Liebe erst im Tode findet, ist mit Stéphanie Müther als Brünn­hilde und Daniel Frank als Siegfried mehr als passabel besetzt. Hat Müther in der „Männer-Oper“ Siegfried gerade einmal 20 Minuten, um sich zu profi­lieren, avanciert sie jetzt mit leuch­tendem Sopran und drama­ti­schem Aplomb zum vokalen Gestirn der Aufführung. Frank ist nach wie vor nicht der Helden­tenor, der Wagner für die Rolle des Wälsungen vorschwebt. Ihm gelingen indes berüh­rende Momente insbe­sondere in den lyrischen Passagen, so der Schil­derung des Gesangs der Vöglein, und der Sterbe­szene. Leider taucht hier nicht der Waldvogel aus Siegfried in Gestalt eines Wesens mit grünem Ballett­röckchen wieder auf, das den in der Badewanne liegenden Fafner mit Champagner verwöhnt.

Mit dem Fortgang des Geschehens schält sich der Hagen von Samuel Youn als dominie­rende Gestalt im Regie­ver­ständnis Konwit­schnys wie im Sänger­ensemble heraus. Der ausge­wiesene Wagner-Spezialist legt die Partie des Bösewichts mit seinem Bassba­riton heller an als gemeinhin. Das kommt aber dem Verständnis entgegen, mit dem Konwit­schny der Partie begegnet. Den Gunther, in Dortmund schwach, weich und zaudernd, tenden­ziell schlicht überfordert, gibt Joachim Goltz stimmlich und spiele­risch einprägsam. Der Macho, der Brünn­hilde an einem langen Seil in die Halle der Gibichungen zerrt, ist dieser Gunther gerade nicht.

Barbara Senator ist eine rollen­kon­forme Gutrune mit verhal­tenem Sopran, der vorzüglich zur gezwungen-konfor­mis­ti­schen Haltung in der Männer­ge­sell­schaft der Gibichungen passt, wobei nur noch die Modema­gazine fehlen, in denen Gutrune blättert. Seine kurze Szene als Alberich meistert Morgan Moody mit beschwö­render Eindring­lichkeit. Großartig ist die Waltraute der Anna Lapkovskaja die auch die Zweite Norne singt. Wie sie Brünn­hilde mahnt – Höre mit Sinn, was ich Dir sage! – den Ring den Rhein­töchtern zurück­zu­geben, avanciert zu einem Höhepunkt des Abends. In Doppel­funktion ist ferner Tanja Christine Kuhn als Wellgunde und Dritte Norne zu erleben. Als Woglinde gefällt Sooyeon Lee, als Floss­hilde Ruth Katharina Peeck. Erste Norne ist Rita Kapfhammer.

Alles, was ist, endet, kündet Erda im Rheingold. Ein Gefühl der Wehmut scheint auch im anhal­tenden begeis­terten Jubel des nahezu vollbe­setzten Theaters enthalten, der alle Mitwir­kenden umhüllt. Mit einer jeden­falls musika­lisch beein­dru­ckenden musika­li­schen Leistung schließt sich der Dortmunder Wagner-Kosmos. Wer weiß schon, ob und wann er eine Fortsetzung findet.

Ralf Siepmann

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