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Sophies Lächeln

RITUAL
(Sophie Emilie Beha)

Besuch am
1. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Stadt­garten Köln

Der Gong tönt. Sophie kommt. Allge­meine Begrüßung mit Handschlag. Ob es eine Eintritts­karte mit oder ohne Blinden­schrift sein darf? Mit natürlich! Das offerierte Kärtchen so grün wie der Kölner Stadt­garten an diesem lauschigen Juniabend. Worum geht‘s? – Das Handout gibt sich geheim­nisvoll. „Mache einen Spaziergang: Höre nach jeder Kurve behut­samer als zuvor.“ Behutsam hören? Werden jetzt Ohrstöpsel ausge­teilt? – Nein, statt­dessen darf jeder in ein Säckchen greifen. Murmeln, Steinchen kommen zum Vorschein. Talisman? Wünsch dir was? – Man rätselt noch, da mahnt Sophie zum Aufbruch. Wir gehend schweigend, sagt sie. Nun gut. Und schon geht‘s los. Allein sind wir nicht. Die grüne Oase lockt so manche. Junge Mütter, die Kinder­wagen schieben und telefo­nieren. Liebes­paare. Feier­abend­trinker. Unsere Schweige­prozession schiebt sich ungerührt vorbei. Sophie vorweg. Eifrig werden Bilder gemacht. Doch von was? Wir latschen ja nur. Sind indes voller Erwartung! Gleich hinter dem nächsten Baum, der nächsten Bank, werden wir überrascht mit Darbie­tungen – denkt man. Am Baum geht‘s vorbei, an der Bank geht‘s vorbei – nichts tut sich. Aber dahinten – da ist was! Sanfter Gitarren­klang erreicht unser auf Behut­samkeit getrimmtes Ohr. Und tatsächlich! Da hockt einer, traktiert eine Klampfe, singt seiner Liebsten zur Rechten bluesiges Allerlei. Sollte das …? Nein, das ist nur ein Zufallsgast auf der Ritual-Tour. Denn Sophie, die kurz mitswingt, geht, lächelnd, weiter. Und wir mit ihr.

Foto © Sophia Hegewald

Minute fünfzehn unseres Andante silentium ist angebrochen. Noch einmal ein Abzweig, eine letzte Kurve, dann nehmen wir ersichtlich wieder Kurs auf den Ausgangs­punkt und es dämmert – draußen, vor allem aber drinnen in uns. Was Erwartung war, was sich aufgebaut hat, wird nicht bedient werden. So viel steht jetzt fest. Enttäu­schung? – Nicht direkt. Denn ist das Unter­laufen von Gewohn­heiten nicht ein gern angewandter Dreh, jeden­falls an den Rändern dessen, was früher Musik-Avant­garde hieß? Kommt es uns nur so vor oder ähnelt das Lächeln von Sophie jenem ihres Urahnen im Geiste, jenem Großmeister im Aufstellen von Publi­kums­fallen? Der listige John Cage war‘s doch, der es vorge­macht hatte. Versammle ein Orchester und lass‘ es schweigen – vier Minuten dreiund­dreißig Sekunden lang. Eine Ewigkeit, wenn die Erwartung drängt! Unser Schweige­gehen durch den Kölner Stadt­garten wie ein fernes Echo darauf. Mit dem Ergebnis, dass die feine Ironie der Mache-einen-Spazier­gang-Maßnahme uns ein Lächeln in die Gesichtszüge zaubert. Nur, wie jetzt weiter? Gehört zu einer neu angekün­digten „Konzert­reihe für Köln“ nicht auch ein Köln-Konzert? Sophie liest unser Mienen­spiel und sagt: Bis in einer halben Stunde im Konzertsaal, bitte Geduld!

Haben wir. Als es endlich losgeht, ist Letztere aller­dings bald aufge­braucht. Das angekün­digte Ritual-Konzert hat mit dem vorge­la­gertem Ritual-Spaziergang allen­falls das Unter­laufen von Erwar­tungen gemeinsam. Dass sich die Veran­stal­tungs­regie jetzt, wo‘s drauf ankommt, neuerlich bedeckt hält, regt nun weniger die Neugier als die Unlust. Programmheft? Programm­zettel? Welchem Auftritt von welcher Band wir da harren? Fragen ohne Antwort. Mehr als Sophies Greencard haben wir nicht in den Händen. – Und dann erscheint sie doch, die Band, das Ensemble, die Gruppe, was auch immer. Auftritt von fünf Musikern. In der Mitte eine junge Frau. Sie hat ein Saxofon in der Hand, nennt die Namen ihrer Mitspieler, was unver­ständlich bleibt. Der Cellist neben ihr sagt, sehr textver­ständlich: „Und Luise Volkmann!“ Man tritt an in der Besetzung Klavier, Saxofon, Cello, Bratsche, Vocals.

Foto © Sophia Hegewald

Was sich dann zuträgt in den folgenden sechzig Minuten, entzieht sich weitgehend der gewohnten Beschreibung von Musik­ereig­nissen. Das Darge­brachte bleibt, wie der in schönen Abständen auf die Bühne geblasene Theater­nebel, schwa­denhaft. Schwer, zu sagen, worum es sich da handeln soll. Zwar haben die Musiker viel Papier auf den Pulten, die sich zuweilen selbständig machen, ohne dass im Ergebnis zugleich erkennbar kompo­nierte, notierte Musik vorge­tragen würde, solche, die Parti­turen im Hinter­grund hätte. Neue Musik im weitesten Sinn scheidet aus. Jazz ebenfalls. Nichts von dem, was da Klang wird, swingt auch nur annähernd. Alles steht, verharrt, kommt nicht vom Fleck. Und die englisch­sprachigen, mehrheitlich unver­ständ­lich bleibenden Gesangs­texte? Die hat, wird uns zwischendrin mitge­teilt, dankenswerter­weise Sophie beigesteuert. Zu welchem Behufe? – Nun, es gehe um „Rites de passages“, sagt Volkmann und übersetzt das gleich mit „Übergangs­ri­tuale““, was ersichtlich weniger cool klingt als die version française davon. Ist klar. Marken setzen.

Es folgt die nächste Nummer. Sängerin intoniert, haucht ein Irgendwas ins Mikro, die anderen setzen kanonisch ein, kommen­tieren nach Gusto. Es schält sich ein Muster heraus. Tongeben, Hinstellen von Bögen, von Themen, Motiven oder was auch immer, deren impro­vi­sie­rendes Fortspinnen oder was auch immer, gilt dem Quintett als das schlechthin zu vermei­dende. Tauchen Klänge auf – und die Ausfüh­renden, das wird trotz allem deutlich, sind durchaus ausge­bildet darin – werden sie ebenso rasch angeschmutzt, ins Geräusch gezogen, werden die Linien ihres Linien­haften beraubt, wodurch, weil Redun­danzen ausbleiben, sich keine Form einstellen kann.

Was sich da vor einem kleinen, aber bereit­willig mitge­henden Publikum vollzieht, ist irgend­etwas zwischen experi­men­tellem Live-Hörspiel, live performten Beiträgen zu aparten Geräusch­ar­chiven oder Imitation von Tierstimmen, wenn da etwa zu einem wilden Saxofon-Solo Cello und Bratsche in tiefen Registern die Saiten beschaben, Pianist Synthesizer­schmotzen absondert, Sängerin sich dunkel­farben drauf­setzt. Das klingt dann tatsächlich, als ob man auf einer abgele­genen Insel einer Horde von Walrössern beim Bullen­kampf ansichtig würde. Dass die natürlich auch ihre „Rites de passages“ haben, ist unstrittig, was aber den anderen Eindruck evoziert: Fünf Personen suchen. Einen Autor, einen Sound, einen Sinn, ein Publikum und vor allem – sich selbst.

Schließen wir, der allfäl­ligen Bewerbung wie der Gerech­tigkeit wegen, mit einem Zitat aus der aus dem Netz heraus­ge­fischten Inter­net­seite: „ritual ist eine Konzert­reihe – kuratiert von Sophie Emilie Beha – die von Juni bis November jeweils am 01. Tag des Monats in verschie­denen Locations rund um den Stadt­garten statt­findet, weitere Infos via der ritual-Homepage“.

Georg Beck

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