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Zerstörerische Freiheit

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
1. Juni 2025
(Premiere)

 

Mainfran­ken­theater Würzburg, Blaue Halle

In Georges Bizets Oper Carmen von 1875 treten auf der Bühne der Blauen Halle des Würzburger Mainfran­ken­theaters gleich zwei Carmen auf, eine manchmal nur sprechend, ansonsten stumm daneben, in grell­rotem Plastik­kleid, die Schau­spie­lerin Laura Storz, die andere, die eigent­liche Carmen, die Sängerin und Darstel­lerin Vero Miller, ständig präsent, vorwiegend kämpfe­risch in Schwarz. Warum ein solches Duo? Warum ein Alter Ego für die Carmen, als Unter­stützung oder als Kommen­ta­torin bei ihren Handlungen? Eigentlich ist eine solche Gestalt nicht nötig, denn durch das schlüssige Spiel sollte dem Publikum ohnedies klar sein, dass Carmen unbedingt ihre Freiheit will, auch wenn sie dabei zugrunde geht.

Regisseur Till Kleine-Möller hat, wie sich auch an anderen Beispielen zeigt, mit seiner Insze­nierung einfach zu viel gewollt. So beginnt alles mit Videos von Explo­sionen, später sind zerschossene Häuser zu sehen, und nach der Pause marschieren vermummte Soldaten durchs Publikum und schießen aufs Volk auf der Bühne; aus den Arbei­te­rinnen in einer Zigaret­ten­fabrik sind nun Frauen geworden, die Bomben und Munition fabri­zieren und dann dauernd Muniti­ons­kisten schleppen müssen. Die Regie will bei allem wohl an den Spani­schen Bürger­krieg erinnern, vielleicht auch an heutige Kriege. Die Kompar­serie fungiert als eine Art Ballett auf der kleinen Drehbühne, in rotem Latex auch mit Masken als Stiere auf dem Kopf als Einstimmung auf den Stier­kampf, alles vor den im Halbrund angeord­neten flexibel verwend­baren Wänden, zwischen denen immer wieder Leute hervor­quellen, Arbei­te­rinnen, Soldaten, Schmuggler, Revolu­tionäre. Die Bühne von Isabelle Kittnar wirkt da teilweise geradezu überbe­völkert, und um die runde Fläche in der Mitte, den Auftrittsort für die meisten Handlungen, wie die Kneipe von Lillas Pastila oder den Treff­punkt der Despe­rados im Gebirge, drängen sich dann viele. Ist schon für alle der Platz knapp, muss sich der vielköpfige Kinderchor noch mehr beschränken auf den engen Raum anfangs des ersten Akts. Auch die Kleidung, bei der Ausstat­terin Su Bühler engen, glänzenden Latex bevorzugt, vor allem aber die teilweise hoch aufge­türmten Frisuren der Arbei­te­rinnen wirken teilweise übersteigert. Auch sexis­tische Anspie­lungen wie bei den Penis-Taschen­lampen sind überflüssig. Die gespro­chenen Wortwechsel scheinen oft entbehrlich.

Foto © Nik Schölzel

Entscheidend für das Gelingen aber ist die musika­lische Seite. Zwar sind die meisten „Nummern“ der Oper mittler­weile beliebte Ohrwürmer, bei denen einige mitsummen, doch um zu überzeugen, muss vor allem die Haupt­figur, eben die Carmen, auch in ihrer Darstellung erotisch verfüh­re­rische Quali­täten aufweisen. In ihrem engan­lie­genden, schwarzen Outfit, meist in Hosen und knappem Oberteil, aus dem sie manchmal bei Bedarf einen roten BH aufblitzen lässt, wirkt sie fast etwas maskulin, aggressiv, in kämpfe­ri­scher Attitude, oft sogar etwas verhalten und unbeteiligt; diese Carmen scheint bewusst mit ihren sexuellen Reizen zu geizen. Miller entspricht mit ihrer dunklen Locken­pracht und ihrer schlanken Statur äußerlich durchaus dem Ideal einer quasi männer­mor­denden Frau. Aber dafür bewegt sie sich wenig anschmiegsam, eher sportlich. Ihr hoher, kräftiger Mezzo­sopran eignet sich nicht unbedingt für die Partie der Carmen, denn ihm fehlen die erfor­der­liche, samtige Tiefe und die schat­tie­renden Färbungen; sie singt zwar sicher die Habanera und bewältigt die Schwie­rig­keiten gut, aber am Schluss sind doch die Anstren­gungen hörbar. Dass sie sich in den steifen, überhaupt nicht attrak­tiven Escamillo verliebt, der in sein Kostüm wie einge­sperrt wirkt und auch als Torero keinen Siegertyp darstellt, ist wenig glaubhaft, und Gustavo Müller kann mit seinem etwas schmalen Bariton ohnedies nicht auftrumpfen. Dass sie seinet­wegen den Sergeanten José verlässt, den sie um alles bringt, was ihm einmal etwas bedeutet hat, und der sie – wohl auf ihren Wunsch hin – umbringt und sich dann auch hinterher mit demselben Messer ersticht, das wirkt irgendwie seltsam. Jongwoo Kim aber spielt José sehr überzeugend als freund­lichen, etwas naiven jungen Soldaten, der sich in die von allen angebetete Carmen verguckt und so in einen Teufels­kreis von Verführung zu ungesetz­lichem Verhalten, Alkohol und Zwang in die Halbwelt der revolu­tio­nären Outsider gerät.

Foto © Nik Schölzel

Als etwas ungeschickter Einfall der Regie ist auch zu bewerten, dass er von Carmen keine rote Rose als Andenken erhält – wohl in Kriegs­zeiten nicht verfügbar – sondern einen roten Schal, den er aber dann in der berühmten „Blume­narie“ vergeblich als Beteuerung seiner Liebe beschwört, und diese Arie La fleur que tu m’avais jetée singt er mit so viel Schmelz, Stimm­glanz und hinrei­ßender Gestaltung, dass der lange Szenen­ap­plaus nur zu berechtigt ist. Auch sonst imponiert der Tenor mit nie angestrengt klingenden, großen Höhen und bester Gestaltung. Für die Micaëla, die treue, aber verschmähte Braut aus dem Heimatdorf, in ihrem weißen Tüllröckchen ein Licht­blick in der dunklen Umgebung, wird von Milena Arsovska mit sicherem, kraftvoll drama­ti­schem, hellem Sopran mit etwas unruhigem Vibrato gesungen; ihm fehlt für die Rolle ein wenig das Schlichte, anrührend Bittende. Dafür harmo­nieren die beiden Karten­le­ge­rinnen Mercédès, Marianna Marti­rosyan, und Frasquita, Minkyung Kim, stimmlich bestens und agieren auch äußerst lebendig. Als etwas komisches Gespann erscheinen die Anführer der Gesetz­losen Le Dancaire, Taiyu Uchiyama, und Le Remendado, Mathew Habib. Gabriel Fortunas markiert mit etwas blassem Bass einen nicht immer korrekten Offizier Zuninga; er wird in der Kaserne assis­tiert von Moralès, Leo Hyunho Kim.

Der Chor, die Männer als Soldaten und Schmuggler und die Frauen aus der Muniti­ons­fabrik, ist ständig in lebhafter Bewegung und singt dabei fein abgestuft, bestens einstu­diert von Sören Eckhoff. Für all diese Leute ist dann auch beim Stier­kampf der Platz knapp. Das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg gefällt unter der inspi­rie­renden Leitung von Mario Venzago mit warmem Klang und angemes­senem Schwung, deckt die Sänger nicht mit Lautstärke zu, treibt das Tempo trotz mitrei­ßender Dramatik nicht zu sehr an.

Dem Publikum im ausver­kauften Haus bei der Premiere ist beim langen Jubel die Begeis­terung für die große Oper auf der eigentlich dafür zu kleinen Bühne in der Ersatz­spiel­stätte des Theaters anzumerken.

Renate Freyeisen

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