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DIE RÄUBER
(Friedrich Schiller)
Besuch am
29. Juni 2025
(Premiere am 27. Juni 2025)
Ein wenig erinnert die Räuberbande rund um Karl Moor als ihrem Hauptmann an die Rote Armee Fraktion, kurz RAF. Auch sie stammen oft aus gutbürgerlichem Milieu und haben sich – heute würde man sagen linksextrem – an der Universität radikalisiert. Karl, der adelige Freiheitskämpfer in Friedrich Schillers Bühnenstück Die Räuber muss erkennen, dass sich seine Familie in Franken von ihm abgewandt hat und nicht wie erwartet als verlorenen Sohn in die Arme schließt. Es ist eine nach wie vor realistische Geschichte von Liebe und Heimtücke, die nicht im Happy End ihren Abschluss findet. Sehr gelungen hat in Bad Hersfeld Regisseur Gil Mehmert das Schiller-Stück für die Festspiele mit passenden Songs der Toten Hosen kombiniert. „An Tagen wie diesen“, um einen – nicht aufgeführten – Song der Band zu zitieren, ist es in der kleinen Stadt in Nordhessen durchaus üblich, bekannte Stücke großer Autoren musikalisch aufzuarbeiten. Auch Shakespeares Sommernachtstraum hat der scheidende Intendant Joern Hinkel in das musikalische Gesamtkunstwerk Sommernachtsträume verwandelt.
Mehmert ist eine exzellente Wahl für das gewagte Experiment. Neben Musicals gehören eigene Bühnenfassungen von Filmstoffen oder Open-Air-Produktionen zu seinem Schaffen. So setzte er 2014 Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern als Musical um, und seine Inszenierung von Jesus Christ Superstar in Dortmund sicherte ihm mehrere Musical-Preise. Besser als Hinkel, der selbst in einer Nebenrolle mitspielt, mit den Sommernachtsträumen, schafft er es, das Theater für neue Zielgruppen zu öffnen, die ihm sonst eher skeptisch gegenüberstehen. Ohne das Stück an sich aus den Augen zu verlieren, ergibt die Kombination von Schillers Drama mit der Musik der Toten Hosen eine Einheit. Die Songs spielt eine Live-Band links und rechts auf der Bühne – nicht die Toten Hosen – aber ihr Spiel hat Klasse und reißt Schauspieler und Publikum mit. Für die Bühne ist Jens Kilian, für die Kostüme Heike Meixner zuständig.

Es ist das erste veröffentlichte Drama des jungen Dichters, das den Geist der Sturm- und Drang-Epoche atmet, in die Schiller hineingeboren wurde und deren Anhänger sich in ihren Stücken gegen gesellschaftliche Normen und Regeln auflehnten. Der 22-jährige vermochte es vorzüglich, die dramatische Handlung des Stücks in eine leidenschaftliche, gefühlsbetonte Sprache zu verpacken. In der Erstausgabe setzte Schiller ein Zitat von Hippokrates als Motto: „Was Medikamente nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer.“ 1781 noch anonym veröffentlicht, sorgte es im Folgejahr bei der Uraufführung in Mannheim für nationales Aufsehen und machte Schiller schlagartig berühmt. „Das Theater glich einem Irrenhause“, berichtete ein Freund Schillers, „geballte Fäuste, Aufschreie im Zuschauerraum, fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür.“ Anleihen nahm Schiller aus einer Erzählung Schubarts, der als Sprachrohr der von der Obrigkeit Unterdrückten galt und aus der Geschichte des Räuberhauptmanns Nikol List, der ein Jahrhundert zuvor für Kirchenraub und mehrere Morde bestialisch hingerichtet wurde. Räuberbanden sorgten in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein für Unruhe.
Das Stück beginnt in Franken im Schloss von Maximilian, dargestellt von Tom Zahner, dem regierenden Grafen von Moor. Dessen beiden Söhne könnten unterschiedlicher kaum sein: Der hässliche zweitgeborene Franz, David Jacob, wurde schon als Kind vernachlässigt, da ihm ohnehin kein Erbe zustand. Lieblingssohn Karl, Yascha Finn Nolting, hingegen studiert in Leipzig und führt dort, wie etliche seiner Kommilitonen, ein ungezügeltes und leichtsinniges Studentenleben. Dabei macht er Schulden und gelobt seinem Vater in einem Brief Besserung mit dem Wunsch um Vergebung. Hier beginnt die Handlung, die seinen eifersüchtigen Bruder Franz sofort in intriganter Hochform präsentiert, als er Karls Brief gegen einen eigenen austauscht und diesen als Brief eines Leipziger Korrespondenten dem Vater vorliest. Darin schildert er Karl als Frauenschänder, Mörder und Bandit und kann den Entsetzten darauf überreden, Karl zu verbannen und zu enterben. So erntet dieser statt väterlicher Vergebung Verzweiflung und lässt sich von seinen Freunden dazu drängen, Anführer einer Räuberbande zu werden, die – wie der mittelalterliche Robin Hood als Vorreiter der Gerechtigkeit – Obrigkeit, Adel und Klerus verachtet und ausraubt und sich für Schwächere einsetzt. „Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert“, lästert Karl. „Zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.“ Da kann man auch an Händel-Opern denken.
Ist Karl schnell mittendrin im Mordbrennen in den böhmischen Wäldern, bei dem das Menschenleben keinen großen Wert mehr hat, da sein Kumpan Moritz Spiegelberg, darstellerisch und gesanglich stark der Südtiroler Christoph Messner, aus reinem Vergnügen auch Kinder mordet und schändet, intrigiert Franz in der fränkischen Heimat gegen ihn, lässt für Geld einen falschen Zeugen auftreten, der Karls Tod auf dem Schlachtfeld bezeugt, um seinem Vater den Tod und der von beiden Brüdern angebeteten und die mit Karl verlobte Amalia, gesanglich verzaubernd Nora Schulte, mit ziemlichem Klamauk und Lügen über seinen Bruder für sich zu gewinnen – beides vergeblich.

Als Karl unter fremden Namen auf Schloss Moor zurückkehrt, kommt es zum Showdown. Amalia und Karl stehen sich wieder gegenüber. Sie liebt Karl, aber erkennt – anders als Franz – ihn nicht in dem Gast. Nur der herzensgute Hausknecht Daniel, Patrick Lammer, erkennt ihn durch eine Narbe aus der Kindheit und klärt ihn über die Intrigen seines Bruders auf, der ihn durch Daniel vergiften möchte. Das erhoffte Glück tritt nicht ein. Franz entzieht sich der Strafe des Bruders durch Selbstmord, der im Hungerturm gefangene alte Graf stirbt, als sich ihm der totgeglaubte Sohn offenbart, und Karl tötet Amalia auf deren eigenen Wunsch, da er durch Eid an seine Räuber gebunden ist. Doch er erkennt auch, dass sein Leben verwirkt ist. Er beschließt ein letztes gutes Werk zu tun und seine Schuld zu begleichen, indem er den Armen das Kopfgeld ermöglicht und sich in die Hände der Justiz begibt.
Jakobs verkörpert der bösartigen Franz sehr überzeugend mit kraftvoll lebendigem Spiel, und auch der charismatische Nolting in der Partie seines Bruders Karl ist erstklassig besetzt. Bestehen anfangs Zweifel, ob sich die Songs der Punkband Die Toten Hosen gut in das Stück eingliedern lassen, werden die schon zu Beginn zerstreut. Punkrock war immer Gegenkultur und stellt mit seinen Texten Normen ebenso in Frage, wie die Dichter von Sturm und Drang, deren wesentlicher Vertreter Schiller war. Auflehnung gegen die Generation der Väter, radikaler Zweifel an herrschender Autorität, der Drang zu individueller Freiheit und einem Leben außerhalb der bürgerlichen Konventionen. Da müssen die Parallelen zur Bildung von Banden wie der von Karl Moor ins Auge fallen. Während die RAF, wie Karls Räuberbande, vom Staat mit allen Mitteln bekämpft wurde, schafften es die Toten Hosen mit „intelligentem Punkrock mit politischen Inhalten, sich an der bundesrepublikanischen Gesellschaft abzuarbeiten“, wie Mehmert betont. Zwar waren sie von der Obrigkeit nicht unbedingt geliebt, wirkten aber „stilprägend für ihr Genre“.
Da passen auch nach fast 250 Jahren die Texte gut zum Schiller-Original, wenn Bis der Boden brennt erklingt, Karl mit dem Ensemble Wofür man lebt singt oder Franz konstatiert: „Alles wie immer“. Die Räuber wissen „Leben ist tödlich“ und auch für die liebenden Karl und Amalia passen die wunderbaren Balladen Auflösen und Alles passiert. Die mitreißende Musik zieht die Zuschauer in ihren Bann „Ein Stück wie ein Orkan!“ werben die Festspiele begeistert. „Ich möchte eine Inszenierung kreieren, in der Schillers mitreißendes, bahnbrechendes Werk durch ihre Songs erweitert, ergänzt oder konterkariert wird und dadurch neue emotionale Räume öffnen“, sagt der Regisseur zu seiner Arbeit. Das ist ihm gelungen, wie langanhaltende standing ovations des begeisterten Publikums in der so gut wie ausverkauften Stiftsruine beweisen. Das Ensemble aus Schauspielern und Musical-Darstellern wird unterstützt von einer fünfköpfigen Rockband, die bekannte und weniger bekannte Songs der Toten Hosen einbindet. Wie schon bei den Sommernachtsträumen profitiert das Stück davon, dass viele jüngere Künstler auch eine gute musikalische Ausbildung bekommen. Die dreistündige Inszenierung ist auch in den Nebenrollen erstklassig besetzt, handwerklich sauber und überzeugend umgesetzt und kann – ohne banal zu wirken – mit den Musical-Elementen das Publikum rundum überzeugen. Interessierte Menschen sollten die Chance nutzen, wenn Sie noch eine Karte zu einer der Folgeaufführungen bekommen.
Michael Ritter