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Gerade erst hat Deutschland seine Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert. Sie zeichne sich, heißt es in der Begründung, „durch eine weltweit einmalige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen aus, die im Schauspiel, Figurentheater, in Oper, Operette, Musical, Tanz, Konzert sowie in performativen Veranstaltungen verwirklicht wird“. Vielleicht kein Zufall: Die für das Musiktheater existenziellen Chöre werden nicht erwähnt. Dabei sind Opernchöre eine institutionelle Säule des Theaterbetriebs. Von den Sängern und ihrer Leitung wird zudem immer mehr verlangt.

Der massenhafte Chor unserer modernen Oper“, notiert Richard Wagner 1852 in Oper und Drama, „ist nichts anderes als die zum Gehen und Singen gebrachte Dekorationsmaschine des Theaters, der stumme Punkt der Kulissen, in bewegungsvollen Lärmen umgesetzt.“ Wagner belässt es nicht bei der Analyse. Dem Erneuerer des Musiktheaters ist wesentlich zu verdanken, dass sich der Opernchor aus seiner historisch passiven Rolle emanzipiert und als institutionelle Säule des Opernbetriebs etabliert. Die eminente Bedeutung der Chöre etwa im Lohengrin oder in Die Meistersinger dürfte hier exemplarisch sein. Rund 160 Jahre nach Wagner formuliert Klaus Weise eine Eloge auf die Gattung: „Erst durch den Chor – als Spiegel der Öffentlichkeit im Einklang mit oder in Opposition zu dem Individuum – erreichen Wut, Triumph, Trauer oder Freude Plastizität.“ Man denke, so der damalige Generalintendant des Theaters Bonn anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Bonner Opernchors, an die Wartburggesellschaft im Tannhäuser, die den Minnesänger verstößt, an die Monumentalität der Chöre in Turandot, die die Grausamkeit der Prinzessin unterstreichen, oder an Carmen, in der der Chor für das notwendige Lokalkolorit sorgt.
Die Bayerische Staatsoper München, die Deutsche Oper und die Komische Oper in Berlin, die Musiktheater in Mannheim oder Stuttgart, in Hamburg, Dresden oder Essen, die Festspiele in Bayreuth oder Baden-Baden, um nur einige Häuser, Institutionen oder Legenden herauszugreifen – es sind mühelos Produktionen zu nennen, die durch die Kunst und das Engagement von Opernchören zu Ereignissen geworden sind. Die Sängerinnen und Sänger der Opernchors, professionell ausgebildet, im Wettbewerb mit Konkurrenten um eine Planstelle profiliert, einstudiert und bisweilen zu Höchstleistungen durch ihre jeweilige Leitung angetrieben, erweisen sich als die sichere Bank jedes Musiktheaters. Der Startenor, die Sopranistin auf dem Zenit ihrer Karriere, der exzellente Bassbariton, direkt von der Met eingeflogen – die Publikumszugpferde mögen indisponiert sein. Eine Inszenierung kann beim Opern-Afficionado durchfallen. Nach einer Aufführung, an deren Ende der Chor der Hexen, Geister, Matrosen, Landleute oder Soldaten komplett bei den Besuchern wie der Kritik scheitert, muss man in der Bundesrepublik allerdings lange suchen.
„Niveau wahnsinnig angestiegen“
Dabei sind die Anforderungen an die Akteure im Opernchor erkennbar gewachsen. Und im gleichen Maße auch die Ansprüche an ihre Leitungen. Rangiert der Opernchor noch vor einigen Jahrzehnten auf einem Rang unweit von Statisten, haben es die Manager des Theaterbetriebs nun mit Profis zu tun, zumal in der Globalisierung. „Das Niveau der Bewerber“, beschreibt Ulrich Wagner, Leiter des Staatsopernchors am Badischen Staatstheater Karlsruhe, seine Erfahrung, „ist wahnsinnig angestiegen, weil auch die Konkurrenz eminent groß geworden ist.“ Früher sei man froh gewesen, wenn sich Tenöre und Bässe überhaupt für eine Position im Opernchor interessiert hätten. Heute sei selbst schon bei einem befristeten Vertrag die Nachfrage stark. „Wir sind jetzt in der komfortablen Situation, dass man aus dem Bewerberfeld aussuchen kann“, zeigt Wagner den Unterschied auf.
Es ist wohl wie bei den kommunizierenden Röhren. Inszenierungen heute setzen auf eine gesteigerte Komplexität von Ausstattung und Kostüm, auf komplizierte, manchmal choreografierte Bewegungsabläufe im Raum, auf Lichtraffinessen und den Einsatz von Multimedia. Man betrachte nur die aktuelle Inszenierung von Boitos Mefistofele in Baden-Baden, mit großem Budget realisiert. Oder die von Offenbachs Hoffmanns Erzählungen am Theater Krefeld Mönchengladbach bei deutlich bescheidenerer finanzieller Ausstattung. Beide verdeutlichen auf ihre Weise den Schub der letzten Jahrzehnte an Inszenierungsaufwand. Ein Schub, der unmittelbar auf das Leistungsvermögen der Vokalensembles durchschlägt. Unter den Rahmenbedingungen des heutigen Musiktheaters ist der Chorleiter unweigerlich gefordert, das sängerische Potenzial des „Klangkörpers Chor“ abzurufen, dessen Charakteristik zu entwickeln und von Produktion zu Produktion auf die spezifischen Eigenarten des Theaters, des Stücks und seiner Inszenierung auszurichten. „Von uns wird erwartet“, unterstreicht Maria Benyumova, Chordirektorin und Kapellmeisterin am Haus Krefeld Mönchengladbach, „dass wir die Qualität sichern, im Raum und auf jede Entfernung hin.“ Konkret sei sie gefordert, mit ihrem Ensemble „einen Sound zu liefern, der auch noch im dritten Rang gut zu vernehmen ist“.
Rolle des Dienstleisters
So herzlich das Publikum den Chor der Freundinnen Ännchens und den der Jäger in Webers Freischütz zu quittieren pflegt – hinter dem Vorhang geht es um die Erfüllung glasklarer künstlerischer und betriebswirtschaftlicher Erwartungen, an kleineren Häusern mehr und mehr unter restriktiven Bedingungen. Verständlich, dass Ulrich Wagner den Chor in der Rolle eines Dienstleisters für Theater und Publikum lokalisiert. „Letztlich“, betont er, „müssen wir ganz klar unsere Aufgaben erfüllen, die wir vom Komponisten erlangen. Wenn wir das mit sehr viel Liebe tun, erreichen wir dann auch ein gutes Ergebnis.“ Das gelte insbesondere für zeitgenössische Werke.

Die große Spannweite des Metiers, auf das sich der Aspirant eines Opernchors einlässt, beschreibt der Deutsche Bühnenverein so: „Aufgrund der historischen Entwicklung ergibt sich für das Berufsbild des (Opern-)Chorsängers die Anforderung an einen Sängerdarsteller mit stilistischer Versiertheit, die von der Barockoper bis zum zeitgenössischen Musiktheater, von der Spieloper bis zum Musical reicht.“ Ist für Bewerber die Aufnahmehürde nach internationaler Ausschreibung genommen und damit die Laufbahn in Richtung Festanstellung eingeschlagen, endet die berufliche Individualität. Das Profil „Solosänger“ avanciert zum Profil „Chorsänger“. Ein Paradigmenwechsel für den Einzelnen, manchmal auch ein Schicksal. Und ein fundamentaler Unterschied zu jedem Sänger-Solisten, der sein Repertoire auf ein bestimmtes Fach und bestimmte Rollen beschränken kann.
Aus solistischen Stimmen mit eventuell ausgeprägten, individuellen Ambitionen, erläutert Benyumova die herausragende Aufgabe jeder Chorleitung, „ist das Ensemble aufzubauen und zu fördern, als Basis von Qualität, Homogenität und Vielfalt“. Ihre Methode, dahin zu gelangen? „Mein Stil ist es“, berichtet die 32-jährige, auf den Einzelnen zuzugehen und ihn dahin zu bringen, gemeinsam mit den anderen eine Leistung zu erbringen.“ Wagner vergleicht seine Berufsrolle in diesem Prozess mit der des Fußballtrainers: „Auch er muss es schaffen, die Gruppe der Mannschaft gut zusammenzusetzen, auch wenn einige der Fußballer einen ausgeprägt solistischen Hintergrund aufweisen.“ Keineswegs zwangsläufig muss das aber mit der völligen Aufgabe der individuellen Sängerexistenz verbunden sein. „Ich finde es gut“, betont Benyumova, „wenn solistisch ambitionierte Sänger aus dem Chor heraus einen Solo-Part an unserem Theater übernehmen.“ Zuletzt sei das so bei der Titelrolle in Giulietta-Akt von Hoffmanns Erzählungen geschehen. Über Nacht sei eine Sängerin aus dem Chor wegen akuten Bedarfs eingesprungen. „Sie kannte die Partie nicht. Wir alle waren überrascht, wie rasch und gekonnt sie innerhalb kürzester Zeit da reingewachsen ist.“
Vielfalt pur
Von Opernchorleitern wird die Lösung einer Integrationsaufgabe verlangt, die sich heute vielschichtiger darstellt als noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Das übrigens schon allein deswegen, weil sich die Ensembles immer stärker aus Personen mit unterschiedlichem kulturellen und sprachlichen Hintergrund rekrutieren. So repräsentieren beim Opernchor Bonn, einem der kleinsten 1a-Chöre in der deutschen Theaterszene, 38 fest engagierte Sängerinnen und Sänger zwölf unterschiedliche Nationen und elf Muttersprachen. Vielfalt pur herrscht auch an den Theatern in Krefeld, Mönchengladbach und Karlsruhe mit 33 respektive 47 Planstellen. „Bei uns“, sagt Ulrich Wagner, „finden sich Akteure aus aller Herren Länder, mit denen ich auf Deutsch, unserer lingua franca, zusammenarbeite.“
Dominiert einst am Pult des Dirigenten von Orchester und Chor der despotische Maestro, ist die Integrationsaufgabe am gegenwärtigen Theater nicht mehr hierarchisch lösbar. „Autoritäre Führungsstile sind out“, unterstreicht Sibylle Wagner, viele Jahre Opernchordirektorin am Bonner Haus. Gebraucht würden soziale Kompetenzen, eine besondere Fähigkeit zum Hören, zum Zuhören. Benyumova betont, es seien Geduld, Flexibilität und große Kommunikationsfähigkeit verlangt. Am Anfang ihrer Laufbahn, blickt sie zurück, sei sie „wohl eher Dompteuse“ gewesen. „Heute jedoch sehe ich mich als Teamchefin.“ Teamorientierung nennt auch der 49-jährige Wagner als seinen Führungsstil: „Was mir ganz wichtig ist: Der Respekt vor den Sängern, die doch alle ausgebildet sind und zum Teil sehr viel Erfahrung als Solisten mitbringen.“
Wille zur Kommunikation
Spezialisten treffen im Opernchor auf Spezialisten. Es ist kein Zufall, dass Ulrich Wagner und seine beiden Kolleginnen Chor- wie Orchesterleitung studiert haben und beide Metiers ausüben. „Ein Opernchorleiter“, erklärt er, „hat andere Schwerpunkte als ein Chorleiter, der auf a capella oder Oratorium spezialisiert ist.“ Von größtem Vorteil sei, selbst Kapellmeister zu sein. Die Funktion des Opernchorleiters habe ja auch ihre handwerkliche Seite. Ulrich Wagner nennt das einen anderen Zugriff auf Partituren: „Ich arbeite immer parallel mit der Orchesterpartitur und sehe so, welche Hinweise der Chor bekommen muss.“ Generell, so Wagner, versuche er, eine Atmosphäre wechselseitiger Verantwortung zu schaffen. So könne es gelingen, gemeinsam mit anderen eine Produktion zu erarbeiten.
Welche Qualifikationen, Fähigkeiten und Eigenschaften sind die besten Voraussetzungen, im Gefüge des Theaterbetriebs und gegenüber dem Ensemble zu bestehen? „Ganz wichtig“, betont Ulrich Wagner, „sind Offenheit und der Wille zur Kommunikation.“ Der Chorleiter sitze permanent zwischen den Stühlen, dem des Regisseurs und des musikalischen Leiters: „Da versuche ich, ausgleichend zu wirken, Kompromisse zu schaffen und Impulse zu vermitteln.“
„Chöre müssen gepflegt und gesund geführt werden“, fasst Sibylle Wagner ihre Erfahrung zusammen. Das schließe die Notwendigkeit ein, „auch in den Konflikt zu gehen, wenn es um relevante Interessen des Chores geht“. Solche Konflikte, beschreibt Ulrich Wagner die Praxis, seien zumeist Ausdruck der unterschiedlichen Interessenlagen des Regisseurs auf der einen und der musikalischen Akteure auf der anderen Seite. Es gehe dabei um die Aufstellung des Chors, seine Platzierung im Bühnenbild, um Auftritte, die einfach praktikabel sein müssten. Wagner: „Glücklicherweise habe ich jetzt sieben Jahre ohne Eklat oder Krach erlebt, worüber ich auch sehr froh bin.“ Von gerade einem Konflikt in sechs Jahren, „und zwar mit einem Regisseur“, berichtet Benyumova.
Im Theateralltag des Opernchors resultieren Spannungen offenkundig weniger aus persönlichen als aus strukturellen Verhältnissen. Alles müsse stets „unter großem Zeitdruck geschehen, was im Grunde den Hauptkonflikt ausmacht“, erläutert Ulrich Wagner. „Zeit ist am Theater immer ein sehr knappes Gut. Es ist nie so, dass wir uns auf eine Produktion konzentrieren können.“ Meist liefen mehrere Aufgaben gleichzeitig: die jeweilige Vorstellung, Proben parallel für die szenische Produktion, Proben für das nächste oder das übernächste Stück, manchmal noch Nachproben im laufenden Spielplan. Einen ersten Kontakt zum Beispiel mit der Partitur von I Capuleti e I Montecchi habe der Chor Ende Januar gehabt. Die Premiere des Bellini-Stücks habe dann Ende Juli auf dem Spielplan gestanden. Die Folge für die Beteiligten? „Sehr komplexe Pläne, um das Ganze auf dem Laufenden zu halten.“
Erfahren Engagement und Können von Opernchören auch die angemessene Anerkennung? „Zweifellos“, meint Benyumova, „schätzt und liebt das Publikum den Opernchor. Das ist in vielen Aufführungen deutlich geworden, die ich erlebt habe.“ In Karlsruhe bestätigt der Chordirektor diesen Eindruck und verweist auf „sehr viele positive Rückmeldungen“ von Seiten der Theaterbesucher. Anders sei es bei der Fachkritik: „Von den Rezensenten würden wir uns manchmal eine größere Würdigung unserer Anstrengungen wünschen. Das gilt allerdings auch häufig für das Orchester und Interpreten mittlerer Partien.“ Die Kritik lege einen starken Schwerpunkt auf die Regiearbeit.
Ob Wagner 1852 die berufliche Erfüllung seines Namensvetters im heutigen Karlsruhe hat ahnen können? Der jedenfalls schwärmt: „Wenn alles klappt und die Premiere ein Erfolg wird, ist es ein wunderbares Gefühl. Letztlich bin ich in meinem Beruf ein glücklicher Mensch.“
Ralf Siepmann