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Seitdem die Parteien am rechten Rand des Spektrums aufzeigen, wie weit sich das Volk inzwischen von seinen Regierenden und deren Institutionen entfernt hat, wird für das Theater die chronisch-latente Frage des gesellschaftlichen Diskurses zum existenziellen Problem. In seinem neuesten Projekt befragt Rimini Protokoll nicht mehr die Vergangenheit, sondern das Heute und Morgen. Düsseldorfer Premiere ist am 8. Juni im Museum Kunstpalast, ein erster Test verlief bereits jetzt vielversprechend.
Man mag es eigentlich nicht mehr hören. Dieses „In Kooperation mit“. Ungläubig reibt man sich die Augen und sieht, in welch rasender Geschwindigkeit die Kulturlandschaft in Deutschland verflacht. Die Zauberflöte gibt es in Berlin an der Komischen Oper in einer ungewöhnlichen Aufführung? Fahren Sie gar nicht erst hin. Es lohnt nicht. Sie werden dieselbe Aufführung demnächst in Ihrem Theater erleben können. Theater und Opernhäuser verlieren in rasantem Tempo an künstlerischem Profil. Der Event-Charakter nimmt überhand. Was früher Bespieltheatern vorbehalten blieb, ist in größeren Häusern längst die Regel. Viele Menschen freut das. Sie brauchen nicht zu verreisen, um ein bestimmtes Stück an einem speziellen Theater zu erleben. Den Tourismus-Verantwortlichen müsste es die Zornesröte ins Gesicht treiben. Intendanten, die nur noch das Geschäft vor Augen haben, brauchen sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie sie die nächste Spielzeit mit eigenen Ideen füllen können. Und das Ganze wird auch noch publikumswirksam verkauft. Die Kölner Oper ist inzwischen mehr oder minder zur Produktionsstätte von Fura dels Baus verkommen. Und das in einer Zeit, in der Theaterhäuser, welch eine Doppelmoral, ihre Legitimation aus der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs beziehen wollen. Es scheint, als müsse, wer sich tatsächlich für die heute und morgen drängenden Fragen interessiert, den Blick auf andere Institutionen richten.

Wie beispielsweise das Institut mit dem umständlichen Namen Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Nach eigenen Angaben „ein kosmopolitischer Ort für die zeitgenössischen Künste“. Hier werden Grenzen aufgehoben und viele Fragen gestellt. Vor allem aber werden in Großprojekten Aufträge an Künstler unterschiedlichster Genres vergeben, diesen Fragen nachzuspüren und sie in die Gesellschaft hineinzutragen. In dem vierjährigen Projekt 100 Jahre Gegenwart, das noch bis 2018 andauert, „unternimmt das HKW eine Gegenwartsanalyse mit der Rückkopplung an historische Utopien“. Einfacher ausgedrückt: Das Projekt beschäftigt sich damit, wie man sich früher die Weiterentwicklung der Welt vorgestellt hat und was daraus tatsächlich entstanden ist oder noch entstehen wird. Unter diesem Überbau untersucht Rimini Protokoll „Phänomene der Postdemokratie“ in vier Theaterproduktionen. Mit zunehmender Globalisierung entsteht mehr und mehr der Eindruck, dass derzeit gültige staatliche und politische Strukturen ausgehöhlt oder unterlaufen werden. Das Autoren-Regie-Kollektiv schaut genauer hin.
Die erste Produktion Top Secret International (Staat 1) kam im Dezember vergangenen Jahres in den Münchner Kammerspielen zur Uraufführung. Einen Monat später wurde das Stück in New York durchgeführt. Am 8. Juni wird es dann im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu erleben sein. Eine Bühne im Kunstpalast? Beileibe nicht. Rimini Protokoll hat sich von der Bühne verabschiedet. Und das durchaus nicht aus ideologischen, sondern ganz praktischen Erwägungen. Wer sich über Spionage, Spionageabwehr oder einfacher: informelle Kommunikation Gedanken machen und dazu Zeitzeugen einladen will, wird im öffentlichen Raum kaum Erfolg haben. Spione und Agenten gehen nicht an die Rampe, um zu erklären, wie sie arbeiten. „Spione gehen ja auch nicht in Museen, weil die viel zu sehr überwacht werden. Auch wenn das Kino anderes suggeriert“, erzählt Jessica Paez, die das Projekt seitens des HKW betreut. „Die Alternative wäre ein Hörspiel gewesen, aber das war den Künstlern zu langweilig“, sagt Paez. Warum das Museum dennoch ein idealer Ort für diese Veranstaltung ist, muss jeder Besucher für sich selbst herausfinden.
Das Museum sammelt Informationen
Bei der Ankunft werden dem Besucher Kopfhörer und ein Notizblock ausgehändigt. Als Pfand ist ein Personalausweis oder Ähnliches zu hinterlegen. Es gibt keine Schauspieler, keine Sänger, kein Mitmachtheater. Die Besucher werden auf eine Reise durch das Museum geschickt. „Ganz wichtig bei der Entwicklung des Konzepts war, dass die Besucher eigene Entscheidungen treffen können“, erklärt Paez. Nach Erhalt des Kopfhörers sind die Besucher zu Mitwirkenden mutiert. Und die Entscheidungsmöglichkeiten machen aus ihrer Reise durch die Spionagesysteme dieser Welt eine höchst individuelle Erfahrung, die sie viel über die Mitmenschen und das eigene Empfinden lernen lässt.
Schon kurz nach Beginn ist der Alltag des Reisenden vollkommen ausgeblendet. Zu stark ist die Beschäftigung mit den neuen Sinneseindrücken. Während der Einweisung ist man darauf hingewiesen worden, dass es zu Übertragungsproblemen kommen kann. Der psychologische Effekt ist eine permanente unterschwellige Angst, „abgehängt“ zu werden, dank einer technischen Panne aus dem Rennen geworfen zu werden. Da hilft auch der Hinweis wenig, man möge sich an einen der begleitenden Helfer wenden. Beruhigung tritt erst ein, wenn man den Helfer sieht, mit ihm Augenkontakt aufnimmt, zwei Daumen in die Höhe gestreckt werden. Ganz nebenbei lernt man Ausschnitte der Sammlung des Kunstpalastes kennen, wird durch die Ausstellung der Maler Cranach geführt. Vor der Schablone der Vergangenheit erklingen Informationen über die Gegenwart. Auf das Ohr gibt es Anweisungen über die nächsten Schritte, Zitate von Spionen, die „teilweise verfremdet werden mussten, weil die Agenten Angst hatten, dass ihre Stimmen erkannt werden könnten“, verrät Paez, und immer wieder Fragen nach Entscheidungen. Werden sie zu schnell getroffen, gibt es keine Möglichkeit zur Revision. Das verursacht Unbehagen. Aber es gibt auch Verbündete. Reise-Teilnehmer, die sich sympathisch finden. Neue, volatile Netzwerke entstehen. Die am Ende der Reise im besten Fall mit ein paar netten Worten wieder aufgelöst werden.
Der Kulturpalast der Zukunft
Das Team von Rimini Protokoll leistet ganze Arbeit. Am Ende der Reise, die man auch als Wechselbad der Gefühle bezeichnen könnte, wartet ein Fragebogen, den man gerne ausfüllt, um die Hochspannung zu entladen, die sich im Laufe einer guten Stunde aufgebaut hat.
Wenn das Theater der Zukunft ist, können wir genau dieser Zukunft freudig gelassen entgegengehen. Die gewohnten Arbeitsfelder allerdings sind dann passé. Keine Beleuchtungsfragen, keine Bühne, keine Kostüme, keine Darsteller, die einem das Sentiment vorspielen. Stattdessen ureigenes Erleben vor Ort mit einem tatsächlichen Diskurs über die Gesellschaft. Die „Macher“ bleiben unsichtbar, sind mit Organisation, Technik und Überwachung beschäftigt. Es gibt also nicht weniger Personal, nur andere Aufgabengebiete. Rimini Protokoll hat hier nichts weiter getan, als das Tor zu einer Zukunft aufzustoßen, die ein unendliches Feld an neuen Möglichkeiten eröffnet. Applaus für kaum weniger als eine Sensation.
Nein, das mit dem Applaus hat sich erledigt. Der wird sich zukünftig im Verlangen und den Köpfen des Publikums abspielen müssen. Denn die Veranstalter bleiben im Hintergrund. Aber vielleicht ändert sich auch das noch. Die Dichte der Atmosphäre löst sich – trotz kleinerer Pannen – auch nach Stunden noch nicht auf. Bislang hat die Sache allerdings einen Haken. Es werden nur vergleichsweise wenige Besucher diesen Blick in die Zukunft genießen können.
Michael S. Zerban