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Martin Luther - Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1529

Musik – eine scharfe Waffe

Den Teufel vertreiben und die Herzen fröhlich machen, das traut Martin Luther der Musica zu. Statt der weihe­vollen Klänge und Gesänge, die die Kirche latei­nisch für ihre ungebil­deten „Gläubigen“ zelebriert, will Luther die Kirche aus dem Weihrauch der Päpste, Bischöfe, Pfaffen und Fürsten herun­ter­holen und sie dem Volk zurück­geben. Sein Werkzeug: die Sprache und die Musik.

Der Gemein­de­gesang erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit – Foto © J. Gerhardt

Den Namen des Jura-Studenten, der nach einem Blitz­er­lebnis während eines Gewitters Gott verspricht, Augus­ti­ner­mönch zu werden, kennt heute fast jedes Kind: Martin Luther. Über die Bedeutung dieses Mönches aus Eisleben streiten sich Histo­riker und Theologen. In über 25 Biografien reichen die Attribute von „Befreier“ und „Refor­mator“ bis zu „Ketzer“ und „Rebell“. Doch in einem sind sich fast alle Autoren einig. „Die Neuzeit hatte begonnen“, stellen sie mit Udo di Fabio fest.  Seit Beginn dieses Jahres, nachdem vor 500 Jahren die Refor­mation ihren Anfang nahm und vieles in Europa massiv verän­derte, sind die Biografien, Geschichts­bücher, histo­risch-politi­schen Kommentare, zahlreichen Refle­xionen und religiös-frommen Essays nicht mehr zu zählen, die sich mit der Person Martin Luthers, seinen theolo­gi­schen, kirchen­po­li­ti­schen und weltlichen Zielen befassen und sein Wirken zu bewerten versuchen. Doch „keines dieser Bücher erkennt ihm und der mit ihm verbun­denen Refor­mation Größe im Sinn origi­naler histo­ri­scher Präge­kraft oder bleibender Bedeut­samkeit zu“, urteilt spitz Thomas Kaufmann. Vielmehr sehen viele wie Heinz Schilling ganz Europa um 1500 „in rasendem Wandel begriffen“. Für ihn ist 1517 „ein Jahr der Umbrüche, politi­scher wie ökono­mi­scher.“ Und Theologen und Histo­riker fügen hinzu: auch des theolo­gi­schen Umbruchs. Luthers Ideen, seine Predigten, Auftritte und Schriften haben um 1500 den kirchlich-religiösen Alltag in vielen Familien und Gemeinden, aber auch das kirch­liche Leben bis hin zur Gottes­dienst­ordnung nachhaltig verändert und den Anstoß zu zahlreichen Verän­de­rungen in der katho­li­schen Kirche gegeben. Dass sich aus seiner Kirchen­kritik eine Spaltung der katho­li­schen Kirche ergibt, liegt außerhalb Luthers Vorstellung und Absicht.

Ein Bergmannssohn lehrt Theologie 

Martin Luther, 1483 in Eisleben als Luder geboren, den Namen Luther führt er seit 1512, besucht in Mansfeld die Latein­schule, danach in Magdeburg die Schule der „Brüder vom gemein­samen Leben“ und seit 1498 die städtische Pfarr­schule in Eisenach. Hier wird er zunächst im „Chorus Musicus“, dann auch in der Eisen­acher Kurrende als Sänger aktiv. Um aus ihm einen wohl bestallten Juristen zu machen, schickt ihn sein Vater Hans Luther, ein Kupfererz-Bergmann, später ein durchaus wohlha­bender Hütten­meister, 1501 an die Univer­sität Erfurt. In der Artis­ten­fa­kultät erwirbt Luther das Bakka­laureat und 1505 den Magister. Das elementare Erlebnis eines nahen Blitz­ein­schlags während eines Gewitters verändert seine und seiner Eltern Pläne. Für seine Umwelt überra­schend, tritt er 1504 dem Bettel­orden der Augus­tiner im Erfurter Kloster bei, dem er bis etwa 1524 angehört. Danach und bis zu seinem Tod im Jahr 1546 wird er ein heftiger Kritiker der katho­li­schen Kirchen­lehre und des Ordens. Seine inten­siven Bibel­studien führen ihn bald zu der Überzeugung, dass Gott nicht käuflich und der von Rom geduldete Ablass­handel ein großer Schwindel sei, der nur Bischöfe und Papst reich mache. Seine wachsende Kritik fasst er schließlich in 97 Thesen zusammen, um sie mit seinen Univer­si­täts­kol­legen zu disku­tieren. In Form von 95 Thesen sendet er sie 1517 an Erzbi­schof Albrecht Kardinal von Brandenburg nach Mainz und fordert ihn zu Reformen auf. Damit nimmt die Kirchen­spaltung ihren Anfang.

Christen sind frei

So wenig die dann folgenden kirchen­po­li­ti­schen Dispute und Verän­de­rungen ohne Luther denkbar sind, so wenig sind sie allein auf sein Wirken zurück zu führen. Seit Jahrzehnten liegt in Europa Neues in der Luft, das politische Europa um 1500 befindet sich im Umbruch und ist nach 1517 nicht mehr das gleiche wie vorher. Das Macht­gefüge zwischen Kirche und Reich, zwischen dem Papst, dem Kaiser, Kirchen­fürsten, Königen und Fürsten gerät mächtig durch­ein­ander, religiöse und politische Macht­kämpfe in Europa sind nicht mehr klar zu trennen, die Kirche mischt kräftig mit. Luthers Witten­berger Kollege Philipp Melan­chthon beklagt, dass von Deutschland „ein sonder­barer Hauch des Grausigen und Unkul­ti­vierten“ ausgehe, und auch Luther sieht in den Deutschen „khein verachter Nation“.

Heute ist sich die kirchen­po­li­tische Forschung darin einig, dass es „die Refor­mation per se“ nicht gegeben hat, sondern man von mehreren, „verschieden motivierten Refor­ma­tionen“ sprechen müsse, ja, „dass es ohne obrig­keit­liche Unter­stützung keine luthe­rische Refor­mation gegeben hätte“. Hartwig Fischer und Dirk Syndram sprechen sogar von einer „Fürsten­re­for­mation“, um das politische Interesse der Herrschenden an einer „Refor­mation“ zu unter­streichen. Der Kirchen­rebell aus dem kleinen Wittenberg, der den Reichs­ständen 1521 auf dem Reichstag zu Worms bescheiden und doch mutig die Stirn bietet, ist vielen Reichs­fürsten durchaus recht, er bestellt auch ihren Acker und bereitet den Boden für eine „obrig­keit­liche Refor­mation“, in der sich Fürsten und Kaiser gegenüber treten. Da trifft Luthers Aufruf zur Selbst­stän­digkeit der Gemeinden und seine zentrale These, ein Christ sei frei und niemandem untertan, er könne in direktem Kontakt mit Gott „sola fide“, allein durch den Glauben, selig werden, einen wunden Punkt der katho­li­schen Kirchen­lehre. Im Bemühen darum, der Strafe des jüngsten Gerichtes zu entgehen, gibt Luther den Gläubigen neues Selbst­be­wusstsein. Jedes Gemein­de­mit­glied könne direkt mit „seinem“ gnädigen Gott in Kontakt treten, ohne die Vermittlung der „Pfaffen“. Viele Gläubige erkennen, dass ihre Fürsten Amt, Würde und Rechte nicht „von Gottes Gnaden“ erhalten, sondern sich genommen haben – ohne das Volk zu fragen.

 Zum Trost und Trotz

So trägt Luthers Kirchen­kritik quasi beiläufig einen demokra­ti­schen Bazillus in die Gemeinden – zum Ärger der Fürsten und Bischöfe, der Kirche und des Reiches. Luthers Übersetzung und Neuin­ter­pre­tation des Neuen Testamens reicht bis in den gemeind­lichen Alltag hinein. Seine „Refor­ma­tionen“ verändern die Theologie, die Alltags­praxis der Liturgie und die Gottesdienste.

Zu einem weiteren Ärgernis für die etablierte Kirche entwi­ckelt sich etwas, das ausschließlich zur Erbauung und Besinnung der Gläubigen gedacht war: der gottes­dienst­liche Gemein­de­gesang. Auch ihn hatte sich die Kirche über Jahrhun­derte aus bewusst „schlechten“ Gründen selbst vorbe­halten und dafür gesorgt, dass die Mitglieder der Gemeinde dem Vorbild, Vortrag und Gesang der Priester zu folgen hatten.  Luther beklagt, dass „allein der Chor der Pfaffen und Schüler singt und antwortet, wenn der Bischof das Brot segnet oder Messe hält.“ Die Texte der Liturgie werden – natürlich – in latei­ni­scher Sprache vortragen. Musik fürs Volk in einem Gottes­dienst – undenkbar. „Davon ich sing’n und sagen will“, hält Luther aus theolo­gi­schen Gründen dagegen – und zwar in Deutsch.

Luthers musika­lische Begabung und Fertig­keiten, getragen von seiner theolo­gi­schen Überzeugung, befähigen das „kleine Mönchlein“ aus Wittenberg, neue Formen zu entwi­ckeln. Dabei sind es nicht nur die bekannten Festtag­s­choräle wie Ein feste Burg, Vom Himmel Hoch und Nun freut euch, liebe Chris­tengmein …, um nur einige seiner knapp 40 Liedkom­po­si­tionen zu nennen. Für ihn sind die Kirchen­lieder, die die Gemeinde selbst in Deutsch singt, wesent­licher Bestandteil seiner dem Menschen zugewandten Liturgie der Gottes­dienste. Folge­richtig führt er in Wittenberg den damals sehr ungewohnten deutsch­spra­chigen Gemein­de­gesang ein. Die Pflege christ­licher Hausmusik ist Luther ein großes Anliegen, und mit dem roman­ti­schen Bild Martin Luther im Kreise seiner Familie musizierend, das Gustav Spangenberg erst 1866 in Berlin malte, haben Luther und der Maler bis ins 21. Jahrhundert die Wertschätzung der familiären Hausmusik besonders in Deutschland geprägt.

Doch auch in anderer Beziehung entdeckt Luther die Kraft der Musik und setzt sie bewusst, als „wirkungs­volle Propa­ganda für die Sache der Refor­mation“ ein. Musik­his­to­riker sehen Luthers Kirchen­lieder durchaus als Gassen­hauer ihrer Zeit, als Schlager, die den Geschmack des Volkes auf der Straße treffen. Der Choral Erhalt uns Herr bei deinem Wort aus dem Magde­burger Gesangbuch von 1543 enthält die Zeile „…und steur‘ des Papsts und Türcken Mord“ und dürfte so recht nach dem Geschmack des Volkes gewesen sein. Dass manche seiner Kirchen­lieder sich gegen Fürsten und Bischöfe wenden lassen und damit zu religiös-politi­schen „Kampf­liedern“ werden, war eine nicht immer beabsich­tigte, aber willkommene Neben­wirkung. Von einer Schwein­furter Gemeinde wird berichtet, sie hätte während einer Messe 1532 mit Ein feste Burg einen altgläu­bigen Priester nieder­ge­sungen, die Jugend habe diesen Reformsong auf den Straßen Schwein­furts geschmettert. Ob Anekdote oder histo­ri­sches Faktum, die luthe­rische Refor­mation und ihre Folgen sind ohne luther­deutsche Kirchen­lieder und Luthers Nähe zur Musik nicht denkbar.

Das von der Gemeinde in Deutsch gesungene Gemein­delied ist Teil seiner Glaubens­lehre, seines „Evange­liums“, die „gute Mär, … davon man singet, saget und fröhlich ist“. Die Gemeinden und Gläubigen warten darauf, das Kirchen­leben nach eigenem Geschmack zu gestalten und so für ihr eigenes Seelenheil zu sorgen, ohne den päpst­lichen Ablass. Mit dem Ende 1523 in Nürnberg erschie­nenen Achtlie­derbuch gibt es eine erste deutsch­spra­chige refor­ma­to­rische Liedsammlung. „Etliche christ­liche Lieder, Lobge­sänge und Psalmen, dem reinen Wort Gottes gemäß aus der Heiligen Schrift, durch mancherlei Hochge­lehrte gemacht, in der Kirche zu singen wie es denn zum Teil bereits zu Wittenberg in Übung ist“, vermerkt Luther einleitend.

Geschenk und Waffe

Für Luther ist die Musik, besonders das deutsch gesungene Gemein­delied ein „herrlich und göttlich Geschenck und Gabe“, immer wieder lobt und preist er „die Musica“, die den Menschen „fröhlich mache“. Auch die Jahrzehnte lang übliche Vorstellung vom Lehrer, der selbst­ver­ständlich ein „Musicus“ ist, geht auf Luther zurück: „Wer diese Kunst kann, der ist von guter Art, zu allem geschickt. Man muss die Musik unbedingt in den Schulen behalten. Ein Schul­meister muss singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.“

Inzwi­schen hat auch die litera­risch-politische Gesell­schaft Luthers Lieder wahrge­nommen und ihr Protest-Potenzial erkannt. Knapp 300 Jahre später spricht Heinrich Heine 1834 von Luthers Ein feste Burg als der  Marseil­laise der Refor­mation, selbst Friedrich Engels kommen­tiert sie als die Marseil­laise der Bauern­kriege. Am Ende seines Wirkens hinter­lässt Martin Luther den luthe­ri­schen Gemeinden mit dem Babst­schen Gesangbuch die umfang­reichste deutsche Sammlung von Kirchen­liedern, die für viele Jahrzehnte Grund­stock evange­li­scher Gesang­bücher bleibt. Das heutige Gesangbuch der Evange­li­schen Kirche Deutschland (EKD) enthält bei insgesamt rund 570 Liedern noch über zwanzig gut bekannte Luther-Lieder.

Wie seine Gemein­de­lieder ist auch die Lutherrose, die heute das Gewölbe der renovierten Schloss­kirche zu Wittenberg schmückt, für den Refor­mator ein Ausdruck der Freude. „Solche Rose stehet im himmel­far­benen Felde, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmli­schen Freude zukünftig“, schreibt der Mönch an den Ratsschreiber und Förderer der Refor­mation Lazarus Spengler. Für Hölle und Fegefeuer ist weder in Luthers Theologie noch in seiner Musik Platz. Luthers Sprach­kraft, seine bildhafte, bisweilen derbe Sprache trägt dazu bei, die Lieder zu verbreiten. Wortschöp­fungen wie Herzenslust, Denkzettel, Machtwort, Feuer­eifer, Gewis­sensbiss, Lücken­büßer und Lästermaul gelten als Beiträge Martin Luthers zu einer plastisch-volks­nahen deutschen Sprache.

Luthers musika­lische Wirkung geht über die „Erfindung“ des evange­li­schen Kirchen­liedes hinaus. Seine eingän­gigen, kraft­vollen Melodien und Verse haben zahlreiche Kompo­nisten zu Neube­ar­bei­tungen motiviert, allen voran Johann Sebastian Bach. Mit Luthers Kirchen­liedern beginnt eine Epoche kirchen­mu­si­ka­li­scher Kreati­vität, ohne die bis heute manches Kirchen­konzert nicht statt­finden könnte. Von den zahlreichen ideen­reichen Kompo­nisten protes­tan­ti­scher Kirchen­musik seien nur erwähnt Leonhard Lechner Athesinus, Michael Praetorius, Paul Gerhardt, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, später Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms, die in sehr unter­schied­licher Weise Luthers Ideen und Musik weiter entwi­ckelt haben. Bachs Johan­nes­passion von 1724 für vierstim­migen Chor, Gesangs­so­listen und Orchester gilt Meinrad Walter als „Meilen­stein luthe­ri­scher Kirchen­musik“. Sie alle haben an der Etablierung eigen­stän­diger „geist­licher Konzerte“ maßgeb­lichen Anteil, wobei für Bach der Ehren­titel „Fünfter Evangelist“ reser­viert ist. Mit konzer­tanten Bearbei­tungen Luther­scher Choräle und zahlreichen Neukom­po­si­tionen gelingt es diesen Musikern, eine eigen­ständige Kirchen­musik zu schaffen, die als Geist­liche Konzerte ihr kultu­relles Eigen­ge­wicht und eine anerkannte Reputation gewonnen hat. Heute sind kirchen­mu­si­ka­lische Konzerte an vielen Konzer­torten nichts Außer­ge­wöhn­liches mehr.

Refor­mation – ein Werbegag?

Am Anfang war das Wort lautet das Motto der Luther­dekade. – Foto © Luther2017

Die EKD, für die „die Musik eine Brücke zwischen Kirche und Gesell­schaft“ ist, muss heute selbst­kri­tisch feststellen, dass diese Brücke brüchig geworden ist. Im Jubilä­umsjahr ist für den Kirchen­mu­siker Konrad Klek deutlich erkennbar, dass das Singen „zumindest in Deutschland allgemein in der Krise“ steckt, ob in den Gemeinden oder den Chören. Neue Formen wie das Luther-Musical Luther. Rebell wider Willen von Radke oder das Luther-Oratorium von Dieter Falk, das mit Super­la­tiven wie einem 1600-Sänger-Chor daher­kommt und nur Platz in großen Event-Stadien findet, sind bemer­kens­werte Versuche, die aber mit der Musik­praxis in den Gemeinden wenig zu tun haben. Ob es mit neuen Kompo­si­tionen und solchen Formen des Musizierens in den protes­tan­ti­schen Gemeinden gelingt, die Krise zu überwinden, lässt sich noch nicht beurteilen. Die vom Landschafts­verband Westfalen-Lippe erstellte Wander­aus­stellung Klang der Frömmigkeit wirkt  an vielen Stellen eher dürftig.

Die EKD sieht das Jubilä­umsjahr zur Refor­mation als „Ermutigung zu anspruchs­voller, innova­tiver Kirchen­musik“ und sucht neue Impulse, auch in der Kirchen­musik. Von den zahlreichen Projekten auf Gemein­de­ebene über Sonder­pro­gramme der Landes­kirchen bis zu den Initia­tiven der Stiftung Creative Kirche im Bund gibt es zahleiche neue Impulse. Auch wenn diese Initia­tiven Zeugnis für viel kreativen Mut und neue Formen geben, sieht Klek in der (post-)modernen Stilvielfalt eine „neue Heraus­for­derung für die Musik in der Kirche“, von der man nicht weiß, ob sie das reprä­sen­tieren, was Luther mit „himmli­schen Chören“ meinte.

Über die Oster­fei­ertage hat der Luther-Hype seinen bishe­rigen Höhepunkt erreicht. Fast jede Zeitung, jede Zeitschrift, unzählige Theater­pro­gramme, selbst die Dokumen­ta­ti­ons­sendung Terra X des ZDF nutzen das Jubiläum. In gleich drei Sendungen erweist das Zweite der durchaus populären Figur Martin Luther Referenz. Ottmar Hörls farbige Luther­statue ziert inzwi­schen viele kirch­liche und weltliche Plätze und verkauft sich blendend. Dabei gerät Luthers Anliegen, die Refor­mation der katho­li­schen Kirche, häufig in den Hinter­grund. Die Zahl der ökume­ni­schen Gottes­dienste ist auf Gemein­deeben überschaubar geblieben – trotz des öffent­lich­keits­wirk­samen „Versöh­nungs­got­tes­dienstes“ von  Landes­bi­schof Heinrich Bedford-Strohm, Vorsit­zender der EKD, und Kardinal Reinhard Marx, Vorsit­zender der Deutschen Bischofs­kon­ferenz. Im gemeind­lichen Kirchen­alltag hätte Luther auch heute noch genug zu tun.

Luther ging es nicht um Verän­de­rungen in der „großen Politik“. Seine Gedanken zum Verhältnis des Christen zur Obrigkeit sind ausge­sprochen konser­vativ und stützen die bestehende feudale Staats­ordnung. Ausdrücklich spricht er der Obrigkeit das Recht zu, den Pöbel in Schranken zu halten. Dabei soll sie in ihrem „Amt und Werk nicht barmherzig, sondern streng, ernst und zornig sein.“ Das Handwerkszeug der Obrigkeit „ist nicht ein Rosen­kranz oder ein Blümlein von Liebe, sondern ein nacktes Schwert.“ Seine Stellung gegen die aufbe­geh­renden Bauern wie seine unerträg­liche Juden­schelte sind weitere Belege dafür, dass Luther mit seiner Kritik und der Refor­mation bestehender Insti­tu­tionen fast ausschließlich die katho­lische Kirche, seine Kirche meint. Diese Kritik trifft sich mit Gedanken der Aufklärung, des Indivi­dua­lismus und der begin­nenden Demokra­ti­sierung, die sich gegen­seitig befruchten und stärken. Die vorhan­denen gesell­schaft­lichen Struk­turen werden massiv erschüttert, gründlich „restau­riert“ oder hinweg­gefegt – und die zahlreichen Regeln der Kirche einschließlich der Sterbe­sa­kra­mente ungültig. In seiner dreizehnten These sichert Luther den Sterbenden zu, „… werden durch den Tod von allem frei“, eine These, der er auch 1546 für sich vertraut.

Die evange­lische Kirche in Hessen und Nassau fragt 2017 provokant „Kirche – was kann sie heute?“ und gibt mit einem Strauß von Veran­stal­tungen und Aktivi­täten „bunte Einblicke in die lebendige Vielfalt des Protes­tan­tismus heute“. Ihre vieldeutige Antwort reicht von einer Sonder­beilage zu allen Tages­zei­tungen bis zum Kunst­preis „kunst­in­i­ti­tiative 2017“. Martin Luther hätte sich wohl ungläubig die Augen gerieben angesichts dieses Erwachens „seiner“ Kirche. So erfreulich die Initia­tiven und die Kreati­vität sind, kirchen­po­li­tisch bedeutsam und theolo­gisch von Gewicht werden sie erst, wenn sie im Alltag der protes­tan­ti­schen Gemeinden ankommen.

Horst Dichanz

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