O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Am Rande des Edinburgh-Festivals entstand in den 1950-er Jahren eine alternative Theaterform, bei der freie Theatergruppen eigene Auftritte organisierten. Solch ein Fringe-Festival hat auch Intendant Frank Hoffmann vor zwölf Jahren für die Ruhrfestspiele ins Leben gerufen. Und es wurde im Laufe der Zeit immer größer und verrückter.

Wenn Hühner fliegen, Luftballons einen Hahnenkamm bekommen, Latin-Lover ihr Fett mitkriegen und Zuschauer zu Requisiten werden – dann ist Fringe-Zeit in Recklinghausen, dann fliegt den Zuschauern ein Brett um die Ohren, dann bleibt kein Auge trocken. Schon vor Beginn der Vorstellung bitten die Mitglieder der dänischen Kompanie Don Gnu die Zuschauer um Materialprüfung, wenn sie mit einem langen Brett, das eigentlich auf eine Baustelle gehört, durchs Publikum ziehen und dabei für manch hinderlich-komische Situation sorgen. Stan Laurel und Oliver Hardy alias „Dick und Doof“ lassen grüßen …
Die Bunk Puppets aus Australien zeigen, wie Schatten lebendig werden. Schaumstoff, Pappe oder Wollmäuse sind Tim Sneddon, dem Universalkünstler in seiner One-Man-Show gerade gut genug, um mit Hilfe der Zuschauer und etlichen Metern Klebeband eine schwarz-weiße Liebesgeschichte auf die Leinwand zu zaubern. Die Klebestreifen, von den Zuschauern wieder zurückgeholt, verwandeln im Nu einen Luftballon in den feurigen Hahn-Liebhaber, ein Handschuh, mit zig Resten aus Mutters Nähkiste geflickt und verziert, verwandelt sich bei richtiger Beleuchtung in die verführerische Jungfrau, deren Kommunikation lässt sich nur schattenhaft und vom unverständlichen Gebrabbel ständig begleitet erahnen. Worum es diesen beiden Geistergestalten geht, kann man nicht einmal erahnen, es ist wohl auch nicht so wichtig. Wenn dann Sneddon noch seine Schatten-Wurf-Maschine anwirft und sie mit Händen und Füßen – barfuß, versteht sich – antreibt, bleibt kein Auge trocken. Dass Sneddon im Nu den Draht zu seinem Publikum findet, das gern zum Spiel-Partner wird, versteht sich von selbst.
Haben Sie schon einmal mit einem japanischen Essstäbchen eine Klangorgel gespielt oder fünf bis sechs Tischtennisbälle in den Hosentaschen oder ihrem Mund versteckt und an anderer Stelle wieder hervorgeholt? Haben Sie schon einmal einen Geigenkasten in einem Geigenkasten in einem Geigenkasten …? Nein, warum auch. Dieser schrullige, wortlose Buckelmensch aus Kanada, Daniel Warr, genannt Dado, der in seinem Kostüm an den Glöckner von Notre Dame erinnert, hat solch abstruse, unmögliche Einfälle, dass man manches, was er zeigt, einfach nicht glauben mag. Er hat beispielsweise große Probleme, seinen Kopf hoch und senkrecht zu halten. Doch ob er sich hoch aufrichtet, den Kopf mit Pressluft hochpustet, ihn mit einem „Kopfheber“ langsam hochschraubt, ihn stützt – das alles hilft nichts, nach wenigen Minuten sackt er ihm wieder zwischen die Schultern hinunter und Dado ist so klein und mickrig wie vorher. Ob es seine zu Gummigeschossen veränderten Luftballons sind, seine mehrfach zerpflückte Puppe, seine unglaublichen Spielereien mit einem Dauerlutscher, der wie andere schon vorher auf dem Dauerlutscher-Friedhof landen oder seine wortlosen Kontakte zum Publikum, dieser stumme Mensch ist ein intensiver und einfallsreicher Kommunikator, der, kaum auf der Bühne, schon besten Kontakt zu seinem Publikum hat, es unterhält und mitspielen lässt.
Die Formen sind frei, Hauptsache anders
Stangen eines stilisierten Waldes, in künstliches Licht getaucht, ein leise summender Ton, dann ein Mann, ein Tänzer mit athletischer Figur, der sich langsam nach dem Gesang zu bewegen beginnt – ein Beat setzt ein und wird stärker. Nach einiger Zeit tritt eine zarte Frauengestalt hinzu, beide Tänzer in unterschiedlicher Hautfarbe. Nono Battesti, Tänzer aus Haiti, und die Tänzerin Juliette Cormant, von zarter Figur, beginnen eine Tanzaufführung von großer Intensität und Emotionalität. In ihren Bewegungen und Tanzabläufen ist erkennbar, dass sie aus unterschiedlichen Tanzkulturen kommen. Battesti mit weiten, kraftvollen Sprüngen und Bewegungen, tanzt athletisch und wuchtig, Colmants Bewegungen sind weniger kraftvoll, zarter, intensiver. Und doch harmonieren ihre Körper beim Tanz überraschend gut und zeigen die Zuneigung zueinander, die ihr Thema ist. Wenn dann Dyna B´ ihren Platz aus dem Stangenwald verlässt und tanzend dazu kommt, sieht der Zuschauer eine dritte, eher weniger trainierte, aber kräftig und groß auftretende Frau bei Beat oder karibischer Musik. Quentin Halloys an Schlagzeug und Gitarre garantiert mit elektrisch verstärktem Schlagwerk einen gefühlvollen Beat, der mal mit leise gezupften Gitarrentönen auskommt, dann mit wuchtigen Bässen den Boden vibrieren lässt. Hierzu liefert Dyna B´ mit wunderschön tiefer Stimme einen passend rauen Gesang, der besonders gut zu den karibischen Klängen passt. Mal zu freiem Rhythmus, mal einem harten Beat folgend, präsentieren die drei Tänzer freie Tanzimprovisationen, die sich dem Thema aller Themen, der Liebe zwischen Mann und Frau widmen, athletisch, rhythmisch betont und manchmal ein wenig sentimental.
Die dänische Akrobatik-Kompanie Don Gnu wirkt mit ihrem gut vier Meter langen Brett wie ein Bauarbeitertrupp auf dem Weg zur Arbeit. Doch der Teufel steckt – im Brett, das nie, von zwei Männern getragen, dorthin will, wo es hin soll: Die Slapsticks dieser Nummer sind kaum beschreibbar, häufig genug haben die Zuschauer der ersten Reihe Sorge um ihre Köpfe. Auch die Gymnastik mit drei großen, gelben Trainingsbällen folgt nicht den Regeln des Landesturnbundes, sondern den schrulligen, ungeschickten Ideen und Aktionen der drei „Bauarbeiter“. Trotz fetziger Musik und mancher eindeutigen Anspielung bleiben die Eindrücke der „feurigen“ Mexikaner eher blass.
Mit diesen vier Schlaglichtern ist weder die Programmbreite von Fringe umrissen noch die Vielfalt der insgesamt 25 Produktionen und über 120 Aufführungen angedeutet, mit denen das Fringe-Festival in diesem Jahr seine Besucher überrascht. Die Idee des Festspielleiters Frank Hoffmann, das klassische Programm der Ruhrfestspiele um ein Randprogramm zu ergänzen, hat sich mehr als bewährt. In zwölf Jahren wurde das Programm ständig erweitert, anspruchsvoller und ist inzwischen ebenso international wie die Festspiele selbst. „Ob Akrobatik, Clownerie, Physical Theatre, Schattentheater oder Musik von Swing bis Folk’n’Roll – der Fringe-Kunst sind keine Grenzen gesetzt“.
Der Rand wächst
Fringe hat längst das Theater und das Fringe-Zelt verlassen und platziert seine schrägen Aufführungen an ebenso schrägen Aufführungsorten wie einer Sparkassen-Vorhalle, einem Friseursalon, einem Kneipenzimmer und – geschichtsbewusst – der Geschäftsstelle der Industriegewerkschaft BCE. Während im Hauptprogramm eine Kabarettschiene für ein leichtes Gegengewicht sorgt, finden bei Fringe solche Angebote ihren Platz auf der Bühne, die mehr ins Zirzensische, Akrobatische oder Clowneske gehen. Hier wird nicht nach Genres sortiert, Schauspieler und Zuschauer fürchten keine Sprachbarrieren, Altersgrenzen sind gründlich verwischt. In Aufführungen für die ganze Familie, Schülergruppen oder Liebhaberangebote für besondere Interessen werden neue Besuchergruppen angesprochen und erreicht.
Im zwölften Jahr nach seiner Gründung hat das Off-Theaterfestival sein wachsendes Publikum gefunden und ist mit fast 14 000 Besuchern fester Bestandteil der Ruhrfestspiele geworden. Eingeweihte Festspielbesucher schätzen den Kontrast zwischen den Aufführungen des klassischen Theaters im Hauptprogramm und den häufig grenznahen, neuen, umwerfenden und neugierig machenden Präsentationen des Fringe-Festivals, des „besten Off-Theaters“, das im wörtlichen Sinne keine Grenzen kennt. Fringe-Fans wissen, dass sich hier „die neuesten Entwicklungen der Theaterlandschaft in all ihrer Vielfalt“ spiegeln.
Horst Dichanz