O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Der Gummi-Handschuhdudelsack

Am Rande des Edinburgh-Festivals entstand in den 1950-er Jahren eine alter­native Theaterform, bei der freie Theater­gruppen eigene Auftritte organi­sierten. Solch ein Fringe-Festival hat auch Intendant Frank Hoffmann vor zwölf Jahren für die Ruhrfest­spiele ins Leben gerufen. Und es wurde im Laufe der Zeit immer größer und verrückter.

Foto © O‑Ton

Wenn Hühner fliegen, Luftballons einen Hahnenkamm bekommen, Latin-Lover ihr Fett mitkriegen und Zuschauer zu Requi­siten werden – dann ist Fringe-Zeit in Reckling­hausen, dann fliegt den Zuschauern ein Brett um die Ohren, dann bleibt kein Auge trocken. Schon vor Beginn der Vorstellung bitten die Mitglieder der dänischen Kompanie Don Gnu die Zuschauer um Materi­al­prüfung, wenn sie mit einem langen Brett, das eigentlich auf eine Baustelle gehört, durchs Publikum ziehen und dabei für manch hinderlich-komische Situation sorgen. Stan Laurel und Oliver Hardy alias „Dick und Doof“ lassen grüßen …

Die Bunk Puppets aus Australien zeigen, wie Schatten lebendig werden. Schaum­stoff, Pappe oder Wollmäuse sind Tim Sneddon, dem Univer­sal­künstler in seiner One-Man-Show gerade gut genug, um mit Hilfe der Zuschauer und etlichen Metern Klebeband eine schwarz-weiße Liebes­ge­schichte auf die Leinwand zu zaubern. Die Klebe­streifen, von den Zuschauern wieder zurück­geholt, verwandeln im Nu einen Luftballon in den feurigen Hahn-Liebhaber, ein Handschuh, mit zig Resten aus Mutters Nähkiste geflickt und verziert, verwandelt sich bei richtiger Beleuchtung in die verfüh­re­rische Jungfrau, deren Kommu­ni­kation lässt sich nur schat­tenhaft und vom unver­ständ­lichen Gebrabbel ständig begleitet erahnen. Worum es diesen beiden Geister­ge­stalten geht, kann man nicht einmal erahnen, es ist wohl auch nicht so wichtig. Wenn dann Sneddon noch seine Schatten-Wurf-Maschine anwirft und sie mit Händen und Füßen – barfuß, versteht sich – antreibt, bleibt kein Auge trocken. Dass Sneddon im Nu den Draht zu seinem Publikum findet, das gern zum Spiel-Partner wird, versteht sich von selbst.

Haben Sie schon einmal mit einem japani­schen Essstäbchen eine Klang­orgel gespielt oder fünf bis sechs Tisch­ten­nis­bälle in den Hosen­ta­schen oder ihrem Mund versteckt und an anderer Stelle wieder hervor­geholt? Haben Sie schon einmal einen Geigen­kasten in einem Geigen­kasten in einem Geigen­kasten …? Nein, warum auch. Dieser schrullige, wortlose Buckel­mensch aus Kanada, Daniel Warr, genannt Dado, der in seinem Kostüm an den Glöckner von Notre Dame erinnert, hat solch abstruse, unmög­liche Einfälle, dass man manches, was er zeigt, einfach nicht glauben mag. Er hat beispiels­weise große Probleme, seinen Kopf hoch und senkrecht zu halten. Doch ob er sich hoch aufrichtet, den Kopf mit Pressluft hochpustet, ihn mit einem „Kopfheber“ langsam hochschraubt, ihn stützt – das alles hilft nichts, nach wenigen Minuten sackt er ihm wieder zwischen die Schultern hinunter und Dado ist so klein und mickrig wie vorher. Ob es seine zu Gummi­ge­schossen verän­derten Luftballons sind, seine mehrfach zerpflückte Puppe, seine unglaub­lichen Spiele­reien mit einem Dauer­lut­scher, der wie andere schon vorher auf dem Dauer­lut­scher-Friedhof landen oder seine wortlosen Kontakte zum Publikum, dieser stumme Mensch ist ein inten­siver und einfalls­reicher Kommu­ni­kator, der, kaum auf der Bühne, schon besten Kontakt zu seinem Publikum hat, es unterhält und mitspielen lässt.

Die Formen sind frei, Haupt­sache anders


Stangen eines stili­sierten Waldes, in künst­liches Licht getaucht, ein leise summender Ton,  dann ein Mann, ein Tänzer mit athle­ti­scher Figur, der sich langsam nach dem Gesang zu bewegen beginnt – ein Beat setzt ein und wird stärker. Nach einiger Zeit tritt eine zarte Frauen­ge­stalt hinzu, beide Tänzer in unter­schied­licher Hautfarbe. Nono Battesti, Tänzer aus Haiti, und die Tänzerin Juliette Cormant, von zarter Figur, beginnen eine Tanzauf­führung von großer Inten­sität und Emotio­na­lität. In ihren Bewegungen und Tanzab­läufen ist erkennbar, dass sie aus unter­schied­lichen Tanzkul­turen kommen. Battesti mit weiten, kraft­vollen Sprüngen und Bewegungen, tanzt athle­tisch und wuchtig, Colmants Bewegungen sind weniger kraftvoll, zarter, inten­siver. Und doch harmo­nieren ihre Körper beim Tanz überra­schend gut und zeigen die Zuneigung zuein­ander, die ihr Thema ist. Wenn dann Dyna B´ ihren Platz aus dem Stangenwald verlässt und tanzend dazu kommt, sieht der Zuschauer eine dritte, eher weniger trainierte, aber kräftig und groß auftre­tende Frau bei Beat oder karibi­scher Musik. Quentin Halloys an Schlagzeug und Gitarre garan­tiert mit elektrisch verstärktem Schlagwerk einen gefühl­vollen Beat, der mal mit leise gezupften Gitar­ren­tönen auskommt, dann mit wuchtigen Bässen den Boden vibrieren lässt. Hierzu liefert Dyna B´ mit wunder­schön tiefer Stimme einen passend rauen Gesang, der besonders gut zu den karibi­schen Klängen passt. Mal zu freiem Rhythmus, mal einem harten Beat folgend, präsen­tieren die drei Tänzer freie Tanzim­pro­vi­sa­tionen, die sich dem Thema aller Themen, der Liebe zwischen Mann und Frau widmen, athle­tisch, rhyth­misch betont und manchmal ein wenig sentimental.

Die dänische Akrobatik-Kompanie Don Gnu wirkt mit ihrem gut vier Meter langen Brett wie ein Bauar­bei­ter­trupp auf dem Weg zur Arbeit. Doch der Teufel steckt – im Brett, das nie, von zwei Männern getragen, dorthin will, wo es hin soll: Die Slapsticks dieser Nummer sind kaum beschreibbar, häufig genug haben die Zuschauer der ersten Reihe Sorge um ihre Köpfe. Auch die Gymnastik mit drei großen, gelben Trainings­bällen folgt nicht den Regeln des Landes­turn­bundes, sondern den schrul­ligen, ungeschickten Ideen und Aktionen der drei „Bauar­beiter“. Trotz fetziger Musik und mancher eindeu­tigen Anspielung bleiben die Eindrücke der „feurigen“ Mexikaner eher blass.

Mit diesen vier Schlag­lichtern ist weder die Programm­breite von Fringe umrissen noch die Vielfalt der insgesamt 25 Produk­tionen und über 120 Auffüh­rungen angedeutet, mit denen das Fringe-Festival in diesem Jahr seine Besucher überrascht. Die Idee des Festspiel­leiters Frank Hoffmann, das klassische Programm der Ruhrfest­spiele um ein Randpro­gramm zu ergänzen, hat sich mehr als bewährt. In zwölf Jahren wurde das Programm ständig erweitert, anspruchs­voller und ist inzwi­schen ebenso inter­na­tional wie die Festspiele selbst. „Ob Akrobatik, Clownerie, Physical Theatre, Schat­ten­theater oder Musik von Swing bis Folk’n’Roll – der Fringe-Kunst sind keine Grenzen gesetzt“.

Der Rand wächst

Fringe hat längst das Theater und das Fringe-Zelt verlassen und platziert seine schrägen Auffüh­rungen an ebenso schrägen Auffüh­rungs­orten wie einer Sparkassen-Vorhalle, einem Friseur­salon, einem Kneipen­zimmer und – geschichts­be­wusst – der Geschäfts­stelle der Indus­trie­ge­werk­schaft BCE. Während im Haupt­pro­gramm eine Kabarett­schiene für ein leichtes Gegen­ge­wicht sorgt, finden bei Fringe solche Angebote ihren Platz auf der Bühne, die mehr ins Zirzen­sische, Akroba­tische oder Clowneske gehen. Hier wird nicht nach Genres sortiert, Schau­spieler und Zuschauer fürchten keine Sprach­bar­rieren, Alters­grenzen sind gründlich verwischt. In Auffüh­rungen für die ganze Familie, Schüler­gruppen oder Liebha­ber­an­gebote für besondere Inter­essen werden neue Besucher­gruppen angesprochen und erreicht.

Im zwölften Jahr nach seiner Gründung hat das Off-Theater­fes­tival sein wachsendes Publikum gefunden und ist mit fast 14 000 Besuchern fester Bestandteil der Ruhrfest­spiele geworden. Einge­weihte Festspiel­be­sucher schätzen den Kontrast zwischen den Auffüh­rungen des klassi­schen Theaters im Haupt­pro­gramm und den häufig grenz­nahen, neuen, umwer­fenden und neugierig machenden Präsen­ta­tionen des Fringe-Festivals, des „besten Off-Theaters“, das im wörtlichen Sinne keine Grenzen kennt. Fringe-Fans wissen, dass sich hier „die neuesten Entwick­lungen der Theater­land­schaft in all ihrer Vielfalt“ spiegeln.

Horst Dichanz

Teilen Sie sich mit: