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Zum siebten Mal lädt die Staatsoper im Schiller Theater unter dem Namen Infektion! zu einem Festival für zeitgenössisches Musiktheater ein. Für zwei Wochen gibt die Moderne den Ton an, mit je einer Premiere im großen Haus und in der Werkstatt, mit Kammermusik, einem Jugendprojekt und einem Kabarettabend als Kontrastprogramm im Café Keese.

Eröffnet wird in der Werkstatt mit Aribert Reimanns Vertonung von August Strindbergs Die Gespenstersonate, die 1984 bei den Berliner Festwochen uraufgeführt wurde. Sie blickt hinter die Fassade einer angeblich gutbürgerlichen Gesellschaft, die sich tatsächlich aber in einem Kokon von erfundenen Lebensgeschichten eingerichtet hat, um ihre schuldbeladene Vergangenheit zu verdrängen. An einem langen Esstisch, dem einzigen Möbelstück in Stephan von Wedels ansonsten minimalistischer Ausstattung, sitzen sie zusammen, eine Gruppe seelisch Verkrüppelter, in die der Student Arkenholz reingezogen wird.
Der Regisseur Otto Katzameier, bisher eher als aufgeschlossener Sänger gegenwärtiger Musik bekannt, arbeitet mit viel körperlichem Einsatz, doch gelingt es ihm nicht, das komplizierte Beziehungsgeflecht der Personen zu verdeutlichen. Daran ändern auch die übergroßen Videoeinblendungen der handelnden Figuren nichts, die wohl zusammen mit grellen, etwas plakativen Beleuchtungseffekten eine gruselige Stimmung erzeugen sollen. Alle Rollen sind mit begabten Nachwuchskräften, teils aus dem Opernstudio, besetzt. Matthew Peña als Student kommt mit den extremen Höhen beachtlich sicher zurecht. David Oštrek prunkt mit einem erzenen Bassbariton, ist aber für die Rolle des alten Direktor Hummel zu jung. Genauso wie Alexandra Ionis als Mumie, die selbstbewusst gegen die Erinnerung an die bei der Uraufführung 72-jährige Martha Mödl ansingt. Auf der Empore waltet Michael Wendeberg mit den bestens disponierten Musikern der Staatskapelle souverän über Reimanns irreal-suggestive Klangwelt.
Als Glücksfall stellt sich die Übernahme von Andrea Breths Stuttgarter Inszenierung von Wolfgang Rihms Jakob Lenz heraus. Diese Kammeroper, ursprünglich für kleine Besetzung konzipiert und fast ein Repertoirestück für Nebenspielstätten geworden, funktioniert auch auf einer großen Bühne. Dabei macht die Intensität, mit der Franck Ollu Rihms vielschichtige Partitur musizieren lässt, von Beginn an vergessen, dass nur dreizehn Instrumentalisten im Orchestergraben sitzen. Die von Martin Zehetgruber entworfenen hohen und düsteren Räume können Außen‑, Innen- oder auch Seelenräume sein, die sich blitzschnell verwandeln – die Techniker bekommen deshalb am Ende einen Extraapplaus. Steinbrocken als Metapher für die bedrohliche Natur, Spiegelwände, die Unsicherheit erzeugen, eine Dichterbüste als mögliche Anspielung an Goethe: jedes Ausstattungsdetail nimmt Bezug auf die im Stück verankerten biographischen Episoden von Jakob Lenz, jenem Sturm-und-Drang-Schriftsteller, der durch eine schizophrene Erkrankung am Leben zerbrach. Dieser Lenz ist Georg Nigl. Was der Bariton an vokalen und darstellerischen Facetten aus der Titelrolle herausholt, genauer, wie er den Lenz verinnerlicht und zu einer beklemmenden, nie übertreibenden Charakterstudie formt, ist schlichtweg überwältigend. Dass sich neben ihm Henry Waddington als Pfarrer Oberlin und John Graham-Hall als Freund Kaufmann behaupten können, spricht für die beiden Sänger und die ausgefeilte Regie von Andrea Breth.
Wie ein Fremdkörper zwischen den kompositorischen Schwergewichten nimmt sich die Revue Eine kleine Sehnsucht aus, und mit zeitgenössischem Musiktheater hat sie eigentlich nichts zu tun. Spielstätte ist das der Staatsoper benachbarte Café Keese, jener legendäre Tanzschuppen mit Tischtelefon, wo sich bis heute Paarungswillige bei Foxtrott, Walzer oder Diskomusik finden können und die Herrenwahl zum Konzept gehört. Eine kleine Sehnsucht, dieser Song von Friedrich Hollaender, drückt aus, worum es geht. Um die Suche nach dem kleinen Glück, was immer auch die große Liebe ist. In einer gut neunzigminütigen Collage aus Texten und Unterhaltungsmusik der 20-er bis 40-er Jahre, die Kai Tietje, dirigierender Pianist und Arrangeur in Personalunion, zusammengestellt hat, versucht Regisseurin Beate Baron eine inhaltliche Verbindung zwischen den Nummern herzustellen. Doch einen roten Faden auszumachen, fällt schwer. So bleibt es bei einer Aneinanderreihung von Gesangstiteln, unterbrochen von einigen Tangoeinlagen eines Profipaars. Dabei beglaubigt Daniela Ziegler einmal mehr ihre Diseusen-Qualitäten. Katharina Kammerloher liegen die klassischen de-Falla-Lieder besser als Kollos Nachts ging das Telefon, während Adriane Queiroz ihre Titel mit südamerikanischem Temperament serviert.
Infektion! 2017 ist gleichzeitig der Abschied der Staatsoper vom Charlottenburger Ausweichquartier. Nach sieben Jahren im Schillertheater steht nun der Umzug ins renovierte Stammhaus Unter den Linden unmittelbar bevor.
Karin Coper