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Musizieren im Freundeskreis: Das ist bis heute das Leitmotiv des Gstaad Menuhin Festivals, das alljährlich im sommerlichen Berner Oberland veranstaltet wird. Hier treffen sich Musiker von Weltrang, um das ständig wachsende Publikum zu begeistern und den Nachwuchs zu schulen.

Die Musik spricht für sich allein. Vorausgesetzt, wir geben ihr eine Chance.“ Auch und vielleicht auch gerade die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die Yehudi Menuhin erleben musste, konnten den Glauben des großen Musikers und Humanisten an die positiven Kräfte der Musik nicht erschüttern. Musik als Grundlage für die Entwicklung starker, ausgeglichener Persönlichkeiten, mit denen sich gewiss nicht alle, doch manche Katastrophen vermeiden lassen, an dieser Botschaft hielt er auch fest, als er 1946 als wohl erster jüdischer Musiker in Berlin dem zerstörten und völlig demoralisierten Deutschland seine versöhnliche Hand anbot. Auch wenn er sich damit nicht in allen Kreisen Freunde verschaffte und, ähnlich wie Daniel Barenboim heute, die Politik des 1948 neu gegründeten Staates Israel mit ihrer Ausgrenzung der Palästinenser kritisch kommentierte. Und zwar heftig.
Wenn man der Musik eine Chance geben möchte, dann gilt es als, die jungen Menschen zu erreichen. Je jünger, umso besser. In seinen vorbildlichen Music Schools, die er in London und anderswo gründete und unterstützte, stand für ihn nie der Musiker im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Dass sich auch mit dieser Einstellung, die nicht in der Ansammlung von Wettbewerbspreisen ihre Erfüllung sieht, Spitzentalente entfalten konnten, ist kein Widerspruch. Erst recht nicht, dass sich ausgerechnet der bekannteste Schüler des Londoner Instituts, der Geiger Nigel Kennedy, dem Mainstream des Konzertbetriebs nie stromlinienförmig angepasst hat.
Dass die Schweiz vor und nach dem Krieg viele berühmte Künstler angezogen hat, liegt nicht nur an der außergewöhnlichen Schönheit und der hohen Lebensqualität des kleinen Landes, sondern auch an der schlichten Tatsache, dass sich hier etliche Emigranten versammelten. Und es war die Schweiz, in der Yehudi Menuhin für ihn und die Musikwelt wichtigen Persönlichkeiten wie Antal Dorati, Béla Bartók und Adolf Busch begegnete. Natürlich auch dem großen Mäzen Paul Sacher.
Das geschah in Basel, aber auch in Gstaad, einem etwa 1000 Meter hoch gelegenen Ort im Berner Oberland, in dem Menuhin nach einem Gastauftritt der Bitte des Kurdirektors entgegenkam, den Sommer mit einigen Konzerten zu bereichern. 1957 wurde zum Geburtsjahr des „Gstaad Menuhin Festivals“, auch wenn damals von einem aufwändigen Festival noch nicht die Rede sein konnte. Man begann mit einigen Konzerten an drei Tagen bescheiden, aber mit Koryphäen wie Benjamin Britten am Klavier und Cembalo, den Tenor Peter Pears und den Cellisten Maurice Gendron. Austragungsort war die bereits 1228 urkundlich bezeugte Dorfkirche von Saanen in der Nachbarschaft Gstaads, eine spätgotische, 1604 reformierte Kapelle mit wunderschönen Holzmalereien und einem holzverkleideten Innenraum, der eine fantastische Akustik bietet, so dass selbst Aufführungen großer Chorwerke, wie etwa in diesem Jahr Händels Messias, eine klangliche Transparenz und Natürlichkeit entfalten können, von denen mancher hochspezialisierte Konzertsaal nur träumen kann.
Auf Wachstumskurs
Schnell erweiterte sich der Konzertreigen zum Festival. Bereits 1958 wurde das von Edmond de Stoutz geleitete Zürcher Kammerorchester zum Festivalorchester erklärt. 1989 fanden auch erstmals im Rahmen des mittlerweile mehrwöchig angelegten Festes große Sinfoniekonzerte statt. 1996 übergab Menuhin die Leitung in die Hände des Geigers Gidon Kremer, was zu krisengeschüttelten Phasen führte, die erst 2002 durch die Ernennung des Cellisten und Kulturmanagers Christoph Müller zum Festivalleiter in ruhigere Bahnen gelenkt werden konnten.
Dazu gehört eine Verstärkung der Talentförderung. In diesem Jahr zum fünften Mal auch auf dem Gebiet der Laien- und Amateurmusik. Für die Akademie konnte Müller namhafte Künstler wie András Schiff oder Cecilia Bartoli gewinnen und das Fächerangebot über das Klavier hinaus erweitern. Seit 2010 verfügt das Festival über ein eigenes Orchester.
Natürlich konnte sich auch Müller, der bis heute die Geschicke des Festivals leitet, den Zwängen und Wandlungen des modernen Musikbetriebes nicht entziehen. Ein Treffen von Freunden in einer überschaubaren Dorfgemeinschaft, das war das Festival auch zu Menuhins Lebzeiten nur in der Anfangsphase. Mittlerweile geben sich innerhalb von sechs Wochen, vor allem in der zweiten Hälfte des Festivals, medienwirksame Stars wie die Cellistin Sol Gabetta, die Geigerin Anne-Sophie Mutter oder der Tenor Jonas Kaufmann die Klinke in die Hand, wodurch sich die Grenzen zu anderen VIP-durchsetzten Festspielen auflösen.
Umso wichtiger bleiben die Konzerte in der Mauritius-Kirche von Saanen, der kleinen Kapelle von Gstaad oder auch an der 2000 Meter hoch gelegenen Berghütte Wispile. Spielorte, an denen sich die Wege von Stars, die, wie András Schiff oder Paul McCreesh, meist gar keine sein wollen, und der musikalische Nachwuchs begegnen, der Menuhin so stark ans Herz gewachsen war.
Nachdenkliches zum Ausbildungsbetrieb
Der Pianist András Schiff leitet seit drei Jahren die Klavierklasse der 1977 von Menuhin in Gstaad ins Leben gerufenen „International Menuhin Festival Academy“, in der jedes Jahr herausragende Jungtalente in Form von mehrtägigen Meisterkursen gefördert werden. Das betrifft Pianisten, Streicher, Sänger, Kammermusikensembles und neuerdings auch Dirigenten. Gestartet wurde in diesem Jahr mit den „Schülern“ von András Schiff, die sich gleich am zweiten Festivaltag in einem denkwürdigen Konzert in der Kirche zu Saanen einen Eindruck von Schiffs Musikverständnis bilden konnten. Kaum vorstellbar, dass nur ein Jahr zuvor ein Medienclown wie Lang Lang im gleichen Rahmen einen Meisterkurs abhielt. Schiffs eigener Auftritt wirkt wie eine stille, aber kompromisslose Absage an den lauten, auf Tempo und vordergründige Brillanz ausgerichteten Konzert‑, Wettbewerbs- und Medien-Zirkus, in dem sich junge Klavier-Talente heute bewähren müssen. Im ersten Teil des Konzerts konzentriert er sich ausschließlich auf die zweistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach und eine Auswahl aus Béla Bartóks Album Für Kinder. Unspektakulärer geht es nicht. Aber auch kaum musikalischer. Der 50-minütige, pausenlose Vortrag der Stücke für Anfänger und „Anfänger mit Vorkenntnissen“ gerät zu einem eindrucksvollen Plädoyer für das Essentielle der Musik: Die Besinnung auf elementare Grundlagen wie den reflektierten Umgang mit der Tonbildung und einer durchdachten und sensibel erfühlten Phrasierung. Jeder Ton wird kontrolliert geformt, jeder melodische Verlauf erhält seine sinnvolle Kontur. Schiff singt auf dem Klavier, er klimpert nicht, und er stemmt erst recht keine akrobatischen Schwergewichte. Auch nicht im zweiten, spieltechnisch wesentlich anspruchsvolleren Programmteil, wenn Herausforderungen wie Leoš Janáčeks Zyklus Auf verwachsenen Pfaden und Robert Schumanns Davidsbündlertänze angesagt sind. Auch hier nutzt Schiff seine manuelle Perfektion nicht zu eitler Selbstdarstellung, sondern interpretiert die Werke mit der gleichen Sorgfalt und Zurückhaltung wie die Kinderstücke.
Es ist keine Frage, dass mancher junge Pianist in einer Zeit, in der schon Zwölfjährige Liszts Sonate auf Wettbewerben präsentieren, einige Zeit braucht, um sich auf einen Musiker wie András Schiff einzustellen, der einer anderen, künstlerisch keinesfalls schlechteren und alles andere als altmodischen Zeit zu entstammen scheint. Das wird deutlich, wenn Schiff einem jungen Mann, der schon etliche internationale Wettbewerbserfolge verbuchen kann, mit unendlicher Geduld davon zu überzeugen versucht, dass es sich bei Chopins Barcarolle, einem gestalterisch ohnehin schwer zu fassenden Werk, um ein von innerer Ruhe und verhaltener emotionaler Glut geprägtes Liebesduett handelt, das keine Verspanntheiten verträgt. Ein nicht untypisches Beispiel für viele fortgeschrittene Studenten, aber auch etliche Absolventen, die von einem äußeren und inneren Erfolgsdruck getrieben werden und sich damit ihrer persönlichen Entfaltung und einem unverkrampften Umgang mit der Musik in den Weg stellen. Es scheint, als habe mehr der Psychologe Schiff gesprochen als der Pianist. Und Psychologen wären an unseren Musikhochschulen generell nicht überflüssig.
Das kann man auch an einem Matinee-Konzert in der ebenso winzigen wie malerischen Kapelle von Gstaad ablesen, in dem sich der erste Preisträger des letztjährigen Violinwettbewerbs im Rahmen der „Menuhin Violin Competitions“ mit zwei Sonaten von Mozart und Brahms vorstellt. Ziyu He verfügt über ein beachtliches Talent, lässt sich aber von seinem manuell versierten, wenig einfühlsamen Begleiter Peter Wittenberg so stark unter Druck setzen, dass ein einverständlicher Dialog, wie ihn die Werke erfordern, nicht zustande kommen will. Ein Beleg, dass die „soziale Kompetenz“, zu der Musik nach Menuhins Ansicht beitragen soll, in der Ausbildung nicht unbedingt die erste Geige spielt.
Menuhins ganzheitliche Vorstellungen von der Musik als Basis für eine Art „sozialer Hygiene“ umzusetzen, ist heute nicht leichter geworden. Im Konzertalltag wirken sie mittlerweile wie kluge Sprüche. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist dennoch verdienstvoll, wenn sich Leute wie Rolf P. Steiger, der Leiter des kleinen, aber informativen und liebevoll gepflegten Museums im Yehudi-Menuhin-Center inmitten des Saanener Zentralplatzes, unbeirrt darum bemühen, das Andenken an den 1999 verstorbenen Mentor und dessen Botschaften aufrechtzuerhalten. Und auch der Yehudi-Menuhin-Philosophenweg hat nach wie vor seine Berechtigung. Ein Wanderweg von Saanen nach Gstaad, auf dem an zwölf Säulen denkwürdige Worte Menuhins verewigt sind. „Suchen und den Weg zu gehen sind wichtiger, als ans Ziel zu finden“, steht da zum Beispiel. Kein neuer Gedanke zwar, den der Yoga-orientierte Menuhin in konfuzianischer Tradition aufgreift, aber ein Rat, den man auch im noch so hektischen Karrierestress nicht aus dem Sinn verlieren sollte.
Kammermusik als Herzstück
Aus der Perspektive eines auswärtigen Gastes lässt sich feststellen: Die Kammermusik sollte das Herzstück des Menuhin Festivals mit ihren vorzüglichen Spielstätten bleiben, auch wenn natürlich spektakuläre Orchesterkonzerte oder konzertante Opernaufführungen wie eine Aida mit Jonas Kaufmann für größere Schlagzeilen sorgen und die Besucherstatistik aufpeppen können. Erstaunlich, dass trotz der enormen Ausdehnung des Festivals der größte Besucherstrom nach wie vor aus der Region kommt, darunter viele treue Stammgäste. Ausländische Besucher befinden sich nach Mitteilung der Marketing-Chefin Christine von Siebenthal in der Minderheit. Gut 85 Prozent der Karten verbleiben in der Region. Da die Schweiz ein relativ teures Pflaster ist, ist eine kurzfristige Änderung nicht zu erwarten. Eine zu starke internationale Ausweitung könnte freilich auch das immer noch originäre Ambiente des Festivals nivellieren.
Und das lässt sich auch in größer besetzten Events bewahren, wenn etwa die Kirche von Saanen Schauplatz einer Modell-Interpretation von Georg Friedrich Händels Oratorium Der Messias sein darf. Barock-Kenner Paul McCreesh leitet am dritten Abend das Kammerorchester Basel, den Tölzer Knabenchor und ein erlesenes englisches Solistenquartett straff und lebendig durch das gewaltige Opus, so dass pure Freude angesagt ist. Und das in einem, wie gesagt, traumhaften akustischen und optischen Umfeld.
Keine noch so glanzvolle Aida-Aufführung mit „Star“-Potenzial im geräumigen Festspiel-Zelt kann es jedoch mit Produktionen aufnehmen, in denen Menuhins Hoffnung auf die junge Generation so lebensbejahend aufkeimen wie etwa dem Gastauftritt eines Streicher-Ensembles aus der Londoner Menuhin School. Hoch auf dem Gipfel der Berghütte Wispile, 1000 Meter über Gstaad, stellen sich hochbegabte, blutjunge Streicher aus London, Boston, New York und ein Bratscher aus Berlin mit einem blitzblank einstudierten Programm voller Lebensfreude auf deutlich mehr als respektablem Niveau vor. Malcolm Singer stellt ein kurzweiliges, aber musikalisch anspruchsvolles Programm zusammen, das auch Überraschungen enthält wie eine von ihm selbst arrangierte Suite from the Shtetl, bestehend aus diversen jüdischen Songs, die dankbare Aufgaben für alle Leistungsklassen enthält. Junge Menschen musizieren gemeinsam in der malerischen Berner Gebirgslandschaft. Das kann kein anderes Festival bieten. Und das auch noch bei freiem Eintritt.
Pedro Obiera