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Foto © O-Ton

Musik als Investition in die Zukunft

Musizieren im Freun­des­kreis: Das ist bis heute das Leitmotiv des Gstaad Menuhin Festivals, das alljährlich im sommer­lichen Berner Oberland veran­staltet wird. Hier treffen sich Musiker von Weltrang, um das ständig wachsende Publikum zu begeistern und den Nachwuchs zu schulen. 

Foto © Stephan Roux

Die Musik spricht für sich allein. Voraus­ge­setzt, wir geben ihr eine Chance.“ Auch und vielleicht auch gerade die Katastrophen des 20. Jahrhun­derts, die Yehudi Menuhin erleben musste, konnten den Glauben des großen Musikers und Humanisten an die positiven Kräfte der Musik nicht erschüttern. Musik als Grundlage für die Entwicklung starker, ausge­gli­chener Persön­lich­keiten, mit denen sich gewiss nicht alle, doch manche Katastrophen vermeiden lassen, an dieser Botschaft hielt er auch fest, als er 1946 als wohl erster jüdischer Musiker in Berlin dem zerstörten und völlig demora­li­sierten Deutschland seine versöhn­liche Hand anbot. Auch wenn er sich damit nicht in allen Kreisen Freunde verschaffte und, ähnlich wie Daniel Barenboim heute, die Politik des 1948 neu gegrün­deten Staates Israel mit ihrer Ausgrenzung der Paläs­ti­nenser kritisch kommen­tierte. Und zwar heftig.

Wenn man der Musik eine Chance geben möchte, dann gilt es als, die jungen Menschen zu erreichen. Je jünger, umso besser. In seinen vorbild­lichen Music Schools, die er in London und anderswo gründete und unter­stützte, stand für ihn nie der Musiker im Mittel­punkt, sondern der Mensch. Dass sich auch mit dieser Einstellung, die nicht in der Ansammlung von Wettbe­werbs­preisen ihre Erfüllung sieht, Spitzen­ta­lente entfalten konnten, ist kein Wider­spruch. Erst recht nicht, dass sich ausge­rechnet der bekann­teste Schüler des Londoner Instituts, der Geiger Nigel Kennedy, dem Mainstream des Konzert­be­triebs nie strom­li­ni­en­förmig angepasst hat.

Dass die Schweiz vor und nach dem Krieg viele berühmte Künstler angezogen hat, liegt nicht nur an der außer­ge­wöhn­lichen Schönheit und der hohen Lebens­qua­lität des kleinen Landes, sondern auch an der schlichten Tatsache, dass sich hier etliche Emigranten versam­melten. Und es war die Schweiz, in der Yehudi Menuhin für ihn und die Musikwelt wichtigen Persön­lich­keiten wie Antal Dorati, Béla Bartók und Adolf Busch begegnete. Natürlich auch dem großen Mäzen Paul Sacher.

Das geschah in Basel, aber auch in Gstaad, einem etwa 1000 Meter hoch gelegenen Ort im Berner Oberland, in dem Menuhin nach einem Gastauf­tritt der Bitte des Kurdi­rektors entge­genkam, den Sommer mit einigen Konzerten zu berei­chern. 1957 wurde zum Geburtsjahr des „Gstaad Menuhin Festivals“, auch wenn damals von einem aufwän­digen Festival noch nicht die Rede sein konnte. Man begann mit einigen Konzerten an drei Tagen bescheiden, aber mit Koryphäen wie Benjamin Britten am Klavier und Cembalo, den Tenor Peter Pears und den Cellisten Maurice Gendron. Austra­gungsort war die bereits 1228 urkundlich bezeugte Dorfkirche von Saanen in der Nachbar­schaft Gstaads, eine spätgo­tische, 1604 refor­mierte Kapelle mit wunder­schönen Holzma­le­reien und einem holzver­klei­deten Innenraum, der eine fantas­tische Akustik bietet, so dass selbst Auffüh­rungen großer Chorwerke, wie etwa in diesem Jahr Händels Messias, eine klang­liche Trans­parenz und Natür­lichkeit entfalten können, von denen mancher hochspe­zia­li­sierte Konzertsaal nur träumen kann.

Auf Wachs­tumskurs

Schnell erwei­terte sich der Konzert­reigen zum Festival. Bereits 1958 wurde das von Edmond de Stoutz geleitete Zürcher Kammer­or­chester zum Festi­val­or­chester erklärt. 1989 fanden auch erstmals im Rahmen des mittler­weile mehrwöchig angelegten Festes große Sinfo­nie­kon­zerte statt. 1996 übergab Menuhin die Leitung in die Hände des Geigers Gidon Kremer, was zu krisen­ge­schüt­telten Phasen führte, die erst 2002 durch die Ernennung des Cellisten und Kultur­ma­nagers Christoph Müller zum Festi­val­leiter in ruhigere Bahnen gelenkt werden konnten.

Dazu gehört eine Verstärkung der Talent­för­derung. In diesem Jahr zum fünften Mal auch auf dem Gebiet der Laien- und Amateur­musik. Für die Akademie konnte Müller namhafte Künstler wie András Schiff oder Cecilia Bartoli gewinnen und das Fächer­an­gebot über das Klavier hinaus erweitern. Seit 2010 verfügt das Festival über ein eigenes Orchester.

Natürlich konnte sich auch Müller, der bis heute die Geschicke des Festivals leitet, den Zwängen und Wandlungen des modernen Musik­be­triebes nicht entziehen. Ein Treffen von Freunden in einer überschau­baren Dorfge­mein­schaft, das war das Festival auch zu Menuhins Lebzeiten nur in der Anfangs­phase. Mittler­weile geben sich innerhalb von sechs Wochen, vor allem in der zweiten Hälfte des Festivals, medien­wirksame Stars wie die Cellistin Sol Gabetta, die Geigerin Anne-Sophie Mutter oder der Tenor Jonas Kaufmann die Klinke in die Hand, wodurch sich die Grenzen zu anderen VIP-durch­setzten Festspielen auflösen.

Umso wichtiger bleiben die Konzerte in der Mauritius-Kirche von Saanen, der kleinen Kapelle von Gstaad oder auch an der 2000 Meter hoch gelegenen Berghütte Wispile. Spielorte, an denen sich die Wege von Stars, die, wie András Schiff oder Paul McCreesh, meist gar keine sein wollen, und der musika­lische Nachwuchs begegnen, der Menuhin so stark ans Herz gewachsen war.

Nachdenk­liches zum Ausbildungsbetrieb

Der Pianist András Schiff leitet seit drei Jahren die Klavier­klasse der 1977 von Menuhin in Gstaad ins Leben gerufenen „Inter­na­tional Menuhin Festival Academy“, in der jedes Jahr heraus­ra­gende Jungta­lente in Form von mehrtä­gigen Meister­kursen gefördert werden. Das betrifft Pianisten, Streicher, Sänger, Kammer­mu­sik­ensembles und neuer­dings auch Dirigenten. Gestartet wurde in diesem Jahr mit den „Schülern“ von András Schiff, die sich gleich am zweiten Festi­valtag in einem denkwür­digen Konzert in der Kirche zu Saanen einen Eindruck von Schiffs Musik­ver­ständnis bilden konnten. Kaum vorstellbar, dass nur ein Jahr zuvor ein Medien­clown wie Lang Lang im gleichen Rahmen einen Meisterkurs abhielt. Schiffs eigener Auftritt wirkt wie eine stille, aber kompro­misslose Absage an den lauten, auf Tempo und vorder­gründige Brillanz ausge­rich­teten Konzert‑, Wettbe­werbs- und Medien-Zirkus, in dem sich junge Klavier-Talente heute bewähren müssen. Im ersten Teil des Konzerts konzen­triert er sich ausschließlich auf die zweistim­migen Inven­tionen von Johann Sebastian Bach und eine Auswahl aus Béla Bartóks Album Für Kinder. Unspek­ta­ku­lärer geht es nicht. Aber auch kaum musika­li­scher. Der 50-minütige, pausenlose Vortrag der Stücke für Anfänger und „Anfänger mit Vorkennt­nissen“ gerät zu einem eindrucks­vollen Plädoyer für das Essen­tielle der Musik: Die Besinnung auf elementare Grund­lagen wie den reflek­tierten Umgang mit der Tonbildung und einer durch­dachten und sensibel erfühlten Phrasierung. Jeder Ton wird kontrol­liert geformt, jeder melodische Verlauf erhält seine sinnvolle Kontur. Schiff singt auf dem Klavier, er klimpert nicht, und er stemmt erst recht keine akroba­ti­schen Schwer­ge­wichte. Auch nicht im zweiten, spiel­tech­nisch wesentlich anspruchs­vol­leren Programmteil, wenn Heraus­for­de­rungen wie Leoš Janáčeks Zyklus Auf verwach­senen Pfaden und Robert Schumanns Davids­bünd­ler­tänze angesagt sind. Auch hier nutzt Schiff seine manuelle Perfektion nicht zu eitler Selbst­dar­stellung, sondern inter­pre­tiert die Werke mit der gleichen Sorgfalt und Zurück­haltung wie die Kinder­stücke.

Es ist keine Frage, dass mancher junge Pianist in einer Zeit, in der schon Zwölf­jährige Liszts Sonate auf Wettbe­werben präsen­tieren, einige Zeit braucht, um sich auf einen Musiker wie András Schiff einzu­stellen, der einer anderen, künst­le­risch keines­falls schlech­teren und alles andere als altmo­di­schen Zeit zu entstammen scheint. Das wird deutlich, wenn Schiff einem jungen Mann, der schon etliche inter­na­tionale Wettbe­werbs­er­folge verbuchen kann, mit unend­licher Geduld davon zu überzeugen versucht, dass es sich bei Chopins Barca­rolle, einem gestal­te­risch ohnehin schwer zu fassenden Werk, um ein von innerer Ruhe und verhal­tener emotio­naler Glut geprägtes Liebes­duett handelt, das keine Verspannt­heiten verträgt. Ein nicht untypi­sches Beispiel für viele fortge­schrittene Studenten, aber auch etliche Absol­venten, die von einem äußeren und inneren Erfolgs­druck getrieben werden und sich damit ihrer persön­lichen Entfaltung und einem unver­krampften Umgang mit der Musik in den Weg stellen. Es scheint, als habe mehr der Psychologe Schiff gesprochen als der Pianist. Und Psycho­logen wären an unseren Musik­hoch­schulen generell nicht überflüssig.

Das kann man auch an einem Matinee-Konzert in der ebenso winzigen wie maleri­schen Kapelle von Gstaad ablesen, in dem sich der erste Preis­träger des letzt­jäh­rigen Violin­wett­be­werbs im Rahmen der „Menuhin Violin Compe­ti­tions“ mit zwei Sonaten von Mozart und Brahms vorstellt. Ziyu He verfügt über ein beacht­liches Talent, lässt sich aber von seinem manuell versierten, wenig einfühl­samen Begleiter Peter Wittenberg so stark unter Druck setzen, dass ein einver­ständ­licher Dialog, wie ihn die Werke erfordern, nicht zustande kommen will. Ein Beleg, dass die „soziale Kompetenz“, zu der Musik nach Menuhins Ansicht beitragen soll, in der Ausbildung nicht unbedingt die erste Geige spielt.

Menuhins ganzheit­liche Vorstel­lungen von der Musik als Basis für eine Art „sozialer Hygiene“ umzusetzen, ist heute nicht leichter geworden. Im Konzer­t­alltag wirken sie mittler­weile wie kluge Sprüche. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist dennoch verdienstvoll, wenn sich Leute wie Rolf P. Steiger, der Leiter des kleinen, aber infor­ma­tiven und liebevoll gepflegten Museums im Yehudi-Menuhin-Center inmitten des Saanener Zentral­platzes, unbeirrt darum bemühen, das Andenken an den 1999 verstor­benen Mentor und dessen Botschaften aufrecht­zu­er­halten. Und auch der Yehudi-Menuhin-Philo­so­phenweg hat nach wie vor seine Berech­tigung. Ein Wanderweg von Saanen nach Gstaad, auf dem an zwölf Säulen denkwürdige Worte Menuhins verewigt sind. „Suchen und den Weg zu gehen sind wichtiger, als ans Ziel zu finden“, steht da zum Beispiel. Kein neuer Gedanke zwar, den der Yoga-orien­tierte Menuhin in konfu­zia­ni­scher Tradition aufgreift, aber ein Rat, den man auch im noch so hekti­schen Karrie­restress nicht aus dem Sinn verlieren sollte.

Kammer­musik als Herzstück

Aus der Perspektive eines auswär­tigen Gastes lässt sich feststellen: Die Kammer­musik sollte das Herzstück des Menuhin Festivals mit ihren vorzüg­lichen Spiel­stätten bleiben, auch wenn natürlich spekta­kuläre Orches­ter­kon­zerte oder konzer­tante Opern­auf­füh­rungen wie eine Aida mit Jonas Kaufmann für größere Schlag­zeilen sorgen und die Besucher­sta­tistik aufpeppen können. Erstaunlich, dass trotz der enormen Ausdehnung des Festivals der größte Besucher­strom nach wie vor aus der Region kommt, darunter viele treue Stamm­gäste. Auslän­dische Besucher befinden sich nach Mitteilung der Marketing-Chefin Christine von Siebenthal in der Minderheit. Gut 85 Prozent der Karten verbleiben in der Region. Da die Schweiz ein relativ teures Pflaster ist, ist eine kurzfristige Änderung nicht zu erwarten. Eine zu starke inter­na­tionale Ausweitung könnte freilich auch das immer noch originäre Ambiente des Festivals nivellieren.

Und das lässt sich auch in größer besetzten Events bewahren, wenn etwa die Kirche von Saanen Schau­platz einer Modell-Inter­pre­tation von Georg Friedrich Händels Oratorium Der Messias sein darf. Barock-Kenner Paul McCreesh leitet am dritten Abend das Kammer­or­chester Basel, den Tölzer Knabenchor und ein erlesenes engli­sches Solis­ten­quartett straff und lebendig durch das gewaltige Opus, so dass pure Freude angesagt ist. Und das in einem, wie gesagt, traum­haften akusti­schen und optischen Umfeld.

Keine noch so glanz­volle Aida-Aufführung mit „Star“-Potenzial im geräu­migen Festspiel-Zelt kann es jedoch mit Produk­tionen aufnehmen, in denen Menuhins Hoffnung auf die junge Generation so lebens­be­jahend aufkeimen wie etwa dem Gastauf­tritt eines Streicher-Ensembles aus der Londoner Menuhin School. Hoch auf dem Gipfel der Berghütte Wispile, 1000 Meter über Gstaad, stellen sich hochbe­gabte, blutjunge Streicher aus London, Boston, New York und ein Bratscher aus Berlin mit einem blitz­blank einstu­dierten Programm voller Lebens­freude auf deutlich mehr als respek­tablem Niveau vor. Malcolm Singer stellt ein kurzwei­liges, aber musika­lisch anspruchs­volles Programm zusammen, das auch Überra­schungen enthält wie eine von ihm selbst arran­gierte Suite from the Shtetl, bestehend aus diversen jüdischen Songs, die dankbare Aufgaben für alle Leistungs­klassen enthält. Junge Menschen musizieren gemeinsam in der maleri­schen Berner Gebirgs­land­schaft. Das kann kein anderes Festival bieten. Und das auch noch bei freiem Eintritt.

Pedro Obiera

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