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Foto © Ute und Luna Zscharnt

Körper und Politik

Von Anfang August bis Anfang September fand in Berlin zum 29. Mal Tanz im August statt. Selten war das Festival so bunt und vielfältig, aber auch so prominent besetzt. Im Vorder­grund stehen die Körper­er­fahrung der Tänzer und die Ausein­an­der­setzung des Tanzes mit der Politik. Dem Publikum gefiel es. Und so waren die meisten Veran­stal­tungen sehr gut besucht. Ein Überblick.

Foto © Beatrix Gyenes

Das 29. Berliner Festival Tanz im August, angesiedelt unter dem Dach des HAU Hebbel am Ufer, wird von Frauen dominiert. Vierzehn Choreo­gra­finnen und neun Choreo­grafen zeigen ihre Arbeiten. Auch das Team um die künst­le­rische Leiterin Virve Sutinen ist weiblich. Und nicht zuletzt ist die Retro­spektive einer Ikone des feminis­ti­schen Tanzes gewidmet, der spani­schen Avant­gar­de­künst­lerin La Ribot.

Das Programm ist breit aufge­stellt. Aktuelle Kreationen der Berliner Tanzszene haben genauso ihren Platz wie Perfor­mances aus aller Welt, die gesell­schaft­liche und politische Themen behandeln oder histo­rische Tanzstile neu befragen. Auch Open-Air-Veran­stal­tungen sind angesetzt, darunter die Nachstellung von Anna Halprins legen­därem choreo­gra­fiertem Aufmarsch Blank Placard Dance aus dem Jahr 1967, mit dem die ameri­ka­nische Tanzpio­nierin gegen den Vietnam­krieg demons­trierte – ein wichtiger Impuls angesichts der krisen­ge­schüt­telten Welt.

Natürlich fehlen nicht die Begeg­nungen mit groß besetzten Produk­tionen im Festspielhaus. Sasha Waltz‘ im Juni erfolg­reich urauf­ge­führte Kreatur wird hier wieder­auf­ge­nommen, die Michael Clark Company gastiert mit dem dreitei­ligen Abend to a simple, rock’n roll… song. 

Die franzö­sische Choreo­grafin Mathilde Monnier kommt mit ihrem neuesten Stück El Baile, das sie mit dem argen­ti­ni­schen Autor Alan Pauls entwi­ckelt und mit einem Dutzend Tänzern aus Buenos Aires verwirk­licht hat. Es verpackt die jüngere Historie des südame­ri­ka­ni­schen Landes in ein fulmi­nantes Tanztheater, das fanta­sie­reich Themen wie die Aufar­beitung der Militär­junta und das Aufbe­gehren der Frauen gegen Gewalt, sowie typische Klischees wie Macho­ge­baren und Fußball­lei­den­schaft veran­schau­licht und so anregend wie unter­haltsam ist. Wozu der eingängige Sound­track aus Pop, Latino­musik und Tango mit beiträgt. Was für Argen­tinien der Tango ist, ist der Flamenco für Spanien. Und der steht im Zentrum von Rocío Molinas furioser Soloshow Caída del Cielo, in der die Tänzerin aus Malaga zu antrei­bender Life-Musik eines Männer­quar­tetts demons­triert, wie vielschichtig Flamenco sein kann. Anfangs liegt sie in tradi­tio­neller, weißer Rüschenrobe am Boden und beginnt ihre Glieder in Zeitlu­pen­tempo zu bewegen, so als erwache sie aus einem Traum. Was folgt, ist ein rasanter Trip durch Formen und Stile, ein Wechsel der Geschlechter und Kostüme, bei dem Molina mal als drauf­gän­ge­ri­scher Torero über die Bühne fegt, mal im engan­lie­genden Kleid mit stamp­fendem Rhythmus das Parkett erzittern lässt. Stehende Ovationen sind der Lohn für diese Ausnahmedarbietung.

Inter­na­tionale Tanzszene zu Gast in Berlin

Radhouane El Meddeb bezieht sich in seinem Stück Facing the sea, for tears to turn into laughter auf seine Biographie. Als gebür­tiger, seit langem in Frank­reich lebender Tunesier, beschäftigt ihn die eigene Zerris­senheit zwischen zwei Welten nach dem arabi­schen Frühling. Zehn Künstler aus seiner Heimat, zu denen der Schau­spieler Majd Mastoura, der bei der Berlinale 2016 den Silbernen Bären gewann, gehört, bilden das Ensemble. Anfangs blicken alle regungslos in die Weite, es mag das Meer sein. Angemes­senen Schrittes loten sie jeder für sich den Raum aus, wirken ratlos und entfremdet. Nur zögerlich kommt es zu Berüh­rungen. Die Erstarrung bricht in einem Solo von Youssef Chouibi auf, doch erst Malek Sebai erreicht in ihrem aufrüt­telnden Monolog eine Annäherung der Personen, die in einem rhyth­mi­schen Gemein­schaftstanz gipfelt. El Meddeb ist ein atmosphä­risch starkes Stück gelungen, dessen Stimmungen der Pianist Selim Arjouni und der Sänger Mohamed Ali Chebli musika­lisch nachdrücklich untermalen.

Mit einem der düstersten Kapitel in der Geschichte ihres Landes setzt sich die aus Ruanda stammende Dorothée Munyaneza ausein­ander. In der Perfor­mance Unwanted gibt sie Frauen, die bei dem Genozid 1994 verge­waltigt wurden, und den dabei gezeugten Kindern eine Stimme. Sie führte mit einigen Betrof­fenen Inter­views, die sie vom Band abspielen lässt und die den Rahmen für die künst­le­rische Aufar­beitung bilden. Munyaneza, die selbst fliehen konnte, versucht durch eine Symbiose aus symbo­li­schen Aktionen und Klage­liedern, gesungen von Holland Andrews, eine angemessene Form für das unvor­stellbare Grauen zu finden. Das Ergebnis ist ein hochemo­tio­nales Trauer­ritual aus Schmerz, Wut und Verzweiflung, bei dem dennoch der Wille zum Überleben zu spüren ist, wenn am Schluss beide Künst­le­rinnen im rhyth­mi­schen Gleich­klang kraftvoll Holzschlägel in ein Fass stoßen und sich dabei ihre Stimmen im Duett vereinen.

Persönlich gefärbt ist auch das Solo Jessica and me von Cristiana Morganti, indes ist es durch und durch positiv. Das  ehemalige Ensem­ble­mit­glied bei Pina Bausch reflek­tiert über ihre Erfahrung als Tänzerin und sorgt für den humor­vollsten Beitrag des Festivals. In einer intel­li­genten, oft überaus witzigen Collage, in der Tanzszenen und Sprech­texte nahtlos inein­ander übergehen, erinnert sie sich an ihren künst­le­ri­schen Werdegang, ihre Zeit beim Wupper­taler Tanztheater und die Emanzi­pation zur eigen­stän­digen Künst­lerin nach einem langwie­rigen Ablösungs­prozess. Besonders köstlich sind die Sequenzen, in denen sie die Bewerbung bei Pina Bausch nachspielt: im Duett mit einer simulierten Tonband­stimme der übermäch­tigen Chefin.

Vorbild für Trajal Harrells Perfor­mance Caen Amour ist der erotische Hoochie-Coochie-Tanz. Zunächst windet sich der ameri­ka­nische Choreograf wie in Trance vor einem stili­sierten orien­ta­li­schen Palast. Dann dreht er den Spieß um, begibt sich ins Publikum und wird zum voyeu­ris­ti­schen Beobachter der folgenden gut einstün­digen Show, die als Catwalk insze­niert ist. Dabei hüllen sich Thibault Lac und Ondrej Vidlar in immer neue weibliche Kleidungs­stücke, werfen sich Tücher und Schleier um, posieren und wiegen sich dabei in den Hüften, während Perle Palombe, die einzige Frau, vorwiegend nackt auftritt. Caen Amour ist ein Spiel mit der Geschlech­ter­zu­ge­hö­rigkeit, das seinen Reiz auch daraus bezieht, dass die Zuschauer aufge­fordert sind, hinter der Kulisse zu wandeln und den Performern beim Umziehen zuzuschauen.

Foto © Christoph Renaud de Lage

Die Finnin Sanna Kekäläinen bricht in ihrer radikalen Perfor­mance Hafed Collage of Diffe­rences and Fragility mit Sehge­wohn­heiten. In einem Duo mit der klein­wüch­sigen Maija Karhunen werden Gemein­sam­keiten, Unter­schiede und Annäherung der beiden nackten Körper ausge­lotet. Es beginnt mit einem Solo von Kekäläinen, bei dem sie ihren Leib zu erfor­schen scheint. Sie wird zur Beobach­terin, als Karhunen auftritt, die die Bewegungen im Rahmen ihrer Möglich­keiten wiederholt und als Zeichen der Verbun­denheit die Haare zu einem Pferde­schwanz bindet wie ihre Partnerin. Am Ende sitzen beide Frauen hinter­ein­ander, die kleine angeschmiegt an die größere, die sie mit ihren Armen umfängt und blicken ins Auditorium, ein berüh­rendes Bild von Vertrautheit. Das Stück stellt auf behutsame Weise die Frage, was die Schönheit eines Körpers ausmacht. Dass es aber auch ein Versuch ist, einem illegal in Paris lebenden algeri­schen Freund ein Gesicht zu geben, wie Kekäläinen anfangs erzählt, erschließt sich nicht.

Sasha Waltz liefert mit Women ein zweites Stück ab, das genau in das frauen­be­tonte Programm passt. Mit zwanzig Tänze­rinnen insze­niert sie in der Schin­kel­kirche St. Elisabeth ein 70-minütiges Ritual. Wie antike Hohepries­te­rinnen treten sie auf, schreiten weihevoll durch den sakralen Raum, finden sich zu geschmack­vollen Duos und Trios zusammen. Allmählich aber werden die Frauen immer exzes­siver, steigern sich in einen Rausch, der in ein bacchan­ti­sches Fress­gelage mündet, bei dem sie erst mit blutigen Organen hantieren und sich am Ende gegen­seitig ablecken. Von Judy Chicagos feminis­ti­scher Instal­lation The Dinner Party, mit der die Künst­lerin auf jahrhun­der­te­lange Frauen­un­ter­drü­ckung aufmerksam machen wollte, hat sich Sasha Waltz inspi­rieren lassen. Das Ergebnis ist zwiespältig: Während der erste, tanzbe­tonte Teil eine archaische Schönheit ausstrahlt, wirken die folgenden kulti­schen Handlungen, die die Tänze­rinnen im Übrigen mit bewun­de­rungs­wür­diger Ernst­haf­tigkeit ausführen, überzogen und irritierend.

Der „choreo­gra­fische Kreuzzug“ Trophée des südafri­ka­ni­schen Choreo­grafen Rudi van der Merwe beinhaltet eine Landpartie. Im vom Festival bereit­ge­stellten Shuttlebus wird das Publikum zum idylli­schen Vierfel­d­erhof im Außen­bezirk Gatow gefahren, wo es auf einer von einem Bretterzaun begrenzten Wiese lagert. Von weitem sind drei weiße Punkte zu sehen, die sich beim Nähern allmählich als weiße Kopfmasken dreier Mimen heraus­stellen. Sie sind opulent mit ausla­dendem Reifrock und schwarz­gol­denem Oberteil bekleidet, könnten Ritter auf Pferden sein. Bei stili­sierten Kampf­ak­tionen benutzen sie die heraus­ge­zo­genen Zaunpfähle als Schwerter oder Gewehre. Hochge­reckt werden sie zu Trophäen des Sieges, doch sie bringen auch den Tod. Beim Abgang steckt das Trio die Pfähle neu in die Erde, so dass sie ein Feld von Grabkreuzen bilden. Mit wenigen Mitteln gelingt van der Merve eine bildkräftige Perfor­mance über das Jagen und Gejagt werden, die von den wuchtigen Schlag­zeug­ein­würfen der Perkus­sio­nistin Béatrice Graf kongenial begleitet wird.

Auf Kriegs- und Wider­stands­tänzen beruht Eszter Salamons neueste Arbeit Monument 0.4: Lores & Praxes, mittels derer die Choreo­grafin „Fragen zum kollek­tiven Gedächtnis verhandelt und das Gemeinsame zelebriert“. Was auf dem Papier recht bedeu­tungs­schwanger klingt, ist in der Realität eine bemer­kens­werte, sechs­stündige Perfor­mance im Neuköllner Kindl-Zentrum für zeitge­nös­sische Kunst. Die leeren Museums­räume, die sich über zwei Stock­werke erstrecken, werden zum Begeg­nungsort, in dem zehn Tänzer Salamons Bewegungs­par­titur, die sie anhand des überlie­ferten Materials erstellte, inmitten des Publikums ausführen. Dabei entstehen immer wieder neue, mitunter wie impro­vi­siert wirkende Bezie­hungs­kon­stel­la­tionen. Einige muten wie Stammes­ri­tuale an, andere wie Kampf­sport­wett­kämpfe. Aber es gibt auch Posen der Einsamkeit, wenn eine Perfor­merin mit verhülltem Kopf allein an der Wand hockt. Auch die Zuschau­enden werden zu Inter­ak­tionen aufge­fordert, werden damit zum Teil eines Happe­nings, das noch an Atmosphäre gewinnt, wenn von ferne zeremo­nielle Gesänge erklingen.

Umfang­reiche Retrospektive

Die gesamten Festspiele aber durch­zieht die umfang­reiche Retro­spektive von La Ribot unter dem hervor­ste­chenden Titel Occuup­p­a­tiooon, der das Revolu­tionäre im Schaffen der Künst­lerin treffend beschreibt. Sie umfasst Life-Perfor­mances, sowie eine Reihe von Video­ar­beiten und Instal­la­tionen. Die in Genf lebende Spanierin, ursprünglich vom klassi­schen Ballett kommend, begann in den 1990-er Jahren ihre Karriere als feminis­tische Konzept­künst­lerin. Eine ihrer wichtigsten Kreationen sind die Distin­gu­ished pieces, eine Serie von Minia­turen, die maximal einige Minuten dauern. In der dreistün­digen Auswahl Panoramix, gezeigt in den Sophien­sälen, rückt La Ribot ihren eigenen nackten Körper ins Zentrum. Er ist  Angel­punkt des Geschehens, gerät zum Gesamt­kunstwerk, das sie ausstellt und mit Alltags­ge­gen­ständen und Kleidungs­stücken drapiert, während ihre Miene keinerlei Regung zeigt – selbst dann nicht, wenn sie einen Klapp­stuhl zur eroti­schen Stimu­lation benutzt. Gegen diese provo­zie­rende, nicht leicht konsu­mierbare Schau wirkt der Pas de Deux Gustavia, den La Ribot mit Mathilde Monnier 2008 entwarf, geradezu tradi­tionell. Wobei er nicht nur fabel­haften Tanz bietet, sondern perfekt getimtes Enter­tainment und Witz dazu. So demons­trieren die beiden, auf wieviel verschiedene Art man weinen kann, sie nehmen in einem brillanten Slapstick das Sprichwort „ein Brett vor dem Kopf haben“ wörtlich und sie legen einen grotesken Knie-Strip­tease hin. Das Finale der Werkschau bildet Another Distinguée, die bisher letzte Folge der Distin­gu­ished pieces. Diesmal betritt La Ribot mit zwei Partnern die meist abgedun­kelte Bühne des HAU 1. Gegen­seitig zerschneiden sie Schicht um Schicht die zarten Netze ihrer Ganzkör­per­anzüge, später folgt ein sich mehrmals wieder­ho­lendes Duo, das wie ein heraus­for­dernder Geschlech­ter­kampf anmutet. Das Ende ist grandios. Nachdem La Ribot erst ihre Kollegen und dann sich selbst mit roter Farbe bemalt hat, liegen alle inein­ander verschlungen reglos am Boden – ein ungemein starkes Bild, das lange nachwirkt.

Das dreiwö­chige Festival mit insgesamt 28 Produk­tionen, darunter 3 Urauf­füh­rungen und 14 Deutsch­land­pre­mieren, vermit­telte einen abwechs­lungs­reichen Einblick in die derzeitige Tanzszene. Die Bilanz kann sich sehen lassen. Die über 11 Auffüh­rungsorte verteilten 70 Veran­stal­tungen, zu denen auch diverse Formate von Publi­kums­ge­sprächen gehörten, waren ausver­kauft oder ausge­sprochen gut besucht, die Auslastung lag bei 94 Prozent. Im nächsten Jahr feiert Tanz im August seinen 30. Geburtstag. Auf das Jubilä­ums­pro­gramm darf man gespannt sein.

Karin Coper

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