O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die Teilnehmer der Endrunde in Gütersloh feiern ihren Erfolg. - Foto © Besim Mazhiqi

Internationales Jubiläum

Was haben eine Bulgarin, eine Kanadiern und eine Russin mit einem Südko­reaner, mit einem Deutschen und einem Chinesen gemeinsam? Nein, hier geht es nicht um einen Witz, hier geht es um ausge­zeichnete Sänger. Denn so inter­na­tional breit gefächert waren die Preis­träger des Gesang­wett­be­werbs Neue Stimmen schon lange nicht mehr. Das passt zum Jubilä­umsjahr 2017.

V.l.n.r.: Mingjie Lei, Emily D’Anglo, Cho ChanHee, Liz Mohn, Svetlina Stoyanova, Dominique Meyer, Johannes Kammler und Zlata Khershberg – Foto © Besim Mazhiqi

Seit 30 Jahren gibt die Bertelsmann-Stiftung unter ihrer Schirm­herrin Liz Mohn ausge­wählten jungen Sänge­rinnen und Sängern aus der ganzen Welt die Chance, nach Gütersloh zu kommen. Alle zwei Jahre verwandelt sich die ostwest­fä­lische Stadt in ein kleines Mekka für Ausfüh­rende, Beobachter und Freunde der Gesangs­kultur. Das Prozedere ist über die Jahre gereift und bewährt. 2017 drückt sich das in Zahlen so aus: In weltweiten Vorauswahlen werden 1430 junge Talente gehört, davon ein kleiner Teil, 42, nach Gütersloh in die Endrunde einge­laden. Vor der gesamten Jury wird wieder vorge­sungen. Es erfolgt dann für 16 Künstler  der Sprung in das Semifinale, wo dann wieder von der Jury zehn aufge­regte Nerven­bündel für das Finale ausge­wählt werden. Am Ende stehen sechs Preis­träger zusammen mit Liz Mohn und dem Juryprä­si­denten Dominique Mayer auf der Bühne.

Das schönste Bild des gesamten Wettbe­werbs folgt aber, nachdem der Abend offiziell von Moderator Holger Nolze beendet, der Livestream im Internet abgeschaltet wurde. Alle Teilnehmer der Endrunde kommen auf die Bühne, alle gratu­lieren sich, umarmen sich. Man singt zusammen das berühmte Brindisi aus Verdis Traviata, am Flügel begleitet und locker dirigiert von Gustav Kuhn, dem künst­le­ri­schem Leiter. „Die Bertelsmann-Stiftung lässt allen Endrun­den­teil­nehmern die Möglichkeit, in Gütersloh zu bleiben. Sie können weiter an den Angeboten teilnehmen und alles aus nächster Nähe mit erleben“, erzählt Jury-Mitglied Christoph Mayer, Intendant der Deutschen Oper am Rhein. Darin zeigt sich für ihn der besondere Charakter des Wettbe­werbs. Auffällig: Die Stimmung in den beiden Final­kon­zerten wird tatsächlich aus dem Block angeheizt, wo die Endrun­den­teil­nehmer sitzen. Wenn Neid für die weiter­ge­kommen Kollegen vorhanden ist, dann wird er lautstark überlagert. Johannes Kammler, einer von drei deutschen Sängern, die in Gütersloh anzutreffen sind, spricht davon, hier Freunde gefunden zu haben, keine Konkur­renten. Auch wenn man gegen­ein­ander um die Plätze singt.

Exper­ten­mei­nungen

Letzt­endlich werden diese Plätze aber von der Jury vergeben. Neben Kuhn, Meyer aus Wien und Mayer aus Düsseldorf finden sich darin weitere bekannte Namen aus der Branche: Sophie de Lint, Helmut Deutsch, Jürgen Kesting, Bernd Loebe, Elisabeth Sobotka, Evamaria Wieser und Brian Dickie, der alle Vorauswahlen besucht hat. Einen aktiven oder ehema­ligen Sänger sucht man im Vergleich zu den letzten Jahren vergeblich in dieser Runde. Wie immer sind die Verant­wort­lichen der Jury um Trans­parenz bemüht. Die Vorsingen in Gütersloh sind für die Presse und Agenten geöffnet, im Semifinale und Finale ist ein ganzes Publikum anwesend. Dass die Experten von außen nicht immer mit den Experten der Jury einer Meinung sind, ist jedes Jahr so und gehört zum Diskus­si­ons­po­tenzial. Doch dieses Jahr hört man vermehrt großes Unver­ständnis darüber, dass die besten Sänger angeblich nicht über das Vorsingen hinaus gekommen seien.

Tatsächlich beginnt das Semifinale gemessen an den Jahrgängen 2013 und 2015 eher etwas lau. Man muss dazu sagen, dass jeder der musika­li­schen Beiträge, die man zu hören bekommt, über eine große Qualität verfügt. Aber ausge­rechnet im Jubilä­umsjahr fehlt zunächst das gewisse Etwas. Den ersten richtigen Glamour­faktor bringt Samuel Moriño ein, der einen kolora­tur­ge­wandten Sopran präsen­tiert. Seine effekt­volle Darbietung von Händels Da tempeste wird vom Publikum bejubelt. Die Renais­sance von männlichen Frauen­stimmen ist für die Mehrheit des Publikums etwas Beson­deres, und so bekommt er den Publi­kums­preis. Für das Finale reicht es nicht. Der zweite Teil der Semifi­na­listen ist eine Nuance besser. Wie man so schön sagt, kommt das Beste zum Schluss und in diesem Fall sind es die letzten drei. Da ist zum Beispiel eine Schwedin, die Nilsson heißt und Wagner singen kann. Christina Nilsson ist zweifelsfrei ein jugendlich-drama­ti­scher Sopran und begrüßt die „teure Halle“ aus Wagners Tannhäuser mit wunderbar femininer Aufge­regtheit. Erstaunlich eigentlich, dass sie diese Arie nicht im Finale wieder­holen darf. Sonst hätte sie womöglich noch einen Preis abbekommen.

Das Jahr der Männerstimmen

Svetlina Stoyanova dagegen darf ihren Erfolg Parto, parto aus Mozarts Titus an beiden Abenden singen, was deutlich zeigt, dass die Arien­auswahl der Jury schon Einfluss nehmen kann auf den Ausgang des Wettbe­werbs. Im Semifinale gelingt ihr das Kabinett­stückchen zusammen mit der Solokla­ri­nette aus den Reihen der Duisburger Philhar­mo­niker sogar noch ein bisschen besser. Als Gegensatz zur Virtuo­sität demons­triert sie mit Scherza, infida aus Händels Ariodante ihre Fähigkeit, musika­lische Innen­spannung über mehrere Minuten aufrecht zu erhalten.

Immerhin einen Tenor gibt es in diesem Jahr ab dem Semifinale und Mingjie Lei klingt bei Rossini, Mozart und Gluck so butter­weich elegant, dass er sich letzt­endlich den dritten Preis bei den Männern verdient. Für Gustav Kuhn ist 2017 der Jahrgang, in dem das Niveau der Männer­stimmen mindestens genauso hoch liegt wie das bei den Sänge­rinnen. „Das kommt sehr selten vor und ist außer­ge­wöhnlich“, sagt er. Noch dazu kommt, dass sie erstaunlich dicht beiein­ander liegen. Den zweiten Platz der Männer belegt dann schließlich – und das muss man tatsächlich außer­ge­wöhnlich nennen – ein Deutscher. Seit 1999 gab es keinen deutschen Preis­träger mehr. Für Christoph Meyer Grund genug, darauf hinzu­weisen, dass an den deutschen Hochschulen die Ausbildung dringend verbessert werden muss. Aber nun gibt es wenigstens ein Hoffnungs­signal: Johannes Kammler, Ensem­ble­mit­glied an der Bayeri­schen Staatsoper in München, tritt in die Fußstapfen von René Pape und Michael Volle. Sein Weg zum Erfolg führt im Finale über Mein Sehnen, mein Wähnen von Korngold und über das locker aus dem Ärmel geschüt­telte Largo al factotum von Rossini. Zwei schwere Arien sicherlich, aber: „Für mich war das Warten, bevor die Preis­träger genannt werden, der schlimmste Moment. Da singe ich lieber sechs Stunden hier auf der Bühne weiter“, gibt er offen zu. Ansonsten ist der Wettbewerb für ihn „fast zu entspannt“. Eben weil hier für ihn alles stimmt, von der Organi­sation bis zur Atmosphäre. Man darf gespannt sein, was man von dem jungen Bariton noch alles hören wird. Er freut sich auf Rollen wie Don Giovanni und Dandini und träumt für die ganz ferne Zukunft vom Schurken Scarpia. Aber zunächst geht direkt das Tages­ge­schäft weiter, und Kammler freut sich, dass er an einem der größten deutschen Opern­häuser von den großen Kollegen lernen darf.

Den ersten Platz belegt schließlich Cho ChanHee, ein südko­rea­ni­scher Bass, der vielleicht ein wenig das Klischee bestätigt, dass es vielen Sängern aus dem asiati­schen Raum an drama­ti­schem Verständnis mangelt. Bei Come dal ciel precipita aus Verdis Macbeth löst nicht seine Inter­pre­tation die Gänsehaut aus, sondern die nacht­schwarze Begleitung der Duisburger Philhar­mo­niker unter der aufmerk­samen Leitung von Graeme Jenkins. Das sind erstklassige Wettbe­werbs­be­gleiter. Eine Spur besser gelingt es Cho, die Boshaf­tigkeit des Basilio in La calunnia darzu­stellen. Hier sieht man das Entwick­lungs­po­tenzial der jungen Stimme. Davon mal abgesehen, sind seine Arien aller­dings technisch so dermaßen gut gesungen, dass Dominique Mayer sich hinreißen lässt zu sagen, dass er keinen Fehler, keinen falschen Ton hören konnte. Von daher ein verdienter Preisträger.

Der Kampf der Mezzosopranistinnen

Bei den Damen können die Sopra­nis­tinnen dieses Jahr nicht vollends überzeugen. Dafür kommt es zum Kopf-an-Kopf-Rennen der Mezzo­so­pra­nis­tinnen. Die in Israel lebende Russin Zlata Khershberg hat eine Arie im Gepäck, die man endlich mal nicht alle Tage im Wettbewerb hört. Da, chas nastal aus Tschai­kowskis Oper Orleanskaja Dewa über Johanna von Orleans bietet sie mit lodernder Leiden­schaft im passenden roten Kleid dar. Sie belegt den dritten Platz und wird sozusagen auf den letzten Metern überholt von der ganz jungen Emily D’Angelo aus Kanada. Wie frech, unbekümmert und hochmu­si­ka­lisch D’Angelo die Händelarie Dopo notte aus Ariodante darbietet, ist auf jeden Fall preis­würdig. Verdien­ter­maßen hat aber die Stoyanova am Ende die Nase vorne und belegt den ersten Platz bei den Damen.

So inter­na­tional waren die Preis­träger von Neue Stimmen schon lange nicht mehr . Nach den Erfolgen der Chinesen, Südko­reaner und Afrikaner freut sich Gustav Kuhn, der auf alle 30 Jahre in diesem Wettbewerb zurück­blicken kann, über diese weltweite Verteilung. Für ihn ist aller­dings ein Ergebnis noch viel entschei­dender: „Das positive ist, das fast jeder, der in Gütersloh ankommt, ein Engagement in den weltweiten Theatern abbekommt“. Ein Umstand, der sicher auch auf die enorme Präsenz der Bertelsmann-Stiftung zurück­zu­führen ist, die in den sozialen Medien und in Live-Übertra­gungen im Internet den Wettbewerb bestens vermarktet. In der Stadt­halle Gütersloh liegen Bücher aus, in denen die Historie des Wettbe­werbs darge­stellt wird. In einem Einspieler zu Beginn des Abends grüßen promi­nente Gesichter von den erfolg­reichen Neuen Stimmen ihre Nachfolger hinter der Bühne. Mühen werden keine gescheut, doch geht es nicht immer gut. Im Semifinale läuft beispiels­weise das Bild auf den großen Leinwänden mit der Nahauf­nahme des jewei­ligen Sängers immer einen Bruchteil hinter dem Moment auf der Bühne hinterher. So ist die Mundbe­wegung des Künstlers immer einen Moment hinter dem Ton. Zum Glück kann das zum Finale verbessert werden.

Kairos – Der Zeitpunkt

In seiner Ansprache weist Gustav Kuhn auf die Notwen­digkeit des kairos – des Zeitpunktes – hin.  Für die Sänger heißt das, den richtigen Zeitpunkt in ihrer Karriere zu finden. Vor 30 Jahren war es der richtige Zeitpunkt, diesen Wettbewerb ins Leben zu rufen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, nach diesen erfolg­reichen Jahren der Entwick­lungen und Verbes­se­rungen, sich selbst zu überprüfen. Denn es wird schwie­riger, dieses Niveau zu halten und dabei nicht die Boden­haftung zu verlieren. Denn irgendwann kommt bei jedem erfolg­reichen Team der Moment, wo es sich nur noch selbst schlagen kann. Doch für den Augen­blick muss man nach 30 Jahren vokalen Entde­ckungen sagen: Herzlichen Glückwunsch.

Christoph Broermann

Teilen Sie sich mit: