Diskursive Veranstaltungsform

Ein anscheinend rückwärts­ge­wandtes Festival, das die Neue Musik im Namen trägt: Das klingt reichlich seltsam. Funktio­niert aber beim Deutsch­landfunk seit 18 Jahren schon. In diesem Jahr dreht sich das Forum neue Musik um die 1968-er Jahre. Die Vergan­genheit kennen­lernen, um für die Zukunft gewappnet zu sein? Die Antwort steht schon fest. Ein klares Vielleicht.

Frank Kämpfer ist DLF-Redakteur und Künst­le­ri­scher Leiter des Forums neue Musik – Foto © Thomas Kujawinski

Heute, wo wir an einer erneuten Moder­ni­sie­rungs­schwelle stehen, überlegen wir, welche Fragen von damals sind immer noch oder wieder neu für uns relevant?“ sagt Frank Kämpfer im Interview mit der Neuen Musik­zeitung über seine Beweg­gründe, das diesjährige Forum neue Musik zu veran­stalten. Er ist Redakteur beim Deutsch­landfunk und seit 2002 Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals, das alljährlich in Köln statt­findet. Zwei Jahre zuvor hatte das Festival die Konzert­wo­chen­enden unter dem Namen Novan­tiqua abgelöst. Inzwi­schen sieht Kämpfer es als „Festival in der Stadt mit inter­na­tio­naler Ausstrahlung“, was mögli­cher­weise den lockeren Umgang mit Fremd­sprachen erklärt. Auch program­ma­tisch hat sich die erwei­terte Wochen­end­ver­an­staltung über die Jahre stark verändert. Heute steht im Zentrum des Forums eine „gesell­schaftlich, politisch oder ethisch zentrale Frage­stellung, und Konzert­bei­träge, Perfor­mances, Lectures, Gesprächs­ver­an­stal­tungen, Vitrinen und Programmbuch sind Antwort­ver­suche dazu“, sagt Kämpfer.

1945 herrschte das Elend in der Welt. Die zweite große Katastrophe der Weltge­schichte schien überwunden, das Elend nicht. Da wurden kaum Fragen gestellt. Sondern jeder versuchte, auf seine Weise die Not zu lindern und die Zustände vor dem Krieg wieder­her­zu­stellen. Häuser wurden aus den Ziegel­steinen zerbombter Häuser wieder­auf­gebaut, weil es kein anderes Material gab. Die „Trümmer­frauen“ erlangten Weltruhm, die Schwarz­märkte blühten, aber das „normale“ Leben begann wieder, seinen Lauf zu nehmen. Und es machte Spaß. Es ging aufwärts. Das Wirtschafts­wunder der 1950-er Jahre wurde gefeiert. Ja, es gab wieder etwas zu feiern, und die Menschen konnten die Vergan­genheit vergessen, verdrängen, brauchten jeden­falls nicht mehr davon zu sprechen. Eine großartige Zeit. Auch eine Zeit der Legenden, mit denen das persön­liche Schicksal in erträg­lichem Licht aufglänzte. „Der Onkel Rudi ist in Stalingrad geblieben“, hieß es mit wohligem Schaudern und ein wenig Trauer an der sonntäg­lichen Kaffee­tafel im Eigenheim, das mit viel Fleiß wieder aufgebaut worden war. Das erste eigene Auto, die erste Reise nach Italien. So hätte es weiter­gehen können in einem Museum der Verlo­genheit und des Selbst­be­trugs. Aber so funktio­niert die Welt nicht.

Enikoe Ginzery spielt am 14. April in der Kunst­station St. Peter – Foto © Jan Varcovala

Die Söhne und Töchter wurden groß, und es ging ihnen so gut, dass sie endlich die Fragen stellen konnten, die ihre Eltern nicht beant­worten wollten. 1968 war Schluss mit dem Museum, nicht nur in Deutschland. Ein halbes Jahrhundert später will das Forum neue Musik Fragen nach den Echoes of ´68 stellen. Redakteur Kämpfer sieht das Jahr der Umwäl­zungen als Beginn einer Moder­ni­sie­rungs­welle. „Mich inter­es­sieren Beschleu­ni­gungen, die dem Entwick­lungs­bedarf in den westlichen Nachkriegs­ge­sell­schaften dienten – und deren Folgen“, sagt er und rekur­riert damit auf die Gegenwart, die er als Beginn einer weiteren Moder­ni­sie­rungs­welle versteht. Straßen­schlachten, Kommunen und erschossene Intel­lek­tuelle inter­es­sieren ihn mithin nicht, also all das, was die Alt-68-er bis heute mit einem kaum nachvoll­zieh­baren Stolz erfüllt, dabei gewesen zu sein. Und enthebt sich damit gleich­zeitig nicht nur dem Vorwurf der Nabel­schau, sondern will vor allem auch junge Menschen für die Ausein­an­der­setzung mit den zurück­lie­genden Jahrzehnten begeistern.

Die Frage, inwieweit man sich mit dem Wissen der Gegenwart auf die Zukunft vorbe­reiten kann, also Visionen entwi­ckelt, wird dabei nur ansatz­weise in Betracht gezogen, indem etwa Aufträge an Kompo­nis­tinnen vergeben werden. Und hier kommt beim Forum neue Musik tatsächlich Neue Musik, also Musik, die heute entsteht, zum Tragen. Schaut man auf den Programm­zettel des Festivals und übersieht dabei die Musik, die heute immer noch als „Neue Musik“ bezeichnet wird, also die von Kompo­nisten wie Mauricio Kagel, Louis Andriessen oder Nicolaus A. Huber stammt, dann findet man eine erstaun­liche Entwicklung. Im Mittel­punkt stehen weniger die Akzente moderner Musik – was macht sie aus, wo ist das Neue in der Musik – sondern vielmehr die Multi­me­dia­lität und der Aufbruch tradi­tio­neller Konzert­formen. „Durch­kom­po­nierte Abende sind an der Tages­ordnung“, hält Kämpfer – nicht ohne Stolz – fest.

Damit schließen sich die Kreise. Stehen doch auch in der Alten und der Klassi­schen Musik genau diese Fragen an erster Stelle. Wie brechen wir alther­ge­brachte Konzert­formate – die gerne ja auch in insti­tu­tio­nellen Häusern statt­finden – auf? Und was wollen und können wir damit eigentlich erreichen? Fragen, die übrigens 1968 bereits brand­ak­tuell waren. Und insoweit wird es spannend, welche Antworten das Forum neue Musik darauf findet, wenn es in diesem Jahr im Foyer und Kammer­mu­siksaal des Deutsch­land­funks in Köln sowie in der Kunst­station Sankt Peter und im Alten Pfandhaus ausge­tragen wird. Die Eintritts­preise sind so moderat, dass auch Menschen, die Berüh­rungs­ängste mit der so genannten Neuen Musik haben, sich auf Neues einlassen können, um einen Diskurs zu verfolgen, der die Vergan­genheit – vielleicht – neu beleuchtet.

Michael S. Zerban

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